{"id":2420,"date":"2026-07-31T14:58:37","date_gmt":"2026-07-31T12:58:37","guid":{"rendered":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2420"},"modified":"2026-07-31T14:58:37","modified_gmt":"2026-07-31T12:58:37","slug":"randall-collins-dynamik-der-gewalt-eine-mikrosoziologische-theorie-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2420","title":{"rendered":"Randall Collins, Dynamik der Gewalt. Eine mikrosoziologische Theorie. Rezensiert von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Randall Collins, Dynamik der Gewalt. Eine mikrosoziologische Theorie.<\/strong> Hamburger Edition der HIS-Verlagsgesellschaft, Hamburg 2023, 736 Seiten, ISBN 978-3-86854-389-6, 20.- Euro; pdf und epub 15.99 Euro<\/p>\n<p>Gewalt, vor allem k\u00f6rperliche, wird im \u00f6ffentlichen Verst\u00e4ndnis oftmals als eindimensionale Aktion gesehen. Dabei <img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-2421 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Collins.jpg\" alt=\"\" width=\"167\" height=\"252\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Collins.jpg 434w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/07\/Collins-99x150.jpg 99w\" sizes=\"(max-width: 167px) 100vw, 167px\" \/>spielen sehr unterschiedliche Aspekte im Hintergrund sowie vor und w\u00e4hrend einer Gewalthandlung eine Rolle, und die Dynamik, die zum Gewaltgeschehen f\u00fchrt und die den Ablauf der Gewalt bestimmt, bleibt oftmals au\u00dfen vor.\u00a0\u00a0Der amerikanische Soziologe Randall Collins<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> untersucht dieses Thema, von der h\u00e4uslichen Gewalt \u00fcber Mobbing und gewaltt\u00e4tigen Sportarten bis hin zu bewaffneten Konflikten. Er erkl\u00e4rt, warum sich Gewalt typischerweise gegen Schw\u00e4chere richtet und warum \u00bbVorw\u00e4rtspanik\u00ab ihren Ausbruch beg\u00fcnstigt. Er zeigt, warum sie als ritualisierte Zurschaustellung, als klandestiner Terrorakt oder Mord inszeniert wird und warum nur wenige dazu f\u00e4hig sind, Gewalt tats\u00e4chlich auszu\u00fcben.<!--more--><\/p>\n<p>Collins legt vor allem aber pr\u00e4zise dar, warum Gewalt nur ausgel\u00f6st werden kann, wenn die emotionalen Barrieren fallen, die gewaltt\u00e4tiges Handeln verhindern. Die Originalausgabe des Buches ist 2008 in den USA erschienen und wurde zuerst 2011 ins Deutsche \u00fcbersetzt im Hamburger Verlag herausgebracht, bevor 2023 eine preislich g\u00fcnstigere Studienausgabe erschien. Die neue Auflage ist auch und besonders zum gegenw\u00e4rtigen Zeitpunkt wichtig, wo Gewalt weltweit neue Dimensionen annimmt, und zwar sowohl die direkte, interpersonale, als auch die strukturelle, die politisch motivierte und die Gewalt zwischen Staaten, die neue Strukturen aufweist und nur noch bedingt unter dem Stichwort \u201eKrieg\u201c gefasst werden kann, zumindest wenn man sich die Protagonisten Trump, Putin und Netanjahu ansieht.