{"id":2394,"date":"2026-06-27T15:42:12","date_gmt":"2026-06-27T13:42:12","guid":{"rendered":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2394"},"modified":"2026-07-01T16:17:20","modified_gmt":"2026-07-01T14:17:20","slug":"unter-reichen-heft-der-zeitschrift-mittelweg-36-vorgestellt-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2394","title":{"rendered":"Unter Reichen. Heft der Zeitschrift \u201eMittelweg 36\u201c. Vorgestellt von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Unter Reichen. Heft der Zeitschrift \u201eMittelweg 36\u201c,<\/strong> 35. Jahrgang, Heft 3, Juni\/Juli 2026, Hamburg, 14.- Euro<\/p>\n<p>Mit einem Umfang von 148 Seiten ist dieses Heft der Zeitschrift \u201eMittelweg 36\u201c fast schon ein Buch, und darf daher <img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-2395 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Mittelweg-36.png\" alt=\"\" width=\"214\" height=\"297\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Mittelweg-36.png 1032w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Mittelweg-36-108x150.png 108w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/06\/Mittelweg-36-739x1024.png 739w\" sizes=\"(max-width: 214px) 100vw, 214px\" \/>auch hier im Buch-Blog des PNL besprochen werden. Aber nicht nur deshalb: Dieses Heft thematisiert etwas, was immer wieder mal, dann meist aber eher am Rande thematisiert wird: Die sog. Reichtumsforschung.<!--more--><\/p>\n<p><!--more--><em>Arne Semsrott<\/em>, dessen Buch \u201eGegenmacht\u201c demn\u00e4chst an dieser Stelle vorgestellt werden soll, weist darauf hin, dass Menschen, die f\u00fcr ihr Geld arbeiten, fast die gleiche Steuerlast tragen wie im Jahr 1996, w\u00e4hrend die Belastung f\u00fcr diejenigen, die ihr Geld f\u00fcr sich arbeiten lassen, faktisch halbiert wurde (<em>Semsrott<\/em> S. 41). Er zeigt auch, dass nicht die Armen in unserer Gesellschaft das Problem sind (so wie es die aktuelle Diskussion um die sog. Grundsicherung vorgaukelt), sondern die Reichen.<\/p>\n<p>Die Beitr\u00e4ge in dem Heft von \u201eMittelweg 36\u201c besch\u00e4ftigen sich mit diesem Problem in unserer Gesellschaft \u2013 auch, weil die meisten Verm\u00f6genden das Rampenlicht scheuen und lieber im Verborgenen leben. Mit gutem Grund pflegen sie vornehme Zur\u00fcckhaltung und bleiben unter sich. Die Beitr\u00e4ge schauen hier genauer hin und fragen, nach welchen Regeln diese exklusive Welt funktioniert: \u201eWie wird man Teil der besitzenden Klasse? Welche Traditionen pflegt sie? Mittels welcher Praktiken erh\u00e4lt sie sich? Und welche Probleme treiben sie um? Kurz: Wie lebt es sich Unter Reichen?\u201c<\/p>\n<p>Das klingt auf den ersten Blick dann doch eher nach Voyeurismus und dem besagten Blick hinter die Kulissen- In Wirklichkeit stehen die hier versammelten Beitr\u00e4ge f\u00fcr eine Reichtumsforschung als gesellschaftswissenschaftliche Aufgabe. Sie sehen diese Forschung als wichtigen Teil der Ungleichheits- und Sozialstaatsforschung, als Bewusstseins- und Mentalit\u00e4tsstudien, als Beitrag zur Diskursanalyse. \u201eSich mit Reichtum zu besch\u00e4ftigen, hei\u00dft nicht nur, die oberen Regionen des Sozialraums n\u00e4her zu betrachten oder Daten \u00fcber Verm\u00f6gen, Kapital et cetera zusammenzutragen. Wer sich mit der Soziologie des Reichtums besch\u00e4ftigt, der denkt auch \u00fcber Sozialpolitik nach, er oder sie stellt Macht- und Verteilungsfragen, beleuchtet die Normativit\u00e4t von Verantwortung und Kooperation \u2013 und achtet auch auf historische Perspektiven\u201c.<\/p>\n<p>Das Heft, das mit einem Zitat von <em>Karl Marx<\/em> und einem Cartoon von <em>Donald Duck<\/em> beginnt (\u201eDie reichste Ente der Welt sp\u00fcrt und wei\u00df genau: Geld macht doch gl\u00fccklich\u201c), beleuchtet das Thema aus ganz unterschiedlichen Sichtweisen. Auf der Suche nach gesellschaftlicher Wirklichkeit beschreibt ein Beitrag die sog. \u201eReichtumsforschung\u201c (S. 9 ff.). Das Ziel dieses Beitrags ist es, ein \u201evielschichtiges und empirisch-analytisches Bild vom Reichsein jenseits g\u00e4ngiger Klischees von Luxus und Dekadenz zu entwickeln\u201c. Die Studie, in der es in diesem Beitrag geht, l\u00e4sst verm\u00f6genden Personen selbst zu Wort kommen. In den Urteilen der Wohlhabenden wird sichtbar, wo Reiche ihren Platz in der Gesellschaft sehen und wie sie auf gegenw\u00e4rtige Ungleichheitsverh\u00e4ltnisse blicken.