{"id":269,"date":"2015-12-08T17:52:55","date_gmt":"2015-12-08T16:52:55","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=269"},"modified":"2016-03-03T11:46:56","modified_gmt":"2016-03-03T10:46:56","slug":"filmbesprechung-die-jagd-von-thomas-vinterberg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=269","title":{"rendered":"Filmbesprechung \u201eDie Jagd\u201c von Thomas Vinterberg"},"content":{"rendered":"<p>337)<br \/>\n<strong>Filmbesprechung \u201eDie Jagd\u201c von Thomas Vinterberg; <\/strong>d\u00e4nischer Spielfilm von 2012, 111 Minuten, FSK 12<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/die_jagd.png\"><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-270 size-medium alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/die_jagd-213x300.png\" alt=\"die_jagd\" width=\"107\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/die_jagd-213x300.png 213w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2015\/12\/die_jagd.png 220w\" sizes=\"(max-width: 107px) 100vw, 107px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Der hier besprochene Film, international nominiert und ausgezeichnet, nimmt sich einem unbequemen Thema an: Der P\u00e4dophilie \u2013 gesamtgesellschaftlich gesehen ein sich eher im Dunkelfeld abzeichnendes Ph\u00e4nomen, welches in seiner verdeckten Omnipr\u00e4senz viel Besorgnis erregt. Laut der polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) sind im Jahr 2014 insgesamt mehr als 64.000 Kinder unterschiedlichen Delikten, sowie in 14.191 F\u00e4llen dem versuchten oder vollendeten sexuellen Missbrauch, zum Opfer gefallen, darunter waren 1.737 Kinder im Alter von unter sechs Jahren betroffen<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>, wobei sich diese Zahlen eben nur auf das Hellfeld beziehen und kindliche Zeugen ebenso wie Straftaten im Dunkelfeld nicht in diesen Statistiken inbegriffen sind. <!--more--><\/p>\n<p>Der in diesem Jahr aktuelle Skandal um die Missbrauchsvorw\u00fcrfe an der Kita Maria K\u00f6nigin in Mainz<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> dokumentiert, welche tragreichen Konsequenzen unprofessionelles Verhalten der Beteiligten im Umgang mit solchen Vorw\u00fcrfen nach sich ziehen kann. Und genau diese Fehlbarkeit, zwar von den Anschuldigungen abweichend vom genannten Kita-Skandal, aber hinsichtlich des Umgangs damit vergleichbar, wird von Thomas Vinterberg in besonderer dramaturgischer Weise in den Fokus genommen.<\/p>\n<p>Denn die hier gezeichnete Konstellation ist eine andere, die in fiktiven Szenarien und auch in der Realit\u00e4t sicherlich seltener zugegen ist, aber (fast) ebenso erdr\u00fcckend sein kann, wie die, in der ein sexueller Missbrauch stattgefunden hat und man den T\u00e4ter, aus Gr\u00fcnden einer ung\u00fcnstig durchgef\u00fchrten Anh\u00f6rung des Opfers, nicht \u00fcberf\u00fchren oder man den eindeutigen Nachweis f\u00fcr die begangene Straftat nicht erbringen kann. Im Film verh\u00e4lt es sich wie folgt: Aus einer verd\u00e4chtigen \u00c4u\u00dferung der vierj\u00e4hrigen Klara, die nicht im Zusammenhang mit einem wirklichen \u00dcbergriff steht, aber von der zurecht besorgten Kindergartenleiterin Grethe ernst genommen wird, ger\u00e4t der Kinderg\u00e4rtner Lucas (\u00fcberzeugend gespielt von Mads Mikkelsen) unter Verdacht. Die \u00c4u\u00dferung des M\u00e4dchens ist zum einen beeinflusst von aus einem anderen Kontext \u00fcbertragenen, pornographischen Inhalten, zum anderen erwachsen aus der f\u00fcr das kindliche