{"id":2445,"date":"2026-09-28T11:32:15","date_gmt":"2026-09-28T09:32:15","guid":{"rendered":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2445"},"modified":"2026-09-28T11:32:15","modified_gmt":"2026-09-28T09:32:15","slug":"yari-dennhardt-das-strafprozessuale-verfolgungskonzept-gegen-organisierte-kriminalitaet-eine-untersuchung-verdeckter-ermittlungen-unter-besonderer-beruecksichtigung-der-strafrechtlichen-erfassung-or","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=2445","title":{"rendered":"Yari Dennhardt, Das strafprozessuale Verfolgungskonzept gegen Organisierte Kriminalit\u00e4t. Eine Untersuchung verdeckter Ermittlungen unter besonderer Ber\u00fccksichtigung der strafrechtlichen Erfassung Organisierter Kriminalit\u00e4t. Rezensiert von Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong>Yari Dennhardt, Das strafprozessuale Verfolgungskonzept gegen Organisierte Kriminalit\u00e4t. Eine Untersuchung verdeckter Ermittlungen unter besonderer Ber\u00fccksichtigung der strafrechtlichen Erfassung Organisierter Kriminalit\u00e4t<\/strong>. Nomos-Verlag Baden-Baden 2026, 494 S., Buch: ISBN 978-3-7560-3666-0, e-book: ISBN 978-3-7489-6729-3, jeweils 144.- Euro.<\/p>\n<p>Organisierte Kriminalit\u00e4t (OK) gilt seit Jahrzehnten als erhebliche Bedrohung f\u00fcr Rechtsstaat und Gesellschaft. <img loading=\"lazy\" class=\" wp-image-2446 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Dennhardt.jpg\" alt=\"\" width=\"161\" height=\"239\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Dennhardt.jpg 622w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2026\/09\/Dennhardt-101x150.jpg 101w\" sizes=\"(max-width: 161px) 100vw, 161px\" \/>Die globalisiert organisierte Kriminalit\u00e4t stellt alle Staaten hinsichtlich der Effektivit\u00e4t ihrer Strafverfolgung und ihrer supranationalen Kooperationen auf den Pr\u00fcfstand. Der Autor will verdeckte Ermittlungen unter besonderer Ber\u00fccksichtigung der strafrechtlichen Erfassung Organisierter Kriminalit\u00e4t und das \u201estrafprozessuale Verfolgungskonzept gegen Organisierte Kriminalit\u00e4t\u201c untersuchen.<!--more--><\/p>\n<p>Dabei verwundert die Begrifflichkeit etwas, denn als \u201eVerfolgungskonzept\u201c wird gemeinhin das verstanden, was die Polizei entwickelt und umsetzt, um einen bestimmten Straftatenbereich zu bek\u00e4mpfen. Letztlich ist die Wortwahl von Dennhardt aber vertretbar, denn das Grundkonzept der Strafverfolgung wird von der StPO vorgegeben. Die Polizei kann ihr konkretes Handlungskonzept (nur) an den Vorgaben der StPO orientieren bzw. hat die dort vorgegebenen rechtlichen Grenzen zu beachten &#8211; auch wenn dies in der Praxis immer wieder einmal \u00fcbersehen wird.<\/p>\n<p>Bereits in den 1990er Jahren begann man damit, dem Ph\u00e4nomen der OK mit Mitteln des Strafprozess- und Strafrechts zu begegnen. Die Arbeit untersucht, ob mit diesem Verfolgungskonzept auch eine Bew\u00e4ltigung heutiger OK-Strukturen gelingen kann. Dazu werden die Entwicklung des Konzeptes, die dogmatischen Grundlagen und Anwendungsfelder systematisch aufgearbeitet und kritisch bewertet. Am Ende steht ein Vorschlag zur Neuausrichtung der OK-Ermittlungen.<\/p>\n<p>Zielgruppe sind \u2013 so der Verlag \u2013 \u201ean Wissenschaftler:innen, Praktiker:innen und Entscheidungstr\u00e4ger:innen im Bereich des Straf- und Sicherheitsrechts\u201c.