{"id":2430,"date":"2026-08-17T11:56:03","date_gmt":"2026-08-17T09:56:03","guid":{"rendered":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2430"},"modified":"2026-08-17T11:58:47","modified_gmt":"2026-08-17T09:58:47","slug":"philipp-knopp-praxisform-polizeinotruf-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2430","title":{"rendered":"Philipp Knopp, Praxisform Polizeinotruf. Rezensiert von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Philipp Knopp, Praxisform Polizeinotruf.<\/strong> Mediatisierte Wissenspraktiken zwischen Wachsamkeit und Intervention. Transkript-Verlag Bielefeld, 360 Seiten, ISBN: 978-3-8376-7718-8, 49.- Euro (Paperback); e-book open access.<\/p>\n<p>Wie bearbeitet die Polizei Notrufe? Und wie ver\u00e4ndert sich der Notruf mit der fortschreitenden Digitalisierung?<img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-2431 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/knopp.jpg\" alt=\"\" width=\"157\" height=\"243\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/knopp.jpg 775w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/knopp-97x150.jpg 97w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/knopp-661x1024.jpg 661w\" sizes=\"(max-width: 157px) 100vw, 157px\" \/> Philipp Knopp geht diesen Fragen mit dem neuen Konzept der Praxisformanalyse nach. Er verbindet die Ethnografie in Kontrollr\u00e4umen der Polizei mit Diskursanalysen und zeigt, dass der Notruf ein komplexes Zusammenspiel verschiedener Wissenspraktiken ist.<!--more--><\/p>\n<p>Einsatzannahme und -koordination sind auf ein gemeinsames Bezugsproblem ausgerichtet: Sie vermitteln zwischen der Mobilisierung und der Kontrolle von ziviler Wachsamkeit und polizeilicher Intervention. Medientechnik soll dieses normative Spannungsverh\u00e4ltnis stabilisieren, muss in Prozessen des Wandels aber selbst erst mit den lokalen Praktiken verkn\u00fcpft und rekonfiguriert werden.<\/p>\n<p>Der Notruf ist eine der wichtigsten Kontaktstellen zur Polizei. Dennoch gibt es im deutschsprachigen Raum wenig Forschung zu diesem Thema, obwohl bereits Ende der 1980er aufgezeigt wurde, welches Potential eine Analyse der Notrufe und Funkstreifenwageneins\u00e4tze der Polizei hat und was man aus einer solchen Analyse zum Zustand unserer Gesellschaft herausfinden kann<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>.<\/p>\n<p>Auch Irene Mihalic hat in ihrer Bochumer Dissertation mit dem Titel \u201e<a href=\"https:\/\/publikationen.uni-tuebingen.de\/xmlui\/handle\/10900\/124896\">Polizeiliche Eins\u00e4tze, Kriminalit\u00e4t und Raum\u201c<\/a> eine kriminalgeografische Analyse auf Basis polizeilicher Einsatzdaten und Sozialstrukturdaten der Stadt Gelsenkirchen vorgelegt. Die Studie tr\u00e4gt Informationen zu Kriminalit\u00e4t und polizeilichem Handeln im Kontext sozialr\u00e4umlicher Bedingungen zusammen und analysiert diese Daten auf der kleinr\u00e4umigen Ebene der Gelsenkirchener Stadtteile. Die Verfasserin zeigt auf, ob und inwieweit Kriminalit\u00e4t und Einsatzaufkommen r\u00e4umlich mit anderen sozialen Problemen einhergehen. Bereits 1990 hatte sich der <a href=\"https:\/\/www.thomasfeltes.de\/pdf\/veroeffentlichungen\/1990_Feltes_Alltagshandeln_Heidelberg.pdf\">Rezensent<\/a> mit Notrufen und Funkstreifenwageneins\u00e4tzen in bundesdeutschen Gro\u00dfst\u00e4dten besch\u00e4ftigt. Dem folgte 1996 noch einmal eine <a href=\"https:\/\/www.thomasfeltes.de\/pdf\/veroeffentlichungen\/1996_Felix_10_neu.pdf\">ausf\u00fchrliche Studie<\/a> in drei Polizeidirektionen in Baden-W\u00fcrttemberg.<\/p>\n<p>Die hier vorgelegte Studie \u201e<em>Praxisform Polizeinotruf. Mediatisierte Wissenspraktiken zwischen Wachsamkeit und Intervention<\/em>\u201c untersucht am Beispiel \u00d6sterreichs allerdings gerade nicht den Inhalt der Notrufe (zumindest nicht prim\u00e4r), sondern die gesellschaftlichen Debatten rund um den Notruf sowie die Praxis in den Leitstellen der Polizei, in denen die Aufforderungen zur Intervention, die aus der Bev\u00f6lkerung kommen, bearbeitet werden. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Rolle digitaler Kommunikationstechnologien.