{"id":2353,"date":"2026-03-04T11:13:17","date_gmt":"2026-03-04T10:13:17","guid":{"rendered":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2353"},"modified":"2026-03-04T11:16:43","modified_gmt":"2026-03-04T10:16:43","slug":"melcher-meisselbach-wessels-hrsg-subjektive-sicherheit-und-politische-kultur-erkenntnisse-aus-sachsen-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2353","title":{"rendered":"Melcher\/Mei\u00dfelbach\/We\u00dfels (Hrsg.), Subjektive Sicherheit und politische Kultur. Erkenntnisse aus Sachsen. Rezensiert von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Reinhold Melcher, Christoph Mei\u00dfelbach, Bernhard We\u00dfels (Hrsg.), Subjektive Sicherheit und politische Kultur. Erkenntnisse aus Sachsen.<\/strong> Springer VS Wiesbaden, 2026, 470 S., ISBN print 978-3-658-49447-6, 84,99 Euro, e-book ISBN 9783658494483 66,99 Euro<\/p>\n<p>Die Gew\u00e4hrleistung von Sicherheit geh\u00f6rt zu den fundamentalen Aufgaben des modernen Staates. Dabei stehen die<img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-2355 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Melcher-Meisselbach.jpg\" alt=\"\" width=\"161\" height=\"228\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Melcher-Meisselbach.jpg 667w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/03\/Melcher-Meisselbach-106x150.jpg 106w\" sizes=\"(max-width: 161px) 100vw, 161px\" \/> \u201eobjektive\u201c Sicherheitslage (Kriminalstatistiken) mit den Ergebnissen von wissenschaftlichen Dunkelfeldstudien und Befragungen zur subjektiv wahrgenommenen Sicherheit in der Bev\u00f6lkerung oft im Gegensatz. Dieses Spannungsfeld wirft Fragen auf, die sowohl f\u00fcr die Sozialwissenschaften als auch f\u00fcr die politische Praxis von gro\u00dfer Relevanz sind. Die Beitr\u00e4ge in dem Sammelband basieren auf Ergebnisse einer 2022 in Sachsen durchgef\u00fchrten Befragung.<!--more--><\/p>\n<p>Dieser Sammelband will eine Br\u00fccke zwischen der kriminologischen Forschung zu Sicherheitsgef\u00fchl bzw. Kriminalit\u00e4tsfurcht und der \u201epolitischen Kulturforschung\u201c schlagen \u2013 wobei der Begriff der \u201epolitischen Kulturforschung\u201c insofern missverst\u00e4ndlich ist, als es nicht um politische Kultur i.e.S. geht, sondern um die Orientierungen der Bev\u00f6lkerung gegen\u00fcber dem politischen System<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>.<\/p>\n<p>Datengrundlage der Beitr\u00e4ge in diesem Band bildet die Bev\u00f6lkerungsbefragung \u201eSicherheit und Kriminalit\u00e4t in Sachsen 2022\u201c, die vom S\u00e4chsischen Institut f\u00fcr Polizei- und Sicherheitsforschung (SIPS) konzipiert und geleitet wurde. An der Befragung hatten sich mehr als 5.000 Personen beteiligt. In diesem Kontext sind verschiedene interessante Ver\u00f6ffentlichungen in den vergangenen Jahren entstanden (einen \u00dcberblick findet man <a href=\"https:\/\/www.zkfs.de\/publikationen\/\">hier<\/a>). Zuletzt besch\u00e4ftigte sich ein <a href=\"https:\/\/www.degruyterbrill.com\/document\/doi\/10.1515\/mks-2025-0023\/html\">Beitrag<\/a> auch mit der Frage, ob die Kriminalit\u00e4tsfurcht das Vertrauen in die Polizei untergr\u00e4bt.<\/p>\n<p>Im Fokus des hier besprochenen Bandes stehen drei Fragen: Wie l\u00e4sst sich Kriminalit\u00e4tsfurcht konzeptionell und empirisch erfassen? Welche Auswirkungen hat sie auf politisch-kulturelle Einstellungen, etwa die Legitimit\u00e4t des politischen Systems und das Vertrauen in dessen zentrale politische Akteure? Und wie pr\u00e4gen solche Unsicherheitsgef\u00fchle das politische Verhalten, etwa in der Form von Wahlentscheidungen und politischem Protest?