{"id":2331,"date":"2026-02-04T16:28:46","date_gmt":"2026-02-04T15:28:46","guid":{"rendered":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2331"},"modified":"2026-02-04T16:30:09","modified_gmt":"2026-02-04T15:30:09","slug":"2331","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2331","title":{"rendered":"Doris Gercke, Von den Bewohnern der St\u00e4dte. Rezensiert von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p>Doris Gercke, Von den Bewohnern der St\u00e4dte, Argument Ariadne, Hamburg 2026, 103 S., ISBN978-3-86754-411-5, gebunden mit Leseb\u00e4ndchen, 12.- Euro<\/p>\n<p>Viele kennen die \u201eBella Block\u201c-Krimis, die von 1994 bis 2018 in 38 Folgen im ZDF ausgestrahlt wurden. Die Figur wurde <img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-2333 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/U1_Gercke_Bewohner-der-Staedte.jpg\" alt=\"\" width=\"176\" height=\"272\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/U1_Gercke_Bewohner-der-Staedte.jpg 250w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/U1_Gercke_Bewohner-der-Staedte-97x150.jpg 97w\" sizes=\"(max-width: 176px) 100vw, 176px\" \/>von <em>Doris Gercke<\/em> erdacht, die jetzt vom Ariadne-Verlag mit einem wundersch\u00f6nen kleinen Textband gew\u00fcrdigt wird, der Gedichte und Kurzgeschichten enth\u00e4lt.<em> Gercke<\/em> war Mitte 2025 gestorben. In ihrer Vorbemerkung zu dem Band schreibt die Verlegerin und Lektorin <em><a href=\"https:\/\/herlandnews.com\/author\/laudan\/\">Else Laudan<\/a><\/em>: \u201e<em>Sie hat diesen Blick. \u2026 Denn auch wenn Doris Gercke am 25. Juli 2025 ihr Leben losgelassen hat, nicht mehr weiteratmet und nicht mehr weiterschreibt \u2013 ihr Blick ist noch da. Er ist in ihren Texten. Er sieht die Gewalt. In allen Facetten. Er trotzt ihr durch Hinsehen. Kein Theater, kein Geschrei. Nur Hinsehen statt Wegsehen<\/em>\u201c.<!--more--><\/p>\n<p>Ihre Erz\u00e4hlsprache habe die \u201e<em>Kraft, den Stein zu heben, unter dem die Skorpione wimmeln, die Schw\u00e4nze gereckt zum Zusto\u00dfen. Mit ihren gemessenen, sparsamen S\u00e4tzen erschuf sie \u00fcberw\u00e4ltigend zeitlose Figuren, ungef\u00e4llig, angeraut, vielsagend. Sie schrieb Kriminalliteratur. Gedichte. Romane. Kurzgeschichten<\/em>.\u201c<\/p>\n<p>Auch in dem jetzt nach ihrem Tod vorgelegten B\u00e4ndchen sind diese Formen vertreten, und diese Unterschiedlichkeit macht \u2013 neben der klaren und unpr\u00e4tenti\u00f6sen Sprache von <em>Gercke<\/em> &#8211; das Lesen so angenehm und spannend; neben der erfreulich aufw\u00e4ndigen Aufmachung mit Leseb\u00e4ndchen.<\/p>\n<p>Der kleine Band enth\u00e4lt ihre letzte eigene Kompilation, zusammengestellt in ihren letzten Tagen. \u00a0Was hier ver\u00f6ffentlicht wurde war in einem Hefter, teils handschriftlich (s. Bild), betitelt mit den Worten \u201e<em>Von den Bewohnern der St\u00e4dte<\/em>\u201c.