{"id":2344,"date":"2026-02-28T14:34:40","date_gmt":"2026-02-28T13:34:40","guid":{"rendered":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2344"},"modified":"2026-03-01T08:00:09","modified_gmt":"2026-03-01T07:00:09","slug":"maximilian-haendschke-werte-und-einstellungen-von-polizeibeamtinnen-und-polizeibeamten-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2344","title":{"rendered":"Maximilian Haendschke, Werte und Einstellungen von Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten. Rezensiert von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Maximilian Haendschke, Werte und Einstellungen von Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten.<\/strong> Eine empirische Untersuchung im Kontext von Rahmenbedingungen und Erfahrungen des t\u00e4glichen Dienstes. Springer VS Wiesbaden, ISBN Print 978-3-658-50479-3, ISBN e-book 978-3-658-50480-9, 365 S., Preis 79,99 \/ 62,99 Euro<\/p>\n<p>Als Exekutivorgan des staatlichen Gewaltmonopols muss die Polizei B\u00fcrgern\u00e4he, Transparenz, aber auch die <a href=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Cover_Werte-und-Einstellungen-von-Polizeibeamtinnen-und-Polizeibeamten.tif\">\u00a0<img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-2347 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Haendschke.jpg\" alt=\"\" width=\"173\" height=\"246\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Haendschke.jpg 669w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/02\/Haendschke-105x150.jpg 105w\" sizes=\"(max-width: 173px) 100vw, 173px\" \/><\/a>Durchsetzungskraft des Rechtsstaates in sich vereinen \u2013 und gleichzeitig das Vertrauen in den Staat durch ihr Handeln aufrechterhalten. Im dienstlichen Alltag m\u00fcssen individuelle Ansichten und Werte hinter ihren beamtenrechtlichen Pflichten und insbesondere dem Neutralit\u00e4tsgebot zur\u00fcckstehen \u2013 was aber (auch aus nachvollziehbaren Gr\u00fcnden) nicht immer gelingt. Polizeibeamte m\u00fcssen sich mit unseren demokratischen Grundwerten identifizieren. Das ist bei der Einstellung in den Dienst so, und muss auch im Laufe der Dienstjahre so bleiben, ungeachtet der Anforderungen, vor denen die Beamten gestellt werden.<!--more--><\/p>\n<p>In den vergangenen Jahren gab es immer wieder F\u00e4lle von Diskriminierung durch Polizeibeamte. Studien belegten die Bef\u00fcrchtung struktureller Probleme mit menschenfeindlichen Einstellungen und extensiver Polizeigewalt.\u00a0 Die Arbeit von <em>Haendschke<\/em> beleuchtet die Einstellungen von Polizeibeamten mit Blick auf ihre politischen \u00dcberzeugungen, ihre Einstellung zu spezifischen Bev\u00f6lkerungsgruppen und setzt diese ins Verh\u00e4ltnis zu m\u00f6glichen Einflussfaktoren. Dazu geh\u00f6ren z.B. ihre Kontakterfahrungen im Umgang mit spezifischen Bev\u00f6lkerungsgruppen und Merkmale der polizeilichen Arbeitswelt.