<\/p>\n<p>Es gibt viele Typen von Gewalt, die sich nicht nur von der Dauer und Intensit\u00e4t her unterscheiden, sondern auch von der Motivation der Agierenden. \u201e<em>Gewalt kann leidenschaftlich und w\u00fctend ausfallen wie bei einem Streit oder gef\u00fchllos und unpers\u00f6nlich auftreten wie bei der b\u00fcrokratischen Verwaltung der Gaskammern. Sie kann Spa\u00df machen wie bei einer Keilerei unter Betrunkenen, von Angst gepr\u00e4gt sein wie bei Soldaten im Kampf oder von B\u00f6sartigkeit wie bei einem Folterer. Sie kann sich heimlich und im Verborgenen Luft machen wie bei einem Lustmord oder \u00f6ffentlich wie bei einer rituellen Hinrichtung. Sie dient in Form von Sportveranstaltungen, einem spannenden Drama, einem Action- oder Abenteuerfilm oder als Hauptmeldung der Nachrichten programmierter Unterhaltung<\/em>\u201c (S. 9).<\/p>\n<p>Dieses breite Spektrum l\u00e4sst sich, so Collins, gleichwohl mit Hilfe einer vergleichsweise knappen Theorie erkl\u00e4ren. Denn ob und wie es zu den einzelnen Formen von Gewalt kommt, h\u00e4ngt seiner Auffassung nach im Wesentlichen von einigen wenigen Prozessen ab, die in wechselnden Kombinationen auftreten und sich mit unterschiedlicher Intensit\u00e4t entfalten.<\/p>\n<p>Zwei Schritte sind dabei f\u00fcr die Analyse wesentlich. Zum einen will Collins die Interaktion und nicht das Individuum oder den sozialen oder kulturellen Hintergrund oder gar die Motivation ins Zentrum der Untersuchung r\u00fccken. Er will den Blick auf die Besonderheiten gewaltsamer Situationen lenken und sich dabei so nah wie m\u00f6glich an die Dynamik solcher Situationen herantasten. Zum anderen will er quer zu den unterschiedlichen Gewaltformen Vergleiche anstellen. Wir m\u00fcssen, so seine These, die \u00fcblichen Kategorien wie Mord, Krieg, Misshandlung oder Polizeigewalt \u00fcberwinden und uns stattdessen an die Situationen halten, die sich jeweils ergeben. Er will dabei die Bandbreite der situativen Varianten vergleichen.<\/p>\n<p>Seine mikrosoziologische Theorie stellt nicht den T\u00e4ter in den Mittelpunkt der Untersuchung, sondern die Situation. Dabei geht es um Emotionen, und um die Tatsache, dass die meisten Menschen eben nicht gewaltt\u00e4tig sind oder werden. Gleiches gelte, so Collins, auch f\u00fcr die (in Deutschland bspw. von Christian Pfeiffer) vertretene These, dass Gewaltt\u00e4ter typischerweise als Kind selbst Gewalt zum Opfer gefallen seien. Es geht Collins um die T\u00e4ter-Opfer-Verstrickung, um die Dynamik, die sich manchmal l\u00e4nger vor der Tat, oftmals aber auch ganz kurz davor (wie bei Polizeigewalt) entwickelt.<\/p>\n<p>Ein eigenes Kapitel widmet Collins daher dem Thema Polizeigewalt, das er mit \u201e<em>Herr der Lage oder Action-Sucher: Polizisten<\/em>\u201c \u00fcberschreibt (S. 566 ff.). Unter Verweis auf die US-amerikanische Forschung geht er davon aus, dass Polizeigewalt etwas Seltenes sei. Was vor dem Hintergrund der bundesdeutschen Diskussion dieses Themas und den Forschungen von <a href=\"https:\/\/aktuelles.uni-frankfurt.de\/forschung\/studie-uebermaessige-polizeiliche-gewaltanwendungen-werden-nur-selten-aufgearbeitet\/\">Singelnstein u.a.