{"id":2179,"date":"2024-10-27T09:41:43","date_gmt":"2024-10-27T08:41:43","guid":{"rendered":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2179"},"modified":"2024-10-27T09:41:43","modified_gmt":"2024-10-27T08:41:43","slug":"monica-prasad-im-land-des-ueberflusses-reichtum-und-das-paradox-der-armut-in-den-usa-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2179","title":{"rendered":"Monica Prasad, Im Land des \u00dcberflusses. Reichtum und das Paradox der Armut in den USA. Rezensiert von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Monica Prasad, Im Land des \u00dcberflusses. Reichtum und das Paradox der Armut in den USA.<\/strong> Originalausgabe: The land of too much. American Abundance and the Paradox of Poverty, Harvard University Press. Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff \/ Michael Bischoff. 408 Seiten, Hamburg 2024, Hamburger Edition, ISBN 978-3-86854-391-9, 35.- Euro (gebunden), 31,99 (e-pub).<\/p>\n<p>Warum gibt es in den Vereinigten Staaten mehr Armut als in jedem anderen entwickelten <img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-2180 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/978_3_86854_391_9_Prasad_Im_Land_des_berflusses_0.jpg\" alt=\"\" width=\"168\" height=\"256\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/978_3_86854_391_9_Prasad_Im_Land_des_berflusses_0.jpg 330w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/978_3_86854_391_9_Prasad_Im_Land_des_berflusses_0-99x150.jpg 99w\" sizes=\"(max-width: 168px) 100vw, 168px\" \/>Land? Wie ist es um das paradoxe Verh\u00e4ltnis von uferlosem Reichtum und verheerender Armut bestellt? Mit diesen Fragen besch\u00e4ftigt sich die Studie, deren Autorin mit dem <a href=\"https:\/\/www.hamburger-edition.de\/fileadmin\/user_upload\/Mittelweg_36\/Leseproben\/Mittelweg_36_3_2020_Leseprobe_Knoebl.pdf\">Siegfried-Landshut-Preis 2023<\/a> des <a href=\"https:\/\/www.his-online.de\/das-institut\/\">Hamburger Instituts f\u00fcr Sozialforschung<\/a> ausgezeichnet wurde. Die amerikanische Konsumenten-\u00d6konomie hat ihren Ursprung nicht in Shoppingmalls oder in den St\u00e4dten, so <a href=\"https:\/\/soc.jhu.edu\/directory\/monica-prasad\/\">Monica Prasad<\/a>, sondern in der Macht der Agrarlobbys im ausgehenden 19. Jahrhundert. <!--more--><\/p>\n<p>Farmer hatten einen bemerkenswerten Einfluss: Sie setzten das Ende des Goldstandards durch und damit die \u00bbDemokratisierung\u00ab des Kredits, also eine Politik des leicht verf\u00fcgbaren Geldes sowie der progressiven Besteuerung. Zun\u00e4chst f\u00fchrte das f\u00fcr lange Zeit zu einem explosionsartigen Wirtschaftswachstum mit permanenter \u00dcberproduktion.<\/p>\n<p>Das ist \u00fcberraschend und d\u00fcrfte dem deutschen Leser kaum bekannt sein \u2013 obwohl wir sp\u00e4testens seit der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers am 15. September 2008 (der gr\u00f6\u00dfte Konkursfall der US-Geschichte) um die Problematik wissen m\u00fcssten: Kredite k\u00f6nnen Probleme schaffen, auch wenn sie in bestimmten Bereichen (Stichwort<a href=\"https:\/\/www.bundestag.de\/resource\/blob\/992448\/eb4ee435e336babc88e598c1832cf078\/WD-2-086-23-pdf.pdf\"> Mikrokredite<\/a>) helfen k\u00f6nnen, Probleme zu l\u00f6sen. In den USA und weltweit war die Pleite der Investmentbank der H\u00f6hepunkt einer Finanzkrise, die sich \u00fcber viele Jahre angebahnt hatte. Diese Krise l\u00f6ste in vielen Industriestaaten eine tiefe Rezession aus<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>.