{"id":2265,"date":"2025-06-02T14:14:44","date_gmt":"2025-06-02T12:14:44","guid":{"rendered":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2265"},"modified":"2025-06-02T14:14:44","modified_gmt":"2025-06-02T12:14:44","slug":"leor-zmigrod-das-ideologische-gehirn-wie-politische-ueberzeugungen-wirklich-entstehen-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2265","title":{"rendered":"Leor Zmigrod, Das ideologische Gehirn. Wie politische \u00dcberzeugungen wirklich entstehen. Rezensiert von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Leor Zmigrod, Das ideologische Gehirn Wie politische \u00dcberzeugungen wirklich entstehen.<\/strong> 302 Seiten, ISBN 978-3-518-47485-3, suhrkamp taschenbuch 5485, suhrkamp nova, Suhrkamp-Verlag Berlin, 24.- Euro, ebook 19.99 Euro.<\/p>\n<p>Wenn ein Buch von einem renommierten Neurowissenschaftler als \u201e<em>absolute Pflichtlekt\u00fcre<\/em>\u201c (Buchr\u00fccken) bezeichnet <img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-2267 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/das-ideologische-gehirn_9783518474853_cover.jpg\" alt=\"\" width=\"162\" height=\"257\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/das-ideologische-gehirn_9783518474853_cover.jpg 815w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/das-ideologische-gehirn_9783518474853_cover-95x150.jpg 95w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/das-ideologische-gehirn_9783518474853_cover-645x1024.jpg 645w\" sizes=\"(max-width: 162px) 100vw, 162px\" \/>wird, dann wird man nat\u00fcrlich hellh\u00f6rig, vor allem wenn der Zusammenhang zwischen Denken und Handeln schon berufsm\u00e4\u00dfig immer von Interesse war. Ist das Buch \u201ePflichtlekt\u00fcre\u201c? Nein. Das Buch ist leider in der vorliegenden Form \u00fcberfl\u00fcssig.<!--more--><\/p>\n<p>Als nichts geringeres als die \u201e<em>Begr\u00fcnderin eines neuen Wissenschaftsfelds<\/em>\u201c bezeichnet der <a href=\"https:\/\/www.suhrkamp.de\/buch\/leor-zmigrod-das-ideologische-gehirn-t-9783518474853\">Verlag<\/a> die Autorin <a href=\"https:\/\/www.leorzmigrod.com\/\">Leor Zmigrod<\/a>. Sie soll die \u201e<em>politische Neurobiologie<\/em>\u201c begr\u00fcndet haben und darin erforsche sie den \u201e<em>Zusammenhang zwischen politischen Einstellungen und der Biologie unseres Gehirns\u201c.<\/em> Sie zeige, dass unsere \u00dcberzeugungen nicht als fl\u00fcchtige Gedanken losgel\u00f6st von unseren K\u00f6rpern existieren. Vielmehr ver\u00e4ndern Ideologien unser Gehirn, und eine bestimmte neurobiologische Veranlagung mache empf\u00e4nglich f\u00fcr gewisse Glaubenss\u00e4tze.<\/p>\n<p>So weit, so gut \u2013 und eigentlich auch nicht wirklich neu. Dass \u00dcberzeugungen \u201elosgel\u00f6st\u201c von unseren K\u00f6rpern (quasi als Gespenst?) existieren, hat meines Wissens zumindest in den vergangenen beiden Jahrhunderten niemand behauptet, und dass Denken und Handeln (und damit auch das, was (von Verlag und Autorin, s.u.) erst einmal undefiniert als \u201eIdeologie\u201c bezeichnet wird <a href=\"https:\/\/www.mpg.de\/12475991\/grundprinzip-denken-gehirn-navigation\">unser Gehirn ver\u00e4ndern<\/a>, ist ebenfalls weder neu, noch umstritten. Auch (die Gr\u00fcnde f\u00fcr) selektive Wahrnehmung und kognitive Dissonanz sind lange bekannt. Was also ist neu? Die \u201e<em>neurobiologische Veranlagung<\/em>\u201c, die (angeblich) empf\u00e4nglich f\u00fcr gewisse Glaubenss\u00e4tze (gleich Ideologie?) mach? Aber auch hier: Der Anlage\u2013Umwelt-Streit ist nicht neu und auch weitestgehend ausgetragen. Studien zur <a href=\"https:\/\/dorsch.hogrefe.com\/stichwort\/anlage-umwelt\">Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung<\/a> haben sich intensiv damit besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Was also ist oder soll \u201eneu\u201c an diesem Buch sein?