{"id":2371,"date":"2026-04-14T09:58:37","date_gmt":"2026-04-14T07:58:37","guid":{"rendered":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2371"},"modified":"2026-04-14T09:58:37","modified_gmt":"2026-04-14T07:58:37","slug":"robert-j-sampson-marked-by-time-how-social-change-has-transformed-crime-and-the-life-trajectories-of-young-americans-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2371","title":{"rendered":"Robert J. Sampson, Marked by Time. How Social Change Has Transformed Crime and the Life Trajectories of Young Americans. Rezensiert von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Robert J. Sampson, Marked by Time. How Social Change Has Transformed Crime and the Life Trajectories of Young Americans.<\/strong> The Belknap Press of Harvard University Press, Cambridge (Mass.), London (England), 2026, ISBN 9780674987548, 27,95 Euro<\/p>\n<p>Zwischen 1970 und 2020 erlebten die Vereinigten Staaten einen dramatischen Anstieg von Kriminalit\u00e4t und <img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-2372 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/9780674987548.jpg\" alt=\"\" width=\"164\" height=\"246\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/9780674987548.jpg 630w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/9780674987548-100x150.jpg 100w\" sizes=\"(max-width: 164px) 100vw, 164px\" \/>Inhaftierungen, gefolgt von einem unerwarteten R\u00fcckgang. Mit dem R\u00fcckgang der Gewalt gingen auch andere Belastungen wie Drogenkonsum, Autounf\u00e4lle, Kinderarmut und Bleibelastung einher. Bis 2020 erreichten die Inhaftierungsraten den niedrigsten Stand seit 25 Jahren, wovon vor allem Afroamerikaner profitierten. Diese positiven Ver\u00e4nderungen fanden jedoch keinen Eingang in die \u00f6ffentliche, mediale Debatte oder die Politik. Vor allem die Politik st\u00fctzt sich in den USA (durchaus auch vergleichbar mit der Situation in Deutschland), weiterhin auf veraltete Studien und vereinfachende Narrative \u00fcber moralischen Charakter und pers\u00f6nliche Verantwortung. Hier setzt die Studie von Sampson an, die der Frage nachgeht, wie der gesellschaftliche Wandel die Kriminalit\u00e4t und die Lebenswege junger Amerikaner ver\u00e4ndert hat.<!--more--><\/p>\n<p>Ein Hauptgrund f\u00fcr die verzerrte Wahrnehmung im \u00f6ffentlichen Diskurs und in der Politik ist \u2013 so der Autor der hier vorgestellten Studie &#8211; die Art und Weise, wie Sozialwissenschaftler die Entwicklung von Jugendlichen untersuchen \u2013 in der Regel durch Ans\u00e4tze, die sich auf eine einzige Geburtskohorte konzentrieren und den Generationswandel nicht erfassen. In seiner drei Lebensjahrzehnte umfassenden Studie mit \u00fcber tausend Kindern aus Chicago stellt <em>Robert J. Sampson<\/em> diese Konvention nun in Frage. Er kommt zu dem Ergebnis, dass Kinder mit \u00e4hnlicher Selbstkontrolle<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> und \u00e4hnlichem famili\u00e4ren Hintergrund, deren Geburtsjahr nur ein Jahrzehnt auseinander liegt, dramatisch unterschiedliche Lebenswege einschlagen. Kinder, die Mitte der 1980er Jahre geboren wurden, wurden mit doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit bis Mitte zwanzig verhaftet wie Kinder, die zehn Jahre sp\u00e4ter geboren wurden.