{"id":2383,"date":"2026-05-01T11:08:11","date_gmt":"2026-05-01T09:08:11","guid":{"rendered":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2383"},"modified":"2026-05-01T11:08:11","modified_gmt":"2026-05-01T09:08:11","slug":"denise-mina-die-grosse-hitze-ein-philip-marlowe-roman-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2383","title":{"rendered":"Denise Mina, Die gro\u00dfe Hitze \u2013 Ein Philip-Marlowe-Roman. Rezensiert von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Denise Mina, Die gro\u00dfe Hitze \u2013 Ein Philip-Marlowe-Roman<\/strong>. Deutsch von Else Laudan, Ariadne-Verlag Hamburg, 304 S., gebunden mit Leseb\u00e4ndchen, ISBN 978-3-86754-284-5, 24,00 \u20ac.<\/p>\n<p>Ein Marlowe-Roman aus schottischer Feder? Die Glasgower Noir-Queen <em>Denise Mina<\/em> ist auf Chandlers Spuren gewandelt. <img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-2384 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/1284_Mina_Marlowe_Hitze.jpg\" alt=\"\" width=\"128\" height=\"197\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/1284_Mina_Marlowe_Hitze.jpg 250w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/1284_Mina_Marlowe_Hitze-97x150.jpg 97w\" sizes=\"(max-width: 128px) 100vw, 128px\" \/>\u201eDie gro\u00dfe Hitze\u201c spielt, wie sollte es anders sein,\u00a0 im Los Angeles der ausklingenden1930er Jahre. Man begleitet Philip Marlowe durch seine Stadt und seine Zeit, \u201e<em>den Privatschn\u00fcffler mit dem unbestechlichen Blick und der trockenen Schlagfertigkeit\u201c (Else Laudan)<\/em>. Marlowe verabscheut Million\u00e4re und sympathisiert mit Randst\u00e4ndigen, bis hin zum gemeinsamen Alkoholexzess und dem \u00dcbernachten in der Ausn\u00fcchterungszelle der Polizei von Los Angeles.<!--more--><\/p>\n<p><em>Mina<\/em> hat \u2013 so <em>Else Laudan<\/em> im Vorwort \u2013 \u201e<em>ein mitrei\u00dfendes Pastiche erschaffen<\/em>\u201c. F\u00fcr die nicht so literaturaffinen Leser: Ein Pastiche interpretiert den Stil, die Ideen oder Elemente anderer Autoren, Epochen oder Werke neu. Und dies geling <em>Denise Mina<\/em> vorz\u00fcglich: Man sp\u00fcrt den Unterschied zu Chandlers Werken, wei\u00df aber manchmal nicht, was sich besser liest: <em>Denise Minas<\/em> Roman oder Chandlers Werke. Jedenfalls erfreut (wieder einmal) an dem bei <a href=\"https:\/\/argument.de\/\">Ariadne<\/a> im Argument Verlag verlegten Roman die sehr sch\u00f6ne und leserfreundliche Aufmachung: Hardcover, kleines, handliches Format, aber dennoch gut lesbare Schrift, Leseb\u00e4ndchen. Und Informationen zum Hintergrund des Buches \u2013 dazu aber sp\u00e4ter mehr.<\/p>\n<p>\u201e<em>Er bleibt sich treu, der einsame Detektiv, der am Abgrund sozialer Kl\u00fcfte balanciert wie an den Klippen der kalifornischen Canyons. \u2026 Wundersch\u00f6n an diesem milieusatten Roman ist Minas sp\u00fcrbarer Respekt vor dem Original, ihre Liebe zu der ikonischen Figur ihre Eleganz im Jonglieren mit Lokal- und Zeitkolorit\u201c (Else Laudan).<\/em><\/p>\n<p>Los Angeles 1938. Marlowe misstraut dem millionenschweren alten Patriarchen, dessen verschwundene Erbin er suchen soll. Kann sein, dass das seine Priorit\u00e4ten ein bisschen verzerrt. Aber irgendwie muss auch die Miete reinkommen.<\/p>\n<p>Illusionen abgeneigt, Leere in der Tasche, Neugier im Herzen: Philip Marlowe, Inbegriff und Ursprung des hartgesottenen Detektivs, auferstanden dank der genialen Noir-Autorin <em>Denise Mina<\/em>, sucht im L.\u2009A. der H\u00fctten und Pal\u00e4ste nach einer Wahrheit, mit der er leben kann.