<\/p>\n<p>Ausgangspunkt der Arbeiten der Autorin war das Jahr 2015, als \u2013 so schreibt sie<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> \u2013 junge Frauen nach Syrien aufbrachen, um den IS zu unterst\u00fctzen. Die damals wie heute als Ursachen genannten Faktoren (Internet, Naivit\u00e4t der Jugend, illiberale Erziehung, Mangel an Bildung, finanziell prek\u00e4ren Umst\u00e4nde) erschienen ihr allesamt ungen\u00fcgend. Sie begr\u00fcndet dies richtigerweise damit, dass viele Menschen mit schwierigen sozio\u00f6konomischen Bedingungen und neuartigen technologischen Risiken umgehen m\u00fcssen und sich dennoch nicht radikalisieren. Dieses Grundproblem kennt auch die Kriminologie: Ursachen sind nie kausal f\u00fcr eine einzelne Person, und es gibt, folgt man einer bestimmten Ursachentheorie, immer mehr Personen, die theoretisch Voraussetzungen erf\u00fcllen, kriminell zu werden, es aber doch nicht werden.<\/p>\n<p>Vielleicht ergaben, so die Autorin \u201e<em>Demografie und K\u00fcchenpsychologie kein vollst\u00e4ndiges Bild, vielleicht war da noch etwas anderes, das diese jungen Menschen verf\u00fchrbar machte, etwas an ihrem Gehirn?\u201c<\/em><\/p>\n<p>Nun mag es an der (schlechten) \u00dcbersetzung liegen, die wiederum der Tatsache geschuldet sein d\u00fcrfte, dass das Buch mehr oder weniger zeitgleich auf Englisch und auf Deutsch erschienen ist: Die Formulierung \u201e<em>an ihrem Gehirn<\/em>\u201c ist im g\u00fcnstigsten Fall schlechtes Deutsch, im ung\u00fcnstigen Fall dr\u00fcckt sie eine auch biologisch und neurowissenschaftlich falsche Herangehensweise aus. Leider wiederholen sich solche sprachlichen Schlampigkeiten &#8211; so muss man es leider nennen, auch wenn das Buch insgesamt einem eher alltagswissenschaftlichen Duktus folgt &#8211; immer wieder im Text, so dass man eigentlich die englische Originalausgabe gegenlesen m\u00fcsste, um dem Werk der 29-j\u00e4hrigen Autorin gerecht zu werden.<\/p>\n<p>Auch etwas anderes irritiert: Die Autorin (oder die LektorInnen des Buches?) beschr\u00e4nken sich darauf, zu ausgew\u00e4hlten direkten oder indirekten Zitaten im Buch erst am Ende eine \u00dcbersicht bereitzustellen, die so aufgebaut ist, dass man, nach Buchseiten sortiert, in kursiver Schrift Satzst\u00fccke von der entsprechenden Seite findet, die man dann erst suchen muss, um passende (?) Quellenangaben zu finden. Warum hat man diese Nachweise nicht auf die \u00fcbliche Art und Weise mit Fu\u00df- oder Endnoten oder Angaben in Klammern gemacht? Das w\u00fcrde der Seriosit\u00e4t des Buches dienen, weil man dann erkennen k\u00f6nnte, ob und welche Belege es f\u00fcr bestimmte Behauptungen und Aussagen im Buch gibt. Das Buch musste schnell vermarktet werden, und das merkt man eben auch an der \u00dcbersetzung bzw. am Lektorat (sofern es ein solches gab).