<\/p>\n<p><em>Sampsons<\/em> Studie beleuchtet die Rolle sich ver\u00e4ndernder sozialer Bedingungen und struktureller Ver\u00e4nderungen bei Verbesserungen in den Lebenswegen von Jugendlichen sowie neue Risiken, die diese Fortschritte gef\u00e4hrden. Insofern ist diese Studie eine konsequente und wichtige Fortschreibung fr\u00fcherer Studien zur Langzeitentwicklung krimineller Karrieren.<\/p>\n<p><strong>Nach <em>Sampsons <\/em>neuer Studie pr\u00e4gt die (historische) Zeit, in die ein Kind hineingeboren wird, seine Zukunft ebenso tiefgreifend wie seine ethnische Zugeh\u00f6rigkeit, seine Erziehung oder sein Wohnumfeld<\/strong>. Um Fortschritt, Ungleichheit und Politik neu zu \u00fcberdenken, m\u00fcssen wir, so der Autor, zun\u00e4chst einmal anerkennen, <strong>wie sehr die Zeit selbst das Leben jedes Einzelnen ver\u00e4ndert.<\/strong><\/p>\n<p>Bereits 2006 hatte <em>Sampson<\/em> \u2013 damals zusammen mit John Laub \u2013 kriminelle Karrieren \u00fcber 70 Jahre hinweg untersucht. In der damals l\u00e4ngsten kriminologischen L\u00e4ngsschnittstudie wurden Daten \u00fcber Straftaten von delinquenten m\u00e4nnlichen Straft\u00e4tern im Alter von 7 bis 70 Jahren ausgewertet<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><sup>[2]<\/sup><\/a>. Dabei ging es um die Frage, ob es eine bestimmte Gruppe gibt, deren Kriminalit\u00e4tsraten bei zunehmendem Lebensalter stabil blieben und ob individuelle Unterschiede hinsichtlich Kindheitsmerkmalen und Familienhintergrund langfristige Entwicklungen vorhersagbar machen. In beiden Hinsichten sind die Ergebnisse negativ: Die Verbrechensraten gehen f\u00fcr alle Gruppen fr\u00fcher oder sp\u00e4ter zur\u00fcck, sogar bei aktiven Straft\u00e4tern. Im Ergebnis ist es schwierig, wenn nicht unm\u00f6glich, das Begehen von Straftaten \u00fcber die gesamte Lebensspanne mit Hilfe statistischer Lebenslaufdaten an Hand von Risikofaktoren aus Merkmalen bezogen auf Kindheit und Adoleszenz prospektiv zu identifizieren. Das \u201eModell krimineller Karriere\u201c l\u00e4sst sich gemessen an den individuellen Verl\u00e4ufen nicht halten<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><sup>[3]<\/sup><\/a>.<\/p>\n<p>Die Autoren konnten damals allerdings einen Zusammenhang zwischen Familienstand und krimineller Entwicklung feststellen. Das Risiko einer kriminellen Entwicklung ist bei dem Familienstand \u201cverheiratet\u201d um 35 % niedriger als f\u00fcr mit dem Status \u201cnicht verheiratet\u201d<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>. Ebenso spielt eine stabile Berufst\u00e4tigkeit eine wichtige Rolle.<\/p>\n<p><em>Steven Pinker<\/em> hat in seiner Besprechung des Buches <em>Robert Sampson<\/em> als einen \u201ePionier auf dem Gebiet der differenzierten, evidenzbasierten Kriminalit\u00e4tsanalysen\u201c bezeichnet. In diesem Buch beleuchte er eine tiefgreifende, aber oft untersch\u00e4tzte Tatsache in Bezug auf Trends, die einen sich wandelnden Zeitgeist, eine sich ver\u00e4ndernde Altersstruktur oder einen Generationswechsel widerspiegeln k\u00f6nnen. <em>Sampson<\/em> entwirre diese Zusammenh\u00e4nge und vermittelt ein neues Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die dramatischen Ver\u00e4nderungen der Kriminalit\u00e4tsraten in den USA (Zitat von der Umschlagr\u00fcckseite).