{"id":2164,"date":"2024-10-09T11:09:36","date_gmt":"2024-10-09T09:09:36","guid":{"rendered":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2164"},"modified":"2024-10-09T11:12:52","modified_gmt":"2024-10-09T09:12:52","slug":"dieter-seifert-forensische-psychiatrie-psychische-stoerungen-sachverstaendigengutachten-massregelvollzug-legalprognose-rezensiert-von-holger-plank","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2164","title":{"rendered":"Dieter Seifert, Forensische Psychiatrie. Psychische St\u00f6rungen \u2013 Sachverst\u00e4ndigengutachten \u2013 Ma\u00dfregelvollzug &#8211; Legalprognose. Rezensiert von Holger Plank"},"content":{"rendered":"<p><strong>Dieter Seifert<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1],<\/a> Forensische Psychiatrie. Psychische St\u00f6rungen \u2013 Sachverst\u00e4ndigengutachten \u2013 Ma\u00dfregelvollzug &#8211; Legalprognose<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/strong> 1. Auflage 2024, ISBN 978-3-406-79762-0, 377 Seiten, C. H. Beck Verlag, M\u00fcnchen, 69.&#8211; \u20ac<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Das hoch interessante und f\u00fcr alle Berufsgruppen, die sich mit der Aufkl\u00e4rung von Straftaten und der Beurteilung der individuellen Schuld- sowie der Einsichts- und <img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-2166 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Unbenannt.jpg\" alt=\"\" width=\"215\" height=\"321\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Unbenannt.jpg 492w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/Unbenannt-101x150.jpg 101w\" sizes=\"(max-width: 215px) 100vw, 215px\" \/>Steuerungsf\u00e4higkeit von potentiellen Verd\u00e4chtigen besch\u00e4ftigen, lehrreiche und daher sehr lesenswerte Buch bietet eine facettenreiche Einf\u00fchrung in verschiedene psychiatrische St\u00f6rungsbilder. <!--more--><\/p>\n<p>Der erfahrene Sachverst\u00e4ndige, Gut\u00adachter und Autor verbindet mit seinem theoretisch fundierten und durch zahllose praktische Beispiele angereicherten Werk, das er im Geleitwort explizit auch Studierenden der Rechtswissenschaft zum Studium ans Herz legt, \u00a0den angesichts der dargebotenen Beispiele aus der forensischen \/ juristischen Praxis nach\u00advollziehbaren Wunsch: <em>\u201eEs w\u00e4re schon viel erreicht, wenn ein wenig mehr Offenheit, vielleicht sogar Ein\u00adf\u00fchlungsverm\u00f6gen f\u00fcr psychisch kranke Menschen, deren Erleben, Denken und F\u00fchlen vermittelt werden k\u00f6nnte. Dies ist hilfreich im Umgang mit ihnen, speziell bei Ver\u00adnehmungen bzw. Befragungen im Ge\u00adrichtssaal.\u201c<\/em><a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Hierf\u00fcr pr\u00e4sentiert Seifert unz\u00e4hlige &#8211; auch f\u00fcr psychiatrische Laien sehr anschaulich und in Form vieler biografischer Einsch\u00fcbe \/ Fallvignetten sowie durch insgesamt 29 Schaubilder zus\u00e4tzlich illustrierte &#8211; hilfreiche An\u00adkn\u00fcpfungs\u00adpunkte, die Fehleinsch\u00e4tzungen auf allen Ebenen vermeiden helfen k\u00f6nnen. Insofern darf man das Werk auch als wohlgemeinten <em>\u201eAppell f\u00fcr einen regelm\u00e4\u00dfigen interdisziplin\u00e4ren Austausch\u201c <\/em>(S. IX) verstehen.<\/p>\n<p>Das Buch gliedert sich sachlogisch in <strong>sechs Kapitel<\/strong> (vgl. Fn. 2): Nach einer kurzen <strong>Einleitung<\/strong> (\u00a7 1, S. 1-3), f\u00fchrt Seifert in die <strong>\u201ePsychiatrische Krank\u00adheitslehre\u201c<\/strong> ein (\u00a7 2, S. 5-21). Hierbei erl\u00e4utert er u. a. <em>\u201eZusammenh\u00e4nge zwischen psychischer St\u00f6rung und Delinquenz\u201c<\/em> und r\u00e4umt hierbei gleich zu Beginn mit dem Vorurteil auf, eine psychische St\u00f6rung sei unausweichlich mit dem Stigma <em>\u201egef\u00e4hrlich\u201c<\/em> (S. 15) gleichzusetzen. Vielmehr sei <em>\u201eKriminalit\u00e4t ein multikausales