<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zum Jahr 2015: <em>Leor Zmigrod<\/em> fragte sich damals im Alter von 19 Jahren, ob sie \u201e<em>kognitive und neurowissenschaftliche Methoden so miteinander verbinden (k\u00f6nnte), dass sie auf Politik anwendbar waren, auf das Thema Ideologie<\/em>\u201c.\u00a0 Auch hier findet sich wieder diese schlampige, oberfl\u00e4chliche Sprache, die f\u00fcr ein Buch, das einen wissenschaftlichen Anspruch erhebt, untragbar ist: Was ist \u201e<em>die Politik<\/em>\u201c, was \u201e<em>das Thema Ideologie<\/em>\u201c. Sicher, man kann mutma\u00dfen, was gemeint ist (politische Entscheidungen einerseits, ideologische Erkl\u00e4rungen andererseits), sicher sein kann man sich aber nicht.<\/p>\n<p>Die Grundfragen der Autorin sind, ob die \u201e<em>Neigung zu extremistischen Ansichten auf Eigenarten in der Kognition und Biologie zur\u00fcckzuf\u00fchren<\/em>\u201c ist und ob sich \u201e<em>das menschliche Bewusstsein grundlegend (ver\u00e4ndert), wenn es einer dogmatischen Ideologie<\/em>\u201c anh\u00e4ngt. Auch hier wieder: Was genau ist \u201e<em>menschliches Bewusstsein<\/em>\u201c? Was ist \u201e<em>dogmatische Ideologie\u201c<\/em>? Gibt es eine undogmatische? Begriffsdefinitionen finden sich in dem Buch zumindest zu Beginn, wo man sie erwartet, nicht.<\/p>\n<p>Auf S. 43 findet sich dann folgendes: \u201e<em>In diesem Buch ist die Grenze zwischen Geist und Gehirn bewusst aufgehoben. F\u00fcr mich sind Geist und Gehirn ein und dasselbe, denn es gibt keinen wissenschaftlichen Beweis daf\u00fcr, dass der menschliche Geist ohne ein Gehirn existiert. Ver\u00e4ndere dein Gehirn, verletze es, f\u00fcttere es, spiele damit herum -, und dein psychisches Leben wird sich ebenfalls ver\u00e4ndern. Abgesehen von diesen Fragen der Definition (und Metaphorik) spreche ich vom ideologischen Gehirn, weil ich keine Zweifel daran lassen m\u00f6chte, dass Geist gleich Biologie ist und dass das Biologische vom Politischen geformt wird. Ich rufe nicht dazu auf, die Terminologie von Geist, Gehirn und K\u00f6rper abzuschaffen, aber ich stelle sie in Frage. Was geschieht, wenn wir erkennen &#8211; in unserer Sprache, in unseren Vorstellungen, in unseren Metaphern -, dass Ideologien nicht nur abstrakt und kollektiv sind, sondern auch somatisch und individuell? Was geschieht, wenn wir uns Ideologien als etwas vorstellen, das aus den K\u00f6rpern kommt und in den K\u00f6rpern ist? Diese neue Wissenschaft der Ideologie versucht zu erfassen, wie ideologische \u00dcberzeugungen aus der Biologie hervorgehen. Das Wort \u00bbIdeologie\u00ab wurde \u00fcberhaupt erst gebildet, um damit eine solche Wissenschaft zu begr\u00fcnden. Man erkennt es noch an dem Begriff selbst: Ideologie als die Wissenschaft, also das Logos, der Ideen<\/em>\u201c.<\/p>\n<p>Geist gleich Biologie \u2013 wer mag dem widersprechen (s.o.), und dass das Biologische (gemeint ist wohl das Gehirn) vom Politischen geformt wird &#8211; geschenkt. Auch dass Ideologien etwas sind, \u201e<em>das aus den K\u00f6rpern kommt und in den K\u00f6rpern ist<\/em>\u201c ist wenig verwunderlich, wenn wir davon ausgehen, dass Denken (Gehirn) und Handeln zusammenh\u00e4ngen (Beispiele liefert die Autorin selbst, z.B. auf S. 72). Ideologie als das Logos der Ideen? Mehr als nur alter Wein in neuen Schl\u00e4uchen? Wenn sie schreibt, dass sich das Gehirn nach \u201e<em>Wahrheit<\/em>\u201c sehne (S. 73), dann ist damit gemeint, dass das Gehirn die Wirklichkeit so genau wie m\u00f6glich aufnehmen will. Eine ideologische \u201eWahrheit\u201c ist nicht gemeint.