{"id":2171,"date":"2024-10-13T15:53:57","date_gmt":"2024-10-13T13:53:57","guid":{"rendered":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2171"},"modified":"2024-10-21T09:31:38","modified_gmt":"2024-10-21T07:31:38","slug":"foroutan-naika-die-postmigrantische-gesellschaft-ein-versprechen-der-pluralen-demokratie-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2171","title":{"rendered":"Foroutan, Naika, Die postmigrantische Gesellschaft: Ein Versprechen der pluralen Demokratie. Rezensiert von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Foroutan, Naika (2019), Die postmigrantische Gesellschaft: Ein Versprechen der pluralen Demokratie<\/strong>. Bielefeld: transcript-Verlag. 2. Auflage 2021, 280 Seiten, ISBN: 978-3-8376-5944-3, 20 Euro; pdf-Version 280 Seiten, ISBN: 978-3-8394-5944-7 17,99 Euro<\/p>\n<p>Wenn man ein Buch bespricht, dass vor mehr als f\u00fcnf Jahren erstmals (in der 1. Auflage) <img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-2172 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/97838376426368NUUoxpx5zVjY_600x600@2x.jpg\" alt=\"\" width=\"197\" height=\"329\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/97838376426368NUUoxpx5zVjY_600x600@2x.jpg 720w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/97838376426368NUUoxpx5zVjY_600x600@2x-90x150.jpg 90w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/97838376426368NUUoxpx5zVjY_600x600@2x-614x1024.jpg 614w\" sizes=\"(max-width: 197px) 100vw, 197px\" \/>erschienen ist, dann stellt sich die berechtigte Frage: Warum? Die Antwort lautet: Weil der Inhalt des Buches aktueller denn je ist und die Aussagen noch genauso zutreffen wie zum Zeitpunkt der urspr\u00fcnglichen Drucklegung.<!--more--><\/p>\n<p>Inzwischen sind zwei weitere B\u00fccher der Autorin<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> erschienen: 2023 \u201eEs w\u00e4re einmal deutsch. \u00dcber die postmigrantische Gesellschaft\u201c im Ch. Links Verlag und 2020 (zusammen mit Jana Hensel) \u201eDie Gesellschaft der Anderen\u201c im Aufbau Verlag. Hier aber soll es um das erste Buch gehen, dass sich auch mit dem damals schon deutlich gewordenen Erstarken rechtspopulistischer Bewegungen besch\u00e4ftigt. Dies f\u00fchre, so die Autorin damals, zu einer Normverschiebung in europ\u00e4ischen Gesellschaften und erzeuge Spannungen, die sich in Polarisierung widerspiegeln.<\/p>\n<p>Es geht dabei, und das ist ihre Hauptthese, weniger um Migration selbst als um die Prozesse, die stattfinden, wenn Migrant*innen und ihre Nachkommen ihre Rechte einfordern \u2013 z.B. im Rahmen von Demonstrationen oder auch am Arbeitsplatz oder in der Politik. Die Frage des Umgangs mit Migration werde so zur Chiffre f\u00fcr Anerkennung von Gleichheit in demokratischen Gesellschaften.<\/p>\n<p>Aktueller geht es nicht: Die \u00c4u\u00dferungen von Landwirtschaftsminister Cem \u00d6zdemir (Gr\u00fcne) in einem <a href=\"https:\/\/www.faz.net\/aktuell\/feuilleton\/cem-oezdemir-was-wir-migranten-geben-wollen-und-was-wir-fordern-muessen-110010386.html\">Gastbeitrag<\/a> in der \u201eFrankfurter Allgemeinen Zeitung\u201c, mit denen er eine h\u00e4rtere Asylpolitik fordert und dies auch mit Erfahrungen seiner Tochter begr\u00fcndete, stie\u00dfen auf massiven Widerspruch. Er schrieb: \u201e<em>Wenn sie in der Stadt unterwegs ist, kommt es h\u00e4ufiger vor, dass sie oder ihre Freundinnen von M\u00e4nnern mit Migrationshintergrund unangenehm begafft oder sexualisiert werden<\/em>.