<\/p>\n<p>Der Autor beginnt seine Arbeit mit folgender Aussage: \u201e<em>Polizeiarbeit ist ein Indikator f\u00fcr den Zustand des demokratischen Rechtsstaates, denn schlie\u00dflich zeichnet seine freiheitlich demokratische Grundordnung (FDGO) aus, dass sich alle Menschen auf den Schutz ihrer Grundrechte verlassen k\u00f6nnen<\/em>\u201c (S. 1). Polizei, Verfassungsschutz und andere Sicherheitsbeh\u00f6rden sehen sich derzeit, so der Autor, einer Situation gegen\u00fcber, in denen sich soziale, gesellschaftliche und politische Spannungen manifestieren. Der Polizei komme daher eine Sonderrolle im Diskurs um die Erosion des demokratischen Wertefundaments und dem Aufwachsen extremistischer und populistischer Str\u00f6mungen zu. Umso sensibler m\u00fcsse Hinweisen nachgegangen werden, die darauf schlie\u00dfen lassen, dass diese Entwicklung nicht vor Angeh\u00f6rigen von Polizei und anderen Sicherheitsorganen haltmacht. Mehrere Ereignisse h\u00e4tten in den letzten Jahren im ganzen Bundesgebiet Zweifel an der Verfassungstreue einiger Angeh\u00f6riger verschiedener Polizeibeh\u00f6rden geweckt.<\/p>\n<p>\u201e<em>Diese und weitere Vorf\u00e4lle werfen die Frage auf, ob es sich bei den mehrfach zu Tage getretenen Ereignissen tats\u00e4chlich nur um Einzelf\u00e4lle handelt oder ob die Verbreitung von menschen- und demokratiefeindlichen Einstellungen auch in der Polizei zu bef\u00fcrchten ist. Zumindest gilt es zu hinterfragen, wie es um institutionsimmanente Determinanten bestellt ist, welche die Entstehung und Persistenz demokratie- und menschenfeindlicher Einstellungen beg\u00fcnstigen oder zumindest nicht verhindern\u201c<\/em> (S. 3).<\/p>\n<p>Der Autor will untersuchen, inwieweit die Polizei selbst als \u201e<em>soziokultureller Rahmen und berufliche Peer-Group\u201c<\/em> einstellungsf\u00f6rdernder Faktor sein k\u00f6nnte. Es gelte, die Entstehung und den Fortbestand von Einstellungen, die mit der FDGO nicht vereinbar sind, fr\u00fchzeitig zu erkennen und zu verhindern.<\/p>\n<p>In seiner Arbeit will der Autor das \u201e<em>Wertefundament der Polizei<\/em>\u201c rund um das Syndrom der Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit und dem Konstrukt der Neuen Rechten Mentalit\u00e4ten unter folgenden Leitfragen betrachtet:<\/p>\n<ol>\n<li>Unterliegen Polizeibeamte institutionsimmanenten Faktoren, welche die Entstehung bzw. die Persistenz demokratie- und\/oder menschenfeindlicher Werthaltungen oder Einstellungen beeinflussen?<\/li>\n<li>Sofern entsprechende Einstellungen vorliegen, wirken sich diese auf polizeiliches Handeln bzw. Handlungslogiken aus?<\/li>\n<\/ol>\n<p>Zur Beantwortung dieser Leitfragen hat er eine quantitative Erhebung in einer Polizeibeh\u00f6rde in NRW durchgef\u00fchrt. In seiner Analyse der Ergebnisse folgt die Arbeit einer grunds\u00e4tzlich vermuteten Wirkrichtung und betrachtet, nach der theoretischen Fundierung (Kapitel 2 und Kapitel 3) und der Darstellung des zentralen Hypothesenmodells dieser Arbeit (Kapitel 4) folgen methodische Hinweise (Kapitel 5) sowie die Beschreibung der vorliegenden Stichprobe (Kapitel 6), zun\u00e4chst die Umst\u00e4nde und Gegebenheiten im t\u00e4glichen Polizeivollzugsdienst (Kapitel 7).<\/p>\n<p>Dazu geh\u00f6ren die organisatorischen Rahmenbedingungen, Anforderungen und Konflikt- bzw. Gewalterfahrungen. Im Anschluss werden die Facetten polizeilicher Intergruppenkontakte und deren Wechselwirkungen dargestellt (Kapitel 8). Die Analyse der Einstellungen beginnt mit Sichtweisen in Bezug zum eigenen Dienstalltag (Kapitel 9), z. B. in Form von Arbeitszufriedenheit, dem eigenen Commitment gegen\u00fcber der Polizei, der Berufsmotivation und typischen Elementen der gelebten \u201eCop Culture\u201c\u201c (S. 5).