{"id":2296,"date":"2025-12-03T15:47:28","date_gmt":"2025-12-03T14:47:28","guid":{"rendered":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2296"},"modified":"2025-12-03T15:47:28","modified_gmt":"2025-12-03T14:47:28","slug":"joachim-walter-die-freiheit-nehm-ich-dir-sinn-und-unsinn-des-strafvollzugs-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2296","title":{"rendered":"Joachim Walter, Die Freiheit nehm\u00b4 ich dir. Sinn und Unsinn des Strafvollzugs. Rezensiert von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Joachim Walter, Die Freiheit nehm\u00b4 ich dir. Sinn und Unsinn des Strafvollzugs.<\/strong> Westend-Verlag Neu-Isenburg, 2025,240 S., ISBN\u00a0 9783987913051, 22.- Euro<\/p>\n<p>Als \u201e<em>Bericht eines Gef\u00e4ngnisdirektors<\/em>\u201c bewirbt der Verlag das Buch &#8211; was einerseits stimmt, andererseits untertrieben ist:<img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-2297 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/walter_Freiheit_Cover-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"146\" height=\"231\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/walter_Freiheit_Cover-scaled.jpg 1620w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/walter_Freiheit_Cover-95x150.jpg 95w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/walter_Freiheit_Cover-648x1024.jpg 648w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/walter_Freiheit_Cover-972x1536.jpg 972w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2025\/12\/walter_Freiheit_Cover-1296x2048.jpg 1296w\" sizes=\"(max-width: 146px) 100vw, 146px\" \/> Es ist kein \u201eBericht\u201c, sondern eine schonungslose Analyse dessen, was wir uns im Rahmen des Strafvollzugs leisten \u2013 leider ohne dass die wenigsten von uns angemessen dar\u00fcber informiert sind.<!--more--><\/p>\n<p>Menschen hinter Gittern: Wie leben sie? Wie sieht ihr Alltag aus? Und was genau geschieht im Gef\u00e4ngnis &#8222;im Namen des Volkes&#8220;? Wollen wir \u00fcberhaupt wissen, was aus den Menschen wird, nachdem sie als Straft\u00e4ter verurteilt und weggesperrt worden sind? Und was ist mit den Frauen und M\u00e4nnern, die als Personal in den Anstalten Dienst tun &#8211; oft ebenfalls lebensl\u00e4nglich? Das sind einige der Fragen, die <em>Joachim Walter<\/em> versucht in seinem Buch anschaulich und praxisnah zu beantworten.<\/p>\n<p>Walter war Leiter mehrerer Strafvollzugsanstalten. Aus seiner jahrzehntelangen Berufserfahrung erz\u00e4hlt er lebendige Geschichten \u00fcber die Menschen im Gef\u00e4ngnis &#8211; Gefangene wie Bedienstete &#8211; und \u00fcberl\u00e4sst es, so der Verlag, den Leserinnen und Lesern, sich selbst ein Urteil \u00fcber Sinn und Unsinn des Strafvollzugs zu bilden. Allerdings trifft das nur teilweise zu: Seine Schilderungen sind teilweise gleicherma\u00dfen drastisch wie eindeutig, so dass das Urteil zum \u201eSinn\u201c des Vollzugs nach der Lekt\u00fcre eigentlich feststeht \u2013 und das ist auch gut so.