<\/a> auf den ersten Blick etwas seltsam anmutet (und angesichts der deutlich gewaltbereiteren Polizei in den USA sowieso) ist die Tatsache, dass er Polizeigewalt als seltenes Ereignis sieht. Sein Argument: Unser Bild von Gewalt basiert auf besonders dramatischen Situationen, was sicherlich zutrifft. Wenn wir uns bspw. das Thema <a href=\"https:\/\/www.thomasfeltes.de\/images\/Feltes_Polizeilicher_Umgang_mit_psychisch_beeintr%C3%A4chtigte_Personen_2023.pdf\">Polizeigewalt gegen Menschen in psychischen Ausnahmesituationen<\/a> ansehen, oder den sog. \u201e<a href=\"https:\/\/www.thomasfeltes.de\/images\/Feltes_ua_LET_Kriminalistik_2026.pdf\">Lagebedingten Erstickungstod<\/a>\u201c, dann \u00fcbersehen wir leicht, dass in den allermeisten Einsatzf\u00e4llen solche Situationen von der Polizei ohne Verletzungen oder gar Todesf\u00e4lle gel\u00f6st werden. Umso wichtiger erscheint es, sich diese F\u00e4lle, die offensichtlich \u201eaus dem Ruder\u201c gelaufen sind, n\u00e4her anzusehen, wie dies Andreas Ruch und ich demn\u00e4chst tun werden.<\/p>\n<p>Gewalt ist, so Collins, kein leichter oder automatisch ablaufender Prozess, und es muss einiges geschehen, um sie auszul\u00f6sen. Die meisten Menschen gehen solchen Situationen der Gewalt aus dem Weg. Zu Gewaltanwendung durch Polizeibeamte kommt es seiner Auffassung nach vor allem dann, wenn der Verd\u00e4chtige den Polizeibeamten bedroht, angreift, fl\u00fcchtet (beziehungsweise einen entsprechenden Eindruck erweckt) oder sich den Anweisungen der Polizisten widersetzt, sich nicht respektvoll verh\u00e4lt (s. dazu <a href=\"https:\/\/www.thomasfeltes.de\/pdf\/veroeffentlichungen\/2007_FeltesKlukkertOhlemacher.pdf\">Feltes\/Klukkert\/Ohlemacher 2007)<\/a> und sie beschimpft (S. 567 unter Verweis <a href=\"https:\/\/www.jstor.org\/stable\/1042763\">auf Friedrich, Police Use of Force, 1980<\/a>). Der mit Abstand wahrscheinlichste Ausl\u00f6ser von Polizeigewalt ist k\u00f6rperlicher Widerstand.<\/p>\n<p>Polizeiberichte und Beobachtungen, die Forscher bei Eins\u00e4tzen gemacht haben, zeigen, so Collins, keinerlei Korrelation mit den Faktoren Hautfarbe Bildung Milit\u00e4rdienst oder Ergebnis des Einstellungstests ebenso wenig wie mit der Einstellung zur Rolle als Polizist. Allerdings bezieht sich Collins auch hier auf die inzwischen wohl veralteten Studien von Friedrich (s.o.) und <a href=\"https:\/\/yalebooks.yale.edu\/book\/9780300107470\/police-violence\/\">Geller\/Toch (1997).<\/a> Toch zufolge sei das auff\u00e4lligste Pers\u00f6nlichkeitsmerkmal von gewaltbereiten Polizisten, dass sie extrovertiert und dynamisch, ja sogar \u00bbzuvorkommend, intelligent und charmant\u00ab seien.<\/p>\n<p>Collins zeichnet (mit Parallelen zum Milit\u00e4r) ein Bild des Elitek\u00e4mpfers, der im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit steht und von der Gruppe reichlich soziale Unterst\u00fctzung bekommt und au\u00dferdem emotionale Energie, indem er andere dominiert (gewaltlos wie gewaltsam). Polizisten seien auf der Suche nach Action und f\u00fchlten sich ihrem Beruf sehr verpflichtet. Die gewaltt\u00e4tigsten Polizisten bek\u00e4men gute Beurteilungen und seien bei ihren Kollegen beliebt. Das liege auch daran, dass sie oft dynamisch und extrovertiert sind. Sie seien \u201einformelle Anf\u00fchrer\u201c. Das passe zu einem grundlegenden Prinzip, das man in kleinen Gruppen immer wieder findet: Innerhalb der Gruppe sind diejenigen am beliebtesten, die die Werte der Gruppe am besten verk\u00f6rpern und das am besten k\u00f6nnen, was die Gruppe verbindet.