<\/p>\n<p>Darauf baut dann die Analyse der \u00fcbergeordneten Werte und Einstellungen sowie etwaiger arbeitsweltlicher Einfl\u00fcsse auf. Dazu z\u00e4hlen die politischen Grundhaltungen (Kapitel 10), die Auspr\u00e4gungen von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (Kapitel 11) und neue rechten Mentalit\u00e4ten (Kapitel 12).<\/p>\n<p>Inwieweit die betrachteten Einstellungen tats\u00e4chlich handlungsleitend sein k\u00f6nnen und z. B. Racial Profiling oder eine Abschottung nach au\u00dfen beg\u00fcnstigen k\u00f6nnen, hinterfragt der Autor im vorletzten Abschnitt (Kapitel 13), bevor die Arbeit mit einem Res\u00fcmee und offen gebliebenen oder nur begrenzt zu beantwortende Anschlussfragen schlie\u00dft (Kapitel 14).<\/p>\n<p>Zu Beginn betont der Autor auch, dass seine Arbeit gr\u00f6\u00dftenteils erkl\u00e4renden Charakter hat und theoriebasiert die Pr\u00fcfung von Zusammenhanghypothesen vornimmt, in einigen Teilbereichen aber letztlich explorativ vorgegangen werden musste. Das schm\u00e4lert aber schon deshalb den Wert der Arbeit nicht, weil es nicht \u201edie\u201c Polizei gibt, wie immer wieder angenommen wird, sondern Polizeibeamte als Individuen sehr unterschiedlich sind (und handeln) und vor die lokale Polizeikultur eine wesentliche Rolle bei polizeilichem Handeln, aber auch bei der Entstehung und Verfestigung von Einstellungen und individuellen Handlungsmustern spielt.<\/p>\n<p>So gab und gibt es teilweise \u00f6ffentlich, meist aber zumindest intern bekannte Reviere, die \u00fcber Jahre oder Jahrzehnte als besonders problematisch z.B. durch erh\u00f6hte Polizeigewalt oder besonders Zwischenf\u00e4lle im Umgang mit Randgruppen und Minderheiten auffallen. Das Problem besteht hier einerseits darin, dass eine Rotation im Personaleinsatz, die solchen lokalen Polizeikulturen (die wir auch aus anderen juristisch relevanten Bereiche kennen \u2013 \u201elocal legal culture\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>) vorbeugen k\u00f6nnte, oftmals von verschiedenen Seiten und teilweise auch von den Beamten vor Ort selbst abgelehnt wird; andererseits sto\u00dfen polizeiliche und politische F\u00fchrung in solchen Kontexten oftmals aus jeweils unterschiedlichen Gr\u00fcnden an ihre Grenzen, wie beispielsweise die (Nicht-)Aufarbeitung des Falls Oury Jalloh oder der Hanauer Morde gezeigt hat. Gr\u00fcnde daf\u00fcr sind eine polizeiinterne Fehler(vertuschungs)kultur, auf politischer Seite die Angst davor, W\u00e4hlerstimmen oder Mandate zu verlieren, wenn man Fehler zugibt.<\/p>\n<p>Haendschke selbst formuliert das so: \u201e<em>Insbesondere in konflikttr\u00e4chtigen Einsatzbereichen scheint es, auch aus Perspektive des Dienstherrn, von hoher Wichtigkeit, \u00fcber Rotations- und Betreuungsangebote drohende Negativspiralen aufzubrechen und den Einsatzkr\u00e4ften strukturelle Unterst\u00fctzung anzubieten, um entweder die Wahrscheinlichkeit positiver Kontakterfahrungen zu erh\u00f6hen oder deren negative Auswirkung auf das Empfinden zu schm\u00e4lern<\/em>\u201c (S. 157).<\/p>\n<p>In diesem f\u00fcr einzelne Polizeibeamte oftmals nur schwer ertr\u00e4glichen Konglomerat von W\u00fcnschen, Erwartungen und Alltagsproblemen siedeln sich dann individuelle Probleme und Pers\u00f6nlichkeitsentwicklungen der Beamten an.