<\/p>\n<p>Zu den Forschungsfragen geh\u00f6rt allerdings auch, worum es bei der Notrufbearbeitung geht. In einer Abbildung stellt der Autor hier (S. 43) Forschungsfragen und Methoden gegen\u00fcber. Dabei geht es aber weniger um die eigentlichen Inhalte der Notrufe (Warum rufen die Menschen die Polizei?), sondern um eher \u00fcbergeordnete Fragen (s. Abb.).<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter wp-image-2433\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/20260817_113320-scaled.jpg\" alt=\"\" width=\"385\" height=\"410\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/20260817_113320-scaled.jpg 2402w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/20260817_113320-141x150.jpg 141w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/20260817_113320-961x1024.jpg 961w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/20260817_113320-1441x1536.jpg 1441w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/08\/20260817_113320-1921x2048.jpg 1921w\" sizes=\"(max-width: 385px) 100vw, 385px\" \/><\/p>\n<p>Es geht um \u201eKonversationsanalysen\u201c (S. 14). Die Konversationsanalyse ist eine empirische Methode zur Erforschung m\u00fcndlicher Kommunikation und sozialer Interaktion. Sie untersucht Ton- oder Videoaufzeichnungen nat\u00fcrlicher Gespr\u00e4che, um die Regeln, Strukturen und praktischen Verfahren des menschlichen Miteinander-Sprechens aufzudecken. Verschiedene ethnomethodologische Studien haben sich mit diesem Problem besch\u00e4ftigt (S. 14 f.).<\/p>\n<p>Methodisch verbindet die Publikation eine Kritische Diskursanalyse der Medienberichterstattung \u00fcber den Notruf mit ethnographischen Erhebungen. So hat der Autor Feldaufenthalte durchgef\u00fchrt, wobei die Nacht ihm als Beobachtungszeit untersagt wurde (S. 62) und damit ein f\u00fcr das Notrufaufkommen wesentlicher Zeitraum wegfiel. Seine Ausf\u00fchrungen zu den teilnehmenden Beobachtungen in den Kontrollr\u00e4umen (S. 60 ff.) sind methodologisch sicher interessant, inhaltlich aber (zumindest in Bezug auf das tats\u00e4chliche Verhalten bei der Notrufannahme) eher d\u00fcrftig, was aber am Forschungsansatz des Autors liegt. Konkrete Beschreibungen oder auch Zitate aus den von ihm ebenfalls gef\u00fchrten Interviews finden man in dem Buch leider kaum (z.B. auf S. 198), doch gerade dies w\u00e4re zum Verst\u00e4ndnis der Abl\u00e4ufe und auch der Analyse des Autors hilfreich gewesen. Stattdessen ist vom \u201e<em>polizeilichen Gesp\u00fcr in der Notrufbearbeitung<\/em>\u201c (S. 291) die Rede, wobei auch dieses Kapitel wieder eine Abstraktionsebene erreicht, die es schwer macht, die konkreten Inhalte nachzuvollziehen.<\/p>\n<p>Was die Studie somit nicht leistet (obwohl der Titel dies zumindest im Ansatz suggeriert) ist eine quantitative und qualitative Analyse dessen, was als Notruf bei der Polizei eingeht. Dem Verfasser geht es in seiner Arbeit um einen \u201e<em>innovativen Ansatz der Praxisformanalyse<\/em>\u201c. Dazu arbeitet er heraus, dass die \u00fcbergreifenden Bezugsprobleme der Notrufbearbeitung in der Mobilisierung und Kontrolle von ziviler Wachsamkeit und polizeilicher Intervention liegen. Einerseits sollen Menschen dazu gebracht werden, ihre Umgebung aufmerksam zu beobachten und St\u00f6rungen und Gefahren an die Polizei zu melden. Andererseits kontrollieren die Polizisten diese Meldungen im Notrufgespr\u00e4ch und modifizieren sie nach den Kriterien polizeilicher Intervention.<\/p>\n<p>Im Spannungsfeld dieser komplexen Herausforderungen erzeugen, bewerten und verteilen die Notrufprozesse systematisch Wissen \u00fcber Gefahrenereignisse, Alltagsst\u00f6rungen und die Polizei selbst. Der Notruf ist daher nicht nur als schnelle Hilfe, sondern auch als \u201e<em>epistemische Praxisform<\/em>\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> (Knopp) zu verstehen. Er ordnet Ver\u00e4nderungen des polizeilichen Notrufs gezielt in l\u00e4ngerfristige Transformationen des Sicherheitssektors ein.<\/p>\n<p>F\u00fcr Knopp ist der Notruf zentrale Ressource eines neuen Polizeiparadigmas, in dem die Bev\u00f6lkerung zur aktiven Mitwirkung an der gesellschaftlichen Sicherheit aufgefordert wird \u2013 wobei die Frage erlaubt sein muss, was daran wirklich neu ist, denn Notrufe bei der Polizei gibt es in Deutschland seit mehr als 50 Jahren<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>.