{"id":2425,"date":"2026-08-14T10:08:03","date_gmt":"2026-08-14T08:08:03","guid":{"rendered":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2425"},"modified":"2026-08-14T10:08:56","modified_gmt":"2026-08-14T08:08:56","slug":"2425","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2425","title":{"rendered":"Kathrin Fischer, Achtsam geht die Welt zugrunde. Wie die Ideologie der Achtsamkeit gesellschaftlichen Wandel blockiert. Rezensiert von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Kathrin Fischer, Achtsam geht die Welt zugrunde. Wie die Ideologie der Achtsamkeit gesellschaftlichen Wandel blockiert.<\/strong> 256 Seiten, hanserblau, M\u00fcnchen 2026, ISBN 978-3-446-28570-5, 22.- Euro (Hardcover), 16,99 Euro (e-book).<\/p>\n<p>Die Mehrheit der Deutschen ist sich der wachsenden Ungleichheit in unserer Gesellschaft bewusst und unzufrieden mit <img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-2426 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Achtsamkeit.jpg\" alt=\"\" width=\"176\" height=\"289\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Achtsamkeit.jpg 480w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/Achtsamkeit-91x150.jpg 91w\" sizes=\"(max-width: 176px) 100vw, 176px\" \/>ihr. Gesundheitliche und soziale Probleme nehmen zu, gleichzeitig nimmt die Suche nach individuellem Gl\u00fcck zu. Aber was hat das mit der \u201e<em>Ideologie der Achtsamkeit<\/em>\u201c zu tun und mit <strong>Helmut Schelsky<\/strong>? Und mit dem \u201e<em>buddhistischen Geist des Kapitalismus<\/em>\u201c? Die Autorin, selbst jahrelang der Achtsamkeitskultur verfangen, legt ein w\u00fctendes und zorniges Buch vor, das sich mit Yoga, Meditation und anderen Achtsamkeitstechniken besch\u00e4ftigt. Es ist im Ergebnis eine gnadenlose Abrechnung mit unserem kapitalistischen System, das sich diese Techniken zunutze macht.<!--more--><\/p>\n<p>Fangen wir bei <strong>Schelsky<\/strong> an: Er hatte Anfang der 1950er Jahre den Begriff der \u201e<em>nivellierten Mittelstandsgesellschaft<\/em>\u201c gepr\u00e4gt. An diese glaubt heute niemand mehr angesichts der st\u00e4ndig wachsenden Schere zwischen Arm und Reich, zwischen immer mehr Luxusg\u00fctern auf der einen, armutsbedingtem Verzicht auf Heizen auf der anderen Seite.\u00a0 Gewinne aus Verm\u00f6gen wachsen schneller als Lohn, Deutschland geh\u00f6rt zu den L\u00e4ndern mit der gr\u00f6\u00dften Verm\u00f6gensungleichheit, vergleichbar mit Indien (S. 185).<\/p>\n<p>Wir versuchen nur noch, das Selbst zu ver\u00e4ndern, nicht mehr die Welt. Die individuell hilfreiche Praxis der Achtsamkeit hat eine \u00fcberm\u00e4\u00dfige Ausweitung erfahren und ist zu einer politischen Anpassungsstrategie geworden. Damit \u00fcberschreitet sie ihre Grenzen. Es wird Zeit, nicht l\u00e4nger ausschlie\u00dflich das Selbst als ver\u00e4nderungsbed\u00fcrftig zu betrachten, sondern die Welt als ver\u00e4nderbar (S. 15).<\/p>\n<p>\u00c4ngste, Depressionen und andere psychische Krankheiten, Fettleibigkeit, Schulversagen, die Zahl der Gef\u00e4ngnisstrafen und Drogenmissbrauch nehmen zu. Gleichzeitig sinkt das gegenseitige Vertrauen der Menschen innerhalb der Gesellschaft. <strong>Fischer<\/strong> verweist darauf, dass gesundheitliche und soziale Probleme signifikant h\u00e4ufiger in L\u00e4ndern vorkommen, in denen die Einkommensschere weit ge\u00f6ffnet ist und verweist dabei auf die Studie von <strong>Wilkinson und Pickett<\/strong> (\u201e<a href=\"https:\/\/collections.fes.de\/publikationen\/ident\/fes\/07300\">Gleichheit ist Gl\u00fcck<\/a>\u201c).