<\/p>\n<p>Das vielleicht f\u00fcr ein deutsches Publikum \u00fcberraschendste Merkmal dieses Buches sei, so <a href=\"https:\/\/www.his-online.de\/personen\/personen-detail\/?tx_persons_persons%5Bcontroller%5D=Person&amp;tx_persons_persons%5Bperson%5D=485&amp;cHash=e3f30ab877ea1d0cfb701b7966235b67\">Wolfgang Kn\u00f6bl<\/a>, der Direktor des Hamburger Instituts in der Laudation zur Verleihung des Siegfried-Landshut-Preises (die ebenfalls in dem Buch enthalten ist), dass Prasad zur Erkl\u00e4rung der Tatsache, dass ausgerechnet die USA lange Zeit, n\u00e4mlich bis in die 1970er Jahre hinein, im Unterschied zu vielen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern ein h\u00f6chst progressiv wirkendes direktes Steuersystem hatten, die Geschichte der Landwirtschaft heranziehe. \u201e<em>In der deutschen Soziologie, die kaum je die Agrargeschichte wahrgenommen hat, w\u00e4re man vermutlich auf eine solche Idee nicht gekommen! Aber Prasad geht nun genau diesen Schritt und zeigt, wie die US-amerikanische Agrar\u00f6konomie im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zur produktivsten der Welt wurde mit daraus folgenden enormen Exportchancen, die sie auch zu nutzen versuchte. Die Farmer begannen, den Weltmarkt zu dominieren, was vor allem in Europa schnell dazu f\u00fchrte, dass man schon Anfang des 20. Jahrhunderts mittels Zollerh\u00f6hungen protektionistische Ma\u00dfnahmen ergriff, um die heimische Landwirtschaft vor der Konkurrenz zu sch\u00fctzen<\/em>\u201c (S. 400).<\/p>\n<p>Seit dem New Deal<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> w\u00fcrden Menschen ermutigt, Kredite aufzunehmen. Die dramatischen Konsequenzen sehen wir heute: \u201e<em>Die progressive Besteuerung f\u00fchrte zu immensen Abschreibungsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Wohlhabende, w\u00e4hrend die leicht verf\u00fcgbaren Kredite, auch als Kompensation f\u00fcr mangelnde sozialstaatliche Absicherung, Geringverdienende in die Schuldenfalle trieben. Das beg\u00fcnstigte die Finanzkrise von 2008 und die immer gr\u00f6\u00dfer werdende Kluft zwischen Arm und Reich. Prasad zeigt in ihrem Buch, wie verheerend bestimmte Formen von Krediten f\u00fcr einen Wohlfahrtsstaat sind, und verweist in ihrer vergleichenden Studie auf die unterschiedlichen Entwicklungen in Europa und den USA<\/em>\u201c (aaO.).<\/p>\n<p>In ihrem Buch vertritt die Autorin die These, dass die Unterschiede zwischen dem US-amerikanischen und dem europ\u00e4ischen Modell nur wenig mit der Kultur, den Pr\u00e4ferenzen der Arbeitgeber oder der Macht der Gewerkschaften zu tun haben, sehr viel dagegen mit der au\u00dfergew\u00f6hnlichen Produktivit\u00e4t des amerikanischen Kapitalismus und den Krisen, die er in der Zwischenkriegszeit und der Weltwirtschaftskrise verursachte.<\/p>\n<p>\u201e<em>Die \u00f6ffentliche Mobilisierung oder die Unterst\u00fctzung sozialpolitischer Ziele spielten in keinem der L\u00e4nder mit einem entwickelten Sozialstaat eine wesentliche Rolle bei dessen Entstehung. Auch wenn f\u00fcr die betreffenden Zeitr\u00e4ume keine durchg\u00e4ngigen systematischen Umfragedaten vorliegen, erlauben historische Studien doch die Vermutung, dass die gr\u00f6\u00dfere Unterst\u00fctzung, die wir heute beobachten, erst nach der Einf\u00fchrung dieser Sozialpolitik einsetzte. Die Arbeitgeber leisteten meist zun\u00e4chst Widerstand, wenn sozialpolitische Ma\u00dfnahmen erstmals vorgeschlagen wurden, fanden sich sp\u00e4ter jedoch damit ab. Und das Muster der wechselnden St\u00e4rke und Mobilisierung der Arbeiterschaft passt nicht zum ungew\u00f6hnlichen Entwicklungspfad des nordamerikanischen Sozialstaats<\/em>\u201c (S. 339).<\/p>\n<p>Die von der Autorin vorgeschlagene Erkl\u00e4rung baut auf dem Grundsatz auf, dass der Kapitalismus sich analysieren l\u00e4sst, indem man die Nachfrageseite der Wirtschaft untersucht und insbesondere der Frage nachgeht, ob ein Staat den Konsum fordert oder einschr\u00e4nkt.<\/p>\n<p>Prasad gibt aber auch den Sozialwissenschaften und deren Protagonisten einen Ratschlag (oder besser: einen Hinweis darauf, wie diese Wissenschaft \u00fcberleben kann): Eine Disziplin, auch die Soziologie, brauche Orientierung, m\u00fcsse also folgende Fragen beantworten k\u00f6nnen: \u201eWozu Soziologie und was ist f\u00fcr dieses Fach wesentlich und was nicht?