<\/p>\n<p><em>Walter<\/em> hat sich schon zu Beginn seiner T\u00e4tigkeit im Vollzug die Frage gestellt: Was machen wir hier eigentlich? Und: Wie ist das alles zurechtfertigen? Je l\u00e4nger er im Strafvollzug t\u00e4tig war, umso klarer sei ihm geworden, dass der \u201e<em>totale Charakter dieser Institution weiter und weiter zur\u00fcckgebaut werden muss, will man mehr Humanit\u00e4t erreichen<\/em>\u201c. Die Frage ist aber: Will man das? Will die Bev\u00f6lkerung tats\u00e4chlich mehr \u201eHumanit\u00e4t\u201c oder will sie nicht eher Rache und Wegschlie\u00dfen \u2013 getreu dem Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn? Denn bei n\u00e4herem Hinschauen k\u00f6nnte man ja erkennen, dass die Gesellschaft selbst mit daf\u00fcr verantwortlich ist, dass so viele Menschen in Deutschland im Strafvollzug einsitzen (Stand 2022 waren es rund 57.000, zus\u00e4tzlich knapp 12.000 Untersuchungsgefangene, S. 14). Genau genommen, so Walter, \u201e<em>bin ich am Ende sogar Abolitionist geworden, also einer, der von der vollst\u00e4ndigen Abschaffung des Gef\u00e4ngnisses tr\u00e4umt<\/em>\u201c (S. 41).<\/p>\n<p>Von der Abschaffung des Gef\u00e4ngnisses getr\u00e4umt hatten wir in den 1980er Jahren nicht, als wir uns an der Evangelischen Akademie in Arnoldshain mit der Abschaffung der Freiheitsstrafe besch\u00e4ftigten und 1990 die \u201e<em>Arnoldshainer Thesen zur Abschaffung der Freiheitsstrafe<\/em>\u201c, in der <a href=\"https:\/\/www.thomasfeltes.de\/pdf\/veroeffentlichungen\/1990_Arnoldshainer_Thesen.pdf\">Zeitschrift f\u00fcr Evangelische Ethik<\/a> ver\u00f6ffentlichten. Die Arbeitsgruppe, der neben mir auch <em>Sigrid Bernhardt, Heinz Cornel, Hans-Claus Leder, Wolfram Sch\u00e4dler, Ulrich O. Sievering und Dieter Zimmermann<\/em> angeh\u00f6rte, hatte viele und gute Argumente zusammengestellt \u2013 leider ohne auch nur ansatzweise Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen zu k\u00f6nnen. Auch sp\u00e4tere Ver\u00f6ffentlichungen wie die von <em>Jeldrik M\u00fchl<\/em> (\u201e<em>Strafrecht ohne Freiheitsstrafen \u2013 absurde Utopie oder logische Konsequenz?<\/em>\u201c), besprochen im Polizei-Newsletter von <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/books\/2015_Rezension_Jeldrik_Muehl_Holger_Plank.pdf\">Holger Plank<\/a> , konnten daran nichts \u00e4ndern. Warum also, so m\u00fcssen wir uns fragen (lassen), strafen wir immer noch und immer h\u00e4rter?<\/p>\n<p>Wer die vielen Geschichten, die <em>Walter<\/em> in seinem Buch zusammengestellt hat, liest, der fragt sich wie man dies alles aushalten kann \u2013 und tats\u00e4chlich gibt es nicht wenige, die dem Strafvollzug nach mehr oder weniger kurzer Zeit Adieu sagen, einfach, weil sie die Eindr\u00fccke nicht verarbeiten, den Druck nicht aushalten k\u00f6nnen. Diejenigen, die bleiben, werden oftmals zu Zynikern, die ihren 8-Stunden-Tag absitzen (sic!) und sich einen Dreck darum scheren, wie es den Menschen hinter den Zellent\u00fcren geht. Und es gibt diejenigen wie <em>Joachim Walter<\/em>, die sich ein Leben lang bem\u00fchen, wenigstens ein St\u00fcckchen Menschlichkeit in das System einzubringen.