{"id":2182,"date":"2024-10-31T09:45:38","date_gmt":"2024-10-31T08:45:38","guid":{"rendered":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2182"},"modified":"2024-10-31T09:45:38","modified_gmt":"2024-10-31T08:45:38","slug":"hollow-skai-die-toten-hosen-2007-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2182","title":{"rendered":"Hollow Skai, Die Toten Hosen (2007). Rezensiert von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Hollow Skai, Die Toten Hosen<\/strong>. Hannibal Verlag, A-6600 H\u00f6fen, 2007, ISBN 9783854452812, 184 S., (nur noch antiquarisch verf\u00fcgbar).<\/p>\n<p>Normalerweise stellen wir hier nur Neuerscheinungen von B\u00fcchern vor. Normalerweise. <img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-2183 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/20241029_155704-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"238\" height=\"349\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/20241029_155704-scaled.jpg 1746w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/20241029_155704-102x150.jpg 102w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/20241029_155704-698x1024.jpg 698w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/20241029_155704-1047x1536.jpg 1047w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2024\/10\/20241029_155704-1397x2048.jpg 1397w\" sizes=\"(max-width: 238px) 100vw, 238px\" \/>Aber was ist in diesen Zeiten noch normal? Im Oktober 2024 wurde mit dem <a href=\"https:\/\/www.land.nrw\/startseite\/staatspreis-des-landes-nordrhein-westfalen-die-toten-hosen-verliehen\">Staatspreis<\/a> die h\u00f6chste Auszeichung des Landes NRW an die &#8222;Toten Hosen&#8220; verliehen &#8222;f\u00fcr ihren pr\u00e4genden Einfluss &#8230; auf den gesellschaftlichen Diskurs und die kulturelle Landschaft in Nordrhein-Westfalen&#8220;. Eher zuf\u00e4llig fand ich den hier vorgestellten Band \u00fcber die \u201eToten Hosen\u201c in meinem Bestand \u2013 und darin einige Passagen, die wert sind, vorgestellt zu werden. Nicht nur weil darin beschrieben wird, warum Herbert Gr\u00f6nemeyer mit Haschisch nichts anfangen, Udo Lindenberg \u201evertrocknet\u201c ist und ein Gitarrist der Hosen zu den Zeugen Jehovas konvertierte.<!--more--><\/p>\n<p>Wer sich die Musikszene heute ansieht, der muss feststellen, dass Konzertkarten astronomisch teuer geworden sind, was aber der Nachfrage offensichtlich keinen Abbruch tut. Sicher, es gibt auch eine Szene mit Bands, die heute ebenso unbekannt sind, wie es die Hosen zu Beginn ihrer Karriere waren. Aber ist die Szene von heute mit der von damals vergleichbar? An einigen Passagen und Beschreibungen aus dem Buch von Hollow Skai soll verdeutlicht werden, dass sich nicht nur die Szene, sondern auch unsere Gesellschaft ver\u00e4ndert hat.<\/p>\n<p>Von der Keller-Band zu einer der erfolgreichsten deutschen Rock-Formationen \u2013 so k\u00f6nnte man die Geschichte der \u201eToten Hosen\u201c charakterisieren. Sie haben mit Gerhard Polt und Wim Wenders zusammengearbeitet und viele Nachwuchsgruppe in textlicher wie in musikalischer Hinsicht beeinflusst. F\u00fcr Uli Hoene\u00df waren die Toten Hosen einst \u201e<em>der Dreck, an dem unsere Gesellschaft irgendwann ersticken wird<\/em>\u201c, weil sie mit ihrem Schm\u00e4hlied \u201eBayern\u201c dem deutschen Rekordmeister ans Bein gepinkelt hatten. \u201e<em>Doch das hielt sie nicht davon ab, in ausverkauften Fu\u00dfballstadien oder im altehrw\u00fcrdigen Wiener Burgtheater aufzutreten, sich im Rahmen von \u00bbLive 8\u00ab daf\u00fcr einzusetzen, dass den Entwicklungsl\u00e4ndern die Schulden erlassen werden, gegen Ausl\u00e4nderfeindlichkeit zu k\u00e4mpfen und dabei stets die Punkrock-Fahne zu schwenken. Sie standen zusammen mit AC\/DC, U2 und den Stones auf der B\u00fchne und engagierten amerikanische Punk-Bands wie Green Day oder Bad Religion als Vorgruppen. Und zwischendurch ver\u00f6ffentlichten sie krachende Alben, die sich in den letzten f\u00fcnfzehn Jahren stets ganz oben in den Charts platzieren konnten<\/em>\u201c.