<\/p>\n<p>Der Roman ist eine \u201e<em>sinnlichen Zeitreise, die zugleich ein Krimi und eine Es-war-einmal-in Amerika-Geschichte<\/em>\u201c. Er ist ein Muss f\u00fcr Interessierte an der Polizei, wie sie einmal war (und in Teilen heute noch ist), ebenso f\u00fcr diejenigen, die erleben wollen, was sich in den USA in den letzten hundert Jahren ver\u00e4ndert hat. \u00dcbrigens erstaunlich wenig, wenn man <em>Minas<\/em> Schilderungen der \u201e<a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Skid_Row,_Los_Angeles\">Skid Row\u201c in Los Angeles<\/a> im Roman mit der heutigen Zeit vergleicht. Auch Donald Trump w\u00fcrde wunderbar in diese Geschichte passen, wobei Kritiker dann sicher sagen w\u00fcrden, dass dies doch zu viel der Phantasie sei\u2026<\/p>\n<p>Aber was genau macht den Roman aus \u2013 au\u00dfer der Tatsache, dass er Philip Marlow wiederauferstehen l\u00e4sst?<\/p>\n<p>Es ist die Sprache, diese verdammte Sprache, die der Roman \u00fcppig pflegt, ja fast zelebriert. Die Sprache, die wir heute an die KI verlieren. Sie macht den Roman so besonders. Die Story, mit all den Drehungen und Wendungen, ist spannend, hat (gesellschafts)politische Sidekicks, die aber weit mehr als das sind. Man h\u00e4lt beim Lesen an, \u00fcberlegt und denkt nach.<\/p>\n<p>Apropos Sprache: Das Original ist auf Englisch (Originaltitel: The Second Murderer), die \u00dcbertragung ins Deutsche hat <em>Else Laudan<\/em> \u00fcbernommen, Verlegerin des Ariadne-Verlags, in dem dieses wundersch\u00f6ne B\u00fcchlein erschienen ist. Man merkt bei jedem Satz, wie viel Spa\u00df ihr die \u00dcbersetzung gemacht hat, und wie tief sie dabei in die Story eingedrungen ist.<\/p>\n<p>Beispiele gef\u00e4llig?<\/p>\n<p>\u201e<em>Und auf diesem Thron sa\u00df der hochwohlgeborene Mr. Chadwick Montgomery. Er starb. Er war mal ein gro\u00dfer Mann gewesen, seine Haut wusste das noch, aber er war darin geschrumpft, und die Haut hing grau an seinem Gesicht, um die Augen so lose, dass man die rote Innenseite sah. Seine H\u00e4nde kauerten auf dem Schreibtisch wie arbeitslose Schinken. Neben ihm stand ein Infusionsapparat. Der Fl\u00fcssigkeitsbeh\u00e4lter war voll und nagelneu. Jedes Mal, wenn ein Tropfen aus dem Beutel in den Schlauch fiel, fing er das Sonnenlicht ein und schickte ein fr\u00f6hliches Funkeln durch den Raum. Tropf, tropf, tropf, tickten die Sekunden seines Lebens dahin.\u201c<\/em><\/p>\n<p>\u201e<em>Ich nahm meinen Drink von dem silbernen Tablett, das mir eine andere Magd hinhielt, die nicht aufsah. Sie hielten die K\u00f6pfe gesenkt, als w\u00e4re es Vertragsbruch, ihre Existenz zuzugeben. Sie schl\u00fcpfte zur\u00fcck in die Schatten. Ich nippte. Sehr feiner Whiskey<\/em>.\u201c<\/p>\n<p>\u201e<em>Er war nur ein Mann auf dem R\u00fccken. Ein Mann mit L\u00f6chern im Leib. Ein toter Mann. Chrissie Montgomery war dahinter, stand zwischen Bett und Fenster. \u2026 Ihr Atem ging flach und abgehackt. Ich sah nach unten. Der Mann hatte Mussolini-Kinnbacken, seidene Smoking-Jacke \u00fcber Frackhemd und Hosen. Dies war sein Zimmer<\/em>.\u201c<\/p>\n<p><em>\u201ePl\u00f6tzlich wirkte es dunkel im Raum. Badeanzug trank. Sie trank, als h\u00e4tte sie noch nie getrunken, aber davon gelesen und es immer mal gewollt. Angenommen, das in ihrer Hand war kein Fruchtcocktail, dann d\u00fcrfte sie, sofern es ihr erster war, jetzt schon ziemlich duhn sein. Es war nicht ihr erster. Sie schlingerte auf mich zu. Der Badeanzug war blau. Er war schon nass geworden und hing hier und da schlapp herunter, genau wie sie. Der Gesamteindruck war zu viel.