<\/p>\n<p>In Deutschland hat <em>Hans-J\u00fcrgen Kerner<\/em> zuletzt (2025) eine auch biographisch erl\u00e4uterte Analyse zu Lebensl\u00e4ufen von Straft\u00e4tern vorgelegt. Seine Studie \u201eLebensverl\u00e4ufe zwischen Freiheit und Unfreiheit. Kriminologische Analyse zur Dynamik von Wiederholungst\u00e4terschaft und strafrechtlichen Reaktionen\u201c ist <a href=\"https:\/\/www.google.com\/url?sa=t&amp;source=web&amp;rct=j&amp;opi=89978449&amp;url=https:\/\/publikationen.uni-tuebingen.de\/xmlui\/bitstream\/handle\/10900\/172953\/T%25C3%25BCKrim-Bd-54_Hans-J%25C3%25BCrgen-Kerner.pdf%3Fsequence%3D5%26isAllowed%3Dy&amp;ved=2ahUKEwirvPaa_uqTAxXUSvEDHRswDDQQFnoECBoQAQ&amp;usg=AOvVaw0lC_Ik9kDTqe-ZbFEMwV9A\">hier<\/a> verf\u00fcgbar. Bereits fr\u00fcher wurde durch die sog. \u201e<a href=\"https:\/\/uni-tuebingen.de\/fakultaeten\/juristische-fakultaet\/forschung\/institute-und-forschungsstellen\/institut-fuer-kriminologie\/forschung\/entwicklungskriminologie-verlaufsforschung\/abgeschlossene-projekte\/tuebinger-jungtaeter-vergleichsuntersuchung-tjvu\/\">T\u00fcbinger Jungt\u00e4teruntersuchung<\/a>\u201c der Versuch unternommen, vergleichbare Karriereverl\u00e4ufe in Deutschland nachzuzeichnen. Dabei fanden sich im Sozialbereich fundamentale Unterschiede zwischen der H\u00e4ftlings- und der Vergleichsgruppe, wobei es weniger die vorgegebenen \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nde waren als vielmehr das eigene Verhalten der Probanden im allt\u00e4glichen Leben, die selbstgew\u00e4hlten Bez\u00fcge und der gesamte Lebensstil, durch die sich die Gruppe der H\u00e4ftlinge von der Vergleichsgruppe aus der Durchschnittspopulation abhob. Der &#8222;T\u00e4ter in seinen sozialen Bez\u00fcgen&#8220; wurde als Kristallisationspunkt gesehen, wobei die Differenzierung zwischen den \u201e\u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nden\u201c und den sozialen Bez\u00fcgen, in denen die Probanden lebten, nicht immer nachvollziehbar war.<\/p>\n<p><em>Sampsons<\/em> aktuelle Studie erweitert diese Sichtweise nun deutlich. Indem er \u00fcber 25 Jahre hinweg Kinder begleitete und dabei sowohl ihre Herkunft als auch ihre Lebensverl\u00e4ufe bis ins fr\u00fche und mittlere Erwachsenenalter untersucht, kann er zeigen, wie sich individuelle Lebenswege und historischer Wandel \u00fcberschneiden.<\/p>\n<p>Seine These: Der Zeitpunkt, zu dem wir geboren werden, macht uns zu dem, was wir sind. So kann er zeigen, dass die Wahrscheinlichkeit, im Laufe des Lebens verhaftet zu werden, bei Menschen, die Mitte der 1980er Jahre geboren wurden, mehr als doppelt so hoch ist wie bei denen, die nur ein Jahrzehnt sp\u00e4ter, Mitte der 1990er Jahre, geboren wurden. Diese gro\u00dfe Ungleichheit bei den Verhaftungen ergibt sich dabei <strong>nicht<\/strong> aus individuellen, famili\u00e4ren oder nachbarschaftlichen Merkmalen in der fr\u00fchen Kindheit. Sie ergibt sich aus den gr\u00f6\u00dferen und stark divergierenden sozio-historischen Kontexten, in denen die Kinder durch die Adoleszenz bis ins Erwachsenenalter heranwuchsen. <strong>Der soziale Wandel einer Gesellschaft hat Auswirkungen auf die Kriminalit\u00e4tsbelastung der Kinder und Jugendlichen.