{"id":2237,"date":"2025-01-26T10:11:42","date_gmt":"2025-01-26T09:11:42","guid":{"rendered":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2237"},"modified":"2025-01-26T10:11:56","modified_gmt":"2025-01-26T09:11:56","slug":"laura-beck-juergen-neitz-ein-steiniger-weg-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2237","title":{"rendered":"Laura Beck, J\u00fcrgen Neitz: Ein steiniger Weg. Rezensiert von Thomas Feltes."},"content":{"rendered":"<p><strong>Laura Beck, J\u00fcrgen Neitz: Ein steiniger Weg. Netzwerk-Kurier-Verlag Neddemin, 2024, ISBN 978-3-00-080647-6, 298 S., 19,95 Euro<\/strong><\/p>\n<p>Im Januar 2025 starben innerhalb von wenigen Tagen vier obdachlose Menschen in Dortmund und L\u00fcnen. Besonders die Haltung des Dortmunder Sozialamtes sorgte f\u00fcr <img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-2238 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Juergen-Neitz-Laura-BeckEin-steiniger-Weg.jpg\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"298\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Juergen-Neitz-Laura-BeckEin-steiniger-Weg.jpg 1079w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Juergen-Neitz-Laura-BeckEin-steiniger-Weg-108x150.jpg 108w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Juergen-Neitz-Laura-BeckEin-steiniger-Weg-737x1024.jpg 737w\" sizes=\"(max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/>Kritik. Dieses hatte erkl\u00e4rt, dass Obdachlosigkeit bei den aktuellen Temperaturen eine freiwillige Entscheidung sei. \u201eDiese Aussage verkennt die Realit\u00e4t\u201c, betont <a href=\"https:\/\/www.nordstadtblogger.de\/harte-kritik-an-dortmunder-sozialamt-bodo-e-v-fordert-schnelle-umsetzbare-loesungen\/\">Bastian P\u00fctter<\/a>, Mitglied der Leitung von <a href=\"https:\/\/bodoev.de\/\">bodo e.V.<\/a>, einer Dortmunder Initiative f\u00fcr Obdachlose, die selbst Anlaufstellen f\u00fcr Obdachlose betreibt. \u201eDamit wird suggeriert, es g\u00e4be eigentlich kein Problem. Das ist angesichts von 500 bis 600 obdachlosen Menschen in Dortmund schlicht falsch.\u201c P\u00fctter kritisierte, dass mit dieser Argumentation die Verantwortung von der Kommune auf die Betroffenen verschoben werde.<!--more--><\/p>\n<p>Dem Statistischen Bundesamt zufolge waren Anfang 2024 rund 439.500 Menschen in der sog. Wohnungsnotfallhilfe untergebracht. Weitere rund 60.400 kamen bei Angeh\u00f6rigen, Freunden oder Bekannten unter und rund 47.300 lebten auf der Stra\u00dfe oder in Behelfsunterk\u00fcnften. Damit gibt es in Deutschland rund eine halbe Million wohnungslose Menschen. Von einem der fast 50.000 Menschen, die auf der Stra\u00dfe leben, handelt dieses Buch. Wobei: Die Obdachlosigkeit ist eher der Aufh\u00e4nger f\u00fcr das Buch, und \u00fcber die Obdachlosigkeit und das Leben auf der Stra\u00dfe des Ko-Autors J\u00fcrgen Neitz ist das Buch auch entstanden. Inhaltlich ist es aber eher die Biographie eines Menschen, der in einem Heim in der DDR aufwuchs, verschiedene Berufe erlernte, auch einmal mit sechs Mitarbeitenden selbst\u00e4ndig war \u2013 am (vorl\u00e4ufigen) Ende aber scheiterte und in M\u00fcnchen auf der Stra\u00dfe landete.