<\/p>\n<p>Die Studie von Haendschke beginnt damit, dass die theoretische Grundlage und der Forschungsstand aufgearbeitet wird, und zwar knapp und pr\u00e4zise, aber ausreichend. Dadurch bleibt gen\u00fcgend Raum f\u00fcr die Darstellung der Methode (ab S. 47) und vor allem der Ergebnisse (ab S. 63). Damit nimmt dieser Teil fast 300 Seiten ein \u2013 etwas, was man bei vielen Dissertationen vermisst, die sich (zu) breit in Ausf\u00fchrungen zur Theorie verlieren und denen es nicht gelingt, die eigenen Ergebnisse angemessen mit den Grundannahmen der Arbeit zu verbinden. Genau dieses aber gelingt Haendschke auf besondere Art und Weise, in dem er einerseits seine Ergebnisse sehr detailgenau darstellt, andererseits aber bei der Analyse und Interpretation auf theoretische Grundannahmen und in der wissenschaftlichen Literatur bearbeitete Themen eingeht.<\/p>\n<p>Dadurch ist die Arbeit zwar an vielen Stellen etwas m\u00fchsam zu lesen, weil es der Autor sehr genau mit der Darstellung der Ergebnisse nimmt. Hier h\u00e4tte man h\u00e4ufiger im Sinne einer besseren Lesbarkeit auf (ausschlie\u00dflich) tabellarische Darstellungsweise zur\u00fcckgreifen und danach den\/die wichtigsten Aspekte herausgreifen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Andererseits handelt es sich hier um keine Arbeit, die so nebenbei gelesen werden sollte. Es bleibt zu hoffen, dass der Autor eine pr\u00e4gnante Kurzfassung in Aufsatzform vorlegt, wie er dies zu den Themen des polizeilichen Schusswaffengebrauchs und des Umgangs mit Menschen in psychischen Ausnahmesituationen bereits getan hat, damit die Ergebnisse auch bei der Polizeipraxis und vor allem der politischen F\u00fchrung wahrgenommen werden (zumindest werden k\u00f6nnen).<\/p>\n<p>Immerhin helfen hier teilweise (leider aber nicht durchg\u00e4ngig) Kapitelzusammenfassungen, in denen der Autor die Ergebnisse zusammenfasst. So stellt er bspw. fest, dass Polizeibeamte in mehreren Bereichen Einstellungen und Annahmen \u00fcber allgemeing\u00fcltige Zust\u00e4nde ihres Berufsstandes haben, die sich durch eigenes Erleben nicht best\u00e4tigen lassen. \u201e<em>Anders formuliert: PVB neigen anscheinend dazu, generalisierende Annahmen \u00fcber \u201eihre Polizei\u201c als Allgemeinpl\u00e4tze zu \u00fcbernehmen, auch wenn sie selbst keine entsprechenden eigenen Erfahrungen vorweisen k\u00f6nnen<\/em>\u201c. (S. 131)<\/p>\n<p>Bez\u00fcglich der Kontakte mit Muslimen, asylsuchenden Menschen, Sinti_zze und Rom_nja, PoC und psychisch auff\u00e4lligen Menschen zeigen die Ergebnisse von Haendschke, dass mehr Kontakt zu negativen Kontakterfahrungen bei den Beamten f\u00fchrt, also ein signifikanter indirekter Effekt \u00fcber die Kontakterfahrungen auf das Empfinden besteht (S. 154).<\/p>\n<p>Ausgangspunkt der Arbeit war die Frage, ob es organisationsimmanente Faktoren in der Polizei gibt, welche die Entstehung und den Fortbestand menschen- und demokratiefeindlicher Einstellungen f\u00f6rdern oder verhindern. Im Ergebnis zeigt sich (was zu erwarten war) eine enorme Komplexit\u00e4t bei der Ausdifferenzierung von Faktoren, die direkt oder indirekt auf Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (GMF), Neue Rechte Mentalit\u00e4ten (NRM) und die Billigung von Racial Profiling sowie dem Code of Silence wirken. Haendschke kann einige Einflussfaktoren identifizieren, die auch gesamtgesellschaftlich schon als Pr\u00e4diktoren benannt wurden. Dazu geh\u00f6ren z. B. die politischen Grundhaltungen und die Einstellungen zur Demokratie.