<\/p>\n<p>Die kleinen Speerspitzen gegen Akademiker (\u201e<em>Das Gehirn ist kein Akademiker, der bequem in seinem Sessel oder abgeschieden in seinem Elfenbeinturm sitzt und eine Hypothese nach der anderen erstellt<\/em>\u201c (S. 73) &#8211; geschenkt. Aber wenn man eine Begr\u00fcnderin eines neuen Wissenschaftsfelds sein will (s.o.), promoviert ist und diverse Wissenschaftspreise bekommen hat: Ist man dann nicht auch Akademikerin? Und wenn die Autorin feststellt, dass \u201e<em>wissenschaftliche Forschung nicht wertfrei ist<\/em>\u201c (S. 133), dann h\u00e4tte man doch mehr von ihrer eigenen wissenschaftstheoretischen Ausrichtung gewusst \u2013 oder anders formuliert: Von ihrem eigenen ideologischen Gehirn.<\/p>\n<p>An anderen Stellen werden immer wieder einmal Ans\u00e4tze von Definitionen oder in der Regel indirekte Zitate anderer Wissenschaftler eingestreut, aus denen man sich eine Definition zusammenreimen k\u00f6nnte. Eine eigene, kritisch abw\u00e4gende Definition wesentlicher Begrifflichkeiten durch die Autorin selbst gibt es nicht, ebenso wie teilweise seitenlang meist \u00e4ltere Studien (z.B. von Frenkel-Brunswik 1944, S. 97 &#8211; 113) referiert werden, ohne dass auch hier eine kritische Bewertung erfolgt. Ein Mangel, den man in jeder Seminararbeit kommentieren und der zur Note \u201emangelhaft\u201c f\u00fchren k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Die Autorin nahm also 2015, wie sie schreibt, \u201e<em>Experimente auf<\/em>\u201c und geh\u00f6rte, ihrer eigenen Angabe nach \u201e<em>zu der ersten Welle von Wissenschaftlern, die kognitive und neurowissenschaftliche Methoden anwandten, um die Urspr\u00fcnge und Auswirkungen von ideologischem Denken zu erforschen<\/em>\u201c. Ungeachtet der Frage, ab wann man sich als \u201eWissenschaftlerin\u201c bezeichnen kann (in ihrem <a href=\"https:\/\/www.leorzmigrod.com\/\">Lebenslauf<\/a> finden sich zu universit\u00e4ren Abschl\u00fcssen keine Jahresangaben): Auch hier fehlen eine Definition und Operationalisierung dessen, was sie warum macht. Sie rekrutierte u.a. \u201e<em>radikale Aktivisten, die f\u00fcr rechte Plattformen schrieben, \u2026 deutsche Jugendliche aus Berlin<\/em> (und)<em> Rentner in abgelegenen britischen Ortschaften<\/em>\u201c. Ein etwas krudes Sample.<\/p>\n<p>Sie behauptet, dass sie mit ihrem Ansatz, \u201e<em>Methoden der Kognitionswissenschaften und Gehirn-Scans zur Erforschung von Ideologie zu kombinieren<\/em>\u201c, ein \u201e<em>ziemlicher Paradiesvogel<\/em>\u201c gewesen sei. Nur eine Handvoll Forscherteams weltweit h\u00e4tten damals \u00fcberhaupt ein Interesse daran, Biologie und Politikwissenschaften zusammenzuf\u00fchren. Das mag zutreffen. Aber dass Biologie und Neurowissenschaften schon seit l\u00e4ngerem Versuchen, Handeln und Einstellungen von Menschen zu erkl\u00e4ren, ist zumindest in der Kriminologie bekannt. Bereits 2012 haben <a href=\"https:\/\/www.aerzteblatt.de\/archiv\/hirnforschung-paedophile-werden-nicht-zwangslaeufig-taeter-23d673a0-3e71-4e71-b703-1fe5727a663a\">deutsche Forscher<\/a> herausgefunden, dass M\u00e4nner mit p\u00e4dophiler Neigung, die zum T\u00e4ter werden, charakteristische neurobiologische (!) Ver\u00e4nderungen aufweisen. Der <a href=\"http:\/\/www.nemup.de\/Hintergrund.html\">Forschungsverbund<\/a> hatte also schon lange vor den \u00dcberlegungen der Autorin neurobiologische Grundlagen von P\u00e4dophilie und sexuellem Missbrauchsverhalten gegen Kinder untersucht. Ein Hinweis auf diese oder andere Studien aus Deutschland findet sich in dem Buch nicht. Warum? Werden Gehirne von Wissenschaftlern in den USA schon fr\u00fch darauf gepr\u00e4gt, nur eigene, englischsprachige Forschungsergebnisse zur Kenntnis zu nehmen? Das glaube ich eher nicht.