<\/strong><\/p>\n<p>Pers\u00f6nlichkeit, Familie und Nachbarschaft pr\u00e4gen, so Sampson (S. 2 f.) nach wie vor unser Leben \u2013 doch ihr Einfluss ist nicht unver\u00e4nderlich, ebenso wenig wie der Einfluss der ethnischen Zugeh\u00f6rigkeit oder der sozialen Schicht eines Menschen. Durch den Vergleich von Menschen, die zu unterschiedlichen Zeiten geboren wurden, kann man erkennen, wie diese bekannten Faktoren an Bedeutung gewinnen oder verlieren, w\u00e4hrend sich die Gesellschaft um sie herum wandelt.<\/p>\n<p>Betrachtet man den Lebensverlauf von der Geburt bis ins Erwachsenenalter, so zeigt seine Studie, dass diejenigen, die in \u00e4lteren Kohorten in Armut aufwuchsen, mit gr\u00f6\u00dferer Wahrscheinlichkeit eine Vorstrafe erhielten als diejenigen, die in j\u00fcngeren Kohorten in ebenso gro\u00dfer Armut aufwuchsen. Auch die Verhaftungsrate armer Afroamerikaner ging im Laufe der Zeit rapide zur\u00fcck. Am \u00fcberraschendsten ist vielleicht, dass der gesellschaftliche Wandel zwischen \u00e4lteren und j\u00fcngeren Kohorten so erheblich war, dass die Kinder der \u00e4lteren Kohorte mit hoher Selbstkontrolle genauso h\u00e4ufig verhaftet wurden wie die Kinder der nur ein Jahrzehnt sp\u00e4ter geborenen Kohorte mit geringer Selbstkontrolle.<\/p>\n<p>Die Frage, warum die Kriminalit\u00e4t im Jugendalter stark ansteigt und dann im Erwachsenenalter kontinuierlich abnimmt, besch\u00e4ftigt die Kriminologie seit Jahrzehnten. Aber, so <em>Sampson<\/em> (S. 69) es k\u00f6nnte durchaus sein, dass es sich um die falsche Frage handelt. Er verweist auf einen Artikel aus den 1980er Jahren, mit dem <em>Travis Hirschi und Michael Gottfredson<\/em> eine Kontroverse ausl\u00f6sten, indem sie argumentierten, dass der Einfluss des Alters auf Kriminalit\u00e4t \u00fcber soziale und historische Bedingungen hinausgeht. Sie zeigten, dass junge Menschen an der Schwelle zum Erwachsenenalter des Erwachsenwerdens h\u00e4ufiger gegen das Gesetz versto\u00dfen als j\u00fcngere oder \u00e4ltere. Obwohl sie die Frage offen lie\u00dfen, warum das Alter so stark mit Kriminalit\u00e4t zusammenh\u00e4ngt, zeigten sie, dass traditionelle Erkl\u00e4rungen \u2013 wie fehlende finanzielle Mittel, der Einfluss delinquenter Gleichaltriger oder sogar biologische Faktoren wie ein hoher Testosteronspiegel \u2013 dieses Muster von Anstieg und R\u00fcckgang, das einfach als \u201eAlterseffekt\u201c bekannt ist, nicht vollst\u00e4ndig erkl\u00e4ren konnten. In ihrer sp\u00e4teren Arbeit argumentierten sie, dass der Fokus stattdessen auf geringer Selbstkontrolle liegen sollte, die fr\u00fch im Leben auftritt und direkt zu Kriminalit\u00e4t in allen Altersgruppen f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Im Gegensatz dazu argumentiert <em>Sampson<\/em>, dass diese Faktoren zwar einen gewissen Einfluss haben, dass <strong>aber ganz entscheidend die historische gesellschaftliche Lage ist, in die man geboren wird (und auf die man damit keinen Einfluss hat).