<\/p>\n<p>Allerdings \u2013 und das stellt der Autor in das Zentrum seines Res\u00fcmees \u2013 konnten dar\u00fcber hinaus polizeispezifische Merkmale herausgearbeitet werden, \u201e<em>die einerseits den dienstlichen Alltag in der Polizei NRW besonders pr\u00e4gen und die andererseits Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und Neue Rechte Mentalit\u00e4ten beeinflussen. Hierunter f\u00e4llt die individuelle Bereitschaft, eigene Vorurteile zu reflektieren und die Eindr\u00fccke dienstlicher Routinen und kriminogener Ph\u00e4nomene und Gruppierungen nicht als einzige Quelle des eigenen Menschenbildes zuzulassen. Damit einher geht besonders die Verwendungsbreite als m\u00f6gliches pr\u00e4ventives Momentum im Verantwortungsbereich der jeweiligen Beh\u00f6rdenleitung und letztlich der \u00fcbergeordneten politischen Entscheidungsebene auf ministerieller Ebene. Rotation \u00fcber entsprechende Verwendungskonzepte (bzw. Personalentwicklungskonzepte) zu schaffen, ist daher im Interesse aller Beteiligten<\/em>\u201c (S. 343).<\/p>\n<p>Zwar gibt <em>Haendschke<\/em> an, dass der Faktor der sozialen Erw\u00fcnschtheit \u00fcberpr\u00fcft wurde (S. 54). Im weiteren Verlauf der Arbeit wird dies aber leider nicht mehr bzw. nur einmal auf S. 339 thematisiert, auch wenn er angibt, dass dies bei der Interpretation der Antworten im weiteren Verlauf noch zu ber\u00fccksichtigen sei (aaO.). Diese Verf\u00e4lschung von Antworten d\u00fcrfte z.B. nicht nur bei der Abfrage des \u00dcberforderungsempfindens (S. 80 ff.) eine Rolle gespielt haben, sondern auch bei im weitesten Sinn \u201epolitischen\u201c Fragen. Denn die Beschr\u00e4nkung auf die Direktionen GE, K, V sowie ZA eines einzelnen Polizeipr\u00e4sidiums (Bonn) mit 1.184 PVB , zuz\u00fcglich 242 Kommissaranw\u00e4rtern, d\u00fcrfte den Befragten bekannt gewesen sein. Ob und wie man seine eigene Dienststelle und bei bestimmten Aussagen auch seine eigenen Dienstvorgesetzten bewerten will, d\u00fcrfte dabei sicher eine Rolle gespielt haben, zumal zwei Drittel der Befragten nicht an der Umfrage teilnahmen \u2013 m\u00f6glicherweise also kritisch eingestellte Beamte sich erst gar nicht an der Befragung beteiligt haben. Leider thematisiert <em>Haendschke <\/em>dies in seiner Arbeit nicht. Das von <em>Haendschke<\/em> berichtete \u201einsgesamt positive Bild der Befragten auf die Polizei NRW als \u201eihre\u201c Organisation\u201c (S. 345) w\u00e4re daher kritisch zu hinterfragen gewesen. Letztlich aber schm\u00e4lert dies den Wert der Arbeit nicht, denn \u2013 wie <em>Haendschke<\/em> ja zu Beginn betont hat \u2013 die Arbeit gr\u00f6\u00dftenteils erkl\u00e4renden Charakter hat. Die Ergebnisse k\u00f6nnen und d\u00fcrfen daher nicht 1:1 auf \u201edie Polizei\u201c \u00fcbertragen werden, und zwar weder auf die Polizei in Bonn, noch auf die in NRW oder gar der BRD insgesamt. Sie liefern aber ein Bild der Werte und Einstellungen von Polizeibeamten, das es wissenschaftlich weiter zu beobachten und zu untersuchen gilt, und auf das die Politik