<\/p>\n<p>Mit 66 Jahren hat J\u00fcrgen Neitz durch die Arbeit an dem Buch und den in diesem Zusammenhang wieder zustande gekommenen Kontakten zu ehemaligen Freunden und Kollegen in Mecklenburg-Vorpommern die Chance auf einen Neuanfang bekommen. Sein Leben schildert er zusammen mit einer Koautorin in diesem Buch.<\/p>\n<p>Es ist ein Gl\u00fccksfall und eine absolute Ausnahme, dass J\u00fcrgen Neitz \u00fcberlebt hat. Die wenigsten schaffen es von der Stra\u00dfe, erst recht in diesem Alter. \u201e<em>Die meisten saufen sich zur Besinnungslosigkeit und erfrieren eines Winters, oder sie sterben an Organversagen im Krankenhaus. Die Bestattung bezahlt dann die Allgemeinheit, Ein\u00e4scherung, Urne, Holzkreuz, nur manchmal kommen Leute von der Obdachlosenhilfe und sagen zwei S\u00e4tze, die sich weniger mit dem Gestorbenen selbst, als vielmehr mit der Tatsache von so bitterer Armut in einem so reichen Industrieland besch\u00e4ftigen. Der Tote ist ein Symbol f\u00fcr das Versagen eines sozialen Staates, und sein Tod so einsam und kalt, wie das Leben auf der Stra\u00dfe es gewesen is<\/em>t\u201c (S. 21).<\/p>\n<p>Diese Passage aus dem Buch macht deutlich, dass es mehr als der Bericht eines Obdachlosen, mehr als eine Ost-West-Biographie ist. Das Buch f\u00fchrt dem Leser vor Augen, wo die Probleme unseres Sozialstaats liegen \u2013 so wie es Bastian P\u00fctter thematisiert hat.<\/p>\n<p>2015 ist sein sechstes Jahr auf der Stra\u00dfe, als die Fl\u00fcchtlinge kommen. \u201e<em>Ich beobachte still, wie die Menschen am M\u00fcnchener Hauptbahnhof applaudieren w\u00e4hrend Massen an Leuten aus den ankommen\u2026 Ich interessiere mich nicht sonderlich f\u00fcr Politik und bin auch kein Ausl\u00e4nderhasser. Aber die Fl\u00fcchtlingswelle teilt Deutschland in vielerlei Hinsicht. Die einen klatschen, die anderen demonstrieren. Ich bin einerseits erstaunt, wie spendenbereit die Bev\u00f6lkerung ist, und andererseits entsetzt, wie mit den Spenden umgegangen wird. Dann wieder denk ich, dass sich die BRD \u201eSozialstaat&#8220; nennt, ohne besonders sozial zu sein. Wenn man wie ich mit offenen Augen und Ohren durch die Stra\u00dfen geht, sieht man t\u00e4glich, wie dieser \u201eSozialstaat&#8220; funktioniert &#8211; n\u00e4mlich \u00fcberhaupt nicht. Viele der Fl\u00fcchtlinge landen aus dem Zug direkt auf der Stra\u00df<\/em>e\u201c (S. 88).<\/p>\n<p>Selbst wenn man versucht, jemanden unterzubringen, viele der Menschen, die auf der Stra\u00dfe leben, k\u00f6nnen das gar nicht mehr: \u201eUntergebracht\u201c zu werden. Dies deutet darauf hin, dass die Fehler nicht erst dann gemacht werden, wenn Menschen bei Minustemperaturen auf der Stra\u00dfe \u00fcbernachten (und sterben), sondern viel fr\u00fcher. Wenn sie erst einmal l\u00e4ngere Zeit auf der Stra\u00dfe gelebt haben, dann k\u00f6nnen sie nicht mehr \u201e<em>Wohnen. Sie haben schlicht verlernt, wie das geht und wie sich das anf\u00fchlt, die Stille in einem Raum. Sie haben sich an den Ger\u00e4uschpegel und den Rhythmus der Stra\u00dfe gew\u00f6hnt, an das drau\u00dfen sein<\/em>\u201c (S. 21).