{"id":2390,"date":"2026-05-12T14:26:30","date_gmt":"2026-05-12T12:26:30","guid":{"rendered":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2390"},"modified":"2026-05-12T14:26:30","modified_gmt":"2026-05-12T12:26:30","slug":"claudia-mock-figurations-of-childhood-middle-class-topologies-in-nairobi-and-berlin-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2390","title":{"rendered":"Claudia Mock, Figurations of Childhood. Middle-Class Topologies in Nairobi and Berlin. Rezensiert von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Claudia Mock, Figurations of Childhood. Middle-Class Topologies in Nairobi and Berlin<\/strong>. Transcript-Verlag Bielefeld, 2026, 342 Seiten, ISBN: 978-3-8376-7964-9, 49.- Euro (print), e-book als <a href=\"https:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-7964-9\/figurations-of-childhood\/\">open access<\/a>.<\/p>\n<p>Weltweit f\u00fchren neoliberale Stadtplanung und die sog. \u201eSecuritization\u201c (\u201eVersicherheitlichung\u201c) zu einer Kindheit, die <img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-2391 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/9783837679649wS4pYpQV34OAS_1280x1280.jpg\" alt=\"\" width=\"215\" height=\"333\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/9783837679649wS4pYpQV34OAS_1280x1280.jpg 827w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/9783837679649wS4pYpQV34OAS_1280x1280-97x150.jpg 97w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/05\/9783837679649wS4pYpQV34OAS_1280x1280-662x1024.jpg 662w\" sizes=\"(max-width: 215px) 100vw, 215px\" \/>von Segregation, Eingrenzung und Isolation gepr\u00e4gt ist. Vor allem in Milieus der Mittel- und Oberschicht erscheint die Kindheit als r\u00e4umliche Krise, in der Kinder im Namen des Schutzes bevormundet und entmachtet werden. Claudia Mock st\u00fctzt sich auf generationen\u00fcbergreifende Biografien und mentale Landkarten aus Nairobi und Berlin, um aufzuzeigen, wie sich Sicherheitsdiskurse mit b\u00fcrgerlichen Werten und Architekturen verflechten und die Kindheit in diesen St\u00e4dten seit 1960 auf \u00fcberraschend \u00e4hnliche Weise neugestalten.<!--more--><\/p>\n<p>Die Autorin identifiziert b\u00fcrgerliche Lebensweisen und Adultismus<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> als integralen Bestandteil anthropozentrischer st\u00e4dtischer Krisen und fordert, St\u00e4dte durch generationen\u00fcbergreifende r\u00e4umliche Gerechtigkeit neu zu denken.<\/p>\n<p>Die narrative Zusammenstellung von Interviewausschnitten in dem Buch gew\u00e4hrt einen Einblick in vielf\u00e4ltige Vorstellungen von Heimat und Leben. Dar\u00fcber hinaus l\u00e4sst sie erkennen, wie diese Vorstellungen miteinander verflochten sind, wenn R\u00e4ume pl\u00f6tzlich \u00e4hnlich aussehen, riechen oder sich \u00e4hnlich anf\u00fchlen, obwohl sie geografisch weit voneinander entfernt liegen, wie etwa die Stra\u00dfen vor Doppelhaush\u00e4lften in Buruburu (Nairobi) und Zehlendorf (Berlin).<\/p>\n<p>Die Autorin hat biografische Interviews mit Menschen im Alter von vier bis 62 Jahren in Nairobi und Berlin durchgef\u00fchrt. Die Stichprobe umfasste 36 Menschen aus Nairobi (4\u201362 Jahre) und 10 Menschen aus Berlin (9\u201358 Jahre). Zus\u00e4tzlich hat sie sog. \u201e<a href=\"https:\/\/wirkungswerk.de\/glossary\/cognitive-mapping\/\">kognitive Kartierungen<\/a>\u201c vorgenommen. Mit dem Begriff der &#8222;kognitiven Karte&#8220; \u2013 englisch &#8222;mental map&#8220; \u2013 wird die Art bezeichnet, wie wir geografische R\u00e4ume, also Orte, Landschaften, L\u00e4nder, im Kopf abgespeichert haben; quasi unsere innere Landkarte. Hinzu kommt der Versuch, \u00fcber den Weg der <a href=\"https:\/\/die-architekt.net\/stadtethnologie\/\">architektonischen Ethnografie<\/a> zu beschreiben, welche Wechselwirkung zwischen Menschen und gebauter Umwelt bestehen. Dies geschieht durch teilnehmende Beobachtung und Dokumentation, um Alltagspraktiken zu erkennen.