<\/p>\n<p>Die Arbeit ist in vier sehr unterschiedlich umfangreiche Teile gegliedert. Der erste Teil (S. 25 \u2013 36) dient der Einf\u00fchrung. Der sehr umfangreiche zweite Teil (S. 39 \u2013 384) ist mit \u201eErfassung des OK-Ph\u00e4nomens\u201c \u00fcberschrieben. Hier finden sich sowohl Ausf\u00fchrungen zur Entwicklung des Ph\u00e4nomens, zu Definitionsans\u00e4tzen (die allerdings weitestgehend unkritisch wiedergegeben werden) und zur materiell-rechtlichen Erfassung. Schwerpunkt ist hier das Kapitel C, in dem es um die Anpassungen polizeilicher Ermittlungst\u00e4tigkeit als Reaktion auf OK sowie um die Implementierung besonderer Ermittlungsma\u00dfnahmen geht.<\/p>\n<p>Leider vermisst man eine rechtstats\u00e4chlich grundlegend kritische Analyse. Der Verfasser beschr\u00e4nkt sich darauf, rechtsimmanent zu argumentieren, was angesichts des strafrechtsdogmatischen Charakters der Arbeit vertretbar ist. Allerdings spielten rechtstats\u00e4chliche Aspekte gerade im Bereich der OK eine doch erhebliche Rolle \u2013 beginnend mit der Definition dessen, was man darunter fassen sollte, \u00fcber die Frage, wie Verfolgungsschwerpunkte zu setzen sind und welche Auswirkungen dies auf die kriminalstatistische Erfassung hat.<\/p>\n<p>Dieses Kapitel und die Ausf\u00fchrungen dort gehen kaum \u00fcber das hinaus, was an anderer Stelle und teilweise auch ausf\u00fchrlicher bereits zur Entwicklung der Definition und der Kritik daran geschrieben wurde \u2013 z.B. von <a href=\"http:\/\/www.organized-crime.de\/okdef.htm\">Klaus von Lampe<\/a>. Hier h\u00e4tte man sich gew\u00fcnscht, dass der Verfasser einen st\u00e4rker an seinem eigentlichen Thema (verdeckte Ermittlungen) orientierten Ansatz verfolgt h\u00e4tte, wie generell das Thema der verdeckten Ermittlungen oftmals \u00fcber viele Seiten hinweg in der Arbeit keine Rolle spielt, obwohl der Begriff explizit und herausgehoben im Titel der Arbeit verwendet wird.<\/p>\n<p>Auch einzelne, in der j\u00fcngsten Vergangenheit intensiv diskutierte bestimmte Ph\u00e4nomene, die der OK zugeordnet werden, bleiben weitestgehend au\u00dfen vor. Dies betrifft z.B. die sog. \u201eClankriminalit\u00e4t (s. <a href=\"https:\/\/www.thomasfeltes.de\/images\/JBO%CC%88S-2024-25-Beitrag-Feltes-Ausla%CC%88nder-_und_Clankriminalita%CC%88t-029-058-nachkorrigiert.pdf\">Feltes<\/a> 2024) oder auch die \u201eRockerkriminalit\u00e4t\u201c (auch hierzu <a href=\"https:\/\/www.thomasfeltes.de\/images\/Rauls_Feltes_Administrativer_Ansatz.pdf\">Rauls\/Feltes<\/a> 2020). Beide Bereiche h\u00e4tten sich sehr gut daf\u00fcr geeignet, das Thema \u201everdeckte Ermittler\u201c konkret auf einen bestimmten Bereich zu \u00fcbertragen und dabei auch auf die strafprozessuale und verfassungsrechtliche Zul\u00e4ssigkeit zu hinterfragen.<\/p>\n<p>Im dritten Teil der Arbeit (S. 385 \u2013 450) geht es um der \u201eVerfolgungskonzept im Gesamtgef\u00fcge des Strafverfahrens\u201c und abgeschlossen wird die Studie mit dem vierten Teil (S. 451 \u2013 459), den \u201eGesamtergebnis\u201c.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist das Buch also weit mehr als eine \u201eUntersuchung verdeckter Ermittlungen unter besonderer Ber\u00fccksichtigung der strafrechtlichen Erfassung Organisierter Kriminalit\u00e4t\u201c, wie der Untertitel suggeriert. Tats\u00e4chlich stehen diese verdeckten Ermittlungen sogar nicht im Fokus der Arbeit, sondern es geht generell um das Thema der OK und deren polizeilicher und strafrechtlicher Bew\u00e4ltigung.