und Vorgesetzte reagieren m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Daher ist es wichtig, dass der Autor darauf hinweist, dass f\u00fcr \u201e<em>den Gesamtdiskurs rund um die Polizei zwischen hoheitlichen Aufgaben, staatlichem Gewaltmonopol und gesellschaftliche Erwartungen an eine moderne und rechtsstaatliche Institution ist es sicherlich f\u00f6rderlich, wenn Beh\u00f6rden, Medien und Politik differenziert die komplexen Umst\u00e4nde betrachten, in denen PVB agieren m\u00fcssen. Das Erzeugen vereinfachter und populistischer Bilder von PVB als Spielb\u00e4llen von Gewaltexzessen, No-Go Areas oder Ausweglosigkeit gegen\u00fcber einer Vielzahl an (neuen) Deliktsfeldern sch\u00fcrt die Gefahr, dass diese Allgemeinpl\u00e4tze aufgenommen und reproduziert werden. Somit entstehen Wahrnehmungen von einer generellen \u00dcberlastung, drastischer Gewaltfrequenz oder dem Kampf gegen die Windm\u00fchlen der Vorgangsbelastung, die in Einzelf\u00e4llen sicherlich zutreffend sind und professionelle Unterst\u00fctzung der jeweiligen Beamt*innen erforderlich machen \u2013 in vielen F\u00e4llen aber zu eine Wahrnehmungsblase f\u00fchren k\u00f6nnen, die ohne Reflexion in die \u00dcbernahme von demokratie- und menschenfeindlichen Einstellungen m\u00fcnden kann<\/em>\u201c (S. 344 f.).<\/p>\n<p>Die Arbeit wurde als Dissertation an der juristischen Fakult\u00e4t der Ruhr-Universit\u00e4t Bochum angenommen und von Tobias Singelnstein betreut. Der Autor, der derzeit noch an der Deutschen Hochschule der Polizei f\u00fcr den h\u00f6heren Polizeivollzugsdienst qualifiziert, hebt in seinem Vorwort hervor, dass ihn die Dissertation \u00fcber knapp f\u00fcnf Jahre begleitet und zahlreiche fachliche und pers\u00f6nliche Herausforderungen bereitgehalten hat. Seine Doppelfunktion als Polizeibeamter einerseits und \u201e<em>\u00fcber die Polizei Forschender<\/em>\u201c andererseits \u201e<em>hatte sicherlich Vorteile, weil mir Organisationsstruktur, Ansprechpartner*innen und Abl\u00e4ufe bekannt waren. Gleichzeitig habe ich aber auch Skepsis und Vorbehalte in der Organisation gegen\u00fcber meiner wissenschaftlich distanzierten Betrachtung \u201edes eigenen Vereins\u201c wahrgenommen. Dies resultierte m\u00f6glicherweise auch aus der zeitlichen N\u00e4he meiner Erhebung zum sogenannten Chatgruppenverfahren in NRW und den daraufhin eingeleiteten politischen Ma\u00dfnahmen in der Polizei NRW<\/em>\u201c (S. V).<\/p>\n<p>Es bleibt zu hoffen, dass der Autor \u2013 in welcher polizeilichen Funktion auch immer \u2013 der Polizeiwissenschaft erhalten oder zumindest verbunden bleibt und das, was er selbst in seiner Studie herausgefunden hat, in seinen Polizeialltag einbauen kann.<\/p>\n<p>Thomas Feltes, M\u00e4rz 2026<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.thomasfeltes.de\/pdf\/veroeffentlichungen\/2012_Feltes_Community_Policing.pdf\">https:\/\/www.thomasfeltes.de\/pdf\/veroeffentlichungen\/2012_Feltes_Community_Policing.pdf<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Maximilian Haendschke, Werte und Einstellungen von Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten. Eine empirische Untersuchung im Kontext von Rahmenbedingungen und Erfahrungen des t\u00e4glichen Dienstes. 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