{"id":2249,"date":"2025-03-12T15:53:13","date_gmt":"2025-03-12T14:53:13","guid":{"rendered":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2249"},"modified":"2025-03-13T09:44:16","modified_gmt":"2025-03-13T08:44:16","slug":"yascha-mounk-das-grosse-experiment-wie-diversitaet-die-demokratie-bedroht-und-bereichert-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2249","title":{"rendered":"Yascha Mounk, Das gro\u00dfe Experiment. Wie Diversit\u00e4t die Demokratie bedroht und bereichert. Rezensiert von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Yascha Mounk, Das gro\u00dfe Experiment. Wie Diversit\u00e4t die Demokratie bedroht und bereichert.<\/strong> Droemer-Verlag M\u00fcnchen 2022, 352 Seiten, ISBN 978-3-426-27850-5, 22.- Euro (gebunden), 19,99 Euro (e-book)<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">Kann Demokratie in einer diversen Gesellschaft funktionieren? Dieser Frage geht der Autor nach \u2013 auch und besonders vor dem Hintergrund der Tatsache, dass sich Gesellschaften <img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-2250 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Mounk.jpg\" alt=\"\" width=\"107\" height=\"162\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Mounk.jpg 433w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/03\/Mounk-99x150.jpg 99w\" sizes=\"(max-width: 107px) 100vw, 107px\" \/>mit Diversit\u00e4t historisch betrachtet immer schwergetan haben bzw. es (noch) keine wirklich diversen Gesellschaften gab. Gleichzeitig zeigt er aber auch die Wege zu einer solchen Gesellschaft auf.<!--more--><\/p>\n<p>Aber Yascha Mounk zeigt, wie dieses Experiment gelingt. Er liefert \u2013 so der Verlag \u2013 \u201e<em>die Gebrauchsanweisung f\u00fcr unsere plurale Gesellschaft<\/em>\u201c. Auch wenn man dieser etwas hochgegriffenen Formulierung nicht folgen will, so ist das Buch in h\u00f6chstem Ma\u00dfe lesenswert \u2013 auch und besonders, weil es mit einer recht schonungslosen Analyse dessen beginnt, was unsere Gesellschaft derzeit pr\u00e4gt. Und nicht umsonst spielen die Begriffe \u201e<em>Experiment<\/em>\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> und \u201e<em>Austausch<\/em>\u201c dabei eine wichtige Rolle. Insofern ist dieses Buch quasi die theoretische Grundlage f\u00fcr die Konsequenzen, die wir aus der aktuellen Analyse zur \u201eMacht\u00fcbernahme\u201c durch rechte Parteien, die Arne Semsrott vorgelegt und beschrieben hat, was passiert, wenn Rechtsextremisten das regieren (die Besprechung dieses Buches findet sich <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2252\">hier<\/a>) \u2013 und das Buch von Semsrott die deutliche Mahnung, wie weit es bereits in Deutschland gekommen und wie weit es noch kommen kann, wenn wir Mounks Ratschl\u00e4ge nicht schnellstens beachten und umsetzen.<\/p>\n<p>Mounk hatte bereits 1999 in seinem Buch \u201e<em>Der Zerfall der Demokratie. Wie der Populismus den Rechtsstaat bedroht<\/em>\u201c deutlich gemacht, dass unsere Demokratie zu sterben droht. Politikverweigerung und rechtspopulistische Parteien untergraben seit geraumer Zeit in Europa und auch in Deutschland bis dato stabile Regierungen. In diesem Buch hatte Mounk Gr\u00fcnde und Mechanismen dargestellt, die westliche liberale Rechtsstaaten \u2013 so auch die USA unter Donald Trump \u2013 erodieren lassen und zu einem Zerfall b\u00fcrgerlicher Parteien f\u00fchren.