Alter m\u00f6glichen, empfundenen Schw\u00e4rmerei f\u00fcr den Kinderg\u00e4rtner \u2013 mit fatalen Konsequenzen, wie es im Film eindr\u00fccklich dargestellt wird. Denn aufgrund des im Raum stehenden Vorwurfs geht die Angst bei den Beteiligten um. Schnell verzweifelt das ganze Dorf schier an dem geglaubten Umstand, dass der normal erscheinende und nette Mitb\u00fcrger und Kinderg\u00e4rtner, der auch noch ein enger Freund des Vaters von Klara ist, nun ein P\u00e4dophiler ist \u2013 was das Unterfangen der Selbstjustiz aufkommen l\u00e4sst, den Grundsatz und die Alternativhypothese <em>in dubio pro reo <\/em>au\u00dfer Acht gelassen.<\/p>\n<p>Tragisch ist die Geschichte deshalb, weil man im Grunde genommen niemandem wirklich einen Vorwurf machen kann, denn alle Beteiligten sind betroffen und tun ihr Bestm\u00f6gliches, um Licht ins Dunkel der im Raum stehenden Vorw\u00fcrfe zu bringen. Auch das Entsetzen der Eltern und weiteren Beteiligten ist nachzuempfinden, versucht man sich in eine solche Albtraumsituation hineinzuversetzen, in der Hilflosigkeit eine bedeutsamere Rolle zu spielen scheint, als ebenso m\u00f6gliche konstruktive Handlungsoptionen, die ein professionell-neutrales Vorgehen implizieren w\u00fcrden. Und diese Hilflosigkeit gepaart mit der Angst, dem Zweifel und der Unsicherheit, die die unmittelbar Beteiligten versp\u00fcren, und die sich auch in der gesamten Kommune manifestiert, was dann tragischer Weise in einer Art blinden Aktionismus m\u00fcndet, ist durchaus menschlich und kann situations\u00fcbergreifend wiederholt beobachtet werden. Eine Erkl\u00e4rung f\u00fcr diesen fatalen Weitergang der Situation bietet sich im sogenannten Best\u00e4tigungsfehler (<em>confirmation-bias<\/em>) an, der nicht nur in ermittlungsrelevanten Befragungen zu vermeidende Konsequenzen nach sich ziehen kann, sondern auch im Alltag sehr menschlich ist: Die hypothesenbest\u00e4tigende Suche und Filterung von Informationen, in der Hoffnung, sich der Wahrheit anzun\u00e4hern, man denke an Karl Popper, die f\u00fcr das menschliche Dasein und Denken evolution\u00e4r adaptiv sein mag, m\u00fcndet in diesem Zusammenhang \u2013 wohl am offensichtlichsten und zugleich auch f\u00fcr den Zuschauer qu\u00e4lerischsten dargestellt in der knapp f\u00fcnfmin\u00fctigen Befragung von Klara durch den befreundeten Sozialarbeiter \u2013 in das gr\u00f6\u00dfte anzunehmende <em>worstcase\u2011Szenario<\/em>, das denkbar ist. Denn damit ist, obwohl die Motivation der Beteiligten nachvollziehbar und wohlwollend ist, am Ende niemandem geholfen.<\/p>\n<p>Den Wissensvorteil, den man als Zuschauer hat, dass man um die Nichtexistenz des im Raum stehenden Missbrauchs wei\u00df, muss man bei seinem Urteil \u00fcber das Handeln der Beteiligten unbedingt ber\u00fccksichtigen. Und auch dies l\u00e4sst der Film in seiner Ausgestaltung zu, denn er ist, und das ist nebeneiner \u00fcberzeugenden schauspielerischen Leistung und Dramaturgie, auch wenn selbstverst\u00e4ndlich ein eindeutiges Urteil hinsichtlich der Verantwortung des Fehlverhaltens zu f\u00e4llen ist, eher ph\u00e4nomenologisch und beschreibend angelegt, was die Besonderheit des Drehbuchs ausmacht. Es wird unausweichlich aufgezeigt, was aus solch einer komplexen Situation Schlimmes erwachsen kann, ohne dass man sich selbst davon freisprechen k\u00f6nnte, wirklich h\u00e4tte anders gehandelt haben zu k\u00f6nnen, wenn man mit einem derartigen Szenario noch nicht in Ber\u00fchrung gekommen ist. Gegen Unsicherheit, Angst, Zweifel