<\/p>\n<p>Die <a href=\"https:\/\/soztheo.de\/kriminalitaetstheorien\/biologische-kriminalitaetstheorien\/\">Kriminalbiologie<\/a> machte erstmals im 19. Jahrhundert auf sich aufmerksam. Biologische Kriminalit\u00e4tstheorien besagen, dass die biologische Beschaffenheit von Menschen (und damit auch ihr Gehirn) dar\u00fcber entscheidet, ob sie kriminelle Handlungen begehen oder nicht. Anhand von biologischen Merkmalen lassen sich, so die Annahme, Kriminelle bez\u00fcglich ihrer Genetik, Neurologie oder k\u00f6rperlichen Konstitution von Nicht-Kriminellen unterscheiden. Im Vordergrund steht hier also \u2013 durchaus vergleichbar mit dem, was die Autorin gemacht hat, wenn auch methodisch nicht auf dem inzwischen m\u00f6glichen Niveau &#8211; die Betrachtung und Erforschung biologischer Ph\u00e4nomene (z.B. Gene, Hormone, Gehirnstrukturen und -anomalien etc.).<\/p>\n<p>Mit modernen wissenschaftlichen Techniken sind wir, so die Autorin, \u201e<em>inzwischen in der Lage, n\u00e4her bestimmen zu k\u00f6nnen, wie tief ideologische Systeme sich in der Architektur des menschlichen Gehirns festsetzen, wie tief Indoktrination in K\u00f6rper und Geist eindringen k\u00f6nnen<\/em>\u201c. Wie konkret diese \u201e<em>Techniken<\/em>\u201c aussehen, das erf\u00e4hrt man, wenn \u00fcberhaupt eher am Rande und beil\u00e4ufig. Angaben zum eigenen (?) Forschungsdesign: Fehlanzeige. Ein \u201e<em>ideologisch geschultes Gehirn<\/em>\u201c sei ein \u201e<em>lohnender Forschungsgegenstand<\/em>\u201c, denn eine detaillierte Studie (wieder keine Angabe, was daran detailliert war) konnte zeigen, \u201e<em>was Ideologien in unserem K\u00f6rper anrichten und wie rigide Moralvorstellungen bis in die hintersten Winkel des menschlichen Bewusstseins vordringen k\u00f6nnen. Sie bot auch neue Erkenntnisse dar\u00fcber, wer zu Extremismus neigt und warum manche Gehirne besonders anf\u00e4llig sind, w\u00e4hrend andere sich als flexibel und resilient erweisen<\/em>\u201c.<\/p>\n<p>Genau hier w\u00e4re es doch spannend geworden, wenn man n\u00e4heres dazu erfahren h\u00e4tten, was der oder die Forscher konkret gemacht haben, von welchen Pr\u00e4missen sie ausgegangen sind und wie die Operationalisierung erfolgte. Dann k\u00f6nnte man auch Feststellungen wie die, dass es von unseren Zellen abh\u00e4ngt, \u201e<em>wie sehr wir gef\u00e4hrdet sind unseren K\u00f6rpern und unseren pers\u00f6nlichen Narrativen<\/em>\u201c. Vermutlich sind hier die Zellen im Gehirn gemeint und nicht die im gro\u00dfen Zeh; gesagt wird dies aber nicht.