<\/p>\n<p>Dabei fing alles ganz \u201enormal\u201c an: Mit Gigs in Kellern und Wohnzimmern, und kleinen Auftritten Ende der 1970er Jahre. Reich werden konnte man durch solche Konzerte nicht, die Roadies waren oftmals die einzigen, die bezahlt wurden, und die Schlafpl\u00e4tze, die man ihnen anbot (damals so \u00fcblich in der \u201elinken\u201c Musikszene), waren auch nicht immer toll.<\/p>\n<p>\u201e<em>Und vielleicht zerhackte ihr \u201eGitarrist&#8220; Walter November ja auch deshalb eines Tages all seine Punkplatten und konvertierte zu den Zeugen Jehovas, f\u00fcr die er wenig sp\u00e4ter auf dem Jubil\u00e4umsplatz in Mettmann den Wachtturm verkaufte. Aber das tat dem Ganzen keinen Abbruch. Gespielt wurde in jeder Toilette, die nicht verriegelt war, auch wenn Zeitschriften wie das Ruhrgebietsmagazin Guckloch bem\u00e4ngelten, dass sie sich \u201eerst gar nicht die M\u00fche geben, ihren Dilettantismus zu verbergen&#8220;. In Berlin hatten sie aber auch Mark Reeder, einen Engl\u00e4nder aus dem Umfeld des wahren Heino, kennengelernt, der Kontakte \u201enach dr\u00fcben&#8220;, in den Ostteil der Stadt, hatte und so den Hosen im M\u00e4rz 1983 einen Auftritt in einer Kirche vermittelte, der als \u201eBeatmesse&#8220; getarnt war. Trini Trimpop <\/em>(geboren \u00fcbrigens im Sauerland), TF)<em> erinnert sich, dass die Ostberliner Punks nach dem Gebet Pogo tanzten. Trini: \u201eDas war ein ergreifender Augenblick, da hatten wir Tr\u00e4nen in den Augen.<\/em>&#8220;<\/p>\n<p>Und wenn es doch mal ein Hotelzimmer gab, dann wurden, so wusste es jedenfalls der Musikexpress, \u201e<em>die Sollbruchstellen des Inventars ebenso gnadenlos strapaziert wie die Kulanz der Haftpflichtversicherung<\/em>&#8222;. Ein damaliger Szene-Zeitschrift-Redakteur meinte: \u201e<em>Ihre Haltung gef\u00e4llt. Sie sind positiv aufm\u00fcpfig. Nicht so vertrocknet wie Udo Lindenberg, nicht von der sozialwissenschaftlichen Fakult\u00e4t &#8211; wie Wolfgang Niedecken.&#8220; Fand er \u201eihr chaotisches Auftreten noch rundherum dufte&#8220;, so fiel ihm das mit ihrer Musik schon schwerer: \u201eAbgesehen davon, dass Punkrock schon l\u00e4ngst die \u00dcberreife hinter sich hat, sind die Toten Hosen f\u00fcr die gro\u00dfe Masse einfach zu wild, zu schnell, zu hart<\/em>.&#8220; Hollow Skai zitiert dazu Ernst Jandl: Werch ein Illtum!<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter wurden dann immer wieder mal Konzerte kurzfristig in einen weniger schicken Saal verlegt, weil es zuvor bei Auftritten Ausschreitungen gegeben hatte. Rechtzeitig zur sog. \u201eDamenwahl-Tournee\u201c (1986) kreierte die \u201e<em>am schlechtesten gekleidete Band der Welt ein \u00fcbel riechendes Parfum und lie\u00df ihre Konzertreise vom Pr\u00e4servativhersteller Fromms sponsern. Das versetzte sie in die Lage, jeden Abend Hunderte von Kondomen ins Publikum werfen zu k\u00f6nnen und somit ihrem Aufruf zur Massenkopulation im Song \u201eHofgarten&#8220; Nachdruck zu verleihen<\/em>\u201c.<\/p>\n<p>Sind solche \u201eExzesse\u201c heute aus verschiedenen Gr\u00fcnden kaum noch denkbar, so hat aber Campinos Lebensmotto \u201eWer bis zum Hals in der Schei\u00dfe steckt, sollte nicht den Kopf h\u00e4ngen lassen&#8220; \u00fcberlebt. Seine Band lie\u00df sich von den sich h\u00e4ufenden Konzertabsagen und anderen Repressalien jedenfalls nicht verschrecken, sondern reiste quer durch die Republik, um in bundesdeutschen Wohnzimmern Geheimkonzerte zu geben, bei denen es meistens drunter und dr\u00fcber ging.<\/p>\n<p>\u201e<em>Wie zum Beispiel im nieders\u00e4chsischen Beinhorn, wohin sie ein gewisser Barthold Albrecht eingeladen hatte, ein Sohn des nieders\u00e4chsischen Ministerpr\u00e4sidenten Ernst Albrecht. Der hatte sich bei dem oben erw\u00e4hnten Konzert in der hannoverschen Rotation als Hosen-fan geoutet, woraufhin ihn Campino getr\u00f6stet hatte: \u201eMein Alter ist auch in der CDU<\/em>&#8222;\u201c. Hollow Skai beschreibt dann auch ausf\u00fchrlich, wie die Bandmitglieder am n\u00e4chsten Morgen in dem von Sicherheitsbeamten wie eine Festung gesicherten Haus von \u201e<em>einem feuerroten Gesicht in moosgr\u00fcner J\u00e4gerkluft<\/em>\u201c, dem Landesvater pers\u00f6nlich mit den Worten \u201eRaus, jetzt reicht\u00b4s\u201c geweckt wurden, nachdem er ihnen am Vorabend 500.