<\/strong><\/p>\n<p>Dazu untersucht Sampson beispielsweise den Zusammenhang zwischen polizeilichen Festnahmen im Zusammenhang mit \u201eBroken Windows\u201c und der Entwicklung der Geburtskohorten. Bemerkenswerterweise gingen sowohl die Festnahmen wegen Drogenvergehen als auch wegen ordnungswidrigen Verhaltens ab Mitte der 1990er Jahre drastisch zur\u00fcck, eine Tatsache, die im Widerspruch zu den vorherrschenden Annahmen \u00fcber die Massenkriminalisierung in den letzten Jahrzehnten steht. Daraus folgt laut <em>Sampson <\/em>(S. 120): Auch wenn die Polizeiarbeit zweifellos eine Rolle spielt, reicht weder die g\u00e4ngige Hypothese des \u201eKriegs gegen die Drogen\u201c noch die Hypothese der \u201eBroken-Windows\u201c-Polizeistrategie aus, um die ausgepr\u00e4gten Muster der Kohortenunterschiede bei der Kriminalisierung zu erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>In Bezug auf Festnahmen generell stellt <em>Sampson<\/em> fest, dass die j\u00fcngeren Kohorten eine <strong>v\u00f6llig andere soziale Welt<\/strong> erlebten als ihre \u00e4lteren Pendants. Diese Welt war fast zu gleichen Teilen gepr\u00e4gt von einem stark sinkenden Risiko einer Festnahme \u2013 wegen Drogen- und Eigentumsdelikten \u2013 und stark sinkenden Raten bei Eigentums- und Gewaltdelikten. Die j\u00fcngeren Kohorten schienen sowohl einer Kriminalit\u00e4tswelle als auch dem Krieg gegen die Drogen entgangen zu sein (S. 126).<\/p>\n<p>Weiterhin untersucht Sampson auch Zusammenh\u00e4nge mit Arbeitslosigkeit und Kinderarmut (S. 127 ff.) und kommt zu dem Ergebnis, dass es einige geringf\u00fcgige Unterschiede zwischen den Kohorten hinsichtlich der Armutserfahrung in Kindheit und Jugend gibt. Die Unterschiede sind jedoch relativ gering, insbesondere bis zum Alter von etwa zwanzig Jahren, und die allgemeinen Trends verlaufen f\u00fcr die Mehrheit der betrachteten Altersgruppen weitgehend flach. Das Hauptbild der Armut ist von starken Unterschieden zwischen ethnischen Gruppen in Kindheit und Jugend gepr\u00e4gt, fast so, als lebten sie in unver\u00e4nderlichen, getrennten Welten. Die Schlussfolgerung lautet daher f\u00fcr<em> Sampson<\/em>, dass die unterschiedliche Exposition gegen\u00fcber konzentrierter Armut nach Kohorten nicht die Erkl\u00e4rung daf\u00fcr sein kann, warum die Verhaftungsverl\u00e4ufe zwischen den Kohorten im Jugendalter und im fr\u00fchen Erwachsenenalter f\u00fcr alle ethnischen Gruppen so stark auseinanderlaufen (S. 129).<\/p>\n<p>Aber auch Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze, die au\u00dferhalb der \u00fcblichen kriminologisch diskutierten Faktoren liegen untersucht <em>Sampson<\/em>. So zum Beispiel die Verseuchung bestimmter Stadtgebiete in Chicago mit Blei (S. 131 ff.). Die \u00e4lteren Kohorten waren am st\u00e4rksten benachteiligt, da sie Anfang der 1980er Jahre als S\u00e4uglinge vor der Versch\u00e4rfung der Umweltvorgaben in Chicago lebten. <em>Sampson<\/em> zeigt, dass die Wahrscheinlichkeit, in bleiverseuchten Stadtvierteln zu leben, f\u00fcr Mitglieder der 1980er-Jahre-Kohorte als Kleinkinder doppelt so hoch ist wie f\u00fcr die 1996er-Kohorte, die zu einer Zeit geboren wurde, als die Bleibelastung bereits massiv zur\u00fcckging. Angesichts der dokumentierten sch\u00e4dlichen Auswirkungen von Blei auf