<\/p>\n<p>Zwischendrin werden dann immer mal wieder Banalit\u00e4ten wie die folgenden eingestreut: \u201e<em>Ein dogmatisches Umfeld erzeugt Gewohnheiten und Zw\u00e4nge, die von au\u00dfen betrachtet passiv und automatisiert zu sein scheinen \u2013 geradezu gedankenlos -, doch wenn wir das ideologische Gehirn (sic!) n\u00e4her untersuchen, sehen wir, dass im Inneren komplexe und dynamische Prozesse ablaufen<\/em>\u201c. Dass \u201e<em>Neuronen feuern<\/em>\u201c und Aktionspotenziale aktivieren \u2013 bekannt. Und dass ideologische \u00dcberzeugungen \u201e<em>in unseren K\u00f6rpern (entstehen), und auch die Auswirkungen dieser ideologischen \u00dcberzeugungen \u2026 in unseren K\u00f6rpern sichtbar gemacht werden<\/em>\u201c \u00fcberrascht nicht wirklich, wenn man sich die seit geraumer Zeit bestehenden M\u00f6glichkeiten der <a href=\"https:\/\/gehirnundverhalten.uni-graz.at\/de\/methoden\/neurowissenschaftliche-methoden\/\">neurowissenschaftlichen Analyse von Gehirnprozessen im Abgleich zu Verhalten<\/a> ansieht \u00a0\u2013 aber interessant w\u00e4re zu wissen, wie genau dies sichtbar gemacht wurde in den Studien der Autorin.<\/p>\n<p>Dieses Buch verfolgt \u2013 so die Autorin \u2013 \u201e<em>einen neuen und radikalen wissenschaftlichen Ansatz, der darauf abzielt, unsere Ideologien und die Gefahren ihrer rigiden Ausw\u00fcchse zu \u00fcberdenken. Es zeigt, dass politische Haltung kein Oberfl\u00e4chenph\u00e4nomen ist (wer hat dies jemals behauptet?, TF), sondern uns bis in unsere Zellen hinein pr\u00e4gen kann (nichts Neues, TF). \u2026 wir hoffen, dass wir durch die Gegen\u00fcberstellung von Offenheit und Hass, Neuerung und Tradition, Evidenz und aufgezwungenem Schicksal herausarbeiten k\u00f6nnen, wie ein freies, authentisches und tolerantes Gehirn aussieht<\/em>\u201c. Auch, wie man es schaffen kann?<\/p>\n<p>Die Autorin bem\u00fcht dann zuerst \u201e<em>ein Experiment<\/em>\u201c (S. 26), dann \u201e<em>tausende von kognitiven Tests<\/em>\u201c (S. 31). Letztere werden in einer Anmerkung auf S. 273 dann tats\u00e4chlich mit Quellenangaben belegt, allerdings ausschlie\u00dflich englischsprachiger Ver\u00f6ffentlichungen. War es zu m\u00fchsam, hier wenigstens ansatzweise und nachvollziehbar zu schreiben, was genau denn gemacht wurde? Teilweise fehlen solche Verweise auch (z.B. auf S. 145, wenn von \u201eweiteren Studien\u201c die Rede ist, die sie durchgef\u00fchrt hat, oder auf s. 147, wenn es um \u201eexperimentelle Studien geht, in denen sie etwas \u201ebest\u00e4tigt\u201c fand).<\/p>\n<p>Jedenfalls kam man zu dem Ergebnis, dass das Gehirn \u201e<em>die politischen Einstellungen und Vorurteile auf eine so merkw\u00fcrdige, tiefe und \u00fcberraschende Art wider(spiegelt), dass es unsere Vorstellungen vom Wechselspiel zwischen Anlage und Umwelt, zwischen Risiko und Resilienz, zwischen Freiheit und Schicksal auf den Pr\u00fcfstand stellt\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Genau das w\u00e4re spannend zu erfahren: Was sind denn \u201eunsere Vorstellungen\u201c und was bedeutet es, wenn diese \u201eauf den Pr\u00fcfstand\u201c gestellt werden? Doch eigentlich erst einmal nichts anderes, dass sie \u00fcberpr\u00fcft werden. Man ist auf die Ergebnisse gespannt. Denn: <em>\u201eWenn unsere ideologischen \u00dcberzeugungen eng mit unseren kognitiven und neuralen Reaktionsmustern verkn\u00fcpft sind, dann m\u00fcssen wir uns neue Fragen stellen dar\u00fcber, wie unsere K\u00f6rper politisiert werden und wie wir dem widerstehen und unsere Handlungsfreiheit bewahren k\u00f6nnen<\/em>\u201c. Denn dass das Gehirn \u201ekommunikativ\u201c ist, und Teilhabe am sozialen Leben notwendig f\u00fcrs \u00dcberleben, erkennt auch die Autorin (S. 75).