<\/p>\n<p>In dem aktuellen Buch geht es um das Spannungsverh\u00e4ltnis zwischen Diversit\u00e4t und Demokratie. Diversit\u00e4t ist so etwas wie das rote Tuch der Rechten, und eine der <a href=\"https:\/\/www.tagesschau.de\/ausland\/amerika\/trump-diversitaet-100.html\">ersten Handlungen von Trump<\/a> war die fl\u00e4chendeckende Streichung von Programmen f\u00fcr Vielfalt, Gleichberechtigung und Inklusion. Diskriminierung d\u00fcrfte in den USA wieder gesellschaftsf\u00e4hig werden.<\/p>\n<p>Globalisierung, Migration und Identit\u00e4tspolitik pr\u00e4gen aber vor allem Deutschland und stellen das politische System vor ungeahnte Herausforderungen. Wie kann eine demokratische Verfassung die sozialen und politischen Zentrifugalkr\u00e4fte einer multiethnischen Gesellschaft einhegen, ohne dabei die liberale Idee zu verraten? Mounk zeigt die Hindernisse, auf die das \u201eExperiment\u201c (sic!) einer diversen Gesellschaft trifft und zeigt aber auch, wie eine intakte multiethnischen Demokratie erreichbar ist und wie sie funktionieren kann.<\/p>\n<p>Yascha Mounk, geboren in M\u00fcnchen, ist Politikwissenschaftler und Associate Professor an der Johns-Hopkins-Universit\u00e4t in Baltimore, untersucht zun\u00e4chst, woran multiethnische Gesellschaften scheitern und warum ein &#8222;Weiter so!&#8220; nicht reicht. In einem zweiten Schritt legt er dar, was die Grundpfeiler einer diversen Demokratie sind und lotet das Verh\u00e4ltnis von Individualismus und Gemeinschaft aus. Schlie\u00dflich schildert Mounk, warum es sich lohnt, das gro\u00dfe Experiment zu wagen und warum die Antwort auf die Herausforderung Diversit\u00e4t nur die liberale Demokratie sein kann. Denn bei allen Unterschieden kommt es am Ende auch in einer vielf\u00e4ltigen Demokratie auf die Gemeinsamkeiten an.<\/p>\n<p>Mounks Buch beginnt damit, dass er das \u201e<em>Unbehagen an der diversen Demokratie<\/em>\u201c ausf\u00fchrlich beschreibt (S. 11 ff.) und erl\u00e4utert, dass Diversit\u00e4t bislang in Gesellschaften eher ein Stolperstein war, weil sie oft (immer?) zum Konflikt f\u00fchrt. Es gibt also \u201e<em>gute Gr\u00fcnde f\u00fcr die Sorge, das gro\u00dfe Experiment k\u00f6nnte misslingen<\/em>\u201c (S. 25).<\/p>\n<p>Nachdem Mounk dies ausf\u00fchrlich dargestellt hat (und dieser Teil des Buches ist ebenso notwendig wie wenig erfreulich zu lesen, weil er uns die aktuellen Probleme klar vor Augen f\u00fchrt), besch\u00e4ftigt er sich mit einer \u201e<em>ehrgeizigen Vision f\u00fcr die Zukunft diverser Demokratien<\/em>\u201c (S. 27). Seine Analyse, dass ein \u201e<em>Gruppendenken<\/em>\u201c zwar viele Vorteile hat, aber auch f\u00fcr die bittersten Trag\u00f6dien und Ungerechtigkeiten der Geschichte\u201c gesorgt hat (S. 282) gibt Anlass zum Nachdenken.