<\/p>\n<p>Untersuchungen des Polizeialltags zeigen, so Collins, dass Polizisten immer versuchen, die Situation von Anfang an zu kontrollieren, nicht nur, wenn sie auf Verd\u00e4chtige treffen, sondern auch gegen\u00fcber Normalb\u00fcrgern. Alpert und Dunham sprechen in diesem Zusammenhang von einem \u00bb <em>Ritual zur Aufrechterhaltung der Autorit\u00e4t<\/em>\u00ab, was wir auch in unseren Studien zu \u201ePolice Use of Force\u201c zeigen konnten (vgl. <a href=\"https:\/\/www.thomasfeltes.de\/pdf\/veroeffentlichungen\/2009_Klukkert_et_al_-_Torn_Between_Two_Targets.pdf\">Klukkert, Ohlemacher, Feltes 2009<\/a>).<\/p>\n<p>Dem polizeilichen Interaktionsverst\u00e4ndnis zufolge muss ein guter Polizist stets Herr der Lage sein und im Zweifelsfall lieber zu aggressiv auftreten als zuzulassen, dass die andere Seite die Kontrolle \u00fcber die Situation \u00fcbernimmt. Dies umso mehr, wenn er es mit einem Verd\u00e4chtigen zu tun hat, der seine Autorit\u00e4t in Frage stellt. Sobald eine solche Situation sich zu einer gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzung zu entwickeln droht, stehen Polizisten vor eben dem Problem, das Collins in seinem diesem Buch immer wieder analysiert: Sie m\u00fcssen sich mit ihrer Konfrontationsanspannung und Konfrontationsangst auseinandersetzen.<\/p>\n<p>Es \u00fcberrasche daher nicht, dass nur ein kleiner Prozentsatz der Polizisten gewaltt\u00e4tig sei, weil nur wenige Menschen diese Konfrontationsanspannung und -angst \u00fcberwinden. Zu Polizisten, die diese Situation meistern, blicken die anderen Polizisten auf (S. 569).<\/p>\n<p>Die von Collins aus den amerikanischen Studien \u00fcbernommene Aussage, nach der die Beamten, die zwischen 30 und 50 Jahre alt sind, die gewaltt\u00e4tigsten sind, kann man f\u00fcr Deutschland nur teilweise best\u00e4tigen. Die sog. \u201e<a href=\"https:\/\/www.polizeistudie.de\/wp-content\/uploads\/Abschlussbericht_MEGAVO.pdf\">MEGAVO-Studie<\/a>\u201c der Deutschen Hochschule der Polizei stellt zwar ein Generationenwandel fest und dass die neue Generation andere Priorit\u00e4ten setze, die dem Beruf weniger Gewichtung zukommen lasse, als dem Privatleben. In den Interviews mit Polizeibeamten wurden als Eskalationsfaktoren bei Gewalt neben dem m\u00e4nnlichen Geschlecht, dem geringen (Dienst-)Alter und erh\u00f6hter Risikobereitschaft genannt. Generell fanden sich aber in beiden MEGAVO-Erhebungen nur sehr schwache Alters- und Geschlechtereffekte. Anders in der KviAPol-<a href=\"https:\/\/kviapol.uni-frankfurt.de\/\">Studie von Singelnstein u.a.:<\/a> Hier zeigte sich, dass den Angaben der Opfer von Polizeigewalt zufolge vor allem m\u00e4nnliche Polizisten im Alter bis 30 Jahre Gewalt anwendeten. Es kann also durchaus sein, dass j\u00fcngere Einsatzkr\u00e4fte, die sich noch am Anfang ihrer Laufbahn befinden, h\u00e4ufiger physische Gewalt anwenden und seltener auf deeskalierende Strategien zur\u00fcckgreifen als \u00e4ltere Beamte. Andererseits sind j\u00fcngere Beamte aber auch in den Situationen, in denen es zu Polizeigewalt kommt (Demonstrationen, Eins\u00e4tze bei Fu\u00dfballspielen u.