\u201c<\/em><\/p>\n<p>\u201e<em>Mutter und Tochter musterten einander mit der Herzlichkeit von Revolverhelden beim Warten auf die Mittagsglocke. Ein Dienstm\u00e4dchen huschte zwischen sie, geduckt, als k\u00f6nnte sie geschlagen werden, wenn sie aufrecht stand, \u2026 Keine der Frauen nahm Notiz von ihr. Sie ging. Drau\u00dfen raunte leise der Ozean\u201c<\/em>.<\/p>\n<p><em>Else Laudan<\/em> beschreibt in ihrem Nachwort ihre Motivation, diesen Text zu \u00fcbersetzen, wie folgt: \u201e<em>Chandler, dieser umwerfende Erz\u00e4hler, hat mich f\u00fcrs Genre angefixt. Dass Denise Mina ein Pastiche geschrieben hat, fand ich so verbl\u00fcffend wie passend, und es war mir eine Ehre, diesen Marlowe ins Deutsche zu bringen &#8211; immer schon wollte ich einen \u00fcbersetzen, schon wegen der atemberaubenden Metaphern und Vergleiche. Gierig las ich erneut alle Chandler&#8217;schen Marlowes, im Original und in diversen \u00dcbersetzungen, was manche Verwunderung mit sich brachte, denn \u00e4ltere deutsche Ausgaben sind teilweise krass lieblos und viel machohaft- wurstiger als gerade die fr\u00fchen Originale, die Neufassungen lohnen sich da sehr<\/em>\u201c &#8211; ein dezenter Hinweis darauf, dass es sich auch f\u00fcr diejenigen lohne, den Roman von Mina zu lesen, die fr\u00fchere Marlow-Romane kennen oder noch im B\u00fccherregal stehen haben.<\/p>\n<p>Welche M\u00fche sich <em>Laudan<\/em> bei der \u00dcbersetzung gemacht hat, erkennt man auch daran, dass sie <em>Jonathon Greens<\/em> \u2013 wie sie selbst schreibt \u201e<em>famoses Slangw\u00f6rterbuch<\/em>\u201c, verwendet hat, das inzwischen <a href=\"https:\/\/greensdictofslang.com\">online verf\u00fcgbar<\/a> und mit zahllosen wertvollen Verlinkungen ausgestattet ist. Zudem dankt sie der \u201e<a href=\"https:\/\/raymondchandlercrimeglossary.blogspot.com\">Hardboiled-Nerd-Seite<\/a>\u201c (Glossarium Chandlerscher Begriffe) und dem digitalen W\u00f6rterbuch des deutschen Sprache, <a href=\"https:\/\/www.dwds.de\">DWDS-Kernkorpus<\/a>.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens ist das Slangw\u00f6rterbuch mehr als einen Besuch wert, z.B. zu den Slang-<a href=\"https:\/\/timelinesofslang.com\/race1.html\">Begriffen f\u00fcr White-Europeans bzw. Deutsche<\/a>, die Green seit 1770 (!) dokumentiert hat. Die Slang-Bezeichnungen f\u00fcr Deutsche reichen von \u201eSauerkraut\u201c (1815) \u00fcber \u201esausage\u201c und \u201eFritz\u201c (1890) bis zu \u201e<a href=\"https:\/\/greensdictofslang.com\/entry\/l5oon6i\">metzel<\/a>\u201c (1983), in Anlehnung an die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Wurstbr%C3%BChe\">Metzelsuppe<\/a>.<\/p>\n<p>Ob das Buch deshalb so gut ist, weil die Autorin eine Frau ist, die Chandler bzw. Marlowe besser versteht als M\u00e4nner? Der SPIEGEL zumindest meint, dass viele m\u00e4nnliche Autoren daran gescheitert seien, einen Roman mit dem Marlowe zu schreiben, der es mit dem Werk seines Erfinders aufnehmen kann. Die Schottin <em>Denise Mina<\/em> zeige, wie es besser geht. \u201e<em>Sie lieben die Krimis von Raymond Chandler? Dann sollten Sie sofort diesen Roman lesen<\/em>\u201c \u2013 meint der SPIEGEL. Dem kann man ausnahmsweise mal nicht widersprechen. Subito, lesen!<\/p>\n<p>Thomas Feltes, April 2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Denise Mina, Die gro\u00dfe Hitze \u2013 Ein Philip-Marlowe-Roman. Deutsch von Else Laudan, Ariadne-Verlag Hamburg, 304 S., gebunden mit Leseb\u00e4ndchen, ISBN 978-3-86754-284-5, 24,00 \u20ac. Ein Marlowe-Roman aus schottischer Feder? Die Glasgower Noir-Queen Denise Mina ist auf Chandlers Spuren gewandelt. \u201eDie gro\u00dfe Hitze\u201c spielt, wie sollte es anders sein,\u00a0 im Los Angeles der ausklingenden1930er Jahre. 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