<\/p>\n<p>Um diverse Gesellschaften aufzubauen, sollten wir \u2013 so Mounk \u2013 \u201e<em>darauf hinweisen, dass die Mankos von heute nicht die M\u00f6glichkeiten von morgen festschreiben m\u00fcssen. Mitglieder diverser Demokratien k\u00f6nnen durchaus engere Freundschaften und Beziehungen kn\u00fcpfen. Nationen k\u00f6nnen Neuank\u00f6mmlinge als gleichwertige Mitglieder integrieren. Menschen aus unterschiedlichen ethnischen und kulturellen Gruppen k\u00f6nnen gemeinsam ein sinnerf\u00fclltes Leben f\u00fchren, ohne ihre jeweilige Identit\u00e4t aufgeben zu m\u00fcssen. Und askriptive Identit\u00e4ten wie die Hautfarbe k\u00f6nnen eine geringere Rolle spielen, als das jetzt der Fall ist \u2013 nicht, weil Menschen vor ihrer heutigen Bedeutung die Augen verschlie\u00dfen, sondern weil sie viele der Ungerechtigkeiten, die sie heute verursachen, \u00fcberwunden haben werden. Wer es ernst meint mit der Schaffung diverser Demokratien, die Bestand haben oder gar gedeihen, muss eine positive und realistische Vision f\u00fcr das Gelingen des gro\u00dfen Experiments entwerfen<\/em>\u201c (S. 26).<\/p>\n<p>Genau das m\u00f6chte Mounk in dem Buch tun. Auch, in dem er erkl\u00e4rt, warum eine solch ehrgeizige Zukunftsvision f\u00fcr diverse Demokratien realistisch ist, und gleichzeitig aufzeigt, wie B\u00fcrger und Politiker dazu beitragen k\u00f6nnen, sie zu verwirklichen.<\/p>\n<p>Kann es eine Demokratie ohne Diversit\u00e4t eigentlich geben oder ist der Begriff der \u201ediversen Demokratie\u201c vielleicht sogar ein Pleonasmus, weil Demokratie eben eine diverse Gesellschaft voraussetzt? Letztlich zeigen die aktuellen Entwicklungen in Deutschland, dass unsere Demokratie durch die aktuelle Diskussion um eine diverse(re) Zusammensetzung der Gesellschaft, die nicht verhindert werden kann und die mittel- bis langfristig auch f\u00fcr das \u00dcberleben Deutschlands notwendig ist, extrem herausgefordert wird. Eine Abschaffung der Diversit\u00e4t, wie es Trump derzeit in den USA anzielt, wird aber, so glaube und hoffe ich, in Deutschland nicht m\u00f6glich sein \u2013 und wenn, dann nur unter massiven Einschr\u00e4nkungen der (dann verbliebenen) Restbev\u00f6lkerung \u201eBiodeutscher\u201c. \u201e<em>Eines nicht allzu fernen Tages werden die ehemals Unterdr\u00fcckten zu den neuen M\u00e4chtigen werden<\/em>\u201c (S. 281). Dessen sollten wir uns bewusst sein und nicht darauf vertrauen, dass die dann an der Macht befindlichen sich anders als wir es derzeit oftmals tun, gro\u00dfm\u00fctig zeigen.<\/p>\n<p>Der Weg zum Erfolg f\u00fcr das gro\u00dfe Experiment ist steinig. Aber ein Misserfolg w\u00e4re fatal. \u201e<em>Machen wir uns auf den Weg<\/em>\u201c (S. 289).<\/p>\n<p>Thomas Feltes, M\u00e4rz 2025<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Den Begriff \u201e<em>Experiment<\/em>\u201c hatte Mounk in einem Gespr\u00e4ch mit den <em>Tagesthemen<\/em> verwendet und sah sich danach einem Shitstorm ausgesetzt (S. \u00a07 f.). Die rechtsextreme Plattform \u201e<a href=\"https:\/\/www.tichyseinblick.de\/daili-es-sentials\/das-hatte-die-redaktion-der-tagesthemen-nicht-geplant\/\">Tichys Einblick<\/a>\u201c hatte behauptet, Angela Merkel und Yascha Mounk f\u00fchrten ein \u201eExperiment\u201c mit dem deutschen Volk durch \u2013 eine Verschw\u00f6rung gegen \u201edie Deutschen\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Yascha Mounk, Das gro\u00dfe Experiment. Wie Diversit\u00e4t die Demokratie bedroht und bereichert. 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