<\/p>\n<p>\u201e<em>Verm\u00f6gen und sozialer Status sind so ungleich verteilt wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit. 2017 \u2026 (besitzen) acht Milliard\u00e4re so viel (\u2026) wie 3,6 Milliarden Menschen zusammen. Seit 2015 verf\u00fcgt das reichste Prozent der Weltbev\u00f6lkerung \u00fcber mehr Verm\u00f6gen als der gesamte Rest der Menschheit. &#8230; Menschen konkurrieren um Chancen, Wohlstand und Anerkennung. Wer unterliegt, empfindet Scham, f\u00fchlt sich ausgeschlossen und strebt umso st\u00e4rker nach sozialem Aufstieg. In einer stark individualisierten Gesellschaft &#8211; wie in Deutschland &#8211; gelten Statusverluste oft als pers\u00f6nliches Scheitern. St\u00e4ndig fragen sich die Menschen daher: Kann ich meine Position halten? Wer gef\u00e4hrdet sie? Wie tief k\u00f6nnte ich fallen? Wie kann ich mich jemals sicher f\u00fchlen?<\/em>\u201c (S. 148).<\/p>\n<p>Gleichzeitig wachsen Angebot und Nachfrage nach individuellen Achtsamkeitstechniken, und hier setzt das Buch an.\u00a0\u00a0 Immer mehr Menschen nutzen Achtsamkeitspraktiken als Zuflucht vor den Krisen unserer Zeit. Doch statt zu mehr Ruhe und innerer St\u00e4rke zu f\u00fchren, treiben diese Techniken sie \u2013 so die Analyse von <strong>Fischer<\/strong> &#8211; noch tiefer hinein in das Hamsterrad aus Selbstoptimierung und Ersch\u00f6pfung.<\/p>\n<p>Achtsamkeit ist l\u00e4ngst nicht mehr blo\u00df eine pers\u00f6nliche Praxis, sondern hat sich \u2013 so die Autorin \u2013 zur Ideologie entwickelt, die gesellschaftliche Missst\u00e4nde individualisiert, negative Gef\u00fchle als unzul\u00e4ssig darstellt und die Gesellschaft weiter spaltet.<\/p>\n<p>Aber, so fragt der geneigte Leser, wenn es schon nicht m\u00f6glich ist, die \u00e4u\u00dfere Welt zu gestalten, so k\u00f6nnte man doch immerhin auf die innere Welt Einfluss nehmen und f\u00fcr mehr individuelle Zufriedenheit und Gl\u00fcck sorgen? Was spricht dagegen?<\/p>\n<p><strong>Fischers<\/strong> Analyse lautet: Erstens bietet Achtsamkeit individuelle L\u00f6sungen f\u00fcr gesellschaftliche Probleme, die eben dadurch nicht wirklich gel\u00f6st, sondern stabilisiert werden. Zweitens verlagert sie konkrete Missst\u00e4nde auf eine existenzielle Ebene und hinterfragt drittens die Wahrnehmung sozialer Wirklichkeit, nicht aber die Verh\u00e4ltnisse selbst. Mit Resilienz erhebt sie viertens Anpassung zum Ideal, verkauft f\u00fcnftens gestische Subversion als Widerstand und dehnt sechstens ihre Wirkung von der privaten in die \u00f6ffentliche Sph\u00e4re aus (S. 161 ff).<\/p>\n<p>Zuvor aber setzt sich die Autorin vorsichtig kritisch mit dem Achtsamkeitstrend auseinander und pl\u00e4diert daf\u00fcr, sich nicht l\u00e4nger ins Private zur\u00fcckzuziehen, sondern gemeinsam eine gerechtere Zukunft zu gestalten. Sie bezieht sich dabei wesentlich auf das Buch \u201e<a href=\"https:\/\/www.socialnet.de\/rezensionen\/32376.php\">Viel L\u00e4rm um Achtsamkeit<\/a>\u201c von <strong>Jacob Schmidt.<\/strong> Er sieht das eigentliche Problem in einer zunehmenden Ersch\u00f6pfung und Sprachlosigkeit.