Ph\u00e4nomen\u201c<\/em>. <em>\u201eWenngleich (z. B.) Gen-Umwelt-Interaktionen (\u2026) allgemein sicher einen wichtigen Beitrag zum Verst\u00e4ndnis der Ursachen von Gewalt und Kriminalit\u00e4t liefern k\u00f6nnen, d\u00fcrfen biografische und soziale Aspekte keinesfalls in Ver\u00adgessenheit geraten, zumal man hieran durch therapeutische Ma\u00dfnahmen etwas zum Positiven ver\u00e4ndern kann\u201c<\/em> (S. 16f.). F\u00fcr Kriminologen korreliert diese Erkenntnis mit den vielf\u00e4ltigen Eindr\u00fccken der interdisziplin\u00e4ren Kriminal\u00ad\u00e4tiologie, die man treffend mit einer Sentenz des britischen Schriftstellers und Philosophen Aldous Huxley beschreiben kann: <em>\u201eWas du bist h\u00e4ngt von drei Faktoren ab. Was du geerbt hast, was deine Umgebung aus dir machte und was du in freier Wahl aus deiner Umgebung und deinem Erbe gemacht hast.\u201c<\/em> Seifert erl\u00e4utert zudem ausgangs des zweiten Kapitels die f\u00fcr das Sujet grundlegenden juristischen Begrifflichkeiten der \u201eSchuld\u201c sowie der \u201eEinsichts- und Steuerungsf\u00e4higkeit\u201c im Sinne der \u00a7\u00a7 <a href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/stgb\/__20.html\">20<\/a>, <a href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/stgb\/__21.html\">21<\/a> StGB aus Sicht eines Psychiaters und forensischen Sachverst\u00e4ndigen. Im <strong>dritten Kapitel<\/strong> (\u00a7 3, S. 23-215) ordnet Seifert relevante <strong>\u201eKrankheitsbilder \u2013 geordnet nach den 4 Eingangsmerkmalen des \u00a7 20 StGB\u201c<\/strong><a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> ein. Das gelingt nicht nur wegen der zahlreichen unterst\u00fctzenden Schaubilder und der illustrativen begleitenden Fallvignetten aus der gutachterlichen Praxis sondern auch sprachlich \/ semantisch aus\u00adgezeichnet. Das <strong>vierte Kapitel<\/strong> (\u00a7 4, S. 217-256), <strong>\u201ePsychiatrisches Sachverst\u00e4ndigengutachten\u201c<\/strong>, ist sowohl f\u00fcr psychiatrische Anwender als auch f\u00fcr die anderen Beteiligten bei der juristischen \/ forensischen Aufarbeitung des Geschehens im Ermittlungs- und Hauptverfahren instruktiv. Das <strong>f\u00fcnfte Kapitel<\/strong> (\u00a7 5, S. 257-325), <strong>\u201eDie Ma\u00dfregeln der Besserung und Sicherung\u201c<\/strong>, besch\u00e4ftigt sich mit der Abgrenzung des Vollzugs der in absoluten Zahlen dominanten justiziellen Unterbringung<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> und den im Kausalzusammenhang des Buches im Kontext der \u201e<a href=\"https:\/\/strafrecht-online.org\/documents\/111022\/_34_35_-_Rechtsfolgen_der_Tat_Verfolgungsverj\u00e4hrung_KK_905-912.pdf\">Zweispurigkeit des Strafrechts<\/a>\u201c spezielleren Vorschriften des \u201e<strong>Ma\u00dfregel\u00advollzugs<\/strong>\u201c.<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> Im abschlie\u00dfenden <strong>sechsten Kapitel<\/strong> (\u00a7 6, S. 327-356), <strong>\u201eDie Beurteilung der Legalprognose\u201c<\/strong>, widmet sich Seifert den zeitlich unterschiedlichen \u201ePrognosebereichen\u201c, wesentlichen \u201emethodischen Grundpro\u00adblemen\u201c und schlie\u00dflich den verschiedenen \u201ePrognoseverfahren\u201c. Aufgrund der z. T. disziplin\u00e4r unterschiedlichen Fachtermini ist das zus\u00e4tzliche (psychiatrische) <strong>Glossar<\/strong> (S. 361-369) durchaus hilfreich und tr\u00e4gt zum Gesamtverst\u00e4ndnis bei.