<\/p>\n<p><em>\u201eEs werden immer mehr. Nur ich bin der eine weniger. Ich habe es aus der Obdachlosigkeit zur\u00fcck ins Leben geschafft, habe mich am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen. Mit tatkr\u00e4ftiger Hilfe von Freunden. Ich wohne wieder in meinem Heimatort, arbeite auf Moses Schiffen und achte darauf, regelm\u00e4\u00dfig viel zu essen, damit ich kr\u00e4ftiger werde. Beim Imbiss der Familie Rauf schmeckt das Essen noch wie zu DDR-Zeiten und ist au\u00dferdem erschwinglich, was mir hilft, weil allein kochen immer teurer wird. Ich habe das Gef\u00fchl vermisst, dass einem auf dem Schiff der Wind um die Ohren weht und nach vielen Jahren war ich endlich wieder in der M\u00fcritz baden, ein irres Gef\u00fchl<\/em>\u201c (S. 285).<\/p>\n<p>1967 wurde in der Sendung PRISMA des DDR-Fernsehens \u00fcber das Heim berichtet, in dem J\u00fcrgen untergebracht war. Der Sprecher erz\u00e4hlte: \u201e<em>Das ist J\u00fcrgen, er ist heute 12 Jahre alt. Seit seiner Geburt ist J\u00fcrgen im Heim. Seine Mutter lebt, sie wohnt gar nicht weit von ihm. Aber J\u00fcrgen hat seine Mutter noch nie gesehen. Seine Bitte, sie mal besuchen zu d\u00fcrfen, wurde von ihr immer br\u00fcsk abgelehnt. In J\u00fcrgens Akten spiegelt sich der jahrelange Kampf, der um sein weiteres Schicksal gef\u00fchrt werden musste. Die Gesellschaft und das Heim taten alles, damit die Mutter sich ihrer Verantwortung f\u00fcr das Kind bewusstwird. Aber sie lehnt ab\u201c. Ein Dokument wurde eingeblendet, im Briefkopf \u201eDer Rat des Kreises Demmin, Bezirk Neubrandenburg&#8220;, \u00dcberschrift: \u201eErziehungsprogress f\u00fcr J\u00fcrgen&#8220;, sein Nachname war geschw\u00e4rzt. Ein Zitat wurde vorgelesen: \u201eSie empfand unsere Aufforderung zur Heimkostenerstattung nur als Bel\u00e4stigung.&#8220; Der Sprecher f\u00fchrte fort: Alle Sorge um den Jungen \u00fcberl\u00e4sst sie unserem Staat. Aber als ein Jugendf\u00fcrsorger ihr mitteilte, dass es ihm gelungen sei, f\u00fcr J\u00fcrgen ein Elternhaus zu finden, sagt sie kurz und b\u00fcndig: \u201eIch gebe nicht die Einwilligung, mein Junge kann noch einmal mein Ern\u00e4hrer sein.&#8220; So zerschlug sich f\u00fcr den Jungen die Chance, in einem guten Elternhaus ein Vorbild zu finden<\/em>\u201c (S. 43).<\/p>\n<p>Die Ko-Autorin Laura Beck ist 1987 in Schleswig-Holstein geboren und aufgewachsen bei M\u00fcnchen. Sie arbeitet als Autorin und Filmemacherin beim Bayerischen Rundfunk. F\u00fcr ihren Film zu Markus Ostermairs Roman &#8222;Der Sandler&#8220; (2020)<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> erhielt sie 2022 den M\u00fcnchner Fernsehpreis. Bei den Dreharbeiten zu diesem Film, der sich mit Obdachlosigkeit auseinandersetzt, traf sie vor der Bahnhofsmission J\u00fcrgen Neitz. \u201e<em>Aus der kurzen Begegnung wurde eine Freundschaft, im Zuge dessen sie J\u00fcrgen Neitz auf seinem Weg nach 12 Jahren als Obdachloser auf der Stra\u00dfe zur\u00fcck in seine Heimatstadt Waren an der M\u00fcritz begleitete. Aus seinen Aufzeichnungen und vielen, stundenlangen Gespr\u00e4chen entstand 2024 dieses Buch<\/em>\u201c (Klappentext). So entsteht nicht nur ein Fernsehbericht (ein weiterer wird Anfang Januar 2025 beim <a href=\"https:\/\/www.ardmediathek.de\/video\/nordmagazin\/ein-steiniger-weg-eine-geschichte-vom-leben-auf-der-strasse\/ndr\/Y3JpZDovL25kci5kZS9mZTVkOTExYS04NTc0LTQ5NDEtYjhjYi00MjVhMDYwOTk4Zjk\">NDR ausgestrahlt<\/a>), sondern beide schreiben gemeinsam dieses Buch.