<img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-2332 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Gercke-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"294\" height=\"435\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Gercke-scaled.jpg 1731w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Gercke-101x150.jpg 101w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Gercke-692x1024.jpg 692w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Gercke-1039x1536.jpg 1039w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Gercke-1385x2048.jpg 1385w\" sizes=\"(max-width: 294px) 100vw, 294px\" \/><\/p>\n<p>Um noch einmal <em>Laudan<\/em> zu zitieren, weil man es einfach nicht besser sagen kann: \u201e<em>Ihr finsterer Realismus, n\u00fcchtern und unbotm\u00e4\u00dfig, nie humor- oder zahnlos, schimmert immer durch und hallt nach\u201c. \u2026<\/em><\/p>\n<p><em>nicht von Trauer lallen<\/em><\/p>\n<p><em>sondern ruhig sein<\/em><\/p>\n<p><em>Ihre Texte sagen zu mir: Machen wir uns nichts vor. Sie sagen mir: Ich kann es nicht \u00e4ndern, aber ich nehme es nicht hin. Sie machen sichtbar, was gesehen werden muss, wenn der aufrechte Gang mehr sein soll als wohlfeile Fassadenpflege. Insofern richten sie mich auf<\/em>\u201c.<\/p>\n<p>In ihrem Nachruf (S. 96-99) betont <em>Else Laudan<\/em>, dass ihr in ihrem Verlegerinnendasein nie Texte unter den Rotstift gekommen sind, die weniger Lektorat brauchten. Bei Doris Gercke stand jedes Wort an seinem Platz, <em>\u201ekein Satz war zu viel, keine Szene zu lang, die Details klug gesiebt, die Sprache schlicht und gelassen: Schn\u00f6rkellosigkeit als Kunstform\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Ein Beispiel daf\u00fcr zitiert <em>Laudan<\/em> dann direkt danach aus dem Roman von Gercke, \u201eFrisches Blut\u201c (2018):<\/p>\n<p><em>\u201eDas Problem der leicht zu bedienenden<\/em><\/p>\n<p><em>Handfeuerwaffen haben wir noch nicht gel\u00f6st,<\/em><\/p>\n<p><em>und ein Aufmarsch bewaffneter Kinder h\u00e4tte<\/em><\/p>\n<p><em>die R\u00fcstungsindustrie weltweit in Erregung<\/em><\/p>\n<p><em>versetzen k\u00f6nnen.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Fiktion und Wahrheit sind bei Doris Gercke eng verwoben, ihr \u201e<em>finsterer Realismus war immer n\u00fcchtern und unbotm\u00e4\u00dfig\u201c. <\/em>In der Kurzgeschichte \u201eWinter und Sommer\u201c (S. 63-70 in dem Band) findet sich ein Beispiel f\u00fcr diesen Realismus:<\/p>\n<p>\u201e<em>Es kann selbstverst\u00e4ndlich sein, dass auch ihr Alter daran schuld war, wenn es bei ihnen in den Gespr\u00e4chen immer um irgendwelche Grundsatzfragen ging. Als sie so alt waren wie wir, besch\u00e4ftigten die Leute sich eben mit Politik. Oder mit so Gestalten wie Brecht. Oder Adorno. Ich wei\u00df nicht, aber das hat sich doch ge\u00e4ndert. Das k\u00f6nnte man ja auch einmal einfach zur Kenntnis nehmen. Nat\u00fcrlich wissen wir, jedenfalls die meisten von uns, wer diese Leute waren und dass sie einmal zu einer bestimmten Zeit eine Rolle gespielt haben. Aber muss man ihre Namen deshalb auch heute noch st\u00e4ndig im Munde f\u00fchren<\/em>?\u201c (S. 64 f.).<\/p>\n<p>Abgedruckt in dem B\u00e4ndchen ist auch ein Vortrag von <em>Doris Gercke<\/em>, den sie 1995 in Marbach gehalten hatte. Unter dem Titel \u201e<em>Wie man einen Krimi schreibt (oder auch nicht)<\/em>\u201c beschreibt sie die Grunds\u00e4tze ihres Schreibens. Es geht ihr um die Ann\u00e4herung an die Wahrheit, darum, die Leser ernst zu nehmen, einen Standpunkt zu haben \u2013 und um ein gutes Handwerk. \u201e<em>Es geht darum, einen Standpunkt zu haben. Beliebigkeit ist t\u00f6dlich<\/em>\u201c (S. 83). Ihren Standpunkt beschreibt sie als \u201eunten\u201c. Unter \u2013 das hei\u00dft: bei den Toten, Mordopfern, Ausgesperrten, Weggeworfenen, \u201e<em>bei denen ohne Chance, von denen dieses Land, eines der reichsten der Erde, im Begriff ist Millionen zu produzieren<\/em>\u201c (S. 84). \u00a0Was ein Krimi nicht braucht sind \u201e<em>dumme M\u00e4nner, die von Dingen reden, von denen sie keine Ahnung haben<\/em>\u201c (S.80).