<\/p>\n<p>Der Hype um Achtsamkeit verweist auf ein gesellschaftliches Vakuum, schreibt er. Wenn der Hype um Achtsamkeit nicht das Problem, sondern nur ein Symptom ist: Worum geht es dann wirklich? Wieso erleben Menschen die Welt, in der sie leben und die sie mit anderen teilen, zunehmend als ungestaltbar? Wieso nehmen die Erfahrungen von politscher Ohnmacht zu, auf die die einen mit R\u00fcckzug und die anderen mit autorit\u00e4rem Ressentiment reagieren?<\/p>\n<p><strong>Fischer<\/strong> fragt nach der Funktion der Achtsamkeit f\u00fcr die Gesellschaft, sie beleuchtet die sozialstrukturelle Perspektive (S. 49). Die \u201eTechnologien des Selbst\u201c hat bereits <strong>Foucault<\/strong> kritisiert. Menschen, die an sich selbst arbeiten, sollen sich optimieren, sich selbst regieren \u2013 damit Staat, Politik und Wirtschaft in Ruhe ihre kapitalistischen Ziele verfolgen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das Buch ist in sechs Kapitel aufgeteilt: Im ersten Kapitel erz\u00e4hlt die Autorin die lange und verworrene Geschichte der Achtsamkeit, die mitnichten die seit Jahrtausenden unver\u00e4nderte Meditationsform ist, als die sie verkauft wird. Es geht um die Frage, wie das Leben gelingen kann \u2013 und zwar das eigene, nicht das der Anderen (S. 38). Weil chronischer Stress und psychische Erkrankungen weltweit zunehmen, suchen immer mehr Menschen nach Methoden der Selbsthilfe. \u201e<em>Je mehr Stress, je mehr Achtsamkeit<\/em>\u201c (S. 47). An den Ursachen des Stresses \u00e4ndert das nat\u00fcrlich nichts.<\/p>\n<p>Im zweiten Kapitel besch\u00e4ftigt sie sich damit, wie Achtsamkeit zur ultimativen Antwort auf Stress und Ersch\u00f6pfung wurde und fragt im dritten Kapitel nach den Ursachen. Die Antwort sucht sie weniger in unserer Kultur als in den neuesten Versionen des Kapitalismus: Finanz- und Tech-Kapitalismus und die durch sie wachsende soziale Ungleichheit machen das Leben f\u00fcr die meisten von uns teurer, unsicherer und bedrohlicher. Im vierten Kapitel begr\u00fcndet sie, warum sie Achtsamkeit f\u00fcr eine Ideologie h\u00e4lt, die sehr gut zu der neoliberalen bis libert\u00e4ren Pr\u00e4gung dieses aktuellen Kapitalismus passt. In dieser aktuellen Kapitalismusvariante kehre die Klassenfrage zur\u00fcck. Deshalb fragt sie im f\u00fcnften Kapitel, inwieweit die kultivierte Inszenierung der Achtsamkeit eine Abgrenzung gegen\u00fcber den unteren Klassen darstellt und damit diese Klassenkonflikte sogar anheizt. Im sechsten Kapitel antwortet sie auf die Fragen, was darauf folgte und was wir \u00e4ndern sollen.<\/p>\n<p>Am Anfang der Auseinandersetzung mit dem Thema stand f\u00fcr die Autorin die Frage: Was hat sich in unserer Gesellschaft ver\u00e4ndert, dass Achtsamkeit seit den 1990ern die Antwort auf so viele Lebensfragen wurde? Warum sind wir so <em>\u00bbachtsamkeitsbed\u00fcrftig<\/em>\u00ab? Achtsamkeit gelte als gute Antwort auf Stress und Ersch\u00f6pfung. Doch kaum einer frage, woher dieser Stress komme.