<\/p>\n<p>Ende 2016 \u00e4ndert sich das Leben von J\u00fcrgen Neitz schlagartig, als er in einer Obdachloseneinrichtung, in der er regelm\u00e4\u00dfig die Teestube besucht, gefragt wird, ob er eine \u201eJuliane\u201c kenne. Ja, sagt er, \u201e<em>aber das ist ein ganzes Leben her. Das war auf einem anderen Planeten, zu einer anderen Zeitrechnung, in einem anderen Universum<\/em>\u201c (S. 116). Neitz hatte \u00fcber 20 Jahre nichts mehr von Juliane und ihrem Bruder geh\u00f6rt. Er sch\u00e4mt sich, weil er \u201e<em>ein Nichts, ein Niemand. Ein Obdachloser, ein Mann aus der Gosse<\/em>\u201c ist (S. 133). Juliane und ihren Bruder hatte J\u00fcrgen Neitz zu DDR-Zeiten betreut, sie waren wie Kinder f\u00fcr ihn. Jetzt sind sie \u00c4rztin und Flugkapit\u00e4n. J\u00fcrgen Neitz ist froh und stolz auf \u201e<em>seine<\/em>\u201c Kinder: \u201e<em>das beste Gef\u00fchl, das ich seit langer, langer Zeit habe<\/em>\u201c (S. 136).<\/p>\n<p>J\u00fcrgen Neitz ist im Heim aufgewachsen in der DDR, obwohl seine Mutter lebte. Er hat Binnenfischer in seiner Heimatstadt Waren an der M\u00fcritz gelernt, war Polizist, Zweiradmechaniker und hat nach dem Mauerfall als LKW-Fahrer und M\u00f6beltransporteur gearbeitet, sogar eine eigene Firma gehabt \u2013 bis er \u201e<em>von einem Tag auf den anderen<\/em>\u201c aufgeh\u00f6rt hat zu arbeiten. Sein Leben \u201e<em>sei in einem schwarzen Loch verschwunden<\/em>\u201c. \u201e<em>Geht schnell heute<\/em>\u201c, sagte er, \u201e<em>dass einer alles verliert, was er sich aufgebaut hat<\/em>\u201c (S. 9 f.). Dabei hatte er viel investiert, auch in Beziehungen, immer wieder versucht, seinen Traum vom Familienleben zu erf\u00fcllen. Warum das nicht gelingt, beschreibt er in dem Buch eindrucksvoll \u2013 zwar aus seiner Sicht, aber immer nachvollziehbar.<\/p>\n<p>Zuvor hatte sich J\u00fcrgen Neitz immer wieder verschiedene \u201eLeben\u201c neu aufgebaut. Dieses Leben, das gleicherma\u00dfen bunt wie tragisch ist, wird in dem Buch dargestellt. Immer authentisch, immer spannend, und immer fragt man sich, wieso so viel einem einzelnen Menschen passieren kann \u2013 der diese Schicksalsschl\u00e4ge am Ende sogar \u00fcberlebt, auch wenn es zwischendrin nicht danach aussah. Dabei springt die Darstellung im Buch immer wieder einmal zeitlich hin und zur\u00fcck, was wohl dramaturgisch gedacht ist, aber eigentlich nicht wirklich notwendig gewesen w\u00e4re. Denn auch ohne diesen \u201eKunstgriff\u201c l\u00e4sst einen das Buch nicht ruhig, man legt es nicht aus der Hand, bis man die Geschichte von J\u00fcrgen \u2013 die, und so viel darf verraten werden \u2013 am Ende gut ausgeht, zu ende gelesen hat. Im Dezember 2020 schl\u00e4ft er zum ersten Mal seit 12 Jahren in einem Bett. \u201e<em>Ich habe ein Dach \u00fcber dem Kopf, aber es ist einsam<\/em>\u201c (S. 253).