<\/p>\n<p>Das Ergebnis der Tests: Die Teilnehmer, die sich bei den neuropsychologischen Aufgaben als anpassungsf\u00e4hig erwiesen hatten, waren auch diejenigen, die in Sachen Ideologie, Pluralit\u00e4t und Differenz am offensten waren. \u201e<em>Die Menschen, die mental am flexibelsten sind, k\u00f6nnen auch am besten trennen zwischen einer Person und ihren Ansichten. Sie hassen den anderen nicht. Sie hassen vielleicht dessen Meinung, aber sie \u00fcbertragen den Hass nicht auf den Menschen der diese Meinung vertritt. Kognitiv rigide Menschen hingegen, also diejenigen, die sich nur schwer anpassen k\u00f6nnen, wenn sich Regeln ver\u00e4ndern, tendieren zu Dogmatismus<\/em>\u201c (S. 31 f.).<\/p>\n<p>Ein \u00fcberraschendes Ergebnis? Eigentlich nicht wirklich. Offenheit geht mit Offenheit einher, Rigidit\u00e4t mit Geschlossenheit. Dogmatische Ideologien haben, so die Schlussfolgerung, \u201e<em>nicht nur politische Auswirkungen, sondern auch neuronale, individuelle und existentielle<\/em>\u201c (S. 33). \u201eSo what\u201c, mag man denken.<\/p>\n<p>Andererseits behauptet die Autorin, dass die Vorstellung, das ideologische Bewusstsein sei passiv und unkontrollierbaren Kr\u00e4ften ausgesetzt, pessimistisch und falsch sei (S. 39). Ein Widerspruch? Und gewisse ideologische Anwandlungen hat die Autorin dann letztlich auch selbst, wenn sie die Behauptung, dass alle gleich sind, als \u201e<em>Herrschaftsinstrument<\/em>\u201c bezeichnet (S. 101) und damit insinuiert, dass die F\u00f6rderung von Kindern der Sicherung von Herrschaft (und nicht dem demokratischen Prinzip der Chancengleichheit) dient.<\/p>\n<p>Sicherlich werden nicht alle Gehirne gleich geboren, was die Autorin betont (S. 102). Und wenn \u201e<em>neurobiologische Signaturen von Ideologien erst im Laufe der zeit entstehen\u201c<\/em> (S. 104), dann spricht doch alles daf\u00fcr, dass Anlage und Umwelt zusammenwirken \u2013 was sie auch selbst sagt: Bestimmte Gewohnheiten werden \u201e<em>anerzogen<\/em>\u201c (S. 115).<\/p>\n<p>Im weiteren Verlauf des Buches besch\u00e4ftigt sich die Autorin mit dem \u201e<em>Dogmatismus-Gen<\/em>\u201c (S. 148 ff.) und der Rolle, die Dopamin und der pr\u00e4frontakle Kortex in diesem Kontext spielt. Auch hier kaum Neues. Eingestreut werden dabei hier und an anderen Stellen immer wieder eher merkw\u00fcrdig anmutende \u201eGespr\u00e4che\u201c, wobei unklar bleibt, wer hier mit wem \u201efl\u00fcstert\u201c oder spricht.<\/p>\n<p>Teil 4 des Buches behandelt dann \u201e<em>Konsequenzen<\/em>\u201c (ab S. 165). Es beginnt damit, dass die Autorin sich vorstellt, \u201e<em>wie Darwin durchs Fenster seines Arbeitszimmers blickt und seine Frau Emma im Garten sieht, die gerade im Neuen Testament liest<\/em>\u201c (S. 165). Im weiteren Verlauf geht es dann um Glauben und Religion. In einem Kapitel, das mit \u201e<em>Konsequenzen<\/em>\u201c \u00fcberschrieben ist, h\u00e4tte ich anderes erwartet. Solche und \u00e4hnliche Passagen m\u00f6gen f\u00fcr ein popul\u00e4rwissenschaftliches Buch sinnvoll sein; aber ist \u201eOtto Normalverbraucher\u201c die Zielgruppe der Ver\u00f6ffentlichung? Wenn ja, dann wird er oder sie das Buch schnell zur Seite legen. Interessierte Kollegen aus den Bereichen der Politik- oder Sozialwissenschaften werden wenig Neues entdecken, Kollegen aus dem Bereich der Neurowissenschaften vielleicht dar\u00fcber nachdenken, dass und welche Auswirkungen auf unser Gehirn die Corona-Diskussionen in Deutschland gehabt haben \u2013 oder umgekehrt?