<\/p>\n<p>Dabei liege es doch nahe, dass dieser Stress und die Ersch\u00f6pfung mit den wesentlichen Ver\u00e4nderungen in unserer (Um)welt und damit auch in uns selbst zu tun hat. Stress ist immer eine Reaktion auf etwas: Auf zunehmende Verunsicherung, \u00fcberbordende Belastung oder verlorengegangene Orientierung. Viele Menschen f\u00fchlen sich in einem t\u00e4glichen Hamsterrad gefangen, aus dem sie nur den Ausweg sehen, sich mit sich selbst zu besch\u00e4ftigen \u2013 auch weil sie (meist verst\u00e4ndlicherweise) keine M\u00f6glichkeit sehen, das \u201eGro\u00dfe Ganze\u201c zu ver\u00e4ndern, also die grundlegenden gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen man lebt (und leidet).<\/p>\n<p><strong>Fischer<\/strong> geht in ihrem Buch daher auf politische und kulturelle Ursachen dieser Entwicklung ein: Finanz- und Techkapitalismus machen, so die Autorin, das Leben teurer, hektischer, unsicherer. Dazu geselle sich der Psychoboom seit 1968, der sagt: Gl\u00fcck liegt nur bei dir selbst. Das sei eine fatale Mischung: Sich verschlechternde Umst\u00e4nde plus die \u00dcberzeugung, diese Umst\u00e4nde seien bedeutungslos.<\/p>\n<p>Ihre These lautet: Unser Selbst-Welt-Verh\u00e4ltnis ist aus dem Gleichgewicht geraten. Wir versuchen nur noch, das Selbst zu ver\u00e4ndern, nicht mehr die Welt.<\/p>\n<p>Der Begiff \u201e<em>Selbst-Welt-Verh\u00e4ltnis<\/em>\u201c stammt vom Soziologen <a href=\"https:\/\/www.ssoar.info\/ssoar\/bitstream\/handle\/document\/73096\/ssoar-2020-schmidt-Achtsamkeit_als_kulturelle_Praxis_Zu.pdf;jsessionid=A3866491B555C8A62F9D549388A11004?sequence=1\"><strong>Jacob Schmidt<\/strong><\/a>, auf den sich<strong> Fischer<\/strong> immer wieder beruft. Er stellt Fragen wie: Wer bin ich? In welcher Welt lebe ich? Wie h\u00e4ngen mein Selbst und diese Welt zusammen? Selbst und Welt sind nat\u00fcrlich in einem Zirkelschluss miteinander verwoben \u2013 wir schaffen die Gesellschaft, sie pr\u00e4gt uns. Achtsamkeitspraktiken fokussieren aber eben nur das Selbst, und nicht die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, die dieses Selbst wesentlich beeinflussen.<\/p>\n<p><strong>Fischer<\/strong> sagt ausdr\u00fccklich, dass viele Menschen auf Yoga, Meditation oder Tai-Chi schw\u00f6ren und diese Techniken als hilfreich empfinden.\u00a0 Sie will diese Menschen auch nicht von ihrer liebgewonnenen Praxis abbringen. Der strukturelle Blick auf die Grundprobleme unserer Gesellschaft geht, so die Autorin, in der Achtsamkeitsideologie verloren.<\/p>\n<p>Als L\u00f6sung schl\u00e4gt sie vor, die eigenen Handlungen nicht als losgel\u00f6st zu betrachten, sondern zu begreifen, dass sie in soziale Normen eingebettet sind. Ihr Buch sei eine Einladung, zu hinterfragen, welche Funktion der Hype um Achtsamkeit in einer Gesellschaft hat, in der es fundamentale Probleme zu l\u00f6sen gilt. Politische Probleme brauchen politische L\u00f6sungen. Achtsamkeit ist keine politische L\u00f6sung, sondern eine private Praxis.<\/p>\n<p>Die Soziologin <a href=\"https:\/\/www.fb03.uni-frankfurt.de\/156168626\/Prof__Dr__Greta_Wagner___Vita\"><strong>Greta Wagner<\/strong><\/a> nennt dieses Phantasma den \u201e<em>buddhistischen Geist des Kapitalismus<\/em>\u201c. Dieser Geist lebt von einer realit\u00e4ts- und abh\u00e4ngigkeitsvergessenen Form der \u201e<em>Selbsteuphorisierung<\/em>\u201c. Er dient dazu, Leistungswillen, Anpassungsf\u00e4higkeit und Durchhalteverm\u00f6gen zu st\u00e4rken, indem er auch noch die letzten inneren Ressourcen mobilisiert. Denn obwohl er sich als Selbstf\u00fcrsorge tarnt, ist dieser Geist kapitalistisch oder genauer: Er ist neoliberal (S. 54).