die Entwicklung im Lebensverlauf kann man, so <em>Sampson<\/em> (S. 156) schlussfolgern, dass die geringere Belastung der j\u00fcngeren Kohorte, insbesondere unter den Armen, lebenslange Vorteile mit sich brachte, die den \u00e4lteren Kohorten nicht zur Verf\u00fcgung standen. Diese Schlussfolgerung werfe die Frage auf, warum staatliche Ma\u00dfnahmen durch Bodensanierung, Durchsetzung von Bauvorschriften und Investitionen in den Wohnungsbau um Umweltgifte zu beseitigen, nicht weiter verbreitet sind, insbesondere angesichts ihrer nachgewiesenen Wirksamkeit und des Mangels an Ressourcen bei armen Familien.<\/p>\n<p><em>Sampson<\/em> kommt zu dem Ergebnis, dass wir, wenn wir uns mit Kriminalit\u00e4t und Sanktionierung befassen, zu oft auf pers\u00f6nliche Eigenschaften (wie Selbstkontrolle), demografische Merkmale und famili\u00e4re Ressourcen konzentrieren, die den Lebensweg pr\u00e4gen. Diese Faktoren spielen, so <em>Sampson<\/em>, nat\u00fcrlich eine Rolle, doch dieser Blickwinkel l\u00e4sst etwas Entscheidendes au\u00dfer Acht: <strong>den Einfluss des sozialen Wandels<\/strong>. Dieser \u201eblinde Fleck\u201c r\u00fchre daher, wie wir \u00fcblicherweise die Verl\u00e4ufe der menschlichen Entwicklung untersuchen. Typischerweise verfolge ein langfristiges Forschungsprojekt, insbesondere in der Kriminalit\u00e4tsforschung, nur eine einzige Alterskohorte \u2013 eine Stichprobe von Kindern, die gleichzeitig aufwachsen. Dieser Ansatz habe aber eine grundlegende Einschr\u00e4nkung: Er ber\u00fccksichtigt nicht, wie \u00e4hnliche Kinder, die in unterschiedlichen Jahren geboren wurden, unter drastisch unterschiedlichen Bedingungen heranwachsen.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite w\u00fcrden Studien, die gesamtgesellschaftliche Verschiebungen bei Kriminalit\u00e4t und deren Bek\u00e4mpfung untersuchen (sog. \u201ePeriodeneffekte\u201c), typischerweise au\u00dfer Acht lassen, wie sich solche Ver\u00e4nderungen auf Menschen in verschiedenen Lebensphasen unterschiedlich auswirken. W\u00e4hrend Makroanalysen wertvolle Erkenntnisse liefern, \u00fcbersehen sie entscheidende Dynamiken; die Individuen selbst ver\u00e4ndern sich, w\u00e4hrend sich die Gesellschaft um sie herum wandelt. Dar\u00fcber hinaus widersetzen sich die komplexen Muster von Kriminalit\u00e4t, Bestrafung und Ungleichheit in den letzten Jahrzehnten pauschalen Erkl\u00e4rungen f\u00fcr den Anstieg der Masseninhaftierung in den USA.<\/p>\n<p><strong>Was bedeutet die Studie von <em>Sampson<\/em> f\u00fcr die Kriminologie? <\/strong><\/p>\n<p>Zum einen ist m\u00f6glicherweise ein Richtungswandel zumindest bei Langzeitstudien n\u00f6tig, aber auch bei kurzfristigen Analysen von Kriminalit\u00e4tsentwicklungen. Die Analyse der Kriminalit\u00e4tszahlen seit 2022 in Deutschland (Anstieg) ist ein Beispiel daf\u00fcr. Corona und die damit verbundenen Ma\u00dfnahmen haben nachgewiesenerma\u00dfen Auswirkungen auf Kinder und Jugendlichen gehabt. Eine grundlegende Erkl\u00e4rung in Verbindung mit den Kriminalit\u00e4tszahlen steht aber ebenso noch aus wie die Frage, wie darauf (durch Sanktionen, Hilfsangebote etc.) reagiert werden kann oder muss.