und Hilflosigkeit kann letztendlich nur ein Mittel Einsatz finden: Professionelles, gut geschultes Personal, welches in solchen F\u00e4llen konsultiert werden muss, bestenfalls fr\u00fchzeitig, bevor andere Befragungen stattgefunden haben \u2013 seien es ausgebildete Personen der Polizei, Beratungsstellen oder weitere Prozessbeteiligte wie Anw\u00e4lte oder Richter. Auch wenn es sich hier nur um ein Schauspiel handelt, sind die Darstellungen nicht fernab von der Realit\u00e4t, sondern, wie mehrfach dokumentiert werden konnte, eher typisch. Und da bereits \u201ein fr\u00fchen Phasen der Ermittlungsarbeit die Weichen f\u00fcr den Erfolg oder Misserfolg eines Verfahrens gestellt werden\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>, gilt es, eine landesweite Professionalisierung im Umgang mit F\u00e4llen des sexuellen Missbrauchs, auch in Hinblick auch die Vorgehensweisen in der polizeilichen Ermittlungst\u00e4tigkeit, zu forcieren<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Bundeskriminalamt (2015). Polizeiliche Kriminalstatistik 2014. Abrufbar unter: <a href=\"https:\/\/www.bka.de\/DE\/Publikationen\/PolizeilicheKriminalstatistik\/2014\/2014Standardtabellen\/pks2014StandardtabellenOpferUebersicht.html\">https:\/\/www.bka.de\/DE\/Publikationen\/PolizeilicheKriminalstatistik\/2014\/2014Standardtabellen\/pks2014StandardtabellenOpferUebersicht.html<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> dazu Ausgabe des ZEIT-Magazins vom 03.12.2015, \u201eSkandal in der Kita \u2013 oder doch nicht? Eine Rekonstruktion\u201c.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Regber, A. (2007). Glaubhaftigkeit und Suggestibilit\u00e4t kindlicher Zeugenaussagen unter Einbeziehung entwicklungspsychologischer Aspekte (Schriftenreihe der Th\u00fcringer Fachhochschule f\u00fcr \u00d6ffentliche Verwaltung, Fachbereich Polizei, Bd. 5). Frankfurt [Main]: Verlag f\u00fcr Polizeiwissenschaft. Lorei. S.1.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Weber, A., Berresheim, A. &amp; Capellmann, M. (2011). Die Strukturierte Vernehmung: Die Methode f\u00fcr die Praxis der Polizei in NRW. Kriminalistik, 65 (3), 169\u2013175.<\/p>\n<p>Rezensiert von: Lena Jordan<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>337) Filmbesprechung \u201eDie Jagd\u201c von Thomas Vinterberg; d\u00e4nischer Spielfilm von 2012, 111 Minuten, FSK 12 Der hier besprochene Film, international nominiert und ausgezeichnet, nimmt sich einem unbequemen Thema an: Der P\u00e4dophilie \u2013 gesamtgesellschaftlich gesehen ein sich eher im Dunkelfeld abzeichnendes Ph\u00e4nomen, welches in seiner verdeckten Omnipr\u00e4senz viel Besorgnis erregt. Laut der polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) sind &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=269\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Filmbesprechung \u201eDie Jagd\u201c von Thomas Vinterberg<\/span> <span class=\"meta-nav\">&uarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/269"}],"collection":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=269"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/269\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":353,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/269\/revisions\/353"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=269"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=269"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=269"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}