<\/p>\n<p>Dem Soziologen <strong><a href=\"https:\/\/www.fsv.uni-jena.de\/19060\/prof-dr-hartmut-rosa\">Hartmut Rosa<\/a><\/strong> zufolge erleben wir eine tiefgreifende Krise auf drei Ebenen: Die oberste betrifft die \u00d6kologie, die mittlere die Politik, und die unterste unsere Beziehung zu uns selbst. Auf allen drei Ebenen, so <strong>Rosa,<\/strong> hat sich unser Weltverh\u00e4ltnis verwandelt: Es ist aggressiv geworden. Wir zerst\u00f6ren die Natur, in die sozialen Beziehungen kehren Kriege zur\u00fcck und wir selbst sind dauernd ersch\u00f6pft. Ersch\u00f6pfung ist demnach weder individuelles Schicksal noch pers\u00f6nliches Versagen. Sie ist Ausdruck einer tiefgreifenden Krisenerfahrung (S. 62).<\/p>\n<p>In Deutschland kommt uns nach einer Zeit von Frieden, Stabilit\u00e4t und Wachstum der Glaube an eine bessere Zukunft abhanden. Alle Menschen in Deutschland erleben vitale Bedrohungen wie die Klimakatastrophe, n\u00e4her r\u00fcckende Kriege, Pandemien und die m\u00f6glichen Folgen von K\u00fcnstlicher Intelligenz. Und die \u00fcberwiegende Zahl der Menschen erlebt soziale Bedrohungen wie Geldsorgen, Abstiegs\u00e4ngste und br\u00f6ckelnde Infrastrukturen. Mindestens die H\u00e4lfte der Deutschen sieht der Zukunft sorgenvoll entgegen. Dabei pr\u00e4gen vor allem zwei \u00c4ngste das Bild: die vitalen und die sozialen. Die vitalen \u00c4ngste bestehen in der Angst vor Krieg und den Folgen der Klimakatastrophe, sie spiegeln die Angst um das eigene Leben wider (S. 65). Die Menschen in Deutschland erleben diese Angst zwar unterschiedlich, sie pr\u00e4gt aber die gesellschaftliche Verfasstheit. Die \u201e\u00c4ngste der Deutschen\u201c sind sprichw\u00f6rtlich (vgl. meine Beitr\u00e4ge \u201e<a href=\"https:\/\/www.thomasfeltes.de\/images\/Feltes_korr.pdf\">Innere Sicherheit in unruhigen Zeiten. Von \u00c4ngsten und anderen Unsicherheiten<\/a>\u201c (2021) und \u201e<a href=\"https:\/\/www.thomasfeltes.de\/pdf\/veroeffentlichungen\/2019_01_Magazin_Feltes_bran.pdf\">Die \u201eGerman Angst\u201c. Woher kommt sie, wohin f\u00fchrt sie?\u201c<\/a> (2019) und werden von Politikern immer wieder missbraucht, um ihre repressive Agenda zu legitimieren. Sei es in der Migrationspolitik, in Bereich von Strafversch\u00e4rfungen oder \u2013 wie zuletzt &#8211; der Modifikation des Jugendstrafrechts.<\/p>\n<p>Die Autorin selbst berichtet von ihren Schlafst\u00f6rungen, und dass sie manchmal nur mit Schlaftabletten schlafen konnte. \u201e<em>Erholsam war das nicht, aber wenigstens konnten mich dann in der Nacht die \u00c4ngste nicht packen, die sich wie eine schwere Decke um mich legten und zu erdr\u00fccken drohten: individuelle Versagens-, \u00dcberforderungs- und Existenz\u00e4ngste ebenso wie Angst vor dem Scheitern der Demokratie, den Folgen des Klimawandels oder dem n\u00e4chsten Krieg<\/em>\u201c (S. 61). Das Vertrauen in die Welt war ihr abhandengekommen.<\/p>\n<p>Durch das ersch\u00fctterte Vertrauen in die Welt und damit in den Staat entsteht Staatsskepsis und Politikvertrossenheit, und grunds\u00e4tzliche Zweifel daran, ob staatliche Organisationen in der Lage sind, effektiv und integer zu arbeiten. \u201e<em>Das kann dazu f\u00fchren, dass Menschen ihre Bindung an demokratische Werte und Prozesse verlieren oder verst\u00e4rkt antidemokratische Einstellungen entwickeln<\/em>\u201c (S. 77 f.).