<\/p>\n<p>Der Band richtet sich an Forschende der politischen Wahl- und Einstellungsforschung, der kriminologischen Forschung zum Sicherheitsgef\u00fchl sowie angrenzender Fachdisziplinen. Dar\u00fcber hinaus bietet der Sammelband auch Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr die polizeiliche und zivile Pr\u00e4ventionsarbeit.<\/p>\n<p>Die einzelnen Beitr\u00e4ge sind nicht miteinander verbunden, beleichten aber unterschiedliche Facetten des Problems. Im Einleitungsbeitrag wird der Zusammenhang zwischen politischer Kultur und Sicherheitsgef\u00fchl behandelt, bevor auf die Kriminalit\u00e4tsfurcht als Ausdruck allgemeiner (sozialer) Unsicherheit eingegangen wird. Weitere Beitr\u00e4ge sind:<\/p>\n<ul>\n<li>Wie sich das subjektive Kriminalit\u00e4tserleben im Zeitverlauf ver\u00e4ndert hat. Eine Analyse am Beispiel der Stadt Dresden, 1995-2024.<\/li>\n<li>Stadt, Land, Furcht: Kriminalit\u00e4tsfurcht in unterschiedlichen r\u00e4umlichen Kontexten.<\/li>\n<li>Grenzen der Furcht: Der Einfluss von Grenzn\u00e4he, Urbanit\u00e4t und politischer Einstellung auf personale Kriminalit\u00e4tsfurcht.<\/li>\n<li>Der Gender Fear Gap im Vermeidungsverhalten in Sachsen: Eine empirische Analyse g\u00e4ngiger Erkl\u00e4rungsmodelle von Kriminalit\u00e4tsfurcht.<\/li>\n<li>Angst essen Demokratie auf . Ist die politische Kultur in Sachsen von Angst beeinflusst?<\/li>\n<li>Sicherheit f\u00fcr Recht und Ordnung? \u00dcber die Auswirkungen von Kriminalit\u00e4tseinstellungen auf das Polizeivertrauen im Freistaat Sachsen.<\/li>\n<li>Diskriminierung = Vertrauensverlust? Der Einfluss von Diskriminierungserfahrungen auf das soziale und politische Vertrauen.<\/li>\n<li>Gefahr durch Extremismus &#8211; Furcht vor Extremismus? Der Hotspot Sachsen und die Wahrnehmungen und Sorgen der Bev\u00f6lkerung.<\/li>\n<li>Angst an der Wahlurne: Geschlechtsspezifische Einfl\u00fcsse von sozialer Kriminalit\u00e4tsfurcht auf die Wahlpr\u00e4ferenz f\u00fcr die Alternative f\u00fcr Deutschland.<\/li>\n<li>Zuwanderung, Sorgen vor Islamismus und AfD-Wahl: Eine Studie auf Gemeindeebene in Sachsen.<\/li>\n<li>F\u00fchrt Kriminalit\u00e4tsfurcht zu politischer Abstinenz oder Mobilisierung?<\/li>\n<li>Politische Kultur und das behaviorale Immunsystem. Der Einfluss von Infektionsangst auf Vertrauen, Fremdenf\u00fcrchtigkeit und Konservatismus.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Im Fazit am Ende des umfangreichen Bandes stellen die Herausgeber fest, dass die Ergebnisse \u201cdurchaus gravierenden Konsequenzen von Kriminalit\u00e4tsfurcht f\u00fcr die demokratische politische Kultur\u201c aufzeigen. \u201eH\u00e4ufig geht es dabei nicht einfach um generelle \u00c4ngste und Sorgen, die einfach auf das Feld der Kriminalit\u00e4t \u00fcbertragen werden, sondern um eine spezifisch konstruierte Kriminalit\u00e4tsfurcht und deren daraus resultierenden Einstellungen und Verhaltensweisen\u201c. W\u00e4hrend die personale Kriminalit\u00e4tsfurcht eng an Erfahrungen tats\u00e4chlicher oder bef\u00fcrchteter Viktimisierung und Vulnerabilit\u00e4t gekoppelt sei, gr\u00fcnde soziale Kriminalit\u00e4tsfurcht st\u00e4rker in der Wahrnehmung eines allgemeinen Verlusts sozialer Kontrolle. \u201eMeist ist es daher nicht die individuelle subjektive Sicherheit, die zu einer generalisierten Problematisierung von Kriminalit\u00e4t f\u00fchrt (\u2026), zumal subjektive und \u201eobjektive\u201c Sicherheitslagen weitgehend voneinander entkoppelt sind (\u2026). Dementsprechend ist die soziale Kriminalit\u00e4tsfurcht h\u00e4ufig ein Zeichen f\u00fcr generalisierte Verunsicherung.