<\/p>\n<p>Zum anderen m\u00fcssen noch st\u00e4rker als bisher gesamtgesellschaftliche Entwicklungen ber\u00fccksichtigt werden. Diese Entwicklungen sind in unterschiedlichen L\u00e4ndern jeweils anders zu bewerten. Wenn wir versuchen, die Entwicklung der Jugendkriminalit\u00e4t in der Ukraine vor, w\u00e4hrend und sp\u00e4ter nach dem Krieg oder in Pal\u00e4stina, dem Libanon oder dem Iran versuchen zu interpretieren, dann kommen wir um die Ber\u00fccksichtigung solcher historischen Verl\u00e4ufe nicht herum. Aber auch in L\u00e4ndern wie Deutschland oder den USA m\u00fcssen solche gesellschaftlichen Tendenzen, wie sie bspw. durch die politische F\u00fchrung oder gesellschaftliche Narrative (Stichwort \u201eFl\u00fcchtlingskrise\u201c) vorgegeben werden, ber\u00fccksichtigt werden. Eine Mammutaufgaben f\u00fcr die ohnehin empirisch darbende deutsche Kriminologie.<\/p>\n<p>Thomas Feltes, April 2026<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Selbstkontrolle (auch Selbstdisziplin oder Impulskontrolle) ist die F\u00e4higkeit, eigene Impulse, Emotionen und Verhaltensweisen bewusst zu steuern, um langfristige Ziele zu erreichen und Versuchungen zu widerstehen. Sie dient dazu, kurzfristige Bed\u00fcrfnisse zugunsten \u00fcbergeordneter Ziele zu kontrollieren. Sie ist im Prinzip lernbar, h\u00e4ngt aber wesentlich auch von Bedingungen im sozialen Umfeld ab.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> John H. Laub; Robert J. Sampson: Shared Beginnings, Divergent Lives. Delinquent Boys to Age 70; First Harvard University Press paperback edition 2006, 293 Seiten. In dem Projekt wurden 500 delinquente Jungen nachuntersucht, die das Ehepaar Glueck 1950 in Boston untersucht hat. Die Gluecks hatten diese jungen Straff\u00e4lligen bis zum Alter von 32 Jahren begleitet und interviewt und bereits damals erste Schl\u00fcsse gezogen, wer unter welchen Umst\u00e4nden von der Straff\u00e4lligkeit Abstand nimmt und wer weiter kriminell bleibt. 2001 suchten nun die Autoren nach den Strafregistern dieser 500 M\u00e4nner und \u00fcberpr\u00fcften die Sterberegister. Von den urspr\u00fcnglich 500 Probanden waren bei den Gluecks 455 \u00fcbriggeblieben, davon waren 225 im Jahr 2001 definitiv gestorben. In einer aufwendigen Suche fanden Sampson und Laub einen Teil der \u00dcberlebenden und konnten mit immerhin 52 der damaligen Teilnehmer Tiefeninterviews machen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> S.a. Robert J. Sampson and John H. Laub: &#8222;Life-Course Desisters?\u00a0 Trajectories of Crime Among Delinquent Boys Followed to Age 70,&#8220; In: Criminology, Vol. 41 (3), August 2003, pp. 555-592. https:\/\/onlinelibrary.wiley.com\/doi\/abs\/10.1111\/j.1745-9125.2003.tb00997.x<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Sampson, R. J., Laub, J H., Wimper, C. (2006), Does Marriage Reduce Crime? A Counterfactual Approach to within-individual Causal Effects, in: Criminology 44 (3), 465-508. https:\/\/onlinelibrary.wiley.com\/doi\/10.1111\/j.1745-9125.2006.00055.x<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Robert J. Sampson, Marked by Time. How Social Change Has Transformed Crime and the Life Trajectories of Young Americans. 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