<\/p>\n<p><em>Walter<\/em> studierte Rechtswissenschaften, Psychologie und Kriminologie und war in den Justizvollzugsanstalten Heilbronn, Karlsruhe und Stuttgart-Stammheim sowie zuletzt in Pforzheim und Adelsheim t\u00e4tig. An der Jugendstrafanstalt Adelsheim wurden unter seiner Leitung erfolgreich eine Reihe von progressiven Resozialisierungsma\u00dfnahmen eingef\u00fchrt, allerdings ohne, dass er an dem System des Wegsperrens etwas \u00e4ndern konnte. Denn daf\u00fcr ist er nicht zust\u00e4ndig gewesen, er sollte und wollte nur die Sch\u00e4den, die der Strafvollzug nachgewiesenerma\u00dfen anrichtet, m\u00f6glichst geringhalten. Vielleicht kann er aber jetzt, wo er als Rechtsanwalt t\u00e4tig ist, daf\u00fcr sorgen, dass es keine Schadensreduzierer mehr braucht. Wohl leider ebenso wie die Abschaffung des Knasts eine eher illusorische Hoffnung.<\/p>\n<p>Liest man am Ende sein Fazit nach einem langen Berufsleben, so gewinnt die Skepsis die Oberhand. Nachdem ein schockierender Film \u00fcber das Leben im Strafvollzug auf einem Jugendgerichtstag gezeigt worden war, hatte<em> Walter<\/em> (wieder einmal) gehofft, dass sich etwas \u00e4ndern w\u00fcrde \u2013 obwohl er eigentlich h\u00e4tte wissen m\u00fcssen, dass dies eher unwahrscheinlich ist. Er schreibt auf der letzten Seite seines Buches: \u201e<em>Fast jede schwere Straftat, die ein Jugendlicher irgendwo in Deutschland beging, f\u00fchrte in den Medien wie eh und je zu der allbekannten Forderung nach mehr H\u00e4rte und l\u00e4ngeren Strafen. In Wahlk\u00e4mpfen \u00fcberbot man sich mit Vorschl\u00e4gen zur Versch\u00e4rfung des Jugendstrafrechts, obwohl bei der Jugendkriminalit\u00e4t in den Jahren zuvor sogar ein deutlicher R\u00fcckgang zu verzeichnen gewesen war. Dessen ungeachtet wurde im Jahr 2012 das H\u00f6chstma\u00df der Jugendstrafe von 10 auf 15 Jahre erh\u00f6ht und auch f\u00fcr nach Jugendstrafrecht Verurteilte die Sicherungsverwahrung eingef\u00fchrt! Aktuell wird sogar diskutiert, ob man nicht das Jugendstrafrecht auf 12- bis 13-j\u00e4hrige T\u00e4ter ausdehnen soll. Das w\u00fcrde bedeuten, dass zuk\u00fcnftig auch Kinder in Jugendstrafhaft kommen k\u00f6nnen. Mein frommer, wohl auch naiver Wunsch ist also in k\u00fcrzester Zeit zu Schanden geworden. War das nicht doch vorherzusehen? Wahrscheinlich schon. Denn was den Umgang unserer Gesellschaft mit ihren straff\u00e4lligen Jugendlichen angeht, scheint diese an dem Prinzip Vergeltung und Strafe ebenso hartn\u00e4ckig zu h\u00e4ngen wie der Neurotiker an seiner Krankheit. Ohne k\u00f6nnen wir offenbar nicht. Und doch klammere ich mich nur allzu gerne an die alte, fast schon peinlich platte Phrase: Die Hoffnung stirbt zuletzt!\u201c<\/em> (S. 238).<\/p>\n<p>Ja, der Neurotiker und seine Krankheit. Trifft das Bild? Unsere neurotische Gesellschaft, die sich nicht vom Strafvollzug verabschieden kann und will? Vielleicht. Aber vielleicht ist die Gesellschaft schlichtweg weitaus schwerer erkrankt, als sie es glaubt. Sie wei\u00df es nur nicht &#8211; und will es auch nicht wissen.<\/p>\n<p>Thomas Feltes, Dezember 2025<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Joachim Walter, Die Freiheit nehm\u00b4 ich dir. Sinn und Unsinn des Strafvollzugs. 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