<\/p>\n<p>Leider fehlt auch am Anfang der Arbeit eine Definition, was Dennhardt denn insgesamt unter \u201everdeckten Ermittlungen\u201c versteht. Er schreibt auf S. 27, dass man sich mit dem Ph\u00e4nomen OK erst in den vergangenen 30 Jahren vertieft befasst hat und dass den Entwicklungen mit \u201everschiedenen Instrumenten verdeckter Ermittlungen begegnet\u201c wurde, zun\u00e4chst ohne gesetzliche Grundlagen. Was genau unter verdeckten Ermittlungen zu verstehen ist, wie man sie ggf. unterteilen oder strukturieren kann und welche Rolle dabei der Aspekt der verdeckten Ermittler spielt, behandelt Dennhardt leider nicht.<\/p>\n<p>Vielmehr ist das Ziel der Studie, die Erfassung und Bewertung \u201edes Konzeptes der strafprozessualen Verfolgung von OK\u201c (S. 451) und die Aufarbeitung dieses Verfolgungskonzeptes. Herausgearbeitet werden soll, welche Vorstellung von OK der Gesetzgeber bei Schaffung der Gesetze hatte und wie sich diese Vorstellung in den implementierten Ma\u00dfnahmen niedergeschlagen hat. Dazu sollen die einzelnen Ermittlungsma\u00dfnahmen betrachtet und die Erw\u00e4gungsgr\u00fcnde wie auch die gesellschaftlichen und kriminalpolitischen Rahmenbedingungen untersucht werden. Dabei wirft der Verfasser auch einen (allerdings sehr knappen, S. 300 \u2013 306) Blick ins Ausland.<\/p>\n<p>Kriminologisch-empirische Ergebnisse und\/oder \u00dcberlegungen sucht man vergeblich. Aber das w\u00e4re dann wohl auch eine andere Arbeit geworden. Was bleibt ist die Tatsache, dass es Dennhardt gelungen ist, die vergangenen 30 Jahre der strafrechtlichen und strafprozessualen Besch\u00e4ftigung mit der OK nachzuzeichnen und (systemimmanent) zu bewerten. Der \u201ePraxischeck\u201c, ob und wie sich diese Ma\u00dfnahmen tats\u00e4chlich auf Umfang und Struktur der OK in Deutschland ausgewirkt haben, fehlt leider. Hier w\u00e4re der Blick \u00fcber den Tellerrand vor allem nach Italien sicherlich hilfreich und auch rechtsdogmatisch anregend gewesen.<\/p>\n<p>Bei der Arbeit handelt es sich somit um eine im Wesentlichen auf den deutschen rechtsdogmatischen Bereich beschr\u00e4nkte juristische Studie. Ob diese Beschr\u00e4nkung angesichts der globalen Bedeutung des Themas (s. am Anfang) sinnvoll ist, mag man bezweifeln. Zumindest h\u00e4tte man ein Kapitel in der Arbeit erwarten d\u00fcrfen, das sich mit dem strafprozessualen Umgang mit dem Thema in Italien besch\u00e4ftigt \u2013 zumal er selbst am Ende der Arbeit betont, wie wichtig die \u201egrenz\u00fcberschreitende Zusammenarbeit\u201c bei der Bek\u00e4mpfung der OK ist (S. 457). Daf\u00fcr h\u00e4tten andere Teile der Arbeit entweder vollkommen weggelassen oder deutlich verk\u00fcrzt werden k\u00f6nnen. Insgesamt tr\u00e4gt der Verfasser die wesentlichen Grundlinien der juristischen, oder genauer gesagt der rechtsdogmatischen Besch\u00e4ftigung mit dem Thema umfassend zusammen. Dies ist sicherlich der wesentliche Pluspunkt der Arbeit.<\/p>\n<p>Letztlich fehlt der Arbeit auch ein Stichwortverzeichnis, wie man es f\u00fcr eine solche Studie, die den Anspruch erhebt, Grundlagen zu behandeln, erwarten d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Thomas Feltes, September 2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Yari Dennhardt, Das strafprozessuale Verfolgungskonzept gegen Organisierte Kriminalit\u00e4t. Eine Untersuchung verdeckter Ermittlungen unter besonderer Ber\u00fccksichtigung der strafrechtlichen Erfassung Organisierter Kriminalit\u00e4t. Nomos-Verlag Baden-Baden 2026, 494 S., Buch: ISBN 978-3-7560-3666-0, e-book: ISBN 978-3-7489-6729-3, jeweils 144.- Euro. Organisierte Kriminalit\u00e4t (OK) gilt seit Jahrzehnten als erhebliche Bedrohung f\u00fcr Rechtsstaat und Gesellschaft. 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