\u00e4.) deutlich \u00fcberrepr\u00e4sentiert, weil dort meist Beamte der Bereitschaftspolizei eingesetzt werden. Der Abschlussbericht der MEGAVO-Studie verdeutlicht, dass das Alter eng mit der Verwendung im Dienst verkn\u00fcpft ist. \u00c4ltere Beamte arbeiten deutlich seltener im klassischen, konflikttr\u00e4chtigen Einsatz- und Streifendienst oder in Einsatzhundertschaften. Durch den Wechsel in den Innendienst, die Ermittlungsdienste oder in F\u00fchrungspositionen im Alter sinken die Gelegenheiten f\u00fcr physische Konfrontationen im \u00f6ffentlichen Raum automatisch.<\/p>\n<p>Polizisten verbringen ihre Freizeit gern mit Kollegen, gegen\u00fcber allen anderen sind sie misstrauisch. Das interpretiert Collins so, dass Polizeibeamte es gewohnt sind, andere zu dominieren, und daher au\u00dfer Dienst Situationen vermeiden, in denen das nicht m\u00f6glich ist. Diese permanente Selbstabschottung der Polizisten vom Rest der Bev\u00f6lkerung sorge f\u00fcr eine gewisse Polarisierung und kulturelle Isolation. Auch dem ist zuzustimmen, wobei man gerne geh\u00f6rt h\u00e4tte, was Collins vor diesem Hintergrund zum Thema pers\u00f6nliche Paarbeziehungen von Polizisten zu sagen hat.<\/p>\n<p>Der Drang, Situationen von Anfang an zu kontrollieren und keinerlei Schw\u00e4che zu zeigen, komme daher, so Collins, dass Polizisten immer in der Minderheit seien und daher Angst h\u00e4tten, \u00fcberw\u00e4ltigt werden. Dies mag f\u00fcr die USA und auch dort nur in bestimmten Gro\u00dfstadtgebieten richtig sein, f\u00fcr Deutschland trifft dies nur bedingt zu. Zutreffend ist aber seine Feststellung, dass die Idealvorstellung von Polizisten so aussieht, dass sie jede Phase einer Konfrontation kontrollieren. Im Grunde geht es, wie wir auch gezeigt hatten, bei Polizeigewalt um die Wahrung der Autorit\u00e4t, was aber, so Collins nicht erkl\u00e4re, warum manche Polizisten in dieser Hinsicht so viel extremer agieren als andere. \u201e<em>Die gewaltt\u00e4tige Minderheit unter den Polizisten, die \u201eCowboy-Cops\u201c, reagieren nicht nur mit Gewalt, wenn sie bedroht werden oder auf Widerstand sto\u00dfen. Sie sind f\u00f6rmlich auf der Suche nach Action<\/em>\u201c (S. 571).<\/p>\n<p>Bekannt in Deutschland sind sie sogenannten \u201eWiderstandsbeamten\u201c, die immer wieder dadurch auffallen, dass sie wie ein Magnet Probleme anzieht und Anzeigen wegen Widerstands produzieren. Tats\u00e4chlich war auch der Polizeibeamte, der f\u00fcr den Tod von George Floyd in den USA verantwortlich war, einschl\u00e4gig vorbelastet. Gegen ihn waren mindestens 17 Beschwerden bekannt. Dennoch hatten diese Beschwerden keine Auswirkungen: \u201eThousands of Complaints Do Little to Change Police Ways\u201c, wie die New York Times am 30.05.2020 titelte. Zu den polizeiintern bekannten \u201eProblemrevieren\u201c kommt das bekannte Problem der \u201eProblembeamten\u201c. Hierbei kann es sich um Beamten handeln, die aufgrund von Alkohol- oder Suchtproblemen einer besonderen Beobachtung bed\u00fcrfen, die offensichtliche psychische Probleme haben (die Suizidrate in der Polizei ist um ein vielfaches h\u00f6her als in der Bev\u00f6lkerung oder in anderen Berufsgruppen), oder die h\u00e4ufiger und intensiver als andere in k\u00f6rperliche Auseinandersetzungen mit B\u00fcrgern verwickelt sind. Diese Beamten sind polizeiintern bekannt, werden aber oftmals geduldet, weil man sich nicht traut, die pers\u00f6nlichen Probleme offen anzusprechen, weil sie besonderes Durchsetzungsverm\u00f6gen