- DM geboten hatte, wenn sie das Haus verlassen. Man \u00fcbertrage dies einmal auf die Jetztzeit und stelle sich vor, dass die Junior-Toten-Hosen im Privathaus von Kretschmann in Stuttgart oder bei S\u00f6der in M\u00fcnchen spielen und dort Punks in die Blumenbeete pinkeln w\u00fcrden. Undenkbar.<\/p>\n<p>Den mageren Jahren folgten aber fette Ende der 1980er Jahre. \u201e<em>Zum ersten Mal \u00fcbernachteten sie \u2026 \u00a0in Hotels, was aber nicht jeder vorbehaltlos begr\u00fc\u00dfte. Campino fand \u201eprivat schlafen&#8220; immer besser, \u201edenn da hast du Menschen kennengelernt, hast in anderer Leute K\u00fchlschr\u00e4nke geguckt und gesehen, wo die ihre Zahnb\u00fcrsten hintun&#8220;. Das Manko der Punkbewegung habe nur darin bestanden, dass zu wenige Kinder reicher Eltern mitgemacht h\u00e4tten &#8211; \u201esonst h\u00e4tte man auch mal besser geschlafen<\/em>&#8222;.<\/p>\n<p>Auch dass die Touren und die Klettereien auf der B\u00fchne an Campino nicht spurlos vorbei gegangen sind, wird in dem Buch dokumentiert: \u201e<em>Wie der Musikexpress 2002 unter der \u00dcberschrift \u201eDer Mann ist doch krank!&#8220; aufz\u00e4hlte, hatte er sich zuvor bereits diverse Rippen, das linke Wadenbein und die linke Hand gebrochen, die Achillessehne angerissen, das Kinn und die Stirn aufgeschlagen, ein paar Platzwunden am Kopf und Fleischwunden am linken Fu\u00df sowie am rechten Ellenbogen zugezogen und nach St\u00fcrzen mehrere Schleimbeutelentz\u00fcndungen am Ellenbogengelenk auslaborieren m\u00fcssen. Au\u00dferdem vermerkte die medizinische Statistik einen Husten (1983), einen Tripper (1984) und Schwei\u00dff\u00fc\u00dfe (1992), und 1988 hatte er sich die Stimmb\u00e4nder so stark angerissen, dass ihm die \u00c4rzte rieten, seine S\u00e4ngerkarriere lieber ganz aufzugeben. Nach Rock am Ring dauerte es seine Zeit, bis Campino wieder soweit hergestellt und fit war, dass er auftreten konnte<\/em>\u201c.<\/p>\n<p>Auch wenn der Geschichte der Band in dem Buch nur ca. 80 Seiten gewidmet sind (ausf\u00fchrlicher hat sich der Autor 2022 mit der Band in dem Buch \u201e<em>Die Toten Hosen. Popul\u00e4re Irrt\u00fcmer und andere Wahrheiten\u201c<\/em> besch\u00e4ftigt): Jede Seite ist es wert, gelesen zu werden. Dabei werden die echten Fans das Buch sicher kennen, und f\u00fcr allen andere und auch f\u00fcr diejenigen, die nicht der 1950er-Jahre-Generation angeh\u00f6ren, ist es zeitgeschichtliche Schmunzel-Lekt\u00fcre.<\/p>\n<p>Ab S. 82 sind in dem Buch \u00fcbrigens alle Alben und Musikst\u00fccke der Hosen dokumentiert und ihre Entstehungsgeschichte wird beschrieben.<\/p>\n<p>Der Autor, <a href=\"https:\/\/www.ox-fanzine.de\/interview\/hollow-skai-3209\">Hollow Skai<\/a>, geb. 1954, b\u00fcrgerlicher Name Holger Poscich, studierte Germanistik und Politik. Seine Examensarbeit mit dem Thema Punk wurde im Sounds Verlag ver\u00f6ffentlicht. 1980 gr\u00fcndete er das Punk-Label No Fun Records, von 1986 bis 1989 war er Chefredakteur des Hannover Stadtmagazins Sch\u00e4delspalter, danach arbeitete er bis 1994 als Kulturredakteur beim Stern. Die erste Bandbiografie schrieb Hollow Skai 1992 \u00fcber die Scorpions. Er besch\u00e4ftigte sich mit dem Leben und Werk von Rio Reiser und verfasste eine Biografie \u00fcber ihn. Hollow Skai arbeitet inzwischen als freier Journalist und Lektor.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Thomas Feltes, Oktober 2024<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hollow Skai, Die Toten Hosen. Hannibal Verlag, A-6600 H\u00f6fen, 2007, ISBN 9783854452812, 184 S., (nur noch antiquarisch verf\u00fcgbar). Normalerweise stellen wir hier nur Neuerscheinungen von B\u00fcchern vor. Normalerweise. Aber was ist in diesen Zeiten noch normal? Im Oktober 2024 wurde mit dem Staatspreis die h\u00f6chste Auszeichung des Landes NRW an die &#8222;Toten Hosen&#8220; verliehen &#8222;f\u00fcr &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2182\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Hollow Skai, Die Toten Hosen (2007). 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