\u201c<\/p>\n<p>Ihre Antwort: Die Soziologie ist und sollte vor allem eine probleml\u00f6sende Disziplin sein. Um noch einmal aus der Laudatio von Wolfgang Kn\u00f6bl zu zitieren\u201e<em>Was f\u00fcr deutsche Ohren zun\u00e4chst etwas ungewohnt klingen mag, \u2026 Soziologie ist nicht in erster Linie Beschreibung, auch nicht Kritik; Hauptaufgabe der Soziologie ist vielmehr die Identifizierung sozialer Probleme und &#8211; unter Wahrung des Objektivit\u00e4tsideals (es geht also nicht um politischen Aktivismus) &#8211; das Auffinden kausaler Prozesse, um die M\u00f6glichkeit zu er\u00f6ffnen, Probleme, seien diese nun Ungleichheit, Armut oder Rassismus etc., zu l\u00f6sen<\/em>\u201c (S. 398).<\/p>\n<p>Konkret bedeutet das, dass, wer Probleme l\u00f6sen will, etwas \u00fcber \u201evillains\u201c (Schurken) wissen m\u00fcsse. Das w\u00fcrde bedeuten, dass die Kriminologie, versteht man sie richtigerweise als Sozialwissenschaft, eigentlich auf dem richtigen Weg ist, wenn sie sich mit Straft\u00e4tern besch\u00e4ftigt. Allerdings gilt dort besonders die Mahnung, nicht in erster Linie zu beschreiben (wie das im Bereich der Migranten- und Ausl\u00e4nderkriminalit\u00e4t aktuell gerne getan wird), sondern es muss um die Identifizierung sozialer Probleme gehen, um das Auffinden kausaler Prozesse gehen, um die M\u00f6glichkeit zu er\u00f6ffnen, Probleme zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Das gilt \u00fcbrigens umso mehr f\u00fcr die Polizeiwissenschaft: Wenn sie ihre Daseinsberechtigung unter Beweis stellen will, dann muss sie sich \u2013 in Anlehnung an Kn\u00f6bl \u2013 sich mit den Schattenseiten polizeilichen Handelns besch\u00e4ftigen, weil sie nur so die Probleme der Institution identifizieren und die M\u00f6glichkeit aufzeigen kann, Probleme zu l\u00f6sen. Und dies gilt besonders dann, wenn die Institution der Auffassung ist, dass sie keine Probleme hat. Denn dies spricht f\u00fcr eine tief verankerte Negation der Tatsache, dass es keine Institution ohne Probleme gibt, keine Organisation, die keine Fehler macht. Die Besch\u00e4ftigung mit einer (ggf. nicht vorhandenen) Fehlerkultur ist origin\u00e4re Aufgabe einer Polizeiwissenschaft, die der Institution und der Gesellschaft weiterhelfen will.<\/p>\n<p>Thomas Feltes, Oktober 2024<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/wirtschaft\/2018-09\/lehman-finanzkrise-henry-paulson-usa\">https:\/\/www.zeit.de\/wirtschaft\/2018-09\/lehman-finanzkrise-henry-paulson-usa<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Der New Deal war eine Serie von Wirtschafts- und Sozialreformen, die in den Jahren 1933 bis 1938 unter US-Pr\u00e4sident Franklin Delano Roosevelt als Antwort auf die Weltwirtschaftskrise durchgesetzt wurden, vgl. <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/shop\/zeitschriften\/apuz\/green-new-deals-2022\/345725\/improvisierend-durch-die-krise-der-new-deal\/\">https:\/\/www.bpb.de\/shop\/zeitschriften\/apuz\/green-new-deals-2022\/345725\/improvisierend-durch-die-krise-der-new-deal\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Monica Prasad, Im Land des \u00dcberflusses. Reichtum und das Paradox der Armut in den USA. Originalausgabe: The land of too much. American Abundance and the Paradox of Poverty, Harvard University Press. Aus dem Englischen von Ulrike Bischoff \/ Michael Bischoff. 408 Seiten, Hamburg 2024, Hamburger Edition, ISBN 978-3-86854-391-9, 35.- Euro (gebunden), 31,99 (e-pub). Warum gibt &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2179\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Monica Prasad, Im Land des \u00dcberflusses. Reichtum und das Paradox der Armut in den USA. 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