\u201c<\/p>\n<p>Richtig ist, so die<a href=\"https:\/\/taz.de\/Migrationsdebatte\/!6040628\/\"> taz<\/a>: \u201e<em>Sexuelle Bel\u00e4stigung ist f\u00fcr viele Frauen Alltag und nie zu verharmlosen. Doch \u00d6zdemir spielt die Erfahrungen seiner Tochter gegen Migranten in Deutschland aus. Seine Formulierung legt f\u00e4lschlicherweise nahe, dass man einem Menschen den Migrationshintergrund ansehen k\u00f6nnte. Dar\u00fcber hinaus unterstellt sie, dass das \u00fcbergriffige Verhalten der M\u00e4nner mit ihrer \u201emigrantischen\u201c Herkunft zu tun habe. Es gibt keine Zahlen, die diese Behauptung belegen. Viele M\u00e4nner haben ein frauenfeindliches Weltbild \u2013 das betrifft aber erwiesenerma\u00dfen nicht nur migrantisch gelesene M\u00e4nner. Frauenhass und sexualisierte Gewalt werden nicht nur importiert, sondern sind genauso made in Germany<\/em>\u201c.<\/p>\n<p>Auch die Autorin des hier besprochenen Buches musste sich wegen \u00c4u\u00dferungen zu propal\u00e4stinensischen Demonstrationen rechtfertigen. Ein Interview mit Naika Foroutan f\u00fcr \u201ePh\u00f6nix pers\u00f6nlich\u201c dazu finden sich <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=Y33ixFFzaAQ\">hier<\/a>.<\/p>\n<p>Beide Beispiele machen deutlich, dass die Diskussion \u00fcber Migration in Deutschland noch lange nicht abgeschlossen ist und immer mehr Gefahr l\u00e4uft, noch weiter in eine rechtslastige Debatte abzudriften \u2013 unter Ablenkung von tats\u00e4chlich unsere Gesellschaft bedrohenden Problemen wie die Klimakrise, Gesundheits- und Rentenprobleme oder Kriegsgefahr.<\/p>\n<p>Umso wichtiger ist es, mit dem Buch von Foroutan noch einmal zur\u00fcck zu den Wurzeln dieser Debatte zu gehen und zu der Frage, was es mit dem Versprechen der pluralen Demokratie auf sich hat \u2013 und wie wir es damit halten. Wenn Mitte Oktober 2024 allen erstes gefordert wird, Straft\u00e4tern mit doppelter Staatsangeh\u00f6rigkeit die deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft abzuerkennen (und dies nicht von irgendjemand, sondern von <a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/politik\/deutschland\/debatte-ueber-integration-widerstand-in-der-fdp-gegen-schnellere-einbuergerung-von-migranten\/29517350.html\">Wolfgang Kubicki<\/a>), obwohl dies lt. Grundgesetz nicht m\u00f6glich ist (Art. 16 Abs. 1 GG), und in den Diskussionen dar\u00fcber dann die \u00c4nderung des Grundgesetzes als Option in den Raum gestellt wird, dann wird deutlich, an welchem Punkt wir in Deutschland angelangt sind: Wir stellen grundlegende Errungenschaften des Grundgesetzes (wie bspw. auch das Recht auf Asyl) in Frage, weil ultrarechte Gruppierungen dies fordern. Dann ist der Weg nicht mehr weit zu einer grundlegenden Revidierung unseres Grundgesetzes, wie es von der AfD angestrebt wird.<\/p>\n<p>Naika Foroutan hat bereits 2019 gezeigt, dass die Migrationsfrage zur neuen sozialen Frage geworden ist. An dieser Frage werden Verteilungsgerechtigkeit und kulturelle Selbstbeschreibung ebenso wie die demokratische Verfasstheit verhandelt. \u00bbWie h\u00e4ltst Du es mit der Migration?\u00ab steht f\u00fcr die Frage danach, was ausgehandelt werden muss, damit die plurale Demokratie zusammenh\u00e4lt. Die postmigrantische Gesellschaft ist also eine, die sich im Kontext der Debatten um den Stellenwert von Migration neu ordnet.<\/p>\n<p>Bei der Studie von Foroutan handelt es sich \u00fcbrigens um eine Arbeit mit einer empirischen Grundlage. Diese bildeten zwei Datens\u00e4tze, die 2014\/15 und 2018\/19 an der Humboldt-Universit\u00e4t unter ihrer Leitung ausgewertet wurden. Ihrer Einleitung zu dem Buch, die mit \u201eDie gro\u00dfe Gereiztheit\u201c \u00fcberschrieben ist, stellt Foroutan ein Zitat von Nils Minkmar voran:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-2173 aligncenter\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/20241013_152057-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"585\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/20241013_152057-scaled.jpg 1751w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/20241013_152057-103x150.jpg 103w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/20241013_152057-700x1024.jpg 700w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/20241013_152057-1051x1536.jpg 