<\/p>\n<p>Zwischendurch war Neitz auch sieben Jahre bei der Polizei. Er habe<em> \u201ein dieser Zeit circa f\u00fcnfzig Tote von der Stra\u00dfe holen m\u00fcssen. Viele von ihnen waren Nachtunf\u00e4lle, viele hatten getrunken. Ich verband Alkohol nie mit etwas Positivem. Da ich auch unter den Kollegen der Einzige war, der nicht trank, war ich nachts meist einer der Ersten, der geholt wurde. Ich hatte immer das Gl\u00fcck, niemanden von den Toten gut zu kennen und versuchte deshalb, die Ereignisse nicht zu sehr an mich heranzulassen. Ich habe aber zum Beispiel nie verstanden, dass die Polizei daf\u00fcr zust\u00e4ndig war, die Todesnachricht zu \u00fcberbringe. Ich fand, diese Aufgabe w\u00e4re bei einer psychologisch geschulten Person besser aufgehoben<\/em>\u201c (S. 101). Die Polizei hat er verlassen, weil er mit seiner moralischen Grundeinstellung immer wieder in der Institution aneckte.<\/p>\n<p>Seine Grundeinstellung beschreibt er wie folgt: \u201e<em>Ich wurde geboren und keiner wollte mich, aber die Tanten (die beiden Erzieherinnen im Kinderheim, TF) haben mich gut erzogen. Ich habe mir Ziele gesetzt und erreicht (Rennrad, Lehre). Ich konnte gut von b\u00f6se unterscheiden und setzte mich gegen Unrecht ein. Ich lehnte Gewalt ab und hatte gelernt, meine Probleme mit dem Mund zu l\u00f6sen. Ich konnte Menschen einsch\u00e4tzen, lernte mich durchzusetzen und f\u00fcr mich zu k\u00e4mpfen und wurde dabei st\u00e4rker<\/em>\u201c. Er habe einen guten Charakter, und alle Jobs habe er gern gemacht. Reichtum sei ihm nie wichtig gewesen, aber ein nettes Arbeitsumfeld. Ich habe stets das Gute in den Menschen gesucht.<\/p>\n<p>\u201e<em>Es gibt Leute, die mich m\u00f6gen und meine Aufrichtigkeit sch\u00e4tzen und solche, die Kritik nicht ertragen und somit auch nicht mich. Ich habe Freunde und Feinde, was soll&#8217;s. Mir sind die Menschen am liebsten, die ehrlich sind und mir nicht nach dem Mund reden. Ich merke aber, dass der gr\u00f6\u00dfte Teil der Obdachlosen eine andere Zielrichtung hat als ich und kapsele mich ab. Ich bin ein Einzelg\u00e4nger. Ich wei\u00df, was ich tun muss, um auf der Stra\u00dfe zu \u00fcberleben, obwohl ich manchmal nicht wei\u00df, warum ich das noch mache \u2013 \u00fcberleben<\/em>\u201c. S. 93<\/p>\n<p>Die positive Bewertung und Einstellung zu seiner Heimunterbringung, die im Wesentlichen durch die Erfahrung mit den beiden Erzieherinnen gepr\u00e4gt ist, zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Dabei wird deutlich, welche besondere, positive Bedeutung diese Erfahrung f\u00fcr ihn gehabt hat. Dass dies in starkem Gegensatz zu der seit geraumer Zeit gef\u00fchrten Debatte um DDR-Heime steht (bei der es meist um die sog. \u201e<a href=\"https:\/\/www.bundesstiftung-aufarbeitung.de\/de\/recherche\/dossiers\/heimerziehung-in-der-ddr\/ueberblick\">Jugendwerkh\u00f6fe<\/a>\u201c geht), ist offensichtlich. Aber es ist wichtig, dass es auch solche Berichte gibt, die positive Aspekte in den Vordergrund stellen und deutlich machen, dass es auch anders ging und es oftmals auf die handelnden Personen ankam. Dabei soll und darf nicht verschwiegen werden, dass das System der \u201eJugendhilfe\u201c in der DDR insgesamt h\u00f6chst problematisch war und mit \u201e<a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/themen\/deutschlandarchiv\/251286\/geraubte-kindheit-jugendhilfe-in-der-ddr\/\">entw\u00fcrdigenden Methoden<\/a>\u201c arbeitete. Von 1949 bis 1990 durchliefen 495.000 Minderj\u00e4hrige das Heimsystem der DDR.