{"id":2374,"date":"2026-04-16T16:54:38","date_gmt":"2026-04-16T14:54:38","guid":{"rendered":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2374"},"modified":"2026-04-16T16:56:09","modified_gmt":"2026-04-16T14:56:09","slug":"2374","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2374","title":{"rendered":"Martin Grassberger, Harald Schmid, Todesermittlung. Befundaufnahme und Spurensicherung, 3. Auflage. Rezensiert von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Martin Grassberger, Harald Schmid, Todesermittlung. Befundaufnahme und Spurensicherung<\/strong>, 3., korrigierte Auflage, Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft mbH Stuttgart 2026, XVI, 384 Seiten, 237 farb. Abb., 27 farb. Tab, ISBN 978-3-8047-4709-8, 92.- Euro, E-Book ISBN 978-3-8047-4710-4, 92.- Euro<\/p>\n<p>Mit \u201eTatort K\u00f6rper \u2013 auf der Suche nach der Wahrheit\u201c ist der Umschlagtext dieses Buches \u00fcberschrieben, das sich als<img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-2375 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/9783804747098_c_1920x1920.jpg\" alt=\"\" width=\"149\" height=\"210\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/9783804747098_c_1920x1920.jpg 1360w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/9783804747098_c_1920x1920-106x150.jpg 106w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/9783804747098_c_1920x1920-725x1024.jpg 725w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/04\/9783804747098_c_1920x1920-1088x1536.jpg 1088w\" sizes=\"(max-width: 149px) 100vw, 149px\" \/> \u201epraxisorientierten Leitfaden\u201c versteht und \u201evor Ort ermittelnden Polizeibeamten, Juristen und \u00c4rzten das Grundwissen f\u00fcr ihre verantwortungsvolle T\u00e4tigkeit vermitteln\u201c soll. <!--more--><\/p>\n<p>Das Buch beginnt mit einem Zitat aus der Dreigroschenoper von Bertolt Brecht:<\/p>\n<p>\u201eDenn die einen sind im Dunkeln<\/p>\n<p>Und die anderen sind im Licht.<\/p>\n<p>Und man sieht die im Lichte<\/p>\n<p>Die im Dunkeln sieht man nicht.\u201c<\/p>\n<p>Gemeint sind mit diesem Zitat offensichtlich diejenigen Toten, deren unnat\u00fcrlicher Tod durch Polizei oder Rechtsmediziner nicht erkannt wird (s. dazu unten). \u00a0Der Schwerpunkt dieses Buches liegt auf der detaillierten Darstellung der Arbeit am Tatort wie z. B. Tatortsicherung, taktisches Verhalten, Spurensuche und -sicherung sowie Rekonstruktion. Daher wird besonderes Gewicht auf Themen gelegt, die erfahrungsgem\u00e4\u00df Schwierigkeiten bereiten, wozu die Autoren z.B. naturwissenschaftliche Todeszeitsch\u00e4tzungen, Blutspurenmuster, Ermittlungen nach Brand, Befundaufnahme nach Verkehrsunf\u00e4llen, Tod und Ertrinken im Wasser, Unf\u00e4lle im alpinen Gel\u00e4nde, Ersticken und anderes z\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Behandelt wird, wenn auch eher knapp, auch der <a href=\"https:\/\/www.thomasfeltes.de\/images\/Feltes_ua_LET_Kriminalistik_2026.pdf\">Lagebedinge Erstickungstod<\/a> (LET) bzw. das Excited Delirium Syndrome (S. 138 f.). An diesem Stichwort werden die Vor- und Nachteile der Darstellungsweise in dem Buch deutlich. Zum LET wird ein knapper, aber pr\u00e4ziser \u00dcberblick gegeben, die ausreicht, den Leser f\u00fcr die Problematik zu sensibilisieren. Wer dar\u00fcberhinausgehende Informationen braucht, ist auf vertiefende Aufsatz- oder Monographieliteratur angewiesen<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>.<\/p>\n<p>Aufgrund der verst\u00e4ndlichen Darstellung und der interdisziplin\u00e4ren Betrachtungsweise sowie der ausf\u00fchrlichen Bilddokumentation soll sich, so der Verlag, der Leitfaden auch f\u00fcr die polizeiliche Ausbildung eignen. Hier hat der Rezensent allerdings gewisse Einw\u00e4nde. Zum einen ist die Darstellung nicht immer auf dem aktuellen Stand, was man auch an den Bildern erkennen kann. Zum anderen werden strittige Aspekte oftmals nicht oder nur ansatzweise behandelt. Hier muss man vor allem in den Kapiteln 5 (kriminalistische Untersuchungspraxis am Tatort) und 6 (Spurenkunde) doch deutliche Abstriche machen. Eine intensivere Aktualisierung gerade dieser Kapitel des Buches w\u00e4re notwendig gewesen.<\/p>\n<p>Didaktisch zu begr\u00fc\u00dfen sind die \u201eMerke\u201c-K\u00e4sten, die im Text verteilt sind und wesentliche Aspekte zusammenfassen. So wird z.B. gleich zu Beginn auf die Dunkelziffer bei T\u00f6tungsdelikten hingewiesen und die Studie von Brinkmann zitiert, wonach in Deutschland jedes Jahr mindestens 1.200 T\u00f6tungsdelikte und weitere11.000 nichtnat\u00fcrliche Todesf\u00e4lle nicht erkannt und im Rahmen der Leichenschau als nat\u00fcrliche Todesf\u00e4lle klassifiziert werden. Der \u201eMerke\u201c-Kasten sagt dazu:<\/p>\n<p>\u201e<em>Die Ermittlungen m\u00fcssen soweit gef\u00fchrt werden, bis vern\u00fcnftige Zweifel ausger\u00e4umt sind \u2026 (daher)sollte besser einmal zuviel als einmal zu wenig die Beiziehung eines Rechtsmediziners zum Leichenfundort erwogen und eine Obduktion veranlasst werden<\/em>\u201c. (S. 3).