<\/p>\n<p>Ein weiterer Beitrag (S. 45 ff.) thematisiert in einer kritischen Narrativanalyse die Mythen des verdienten Verm\u00f6gens. Dabei werden vier verbreitete Narrative zur Rechtfertigung von sozialer Ungleichheit und Superreichtum diskutiert. Die normativ starken Begriffe und wirkm\u00e4chtigen Narrative von Freiheit, Eigentum, Leistung und Erfolg spielen in ihrem Beitrag eine zentrale Rolle. Nach Auffassung der Autorinnen und Autoren kommen wir in der gesellschaftspolitischen Debatte um Reichtum und Verm\u00f6gen nur voran, wenn wir die Rede von verdientem Verm\u00f6gen gesellschaftswissenschaftlich entmystifizieren.<\/p>\n<p>Eine historische Perspektive bietet ein Beitrag (S. 67ff.), der der Frage von \u00bbReich werden und reich bleiben\u00ab nachgeht. Die Autorin fragt, ob wir historische Phasen ausmachen k\u00f6nnen, in denen besonders g\u00fcnstige Konstellationen bestanden, reich zu werden und zu bleiben. Ein zentraler analytischer Punkt ist die Aussage, dass weder Reichwerden noch Reichbleiben eine Geschichte der Einzelnen ist, sondern immer eine Angelegenheit der vielen. Verwandtschaftliche und famili\u00e4re Beziehungen sind daher f\u00fcr die Autorin der entscheidende Faktor f\u00fcr die (Re-)Produktion von Reichtum. Reichtumsgeschichten seien Familiengeschichten.<\/p>\n<p>Unter dem Titel \u00bbWahrscheinlich alles reiche Familien\u00ab wird das soziale Milieu des Adels, insbesondere der Adelsverb\u00e4nde analysiert (S. 84 ff.). Die Autorin konzentriert sich in ihrem Beitrag vor allem auf Praktiken des doing exclusivity. Reichtumsforschung d\u00fcrfe nicht nur in Strukturen sozialer und \u00f6konomischer Ungleichheit denken. Insbesondere die Analyse von Reichtum, Adel und Exklusivit\u00e4t erfordere die Bereitschaft, die Affektivit\u00e4t und Atmosph\u00e4re gehobener Verh\u00e4ltnisse miteinzubeziehen.<\/p>\n<p>Eine finnische Autorin geht es in ihrer Studie (S. 100 ff.) auf sehr wohlhabende und verm\u00f6gende finnische Familien ein und thematisiert die kulturelle Dimension des Reichtums. Reich zu sein, sei ein wirtschaftlicher Tatbestand, der sich in Verm\u00f6genswerten oder Kapitalanlagen messen lasse. Es sei aber auch eine spezifische kulturelle Praxis, die in Familien und sozialen Bez\u00fcgen erlernt werde. Um reich zu werden, vor allem aber auch, um reich zu bleiben, bedarf es eines dynastischen Mindsets. Dabei geht es um die Habitualisierung und soziokulturelle wie familiale Kapitalisierung des Reichtums.<\/p>\n<p>Das Ende des Heftes bildet ein Interview mit der Leiterin der Abteilung \u201eWealth Management Niederrhein\u201c der Deutschen Bank, die professionelle Verm\u00f6gensverwaltung f\u00fcr Betr\u00e4ge ab 250.000 Euro anbietet und der z.B. die Frage gestellt wird, ob sie reiche Menschen erkennt, wenn Unbekannte auf sie zukommen und ob man zwischen neureich und altreich unterscheiden kann.<\/p>\n<p>Der Mittelweg 36 ist eine Zeitschrift des Hamburger Instituts f\u00fcr Sozialforschung und erg\u00e4nzt deren Buchpublikationen. Inzwischen sind \u00fcber 200 Hefte erscheinen, zu sehr unterschiedlichen Themen. Angesiedelt an der Schnittstelle zwischen akademischer und gesellschaftlicher \u00d6ffentlichkeit werden intellektuelle Debatten von Belang initiiert und begleitet. Regelm\u00e4\u00dfig versorgt die Zeitschrift ihre Leserinnen und Leser mit instruktiven Beitr\u00e4gen zu den geschichts- und sozialwissenschaftlichen Fragestellungen der Gegenwart. Es lohnt sich also, die Zeitschrift zu abonnieren oder zumindest ab und zu mal auf <a href=\"https:\/\/www.hamburger-edition.de\/zeitschrift-mittelweg-36\/\">der website<\/a> nachzusehen, welches Thema aktuell behandelt wird.<\/p>\n<p>Thomas Feltes, Juni 2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unter Reichen. Heft der Zeitschrift \u201eMittelweg 36\u201c, 35. Jahrgang, Heft 3, Juni\/Juli 2026, Hamburg, 14.- Euro Mit einem Umfang von 148 Seiten ist dieses Heft der Zeitschrift \u201eMittelweg 36\u201c fast schon ein Buch, und darf daher auch hier im Buch-Blog des PNL besprochen werden. 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