1051w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/20241013_152057-1401x2048.jpg 1401w\" sizes=\"(max-width: 400px) 100vw, 400px\" \/><\/p>\n<p>Deutschland sei, so die Autorin, polarisiert und habe eine der h\u00f6chsten Verm\u00f6gensungleichheiten in der Welt. Warum? Und was hat das mit dem Thema Migration zu tun? Die Antworten darauf gibt Foroutan in ihrem Buch. Die \u201e<em>Omnipr\u00e4senz von Migrationsdebatten<\/em>\u201c (S. 12) h\u00e4lt seither an. Migration ist ein \u201e<em>Metanarrativ<\/em>\u201c (aaO.), das zur Erkl\u00e4rung aller m\u00f6glichen Probleme unserer Gesellschaft herangezogen wird. Es geht also \u2013 so die Autorin \u2013 \u201e<em>gar nicht prim\u00e4r um Migration \u2013 die gro\u00dfe Gereiztheit liegt vielmehr daran, am eigenen Anspruch einer weltoffenen, aufgekl\u00e4rten Demokratie zu scheitern<\/em>\u201c \u2013 wobei 2024 die Frage gestellt werden muss, ob die Mehrheitsgesellschaft diesen Anspruch tats\u00e4chlich noch hat. Richtig ist: \u201e<em>Wir sind h\u00e4sslich geworden und wie schieben die Wut auf den Boten, der uns das \u00fcbermittelt<\/em>\u201c (S. 13).<\/p>\n<p>Dabei ist die Abkehr von Migration und die Forderung nach Re-Migration schon l\u00e4ngst nicht nur ein Ph\u00e4nomen gesellschaftlicher R\u00e4nder, was Andreas Zick und andere gezeigt haben. Es gibt schon seit 2010 ein best\u00e4ndiges Rollback, dessen Ende kaum absehbar erscheint.<\/p>\n<p>Dabei ist schon lange nicht mehr strittig, dass wir ein Einwanderungsland sind, dass die Probleme gerade nicht durch Abschiebung oder gar \u201eRemigration\u201c gel\u00f6st werden k\u00f6nnen, sondern dass auch Themen wie die sog. \u201eClankriminalit\u00e4t\u201c anders diskutiert werden m\u00fcssen: Wir werden mit diesen Menschen, gleich ob sie staatenlos sind oder nicht, \u00fcber kurz oder lang leben (m\u00fcssen), und wenn es uns nicht gelingt, sie und vor allem ihre Nachkommen in unsere Gesellschaft zu integrieren und ihren eine realistische Chance zu geben, Teil dieser Gesellschaft zu werden, dann werden wir \u00b4, dann wird unsere Gesellschaft daran zerbrechen.<\/p>\n<p>Daher hat Foroutan zu Recht den Fokus auf die \u201e<em>postmigrantische<\/em>\u201c Gesellschaft gelegt, auf dem, was danach kommt (S. 19). Da spielt dann Bildungsgerechtigkeit (S. 85 ff.) ebenso eine Rolle wie Gleichberechtigung in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen. Unsere \u201e<em>ambivalente und vielstimmige Gesellschaft<\/em>\u201c (S. 226) wird immer mehr zu einer polarisierten und polarisierenden. Das zu verhindern war und ist der Anspruch von Naika Foroutans wissenschaftlicher und politischer Arbeit. Dieses Buch von ihr macht deutlich wie wichtig es ist, ihr zuzuh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Thomas Feltes, Oktober 2024<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Naika <a href=\"https:\/\/www.dezim-institut.de\/mitarbeitende\/person-detail\/naika-foroutan\/\">Foroutan<\/a> ist eine deutsche Politik- und Sozialwissenschaftlerin. Sie ist seit 2018 Leiterin des Berliner Instituts f\u00fcr empirische Integrations- und Migrationsforschung und seit 2017 Leiterin des Deutschen Zentrums f\u00fcr Integrations- und Migrationsforschung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Foroutan, Naika (2019), Die postmigrantische Gesellschaft: Ein Versprechen der pluralen Demokratie. Bielefeld: transcript-Verlag. 2. Auflage 2021, 280 Seiten, ISBN: 978-3-8376-5944-3, 20 Euro; pdf-Version 280 Seiten, ISBN: 978-3-8394-5944-7 17,99 Euro Wenn man ein Buch bespricht, dass vor mehr als f\u00fcnf Jahren erstmals (in der 1. Auflage) erschienen ist, dann stellt sich die berechtigte Frage: Warum? Die &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2171\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Foroutan, Naika, Die postmigrantische Gesellschaft: Ein Versprechen der pluralen Demokratie. 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