haben, durch bestimmte Eins\u00e4tze, in denen sie Kollegen geholfen haben, einen \u201epositiven\u201c Ruf haben, oder weil man sich nicht traut, dieses Thema anzugehen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Schilderungen von (ehemaligen) Polizeibeamten vorliegen, die \u201eGewalt als L\u00f6sung\u201c sehen (\u201eIch wollte den Kampf. Ich wollte endlich diesem Typen meine Faust ins Gesicht rammen\u201c, Schubert, Gewalt ist eine L\u00f6sung. Morgens Polizist, abends Hooligan. M\u00fcnchen 2010, S. 200), besch\u00e4ftigt man sich mit der Psychologie von Widerstandsbeamten nur selten.<\/p>\n<p>Collins beschreibt auch Beamte, die Lust am \u201e<em>Katz und Maus\u201c-Spiel<\/em> haben, oder daran, Fl\u00fcchtlinge zu verfolgen. Auf die Problematik, wie diese Beamten in seine Gewalttheorie passen, geht er leider nicht ein. Denn auch in Deutschland sind solche Beamten, die st\u00e4ndig auf der Suche nach \u201eaction\u201c sind und daher sich bspw. gegen Rotationsbestrebungen wehren, die daf\u00fcr sorgen sollen, dass Beamte, die in problematischen Stadtgebieten eingesetzt sind, regelm\u00e4\u00dfig in (ruhigere) Gebiete versetzt werden sollen.<\/p>\n<p>Eine deutlich andere Sichtweise skizziert Stephanie Schmidt in ihrer ethnografischen Studie \u201e<em>Affekt und Polizei<\/em>\u201c (s. die Besprechung des Buches <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=1918\">hier<\/a>). Sie fasst ihre Beobachtungen zu \u201eWut- und Aggressivit\u00e4tspraktiken\u201c bei Polizeibeamten als \u201e<em>kommunizierende Emotionspraktiken, die Vorstellungen einer als normativ verstandenen gesellschaftlichen Ordnung nach au\u00dfen vermitteln<\/em>\u201c zusammen<em>. \u201eIn diesem Sinne werden Praktiken des doing anger der Polizei zum Kapital, durch das sie Durchsetzungsf\u00e4higkeit, Entschlossenheit und Dringlichkeit performativ darstellt<\/em>\u201c (Schmidt S. 327).<\/p>\n<p>Es geht aber, um das noch einmal deutlich zu machen, nicht um die kontrollierte Gewaltaus\u00fcbung, die bspw. <a href=\"https:\/\/elibrary.utb.de\/doi\/book\/10.1453\/9783744517874\">Wacquant bei Boxern<\/a> beschreibt, sondern um exzessive, \u00fcberbordende Gewalt. Und dabei spielen, wie Collins deutlich macht, Emotionen eine wichtige Rolle, aber auch das langsame und schnelle Denken (vgl. <a href=\"https:\/\/www.thomasfeltes.de\/pdf\/veroeffentlichungen\/2017_Springer-book-de_Feltes_Jordan.pdf\">Feltes\/Jordan 2017<\/a>).<\/p>\n<p>Collins selbst beschreibt den damit im Zusammenhang stehenden \u201eTunnelblick\u201c (S. 605), der alles andere ausblendet \u2013 bis hin zur Frage, ob der von Polizeigewalt Betroffene schwer verletzt ist und Hilfe ben\u00f6tigt, und der lt. Collins auch f\u00fcr \u201e<em>viele Treffer aus Kugeln aus den eigenen Reihen verantwortlich<\/em>\u201c ist (S. 608). Zudem will Collins nicht zwischen hektischen und ruhigen Strategien trennen, wenn es um die Effektivit\u00e4t geht (S. 617), gibt aber zu, dass diejenigen, die hektische Gewalt aus\u00fcben, eher zu den aktiv Gewaltt\u00e4tigen geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>\u201e<em>Gewalt als Dominanz der emotionalen Aufmerksamkeit\u201c<\/em> ist der Titel eines eigenen Kapitels in Collins Buch (S. 624 ff.), in dem er (bezogen auf das Thema allgemein) deutlich macht, dass Gewalt kein Produkt isolierter Individuen ist, sondern eines ganzen Raums, \u201e<em>der durch emotionale Aufmerksamkeit definiert wird<\/em>\u201c (S. 624).