<\/p>\n<p>Die zehnte Klasse hatte J\u00fcrgen Neitz gerade so bestanden. Mit seinem Schulabschluss endete seine Zeit im Kinderheim. Die folgende Passage aus dem Buch macht deutlich, warum er den beiden Erzieherinnen in dem Heim dankbar. Er nennt sie seine Tanten, seine Familie. \u201e<em>Ich hatte in den letzten Jahren die Eltern einiger meiner Schulkameraden kennengelernt &#8211; manche fand ich nett, manche gefielen mir \u00fcberhaupt nicht. Wir waren ungef\u00e4hr 13, als eine Mutter ins Heim kam, um ihre Tochter zu besuchen. Sie war zu besoffen, um die drei Stufen zur Eingangst\u00fcr hochzukommen, auf allen Vieren krabbelte sie herauf, dann blieb sie liegen und pisste sich ein. Wir riefen den Krankenwagen. Zwar haben wir uns totgelacht, aber gleichzeitig war das das einschneidende Erlebnis, wegen dem ich beschloss, niemals Alkohol zu trinken. Ich schlussfolgerte daraus auch, dass es mit Eltern ist wie mit dem Heim: man kann Gl\u00fcck haben, oder Pech. Ich hatte Gl\u00fcck. Die Tanten haben uns liebevoll erzogen; alles, was ich bisher erreicht und gelernt hatte, verdankte ich ihnen &#8211; und dass, obwohl ich nicht ihr eigenes Kind war. Sie haben uns ihr ganzes Leben gewidmet. Uns Kindern, die sonst niemand wollte. Sie waren ja nicht nur tags\u00fcber f\u00fcr uns da, sondern auch nachts, ein 24-Stunden-Job. Wenn ich sehe, wie viel M\u00fche manche Familien mit ein oder zwei Kindern haben, kann man ihre Arbeit nicht hoch genug anerkennen. Und auch jetzt bem\u00fchten sie sich, mich trotz meines mittelm\u00e4\u00dfigen Abschlusses bei der Fischerei unterzubringen. So schickten sie mich hinaus ins Leben: den Ausbildungsvertrag f\u00fcr meinen lange ersehnten Berufswunsch in der der Tasche verlies ich das Haus meiner Kindheit<\/em>\u201c (S. 61)<\/p>\n<p>Die \u201eTanten\u201c sollten ein wichtiger Bestandteil in seinem Leben bleiben, bis zu seiner Obdachlosigkeit in M\u00fcnchen. Als eine der beiden stirbt, zieht es ihm den \u201eBoden unter den F\u00fc\u00dfen\u201c weg (S.232) Diese Obdachlosigkeit begann nicht schleichend, sondern schlagartig. F\u00fcr den Tag im Jahr 2009, als er seine Wohnung verloren hatte, notiert er: <em>\u201eAn einer Tankstelle hole ich mir schwarzen Kaffee, setze mich auf eine Bank und z\u00fcnde mir einen Zigarillo an. Ich muss nachdenken, nachdenken! Niemand wird mich suchen. Niemand braucht mich, niemand will mich. Das war schon immer so. Nichts, was ich in der Wohnung gelassen hab, hat einen wirklichen Wert f\u00fcr mich. Bei der R\u00e4umung dabei sein wollt ich trotzdem nicht. Ich h\u00e4tte den mitleidigen Blick des Gerichtsvollziehers nicht ertragen, man muss seinen Absturz nun wirklich nicht vor Publikum vollziehen. \u2026 Der Tag ist lang und z\u00e4h, und es sind zu viele Menschen um mich herum. Sie sind zum Gl\u00fcck alle viel zu sehr mit sich selbst besch\u00e4ftigt, um zu bemerken, dass der Mann, an dem sie vorbei gehen, gerade f\u00e4llt. Woran sollen sie es auch erkennen? Ich sehe ordentlich aus, ich stinke nicht. Mein innerer Niedergang ist \u00e4u\u00dferlich nicht sichtbar. \u2026 Mein Zeitgef\u00fchl ist breiig. Meine Gedanken halten sich mit der Vergangenheit auf, mein Handeln befasst sich nur mit dem Gegenw\u00e4rtigen &#8211; Flaschen sammeln, essen, Kaffee, rauchen -, eine Zukunft gibt es nicht. Der einzige Ort, an dem ich sein will, ist ein Meter unter der Erde<\/em>\u201c (S. 29).