{"id":2326,"date":"2026-01-24T15:26:52","date_gmt":"2026-01-24T14:26:52","guid":{"rendered":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2326"},"modified":"2026-01-24T15:26:52","modified_gmt":"2026-01-24T14:26:52","slug":"ellebrecht-poscher-jarolimek-kaufmann-hrsg-die-polizei-in-der-offenen-gesellschaft-zum-polizeilichen-umgang-mit-vielfalt-und-diversitaet-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2326","title":{"rendered":"Ellebrecht\/Poscher\/Jarolimek\/Kaufmann (Hrsg.), Die Polizei in der offenen Gesellschaft. Zum polizeilichen Umgang mit Vielfalt und Diversit\u00e4t. Rezensiert von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p>Sabrina Ellebrecht, Ralf Poscher, Stefan Jarolimek, Stefan Kaufmann (Hrsg.), Die Polizei in der offenen Gesellschaft. Zum polizeilichen Umgang mit Vielfalt und Diversit\u00e4t, Transcript-Verlag Bielefeld, 2025, 362 Seiten, ISBN: 978-3-8376-6830-8, 45.- Euro<\/p>\n<p>Wie die Polizei mit Vielfalt und Divergenz umgeht ist Thema dieses Buches, das in (zu?) gro\u00dfer Bandbreite Ergebnisse des Forschungsprojekts \u00bbZuRecht \u2013 Die Polizei in der offenen Gesellschaft\u00ab (2019-2024) vorstellt, erg\u00e4nzt durch Beitr\u00e4ge aus <img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-2327 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Ellebercht.jpg\" alt=\"\" width=\"189\" height=\"287\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Ellebercht.jpg 842w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Ellebercht-99x150.jpg 99w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/01\/Ellebercht-674x1024.jpg 674w\" sizes=\"(max-width: 189px) 100vw, 189px\" \/>dem Umfeld der Thematik und des Projektes. Im Fokus der Analysen stehen neben der Diversit\u00e4t in den eigenen Reihen der Polizei auch die Nennung von Herkunftskategorien in der polizeilichen \u00d6ffentlichkeitsarbeit sowie die Bedeutung von Ausbildung und interkulturellem Training. <!--more--><\/p>\n<p>Der Verlag schreibt auf seiner <a href=\"https:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-6830-8\/die-polizei-in-der-offenen-gesellschaft\/\">Webseite<\/a> von \u201eVielfalt und Differenz\u201c (sic), meint aber sicherlich \u201eVielfalt und Diversit\u00e4t\u201c, so wie im Untertitel des Buches. Er verspricht \u201eeine wissenschaftliche Einordnung aktueller Polizeiarbeit\u201c. Um es vorweg zu nehmen: Diesen Anspruch kann man eigentlich nicht wirklich umfassend erf\u00fcllen, und daher tut sich auch das Buch, vor allem aufgrund der gro\u00dfen Heterogenit\u00e4t der Beitr\u00e4ge, schwer. Die Beitr\u00e4ge wiederholen einerseits bereits bekannte Positionen und Argumentationen (meist von den \u201eexternen\u201c Autor*innen) und stellen anderseits Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt dar, wobei diese teilweise doch eher an der Oberfl\u00e4che bleiben und vor allem oftmals den wissenschaftlichen Kontext vermissen lassen, also z.B. die Anbindung an die eher allgemeinen Beitr\u00e4ge der externen Autor*innen. Die Aneinanderreihung von Beitr\u00e4gen, ohne einen analytischen Kontext irritiert.<\/p>\n<p>Wir leben in einer diversen Gesellschaft, nicht nur, weil ein Viertel der deutschen Bev\u00f6lkerung einen Migrationshintergrund hat (mit steigender Tendenz), sondern auch, weil der Anteil an Menschen, die sozio\u00f6konomisch benachteiligt sind, zunimmt. Wachsende Diversit\u00e4t und h\u00e4ufig damit einhergehende Benachteiligungen betreffen alle Bereiche der Gesellschaft &#8211; auch die Sicherheitsbeh\u00f6rden. Daher ist es richtig und wichtig, sich mit diesem Thema zu besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Auf der <a href=\"https:\/\/www.projekt-zurecht.de\/\">Webseite<\/a> des Projektes findet sich mehr Informationen. Das Forschungsprojekt \u201eZuRecht \u2013 Die Polizei in der offenen