<\/p>\n<p>Wer war Doris Gercke? Geboren wurde sie 1937 in Greifswald als Tochter einer Arbeiterfamilie. Sie war Sekret\u00e4rin, Begabtenabiturientin und Jurastudentin, ehe sie sich in den 1980ern der politischen Kriminalliteratur zuwandte. Als Sch\u00f6pferin der unangepassten und handgreiflichen Ermittlerin Bella Block schrieb sie Literaturgeschichte, s\u00e4gte mit ihren d\u00fcsteren, kritischen Romanen an der Erz\u00e4hlhoheit im Genre. Im \u201e<a href=\"https:\/\/www.perlentaucher.de\/autor\/doris-gercke.html\">Perlentaucher\u201c<\/a> wird sie wie folgt zitiert: &#8222;<em>F\u00fcr mich ist Krimi eine Kunstform. Kunst hat etwas mit Abbildung von Wirklichkeit und Wahrhaftigkeit zu tun. Je wahrhaftiger ein Krimi ist, desto besser finde ich ihn.<\/em>&#8220;<\/p>\n<p>Die B\u00fccher von <em>Gercke <\/em>sind \u00fcbrigens nicht die Grundlage f\u00fcr die Handlungen der Filmreihe im ZDF &#8211; bis auf die Figur \u201eBella Block\u201c sowie den ersten Film. \u00a0Bei \u201e<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Bella_Block\">Wikipedia<\/a>\u201c wird dies so beschrieben: \u201e<em>Eine wichtige Differenz der beiden Bella-Block-Figuren besteht darin, dass die \u201eTV-Bella\u201c als Kommissarin zur Polizei zur\u00fcckgekehrt ist, wohingegen Gerckes Bella Privatdetektivin geblieben ist. Dies hat zwei Gr\u00fcnde: Zum einen ist sie davon \u00fcberzeugt, dass eine Karriere bei der Polizei nur korrumpieren kann. Sie f\u00fcrchtet um ihre Integrit\u00e4t\u201c. Vor allem aber h\u00e4lt es \u201eBella Block\u201c als Feministin \u201ebei dieser per se frauenverachtenden und rassistischen m\u00e4nnlich dominierten Beh\u00f6rde nicht aus. Die Eins\u00e4tze findet sie ineffektiv, das Imponiergehabe der m\u00e4nnlichen Kollegen l\u00e4cherlich, und sie kommt zu dem Ergebnis, dass die Polizei nur ein sich selbst beweihr\u00e4uchernder Verein f\u00fcr \u201ekarrieregeile Kraftprotze\u201c sei<\/em>\u201c.<\/p>\n<p>Lust auf mehr? Die Krimis von Doris Gercke sind leider zum Teil nur noch gebraucht zu bekommen. Aktuell verf\u00fcgbar sind \u201eFrisches Blut. Deutsche Geschichten\u201c und \u201eDie Nacht ist vorgedrungen\u201c, beides im <a href=\"https:\/\/argument.de\/?s=Gercke&amp;post_type=product\">Ariadne -Verlag<\/a>.<\/p>\n<p>Thomas Feltes, Februar 2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Doris Gercke, Von den Bewohnern der St\u00e4dte, Argument Ariadne, Hamburg 2026, 103 S., ISBN978-3-86754-411-5, gebunden mit Leseb\u00e4ndchen, 12.- Euro Viele kennen die \u201eBella Block\u201c-Krimis, die von 1994 bis 2018 in 38 Folgen im ZDF ausgestrahlt wurden. Die Figur wurde von Doris Gercke erdacht, die jetzt vom Ariadne-Verlag mit einem wundersch\u00f6nen kleinen Textband gew\u00fcrdigt wird, der &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2331\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Doris Gercke, Von den Bewohnern der St\u00e4dte. 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