<\/p>\n<p>Nimmt man die Ergebnisse der Studie ernst, dass ergeben sich \u2013 so die Herausgeber &#8211; f\u00fcr die Bek\u00e4mpfung der Kriminalit\u00e4tsfurcht und deren Einfluss auf politische Einstellungen und Verhalten f\u00fcr die personale Dimension andere Schlussfolgerungen als f\u00fcr die soziale Dimension. Die Bek\u00e4mpfung von Kriminalit\u00e4tsfurcht d\u00fcrfe daher nicht auf die Bek\u00e4mpfung von Kriminalit\u00e4t selbst verk\u00fcrzt werden, weil die \u201esoziale Kriminalit\u00e4tsfurcht\u201c weitreichende Folgen f\u00fcr politische Orientierungen, Einstellungen und das Vertrauen in die demokratische Ordnung habe. Gefragt seien daher nicht nur umfassende Perspektiven, sondern das Bewusstsein f\u00fcr den Umstand, dass die Folgen einer spezifisch konstruierten Furcht vor Kriminalit\u00e4t nicht auf die Sph\u00e4re der \u00f6ffentlichen Sicherheit begrenzt bleiben. Da sie tief in die politische Kultur hineinwirken, bestehe die Notwendigkeit vielschichtiger wie langfristig angelegter Ma\u00dfnahmen.<\/p>\n<p>Auch wenn das abschlie\u00dfende Kapitel versucht, die in den Beitr\u00e4gen zuvor dargestellten Einzelergebnisse und Analysen zusammenfassend zu bewerten, so w\u00e4re es hilfreich gewesen, in einer Einleitung das Konzeot und den Aufbau des Bandes ausf\u00fchrlicher zu erl\u00e4utern. Auch ein Beitrag, der sich intensiver mit anderen Studien in Deutschland zu dieser Thematik vesch\u00e4ftigt (z.B. zur Bochumer Befragung, vgl. <a href=\"https:\/\/publikationen.uni-tuebingen.de\/xmlui\/handle\/10900\/124898\">Schind 2022<\/a>) w\u00e4re n\u00fctzlich gewesen. So verbleibt der Eindruck einer schwer nachvollziehbaren Zusammenstellung von Beitr\u00e4gen, die alleine die 2022 durchgef\u00fchrte Umfrage verbindet.<\/p>\n<p>Zur Preisgestaltung soll an dieser Stelle nur soviel gesagt werden dss es nciht nachvollziehbar ist, dass die Ergebnisser solcher, mit \u00f6ffentlichen Mitteln gef\u00f6rderten Studien bzw. daraus entstehenden Analysen nicht open access zur Verf\u00fcgung stehen, sondern kommerziellen Vermarktern zur Verf\u00fcgung gestellt werden.<\/p>\n<p>Thomas Feltes, M\u00e4rz 2026<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> \u201ePolitische Kultur bezeichnet allgemein das Verteilungsmuster aller Orientierungen einer Bev\u00f6lkerung gegen\u00fcber dem politischen System als der Summe aller Institutionen. Zur politischen Orientierung z\u00e4hlen Meinungen, Einstellungen, Affekte und Werte\u201c. <a href=\"https:\/\/www.bpb.de\/kurz-knapp\/lexika\/handwoerterbuch-politisches-system\/202093\/politische-kultur\/\">https:\/\/www.bpb.de\/kurz-knapp\/lexika\/handwoerterbuch-politisches-system\/202093\/politische-kultur\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reinhold Melcher, Christoph Mei\u00dfelbach, Bernhard We\u00dfels (Hrsg.), Subjektive Sicherheit und politische Kultur. Erkenntnisse aus Sachsen. Springer VS Wiesbaden, 2026, 470 S., ISBN print 978-3-658-49447-6, 84,99 Euro, e-book ISBN 9783658494483 66,99 Euro Die Gew\u00e4hrleistung von Sicherheit geh\u00f6rt zu den fundamentalen Aufgaben des modernen Staates. 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