Gesellschaft\u201c widmete sich im \u201eAustausch mit den Polizeien des Bundes und der L\u00e4nder \u2026 den Funktionen und der Bedeutung der Polizei in einer pluralisierten Gesellschaft. Leitend war dabei die Frage, wie die Polizei in einer pluralisierten Gesellschaft aufgestellt und ausgebildet sein sollte. Das Projekt wurde vom 01. M\u00e4rz 2019 bis zum 31. Januar 2024 durch die Stiftung Mercator gef\u00f6rdert\u201c. Auf der Webseite werden dann auch die Strukturen und die <a href=\"https:\/\/www.projekt-zurecht.de\/ueber-uns\/\">Mitwirkendem an dem Projekt<\/a>, das von der Deutschen Hochschule der Polizei und dem \u201eCentre for Security and Society der Universit\u00e4t Freiburg\u201c durchgef\u00fchrt wurde, vorgestellt.<\/p>\n<p>Zu Beginn des Buches wird das Projekt, seine Struktur und seine methodische Vorgehenswiese dargestellt. Demnach hat das Projekt untersucht, \u201ewie die Polizei in ganz unterschiedlichen Bereichen &#8211; von der Nachwuchssicherung, \u00fcber Ausbildung und Training, hin zum Streifendienst und der \u00d6ffentlichkeitsarbeit &#8211; mit Vielfalt und Differenz umgeht. Dabei ging es beispielsweise um Diversit\u00e4t in den eigenen Reihen, um die Nennung von Herkunftskategorien in der polizeilichen \u00d6ffentlichkeitsarbeit, sowie um die Frage, wie die Polizei in einer pluralisierten Gesellschaft gew\u00e4hrleisten kann, allen gleicherma\u00dfen gerecht zu werden, auch beispielsweise jenen, die des Deutschen unkundig sind\u201c.<\/p>\n<p>Der Band versammelt, so die Einleitung, \u201ezentrale Ergebnisse aus den Teilprojekten, Beitr\u00e4ge von Mitgliedern des Projekt-Beirats sowie die beiden Keynote-Vortr\u00e4ge der Abschlusskonferenz vom 16. Mai 2023 in Berlin\u201c.\u00a0 Als \u00fcbergeordnetes, analytisches Ziel hatten die Projektleiter*innen formuliert, \u201epersonelle, institutionelle und organisationskulturelle H\u00fcrden zu identifizieren, die den Umgang der Organisation mit Diversit\u00e4t und ein entsprechendes professionelles Selbstverst\u00e4ndnis erschweren\u201c.<\/p>\n<p>Untersucht wurde die Fragestellung aus kommunikationswissenschaftlicher, soziologischer und rechtswissenschaftlicher Perspektive. Die weiteren Ausf\u00fchrungen zum Projektablauf und zu m\u00f6glichen inhaltlichen und methodischen Fragen werden leider nur sehr kursorisch zu Beginn dargestellt und auch im weiteren Verlauf des Buches nicht wirklich ausf\u00fchrlich erl\u00e4utert. So irrt der Leser\/die Leserin etwas durch den Inhalt, ohne eine bestimmte Struktur der Beitr\u00e4ge (und damit auch des Projektes) erkennen zu k\u00f6nnen. Eine gewissen Beliebigkeit macht sich dabei breit, und dies betrifft auch die Qualit\u00e4t der einzelnen Beitr\u00e4ge. Zwar findet sich zu Beginn des Buches eine kurze \u00dcbersicht \u00fcber den Inhalt der Beitr\u00e4ge und die Aufteilung des Buches in drei Teile. Demnach ist Teil 1 der Einf\u00fchrung gewidmet und den Keynote-Vortr\u00e4gen anl\u00e4sslich einer Tagung des Projektes. Teil 2 beinhaltet die Ergebnisse des Projektes, wobei unklar bleibt, ob es dar\u00fcber hinaus noch weitere Ergebnisse 7nd\/oder Ver\u00f6ffentlichungen dazu gibt. Teil 3 enth\u00e4lt die \u201eAnalysen\u201c, wobei diese Analysen es vers\u00e4umen, inhaltliche Bez\u00fcge zu den Ergebnissen des Projektes herzustellen \u2013 wie umgekehrt die Pr\u00e4sentation der Ergebnisse oftmals den theoretischen Rahmen vermissen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Gerade weil die Polizei eine der wichtigsten staatlichen Organisationen zur Gew\u00e4hrleistung von Recht und Sicherheit ist, wie im Geleitwort der Mercator-Stiftung betont wird, steht sie vor der Herausforderung, ihr Handeln in einer sich zunehmend diversifizierenden Gesellschaft so auszurichten, dass Rechtsanspr\u00fcche f\u00fcr alle gelten und dass ein gleichwertiger