<\/p>\n<p>Am Ende fasst Collins seine Theorie noch einmal zusammen, wenn er behauptet, dass man aus Nichtk\u00e4mpfern keine K\u00e4mpfer machen k\u00f6nne (S. 677). Zwar g\u00e4be es entsprechende Schulungs- oder Trainingsans\u00e4tze. Aber zwischen der in den Genen angelegten F\u00e4higkeit, w\u00fctend oder aggressiv zu werden, und kompetenter Gewaltaus\u00fcbung liege ein weiter Weg. Vielmehr gehe es hier um Interaktionsstrukturen, nicht um individuelle Merkmale. Die Tatsache, dass manche Individuen eher Gewalt anwenden als andere, k\u00f6nne man als die Art und Weise betrachten, wie soziale Interaktion funktioniert. \u201e<em>Es gibt einen Prozess, durch den die Gewaltt\u00e4tigkeit der Mehrheit begrenzt wird, und dabei handelt es sich um den gleichen Prozess, durch den die Gewaltt\u00e4tigkeit einer kleinen Minderheit hervorgebracht wird. Die emotionale Erregung einer Gruppe, die sich in einer Konfrontationssituation befindet, flie\u00dft von einigen Teilen der Gruppe weg, hin zu anderen. Die kollektive Wallung der gegenseitigen Verstrickung differenziert sich nach emotionaler Qualit\u00e4t und Intensit\u00e4t. Einige sind relativ passiv, empfinden mehr Anspannung und Angst und verlassen sich eher auf andere in der Gruppe, die den Ton angeben und aktiv werden, w\u00e4hrend diese an Initiative, Selbstvertrauen und Begeisterung gewinnen. Letztere sind deshalb in ihrer Zahl begrenzt, weil sie von einem Mechanismus profitieren, der die emotionale Kraft der Gruppe konzentriert und in ihnen b\u00fcndelt<\/em>\u201c (S. 678).<\/p>\n<p>Schlussendlich w\u00e4re es spannend zu wissen, wie Collins die j\u00fcngsten Entwicklungen in den USA zu Polizeigewalt durch ICE bewertet und ob er sie in seine Theorie einbauen kann. Fragt man Google KI, so erh\u00e4lt man folgende Antwort (Stand 19.07.2026):<\/p>\n<p><em>\u201eDer Soziologe Randall Collins hat sich in seinen Schriften nicht explizit oder spezifisch zur US-Migrationsbeh\u00f6rde ICE (Immigration and Customs Enforcement) ge\u00e4u\u00dfert. Allerdings lassen sich seine Kerntheorien zur Mikrosoziologie der Gewalt direkt auf staatliche Institutionen, Polizeigewalt und die Dynamiken bei Abschiebungen oder Razzien anwenden: <\/em><\/p>\n<p><em>Das Konzept der \u201eVorw\u00e4rtspanik\u201c (Forward Panic): Collins argumentiert, dass Gewalt nicht leichtf\u00e4llt, da Menschen eine nat\u00fcrliche Barriere aus Konfrontationsangst und Anspannung (Confrontational Tension\/Fear) \u00fcberwinden m\u00fcssen. Wenn staatliche Akteure unter hoher Anspannung stehen und pl\u00f6tzlich eine Schw\u00e4che oder Flucht beim Gegen\u00fcber (z. B. fl\u00fcchtenden Migranten) wahrnehmen, entl\u00e4dt sich diese angestaute Energie oft in Form einer \u201eVorw\u00e4rtspanik\u201c. Dies f\u00fchrt zu exzessiver, oft unkontrollierter Gewaltanwendung, die weit \u00fcber das befohlene Ma\u00df hinausgeht. <\/em><\/p>\n<p><em>Angriffe auf die Schwachen: Echte physische Gewalt bricht laut Collins meistens dann aus, wenn eine klare Asymmetrie herrscht. Gewaltspezialisten attackieren bevorzugt Opfer, die emotional oder physisch bereits dominiert sind. Auf die ICE \u00fcbertragen bedeutet dies, dass schutzlose, isolierte oder ver\u00e4ngstigte Gruppen im Zuge von Festnahmen besonders anf\u00e4llig f\u00fcr institutionelle \u00dcbergriffe sind.