<\/p>\n<p>Fazit<\/p>\n<p>Was am Ende bleibt ist zumindest beim Rezensenten eine grundlegende Unzufriedenheit. Das Buch behandelt viele Aspekte der Neurowissenschaft und versucht diese (mehr oder weniger zwanghaft) mit dem Begriff der Ideologie in Verbindung zu bringen. Sicherlich hat die Autorin ein gro\u00dfes Wissen um die entsprechenden Forschungen und kann diese auch bewerten. Nur leider teilt sie dieses Wissen nicht mit dem Leser, und auch eine kritische Bewertung bestimmter Forschungen findet man kaum. Stattdessen liest man immer wieder, womit sich \u201edie neuere Forschung besch\u00e4ftigt\u201c oder wonach Forscher suchen (S. 205) \u2013 zu oft, um nicht zu sagen meistens leider ohne nachvollziehbare Belege oder Quellenhinweise. Den Aspekt, den man eigentlich prim\u00e4r von einer Arbeit aus dem Bereich der Neurowissenschaften erwartet h\u00e4tte (die Besch\u00e4ftigung mit den neueren, bildgebenden Verfahren zur Analyse des Gehirns und seiner Arbeit), wird erst am Ende (ab S. 207) behandelt, und auf lediglich 14 Seiten. Gibt es dazu nicht mehr und Interessanteres zu berichten (s.o.)?<\/p>\n<p>Stattdessen wird das Buch mit einem Kapitel 5 \u00fcber \u201eFreiheit\u201c beendet, in dem es u.a. um die Bedeutung von Nestw\u00e4rme geht. Eine Zusammenfassung sucht man ebenso vergeblich wie zu Beginn einen \u00dcberblick, was in dem Buch wo und warum behandelt wird. Zu viel verlangt? Vielleicht. F\u00fcr mich jedenfalls ein Buch, das mich unzufrieden zur\u00fcckl\u00e4sst, auch weil es in vielen Teilen zu oberfl\u00e4chlich geschrieben ist und zu belletristisch. Ein Buch mit dem Untertitel \u201e<em>Wie politische \u00dcberzeugungen wirklich entstehen<\/em>\u201c sollte anderes liefern.<\/p>\n<p>Thomas Feltes, Juni 2025<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Die Autorin belegt durchg\u00e4ngig in ihrem Buch Zitate nicht explizit mit einer Seitenangabe. Das soll hier aus Gr\u00fcnden der wissenschaftlichen Seriosit\u00e4t anders gemacht werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Leor Zmigrod, Das ideologische Gehirn Wie politische \u00dcberzeugungen wirklich entstehen. 302 Seiten, ISBN 978-3-518-47485-3, suhrkamp taschenbuch 5485, suhrkamp nova, Suhrkamp-Verlag Berlin, 24.- Euro, ebook 19.99 Euro. Wenn ein Buch von einem renommierten Neurowissenschaftler als \u201eabsolute Pflichtlekt\u00fcre\u201c (Buchr\u00fccken) bezeichnet wird, dann wird man nat\u00fcrlich hellh\u00f6rig, vor allem wenn der Zusammenhang zwischen Denken und Handeln schon berufsm\u00e4\u00dfig &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2265\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Leor Zmigrod, Das ideologische Gehirn. Wie politische \u00dcberzeugungen wirklich entstehen. Rezensiert von Thomas Feltes<\/span> <span class=\"meta-nav\">&uarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2265"}],"collection":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2265"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2265\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2270,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2265\/revisions\/2270"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2265"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2265"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2265"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}