Rechtsschutz f\u00fcr alle gew\u00e4hrleistet ist. Insbesondere gegen\u00fcber Menschen, die sich in einer vulnerablen Situation befinden, ist es f\u00fcr die Polizei in ihrer Machtposition zentral, glaubw\u00fcrdig zu handeln. Das Geleitwort verweist dann auch darauf, dass in der Vergangenheit Sicherheitsbeh\u00f6rden ihren Verpflichtungen nicht immer gerecht wurden. \u201eDiese Defizite gef\u00e4hrden nicht nur Personen, die in unserer Gesellschaft bereits Diskriminierung erfahren, wie Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, People of Color (BiPoC) oder sozio\u00f6konomisch benachteiligte Menschen. Sie stellen auch eine ernsthafte Bedrohung f\u00fcr unsere Demokratie dar\u201c.<\/p>\n<p>Positiv ist zu bewerten, dass hier Diskriminierung nicht (wie oftmals) auf Menschen mit Zuwanderungsgeschichte begrenzt wird, sondern der (allerdings weite) Bereich der sozio\u00f6konomisch benachteiligten Menschen einbezogen wird \u2013 wobei immer noch bestimmte, diskriminierte Bev\u00f6lkerungsgruppen fehlen. Wie man die beiden hier behandelten Gruppen, die sich teilweise \u00fcberschneiden, unterscheidet und welche unterschiedlichen Ergebnisse das Projekt dazu erbracht hat, wird leider nicht thematisiert.<\/p>\n<p>Die Beitr\u00e4ge in dem Band lassen zudem den Eindruck entstehen, dass es dem Projekt nicht wirklich gelungen ist, die Kluft zwischen der polizeiinternen Sichtweise (vertreten durch die Beitr\u00e4ge aus dem Bereich der Deutschen Hochschule der Polizei) und den externen Untersuchungen durch die Mitarbeitenden der Universit\u00e4t Freiburg zu schlie\u00dfen. Ein roter Faden, wozu die unterschiedlichen Unterprojekte jeweils dienen und wie ihre Ergebnisse zusammengef\u00fchrt werden sollen, fehlt. Stattdessen findet man Darstellungen, wie intensiv bereits jetzt in der Polizeiausbildung das Thema Vielfalt und Diversit\u00e4t behandelt wird \u2013 aber kaum etwas dazu, welche Auswirkungen diese Behandlung tats\u00e4chlich in der polizeilichen Praxis hat. Manche Beitr\u00e4ge (wie die zu polizeilichen Kontaktbeamten oder \u201erepr\u00e4sentativen Personalgestaltung in der deutschen Polizei\u201c) versuchen nicht einmal, einen wissenschaftlichen Bezug herzustellen. Eine konkrete Evaluation von Ma\u00dfnahmen im Polizeibereich oder eine Befragung von Betroffenen, die dazu Auskunft geben k\u00f6nnte findet sich nicht.<\/p>\n<p>Erfreulich sind die beiden Beitr\u00e4ge von David Czudnochowski, der im Projekt f\u00fcr den Arbeitsbereich \u201eWissen, Information und polizeiliches (Alltags-)Handeln\u201c verantwortlich war. Seine Gegen\u00fcberstellung des \u201ekollektiven Alltagswissens in Polizeiausbildung und Alltag\u201c anhand von ethnographischen Beobachtungen liest sich nicht nur faszinierend, sondern macht auch viele Grundprobleme des polizeilichen Umgangs mit den Themen des Projektes deutlich. Dies gilt auch f\u00fcr seinen zweiten Beitrag zum Sprechen und Handeln der Polizei, in dem er am Beispiel des \u201eHans-Bunte-Falls\u201c in Freiburg (einer Gruppenvergewaltigung) den Diskurs um Migration und Sicherheit anhand von polizeilichen Stellungnahmen und Presseberichten analysiert.<\/p>\n<p>Solche tiefergehenden Analysen h\u00e4tte man sich auch in den anderen Bereichen des Projektes gew\u00fcnscht \u2013 vielleicht gab es sie ja, und sie fanden nicht den Weg in diesen Sammelband. Insgesamt h\u00e4lt der Titel des Buches leider nicht, was er verspricht. Der Grund daf\u00fcr d\u00fcrfte vor allem in der qualitativen und thematischen Heterogenit\u00e4t der Beitr\u00e4ge und der unklaren Struktur liegen.<\/p>\n<p>Thomas Feltes, Januar 2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sabrina Ellebrecht, Ralf Poscher, Stefan Jarolimek, Stefan Kaufmann (Hrsg.), Die Polizei in der offenen Gesellschaft. 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