<\/em><\/p>\n<p><em>Situationsdynamik vor Struktur: Aus Collins\u2019 Sicht ist beh\u00f6rdliche Gewalt selten das reine Produkt von ideologischem Hass oder Makro-Strukturen. Vielmehr entsteht sie durch das akute Versagen von Kontrollroutinen in der direkten Face-to-Face-Interaktion vor Ort.<\/em><\/p>\n<p><em>Zusammenfassend w\u00fcrde Collins die Gewalt von ICE-Beamten nicht prim\u00e4r politisch, sondern als das Resultat von situationsbedingter Angst, dem Streben nach emotionaler Dominanz und dem pl\u00f6tzlichen Kollaps von Interaktionsroutinen erkl\u00e4ren<\/em>\u201c.<\/p>\n<p>Eine Nachfrage bei Collins per E-Mail, was er zu dieser Aussage der KI sagt, blieb bis jetzt unbeantwortet. Sollte noch eine Stellungnahme von ihm eingehen, werde ich sie hier nachtragen.<\/p>\n<p>Ungeachtet dessen ist am Ende dieser etwas ausf\u00fchrlicheren Besprechung nochmal hervorzuheben, wie wichtig diese Studie von Collins f\u00fcr jede Diskussion zum Thema Gewalt ist. Mit der \u201eDynamik der Gewalt\u201c kann mehr erkl\u00e4rt werden als mit herausgehobenen individuellen oder sozialen Merkmalen des Gewaltanwendenden. Daher sind alle, die versuchen, Gewalthandeln zu erkl\u00e4ren, gut beraten, sich die konkreten, dynamischen Abl\u00e4ufe vor, w\u00e4hrend und teilweise auch nach der Anwendung von (legitimer oder illegitimer) Gewalt genau anzusehen.<\/p>\n<p>Thomas Feltes, Juli 2026<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Randall Collins, Prof. Dr., Inhaber des Dorothy-Swaine-Thomas-Lehrstuhls f\u00fcr Soziologie an der University of Pennsylvania. Randall Collins lehrt au\u00dferdem Soziologie im Fachbereich Kriminologie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Randall Collins, Dynamik der Gewalt. Eine mikrosoziologische Theorie. Hamburger Edition der HIS-Verlagsgesellschaft, Hamburg 2023, 736 Seiten, ISBN 978-3-86854-389-6, 20.- Euro; pdf und epub 15.99 Euro Gewalt, vor allem k\u00f6rperliche, wird im \u00f6ffentlichen Verst\u00e4ndnis oftmals als eindimensionale Aktion gesehen. Dabei spielen sehr unterschiedliche Aspekte im Hintergrund sowie vor und w\u00e4hrend einer Gewalthandlung eine Rolle, und die &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2420\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Randall Collins, Dynamik der Gewalt. Eine mikrosoziologische Theorie. Rezensiert von Thomas Feltes<\/span> <span class=\"meta-nav\">&uarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2420"}],"collection":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2420"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2420\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2422,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2420\/revisions\/2422"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2420"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2420"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2420"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}