<\/p>\n<p>Eine der ersten Begegnungen zwischen der Mitautorin Laura Beck und J\u00fcrgen Neitz wird in dem Buch so beschrieben: \u201e<em>Seit zw\u00f6lf Jahren lebe er nun auf der Stra\u00dfe. Nie gebettelt habe er, darauf legte er wert, er finanziere sich selbst, durch&#8217;s Flaschensammeln. \u201eNur Plastik, kein Glas. Da machst du dir f\u00fcr 8 Cent den R\u00fccken kaputt<\/em>&#8220; (S. 10). Er holte dann aus seinem Brustbeutel ausgedruckte E-Mails und Briefe von Menschen aus seiner Vergangenheit hervor, alles Leute, die in den letzten zehn Jahren mal nach ihm gesucht hatten, nachdem sie in Fernseh- oder Medienberichten von ihm erfahren hatten und Mails an die Einrichtung geschickt hatten, die Neitz regelm\u00e4\u00dfig besuchte, um sich dort tags\u00fcber aufzuhalten (\u00fcbernachtet in Obdachlosenunterk\u00fcnften hat er nie). Er hatte sie, so die Co-Autorin, schon so oft auseinander- und wieder zusammengefaltet, dass sie entlang der Knicke gerissen sind. J\u00fcrgen fing an zu weinen. \u201e<em>Er breitete die Briefe vor uns auf der Parkbank aus, wie als Beweis \u201eIrgendwas muss ich doch richtig gemacht habe, im Leben, dass Leute mich suchen\u201c<\/em>.<\/p>\n<p>Auch J\u00fcrgen h\u00e4tten die Sozialarbeiter schon ewig versucht, von der Stra\u00dfe zu kriegen, aber er hatte sich immer geweigert. \u201eMassenunterk\u00fcnfte&#8220; f\u00fcr Obdachlose wollte er nicht, die Leute schnarchen r\u00fclpsen, pfurzen, sie stinken nach Alkohol und stehlen. Es g\u00e4be Pr\u00fcgeleien und Geschrei bis sp\u00e4t in die Nacht. Obdachlosigkeit ist ein psychischer Ausnahmezustand, und genauso sieht das auch aus. Nicht aber bei J\u00fcrgen.<\/p>\n<p>\u00dcber seine Obdachlosigkeit berichtet Neitz u.a., dass er in einer der ersten N\u00e4chte, als auch eine Pappe unter dem Schlafsack nicht mehr verhindert, dass die Feuchtigkeit ihm in alle Knochen f\u00e4hrt, in eine dieser blauen Papierm\u00fclltonnen krabbelt. \u201e<em>Sie steht in einem ruhigen Innenhof und ihr Deckel l\u00e4sst sich komplett anheben. Zwischen den Pappen ist es warm und sogar einigerma\u00dfen gem\u00fctlich. Die Beine kann ich nicht ganz ausstrecken, aber fast. Ich muss nur h\u00f6llisch aufpassen, dass ich nicht morgens davon geweckt werde, wie sie mich in den M\u00fcllwagen kippen. So liege ich da. Ich bin wirklich gesegnet, ich kann \u00fcberall schlafen, das war schon immer so. Niemand wird mich hier in der Tonne vermuten. Es sucht ja auch niemand nach mir. Niemand braucht mich, niemand will mich. Ich komme aus dem Nichts, und im Nichts bin ich gelandet<\/em>\u201c (S.32).