<\/p>\n<p>Weltweit schaffen st\u00e4dtische Gesellschaften zunehmend Umgebungen, die auf die Sicherheit von Kindern ausgelegt sind und in denen sie lernen und sich vergn\u00fcgen k\u00f6nnen. W\u00e4hrend Kinder fr\u00fcher weltweit in st\u00e4dtischen \u00f6ffentlichen R\u00e4umen viel pr\u00e4senter waren, verbringen sie heute viel Zeit in h\u00e4uslichen R\u00e4umen, die zunehmend mit Medien und Technologien ausgestattet sind. Dieser Trend wurde f\u00fcr Kinder seit den 1990er Jahren durch zunehmend allgemein zug\u00e4ngliche (soziale) Medien verst\u00e4rkt und spiegelt eine r\u00e4umliche Gestaltung der Kindheit wider, die mit sich wandelnden Kindheitsbildern und sich ver\u00e4ndernden Vorstellungen von einem \u201eguten\u201c Leben und einer \u201eguten\u201c Kindheit einhergeht.<\/p>\n<p>Die Autorin will dieses Problem im Kontext globaler Ungleichheiten betrachten. Das Buch untersucht daher besonders die sich wandelnden Figuren der Kindheit im Kontext der Klasse.<\/p>\n<p>Die Studie zeigt auf, wie sich Sicherheitsdiskurse mit b\u00fcrgerlichen Werten und Architekturformen verflechten und seit 1960 die r\u00e4umlichen Gestaltungen der Kindheit in diesen St\u00e4dten auf \u00fcberraschend \u00e4hnliche Weise neu pr\u00e4gen. Die Ergebnisse zeigen, dass Dichotomien wie Stadt und Land oder privat und \u00f6ffentlich, die die Topologien der st\u00e4dtischen Mittelschicht als Mittel zur Bew\u00e4ltigung anthropozentrischer st\u00e4dtischer Probleme wie Verkehr, soziale Ungleichheiten und Umweltzerst\u00f6rung in die Stadt eingeschrieben haben, mit Securitization (z. B. bewachte Wohnanlagen und private Spielpl\u00e4tze) beantwortet werden, wodurch die Binarit\u00e4t von Kind und Erwachsenem reproduziert wird.<\/p>\n<p>Kindheit erscheint in diesem Kontext als r\u00e4umliche Krise, in der Kinder im Namen des Schutzes bevormundet und entmachtet werden, insbesondere in Milieus der Mittel- und Oberschicht. Das Buch setzt sich mit diesen b\u00fcrgerlichen Formen der Wahrnehmung und Bew\u00e4ltigung urbaner Unsicherheiten auseinander und kommt zu dem Schluss, dass b\u00fcrgerliche Lebensstile mit exkludierenden (Topo-)Logiken verbunden sind, in denen st\u00e4dtische R\u00e4ume zunehmend um Diskurse von Risiko, Kontrolle und Schutz herum organisiert werden, wodurch \u201esichere R\u00e4ume\u201c entstehen, in denen Segregation dann zu einer Form des zeitlichen Krisenmanagements wird, das privilegierte Kinder vor \u00f6kologischem und sozialem Zusammenbruch abschirmt.<\/p>\n<p>Aus dieser Perspektive erscheinen \u201ekinderfreundliche\u201c oder \u201esichere\u201c R\u00e4ume eher durch Gefahren und die Erhaltung der individuellen k\u00f6rperlichen Gesundheit motiviert, als dass sie Teil einer Transformation hin zu einer gerechteren Stadt w\u00e4ren, die durch generationen\u00fcbergreifende r\u00e4umliche Gerechtigkeit gekennzeichnet ist.<\/p>\n<p>Die mit der Sicherheitsorientierung verbundene Vorstellung von Kindheit birgt ein Klassenparadoxon: Wenn Kinder aus der Mittelschicht durch Fahrdienste und den Aufenthalt in geschlossenen R\u00e4umen Mobilit\u00e4t innerhalb der Stadt erlangen, verlieren sie nicht nur die Orientierung, sondern auch den Kontakt zum sozialen und multisensorischen Gef\u00fcge der Stadt.<\/p>\n<p>Das Buch besticht auch durch seine methodische Reflektion und die durch Grafiken und Bilder unterst\u00fctzte anschauliche Darstellung. Auch wenn es sich in weiten Teilen vor allem mit Nairobi besch\u00e4ftigt, ist es auch f\u00fcr deutsche Leser von Interesse, die mit der Autorin die zunehmende Segregation in Gro\u00dfst\u00e4dten kritisch sehen.<\/p>\n<p>Thomas Feltes, Mai 2026<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Adultismus bezeichnet die Machtungleichheit und Diskriminierung von Kindern und Jugendlichen durch Erwachsene aufgrund ihres Alters. Es ist ein tief verankertes gesellschaftliches Machtverh\u00e4ltnis, bei dem Erwachsene ihre Position nutzen, um \u00fcber Belange J\u00fcngerer zu bestimmen, deren Meinungen oft abzuwerten oder zu ignorieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Claudia Mock, Figurations of Childhood. Middle-Class Topologies in Nairobi and Berlin. Transcript-Verlag Bielefeld, 2026, 342 Seiten, ISBN: 978-3-8376-7964-9, 49.- Euro (print), e-book als open access. 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