<\/p>\n<p>Die israelische Soziologin <a href=\"https:\/\/www.suhrkamp.de\/buch\/eva-illouz-gefuehle-in-zeiten-des-kapitalismus-t-9783518294574\"><strong>Eva Illouz<\/strong><\/a> nennt das \u201e<em>emotionalen Kapitalismus<\/em>\u201c. Wir sollen glauben, so die These von <strong>Fischer<\/strong> unter Bezugnahme auf<strong> Illouz<\/strong>, wir ganz allein seien Ursprung und Ursache unseres Leidens, und daher brauche es psychologische Deutungen, die die neoliberale Ideologie liefert. Gef\u00fchle sind in der Mitte zwischen Selbst und Welt angesiedelt, und nicht einseitig im Selbst, wo man sie einhegen und therapieren kann. \u201e<em>Indem wir uns nur noch als psychologische, vielleicht noch als zu optimierende biologische, aber kaum noch als soziale Wesen begreifen, haben wir den Boden bereitet daf\u00fcr, Milliarden in individuelle Stressbew\u00e4ltigung zu stecken und eine<\/em> \u201e<em>hungrige und gierige Selbstverbesserungsmaschinerie<\/em>\u201c (Illouz S. 19) zu f\u00fcttern (S. 150).<\/p>\n<p>Ach so, ja, einen Wermutstropfen gibt es dann doch noch: Das Buch enth\u00e4lt zwar Zitat- und Quellennachweise, allerdings sind die Verweise und Quellen selbst nicht im Buch abgedruckt, sondern man muss \u00fcber einen QR-Code eine pdf-Datei herunterladen. Warum? Tats\u00e4chlich sind das nur ca. 20 Seiten, die zudem f\u00fcr das Buch bereits fortlaufend paginiert sind. Muss man als Verlag an diesen 10 Bl\u00e4ttern wirklich sparen, zumal dadurch auch Autorennamen bzw. genaue Quellenangaben zu Zitaten im Buch dadurch fehlen gehen.<\/p>\n<p>Ansonsten aber: Ein Buch, dessen Lekt\u00fcre sich lohne, weil sie nachdenklich macht. Ob wir uns dann tats\u00e4chlich &#8222;die Welt zur\u00fcckholen&#8220; k\u00f6nnen (so die \u00dcberschrift des letzten Kapitels im Buch von <strong>Fischer<\/strong>), bleibt fraglich. &#8222;Was soll ich denn noch alles tun?&#8220; (S. 228) fragt die privat und beruflich gestresste Freundin der Autorin. Die Ratlosigkeit, was man gegen die &#8222;rasende Fahrt mit h\u00f6chst ungewissem Ausgang&#8220; (S. 229) tun kann, steht im Rau. Innehalten &#8211; eine M\u00f6glichkeit. Fischer bringt daf\u00fcr Beispiele (ab S. 230), die zumindest Ans\u00e4tze bieten, auch wenn es &#8222;kein richtiges Leben im falschen Eigentum&#8220; (S. 237) geben kann. Den &#8222;M\u00f6glichkeitssinn wiederzufinden&#8220; ist eine Aufgabe. Keine leichte.<\/p>\n<p>Thomas Feltes, August 2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kathrin Fischer, Achtsam geht die Welt zugrunde. Wie die Ideologie der Achtsamkeit gesellschaftlichen Wandel blockiert. 256 Seiten, hanserblau, M\u00fcnchen 2026, ISBN 978-3-446-28570-5, 22.- Euro (Hardcover), 16,99 Euro (e-book). Die Mehrheit der Deutschen ist sich der wachsenden Ungleichheit in unserer Gesellschaft bewusst und unzufrieden mit ihr. Gesundheitliche und soziale Probleme nehmen zu, gleichzeitig nimmt die Suche &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2425\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Kathrin Fischer, Achtsam geht die Welt zugrunde. Wie die Ideologie der Achtsamkeit gesellschaftlichen Wandel blockiert. 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