<\/p>\n<p>Mit J\u00fcrgen Neitz gibt es einen Obdachlosen weniger in Deutschland. Er hat es aus der Obdachlosigkeit zur\u00fcck ins Leben geschafft, hat sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf gezogen, wie er selbst schreibt. \u201e<em>Mit tatkr\u00e4ftiger Hilfe von Freunden. Ich wohne wieder in meinem Heimatort, arbeite auf Moses Schiffen und achte darauf, regelm\u00e4\u00dfig viel zu essen, damit ich kr\u00e4ftiger werde. Beim Imbiss der Familie Rauf schmeckt das Essen noch wie zu DDR-Zeiten und ist au\u00dferdem erschwinglich, was mir hilft, weil allein kochen immer teurer wird. Ich habe das Gef\u00fchl vermisst, dass einem auf dem Schiff der Wind um die Ohren weht und nach vielen Jahren war ich endlich wieder in der M\u00fcritz baden, ein irres Gef\u00fchl. Auf der Weihnachtsfeier der Blau-Wei\u00dfen-Flotte hat Moses eine Rede gehalten. Mitarbeiter waren da, auch ich. Er sagte, in diesem Jahr sei ein kleines Wunder passiert: er habe seinen besten Freund zur\u00fcck. Ich habe, nat\u00fcrlich, geweint<\/em>\u201c.<\/p>\n<p>Das \u201erichtige\u201c Leben holt ihn dann ein, als er wieder gemeldet ist. Ein Gerichtsvollzieher erscheint und will 125.000 Euro eintreiben, weil er 12 Jahre keine Krankenkassenbeitr\u00e4ge gezahlt habe (S. 270). Da funktioniert \u201eder Sozialstaat\u201c pl\u00f6tzlich.<\/p>\n<p>Thomas Feltes, Januar 2025<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Osburg Verlag, Hamburg 2020, ISBN 9783955102296. Klappentext: \u201e<em>In Der Sandler wird eine Geschichte erz\u00e4hlt, die eigentlich gar nicht erz\u00e4hlt werden darf. Denn sie handelt von der Scham des sozialen Abstiegs &#8211; und diese Scham macht die Betroffenen schweigen. Der Sandler ist deshalb eine fiktive Geschichte, die Obdachlose ins Zentrum stellt und trotz aller Fiktion ein realistisches und vielschichtiges Bild ihres Alltags auf den M\u00fcnchner Stra\u00dfen vermittelt. Einer von ihnen ist Karl Maurer. Er m\u00e4andert durch die Stadt, besucht Suppenk\u00fcchen und Kleiderkammern und manchmal wird er von den Bildern seines fr\u00fcheren Lebens eingeholt &#8211; von seiner Frau und seiner kleinen Tochter, der Zeit als Mathematiklehrer und dem Kind, das ihm vors Auto lief. Gleichzeitig durchstreift auch sein Freund Lenz die Stadt auf der Suche nach ihm. Lenz, ein Zettelschreiber und Utopist, merkt, dass es mit ihm zu Ende geht.<\/em>\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Laura Beck, J\u00fcrgen Neitz: Ein steiniger Weg. Netzwerk-Kurier-Verlag Neddemin, 2024, ISBN 978-3-00-080647-6, 298 S., 19,95 Euro Im Januar 2025 starben innerhalb von wenigen Tagen vier obdachlose Menschen in Dortmund und L\u00fcnen. Besonders die Haltung des Dortmunder Sozialamtes sorgte f\u00fcr Kritik. Dieses hatte erkl\u00e4rt, dass Obdachlosigkeit bei den aktuellen Temperaturen eine freiwillige Entscheidung sei. \u201eDiese Aussage &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2237\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Laura Beck, J\u00fcrgen Neitz: Ein steiniger Weg. Rezensiert von Thomas Feltes.<\/span> <span class=\"meta-nav\">&uarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2237"}],"collection":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2237"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2237\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2240,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2237\/revisions\/2240"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2237"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2237"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2237"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}