<\/p>\n<p>Ebenso positiv anzumerken ist, dass die Autoren auch immer wieder auf Fehler im polizeilichen Ermittlungsverfahren bzw. auf Fehler in der Dokumentation eines Tatortes oder von Spuren hinweisen (z.B. auf S. 73). Fehler, die bei der Tatortaufnahme und der Spurensicherung gemacht werden, sind im sp\u00e4teren Verlauf eines Ermittlungsverfahrens oftmals nicht mehr zu beheben.<\/p>\n<p>Das muss dann auch f\u00fcr F\u00e4lle des Verdachts auf den o.gen. Lagebedingten Erstickungstod gelten, der leider noch immer in Obduktionen nicht erkannt wird, vor allem, weil die Vorgeschichte des Todes (Fixierungen in Bauchlage l\u00e4nger als 3 Minuten; zu sp\u00e4te Wiederbelebungsversuche; problematischer Transport) und der Tatortbefund dem Obduzenten nicht bekannt sind \u2013 teilweise, weil dies von der Polizei nicht ausreichend dokumentiert wurde.<\/p>\n<p>Die eben nicht nur im Fall eines LET notwendige interdisziplin\u00e4re Zusammenarbeit wird von den Autoren betont und hervorgehoben. Sie muss \u00fcber das in der Regel praktizierte nach- oder nebeneinander von Polizei und Rechtsmedizin deutlich hinausgehen. Daher sind auch die Ausf\u00fchrungen in dem Buch zur Tatortfotographie (S. 227 ff.) und zu den dort inzwischen m\u00f6glichen dreidimensionalen Verfahren wichtig. Hier sieht man, dass beide Autoren mit dem Thema Fotografie nicht nur vertraut sind, sondern diese auch selbst pflegen<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>.<\/p>\n<p>Das Autorenteam besteht aus einem Gerichtsmediziner und Anthropologen (<a href=\"https:\/\/www.martingrassberger.com\/\">Grassberger<\/a>), der sich auch in anderen Bereichen engagiert<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>, und einem seit 2008 pensionierten Wiener Kriminalbeamten (Schmid), die \u2013 eigenen Angaben zufolge \u2013 miteinander befreundet sind.<\/p>\n<p>Das Buch vermittelt kriminalistische und medizinische Grundlagen sowie die Methodik der Untersuchung bei gewaltsamen und nat\u00fcrlichen Todesf\u00e4llen aus rechtsmedizinischer und polizeilicher Sicht. Insofern ist dieses Buch sehr gut dazu geeignet, denjenigen, die nicht selbst Rechtsmediziner sind, einen Ein- und \u00dcberblick \u00fcber die Ermittlungen und Befundungen nach einem unnat\u00fcrlichen Todesfall zu geben. Ausgebildeten Rechtsmedizinern wird die Darstellung an vielen Stellen nicht ausreichend tief sein, was aber kein insofern Problem darstellt, weil es f\u00fcr diese Zielgruppe gen\u00fcgend geeignete Fachb\u00fccher gibt (z.B. von <a href=\"https:\/\/www.beck-shop.de\/dettmeyer-veit-verhoff-rechtsmedizin\/product\/36682713?em_src=kw&amp;em_cmp=google-shopping&amp;srsltid=AfmBOopjQnkDmOihK0K8PEQsr5Wka3-_R3ZmrHx_P2q5qOuCuUuXD7sCb-4\">Dettmeyer u.a.<\/a>).<\/p>\n<p>Als \u00dcberblickswerk ist das Buch aber sehr gut geeignet und f\u00fcr Polizeihochschulen als Standardliteratur zu empfehlen \u2013 allerdings sollte man es (aufgrund der Art der Bebilderung) zuhause so aufbewahren, dass es nicht in die H\u00e4nde von Kindern oder Jugendlichen geraten kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Thomas Feltes, April 2026<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> S. dazu demn\u00e4chst mehrere Beitr\u00e4ge von Dettmeyer, Roos und Feltes zum LET aus medizinischer Sicht.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Was man, nebenbei bemerkt, auch an der Gestaltung der <a href=\"https:\/\/www.martingrassberger.com\/\">Website von Grassberger<\/a> erkennt.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> \u201eSeine Interessenschwerpunkte sind u.a. Human- und Gesundheits\u00f6kologie sowie evolution\u00e4re Aspekte im Verst\u00e4ndnis von Gesundheit und Krankheit. Sein Buch \u201eDas leise Sterben\u201c wurde in \u00d6sterreich Wissenschaftsbuch des Jahres 2020 in der Kategorie Naturwissenschaft\/Technik\u201c. Zitat von der pers\u00f6nlichen Website des Autors. Das aktuelle Buch von Martin Grassberger (\u201e<a href=\"https:\/\/www.residenzverlag.com\/buch\/regenerativ\">Regenerativ. <\/a><a href=\"https:\/\/www.residenzverlag.com\/buch\/regenerativ\">Aufbruch in ein neues \u00f6kologisches Zeitalter!<\/a>\u201c) besch\u00e4ftigt sich mit der Komplexit\u00e4t unseres Daseins, der gegenw\u00e4rtige Poly- und Metakrise und unseren mangelhaften diesbez\u00fcglichen Bew\u00e4ltigungsstrategien.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Martin Grassberger, Harald Schmid, Todesermittlung. 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