<\/p>\n<p>Das Buch bietet einen fachlich anspruchsvollen, Disziplin \u00fcbergreifenden, ansprechend formulierten und daher durchg\u00e4ngig interessanten und lesenswerten Gesamt\u00fcberblick. Es gew\u00e4hrt dabei wertvolle praxisorientierte interdisziplin\u00e4re Einsichten, r\u00e4umt bspw. durch die Darstellung der Inzidenzen\/Pr\u00e4valenzen und prognostisch fundierten Aussagen zur \u201eGef\u00e4hrlichkeit\u201c bestimmter psychischer Symptomatiken mit selbst in der Fachwelt weit verbreiteten Vorurteilen auf und ist daher ein fachlich bedeutsamer Beitrag, \u00fcberkommene Stigmata k\u00fcnftig zu vermeiden. Aufgrund der beeindruckenden professionellen Erfahrung und fachlichen Expertise des Autors ist es eine wichtige Orientierungshilfe und eine stabile Br\u00fccke \/ Translation zwischen der Psychologie, der Psychiatrie und den (nicht-) juristischen Kriminal\u00adwis\u00adsenschaften und sollte daher in keiner gut sortierten Fachbibliothek fehlen.<\/p>\n<p>Holger Plank (im Oktober 2024)<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Prof. Dr. med. Dieter <strong>Seifert<\/strong>, \u00c4rztlicher Direktor der <a href=\"https:\/\/www.alexianer-muenster.de\/leistungen\/kliniken\/forensische-psychiatrie-christophorus-klinik\/klinikleitung\">Alexianer-Klinik M\u00fcnster<\/a>, Chefarzt f\u00fcr Psychiatrie und Neurologie; vorher, von 1993-2010 Oberarzt am Institut f\u00fcr Forensische Psychiatrie der Universit\u00e4t Duisburg-Essen mit Lehrauftrag an der LVR-Universit\u00e4tsklinik <a href=\"https:\/\/www.uni-due.de\/for-sex\/seifert.php\">Essen<\/a>, Institut f\u00fcr Forensische Psychiatrie und Sexualforschung; Lehrbeauftragter an der Universit\u00e4t <a href=\"https:\/\/www.jura.uni-muenster.de\/de\/institute\/kriminologie\/team\/personen\/prof-dr-med-dieter-seifert\/\">M\u00fcnster<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Siehe <a href=\"https:\/\/www.beck-shop.de\/seifert-forensische-psychiatrie\/product\/34323419\">Verlags-Website<\/a> mit Inhaltsverzeichnis.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Alexianer GmbH, <a href=\"https:\/\/www.alexianer.de\/aktuelles\/aktuell\/prof-dr-seifert-veroeffentlicht-buch-forensische-psychiatrie\">01.08.2024<\/a>, zuletzt aufgerufen am 09.10.2024.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Dies sind a. die \u201ekrankhafte seelische St\u00f6rung\u201c, b. die \u201etiefgreifende Bewusstseinsst\u00f6rung\u201c, c. die \u201eIntelligenzminderung\u201c sowie d. die \u201eschwere andere seelische St\u00f6rung\u201c.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> W\u00e4hrend in den etwa 180 Justizvollzugsanstalten (JVA) in Deutschland in den letzten Jahren durchschnittlich zwischen 42.000 und in der Spitze 60.000 Gefangene einsa\u00dfen, ist die Anzahl der in den 78 forensischen Kliniken in Deutschland derzeit untergebrachten rund 14.000 Patienten deutliche geringer, wenngleich die <em>\u201eAnzahl der Unterbringungspl\u00e4tze im Ma\u00dfregelvollzug seit Mitte der 1990er Jahre erheblich gestiegen ist\u201c<\/em> (S. 257).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Vergleiche hierzu \u201eeinstweilige Unterbringung\u201c (<a href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/stpo\/__126a.html\">\u00a7 126a StPO<\/a>), \u201eMa\u00dfregeln der Besserung und Sicherung\u201c (<a href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/stgb\/BJNR001270871.html#BJNR001270871BJNG002102307\">\u00a7\u00a7 61-72 StGB<\/a>).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dieter Seifert[1], Forensische Psychiatrie. Psychische St\u00f6rungen \u2013 Sachverst\u00e4ndigengutachten \u2013 Ma\u00dfregelvollzug &#8211; Legalprognose[2] 1. Auflage 2024, ISBN 978-3-406-79762-0, 377 Seiten, C. H. Beck Verlag, M\u00fcnchen, 69.&#8211; \u20ac Das hoch interessante und f\u00fcr alle Berufsgruppen, die sich mit der Aufkl\u00e4rung von Straftaten und der Beurteilung der individuellen Schuld- sowie der Einsichts- und Steuerungsf\u00e4higkeit von potentiellen Verd\u00e4chtigen besch\u00e4ftigen, &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2164\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Dieter Seifert, Forensische Psychiatrie. Psychische St\u00f6rungen \u2013 Sachverst\u00e4ndigengutachten \u2013 Ma\u00dfregelvollzug &#8211; Legalprognose. 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