<\/p>\n<p>Da die Leitstellen der Polizei grundlegend auf Kommunikationstechnologien angewiesen sind, untersucht die Studie, wie ein neues Einsatzleit- und Kommunikationssystem eingef\u00fchrt wird und wie es die Produktion und Zirkulation von Wissen in der Notrufbearbeitung pr\u00e4gt. Die detaillierte Analyse zeigt unter anderem, wie Polizisten technische Features nutzen, um die Glaubw\u00fcrdigkeit von Anrufenden zu bewerten und wie dieses epistemische Profiling bedeutungsvolle Differenz hervorbringt. Dar\u00fcber hinaus wird nachgezeichnet, wie im Einsatz Interventionsr\u00e4ume konstruiert werden und wie das Geben und Nehmen zwischen Leitstelle und Streifendienst die Mobilisierung zu Eins\u00e4tzen dynamisiert.<\/p>\n<p>Die Studie versteht Sicherheit als eine Form des Antwortens auf soziale Herausforderungen, die \u00fcber bestimmte F\u00e4higkeiten verf\u00fcgt und Verpflichtungen unterliegt. Sie ist somit ein Mosaiksteinchen in der Auseinandersetzung mit polizeilichen Notrufen und Funkstreifenwageneins\u00e4tzen \u2013 allerdings eher f\u00fcr methodologisch Interessierte gedacht als f\u00fcr Kriminologen und Polizeiwissenschaftler, die sich mit den Inhalten der Notrufe und der Art und Weise, wie bspw. Funkstreifenwageneins\u00e4tze organisiert werden, besch\u00e4ftigen wollen. Aber als Hintergrundwissen sind die Ergebnisse der Studie in jedem Fall n\u00fctzlich.<\/p>\n<p>Das Buch \u00a0ist auf <a href=\"https:\/\/e-book.fwf.ac.at\/detail\/o:2093\">der Seite des \u00d6sterreichischen Wissenschaftsfonds<\/a> und auch auf der <a href=\"https:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-7718-8\/praxisform-polizeinotruf\/?c=313000000\">Website des Verlages<\/a> digital kostenfrei verf\u00fcgbar.<\/p>\n<p>Thomas Feltes, August 2026<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Feltes, Polizeiliches Alltagshandeln. Konsequenzen f\u00fcr eine &#8222;neue Polizei&#8220; aus einer Analyse von Notrufen und Funkstreifeneinsatzanl\u00e4ssen. In: Kriminologische Forschung in den 80er Jahren, Bd.1, hrsg. von G. Kaiser, H. Kury, H.-J. Albrecht (Kriminologische Forschungsberichte aus dem Max-Planck-Institut, Bd.35\/1) Freiburg 1988, S.125-156; <a href=\"https:\/\/www.thomasfeltes.de\/pdf\/veroeffentlichungen\/1988_Polizeiliches_Alltagshandeln.pdf\">verf\u00fcgbar hier<\/a> sowie ders., Polizeiliches Alltagshandeln &#8211; Ergebnisse einer Analyse von Notrufen und Funkstreifenwageneins\u00e4tzen. Arbeitspapier Institut f\u00fcr Kriminologie der Universit\u00e4t Heidelberg<a href=\"https:\/\/www.thomasfeltes.de\/pdf\/veroeffentlichungen\/1990_Feltes_Alltagshandeln_Heidelberg.pdf\">; verf\u00fcgbar hier<\/a> und Feltes\/Dreher, Notrufe und Funkstreifenwageneins\u00e4tze bei der Polizei. Eine empirische Studie in drei Polizeidirektionen in Baden-W\u00fcrttemberg, Holzkirchen 1996; <a href=\"https:\/\/www.thomasfeltes.de\/pdf\/veroeffentlichungen\/1996_Felix_10_neu.pdf\">verf\u00fcgbar hier<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> \u201eEine epistemische Praxisform bezeichnet T\u00e4tigkeiten, Handlungen oder Prozesse, durch die Wissen erzeugt, validiert, ver\u00e4ndert oder weitergegeben wird. Sie verbindet theoretische Erkenntnis (griech. episteme) mit praktischem Handeln und sozialen Strukturen\u201c (Google KI).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Den bundesweit einheitlichen Polizeinotruf 110 gibt es in der Bundesrepublik Deutschland offiziell seit 1973. Davor gab keine einheitliche Nummer; man musste die lokalen Nummern der Polizeiwachen w\u00e4hlen. In der DDR waren die 110 (Polizei) und 112 (Feuerwehr) bereits seit mindestens 1958 als einheitliche Nummern aktiv.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Philipp Knopp, Praxisform Polizeinotruf. Mediatisierte Wissenspraktiken zwischen Wachsamkeit und Intervention. Transkript-Verlag Bielefeld, 360 Seiten, ISBN: 978-3-8376-7718-8, 49.- Euro (Paperback); e-book open access. Wie bearbeitet die Polizei Notrufe? Und wie ver\u00e4ndert sich der Notruf mit der fortschreitenden Digitalisierung? Philipp Knopp geht diesen Fragen mit dem neuen Konzept der Praxisformanalyse nach. Er verbindet die Ethnografie in Kontrollr\u00e4umen &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2430\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Philipp Knopp, Praxisform Polizeinotruf. 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