{"id":300,"date":"2016-02-10T13:19:19","date_gmt":"2016-02-10T12:19:19","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=300"},"modified":"2016-03-03T11:38:14","modified_gmt":"2016-03-03T10:38:14","slug":"das-unbehagen-an-der-kultur-ingo-schneider-martin-sexl-hrsg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=300","title":{"rendered":"Das Unbehagen an der Kultur &#8211; Ingo Schneider, Martin Sexl (Hrsg.)"},"content":{"rendered":"<p>340)<br \/>\n<em><strong>Schneider, Ingo &amp; Sexl, Martin (Hrsg.); <\/strong><\/em><strong>Das Unbehagen an der Kultur; <\/strong>Argument-Verlag Hamburg 2015, SBN 978-3-86754-318-7, 19.00 \u20ac<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/unbehagen_an_kultur.png\" rel=\"attachment wp-att-301\"><img loading=\"lazy\" class=\"wp-image-301 size-medium alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/unbehagen_an_kultur-193x300.png\" alt=\"unbehagen_an_kultur\" width=\"97\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/unbehagen_an_kultur-193x300.png 193w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/02\/unbehagen_an_kultur.png 200w\" sizes=\"(max-width: 97px) 100vw, 97px\" \/><\/a><\/p>\n<p>\u201eDas Unbehagen in der Kultur\u201c ist der Titel einer 1930 erschienenen Schrift von Sigmund Freud. Der hier vorgestellte Band geht in eine ganz andere Richtung: Die Beitr\u00e4ge wollen die \u201efatale Unsch\u00e4rfe des aktuellen Kulturbegriffs\u201c kritisieren, und die durchg\u00e4ngig positive Konnotation des Begriffes. Der Kulturbegriff sei in den Geisteswissenschaften l\u00e4ngst zum Leitkonzept geworden und werde in \u00f6ffentlichen Diskursen zunehmend inflation\u00e4r verwendet. <!--more--><\/p>\n<p>Er sei daher unscharf. Kultur k\u00f6nne singul\u00e4re Praxis sein, Handlung oder Produkt oder wie im bildungsb\u00fcrgerlichen Programm Abgrenzung von einem \u00bbkulturlosen\u00ab Zustand.<\/p>\n<p>\u201eImmer noch, sogar verst\u00e4rkt greifen kulturalistische Konzepte um sich, die Kultur als B\u00fcndel von Eigenschaften definieren, durch die sich die Mitglieder einer Gruppe auszeichnen und von anderen Menschen unterscheiden, die anderen Gruppen, anderen \u00bbKulturen\u00ab angeh\u00f6ren\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. Konkret gemeint ist damit z.B. die \u201edeutsche Leitkultur\u201c, die im Moment allerorts eine Rolle spielt und auch in Verbindung mit den Ereignissen in K\u00f6ln an Silvester bem\u00fcht wurde (die T\u00e4ter sollen sich gef\u00e4lligst an unsere deutsche Kultur anpassen\u2026).<\/p>\n<p>Aus diesem Kulturbegriff, der die Gesellschaft anhand von Identit\u00e4t und Differenz organisiert, l\u00e4sst sich, so die Herausgeber, politisches Kapital schlagen. Das titelgebende Unbehagen entz\u00fcndet sich dabei an zwei parallelen Entwicklungen: der anhaltenden Konjunktur unterschiedlicher Kulturkonzepte in aktuellen (gesellschafts)politischen Diskursen sowie dem ungebremsten Boom der Verwendung des Kulturbegriffs in den Geistes- und Sozialwissenschaften. \u201eIn vielen Teilen der Welt sehen wir heute, wie \u00bbKultur\u00ab in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft instrumentalisiert wird: als Strategie der Simplifizierung und Naturalisierung bestehender Verh\u00e4ltnisse ebenso wie zur Legitimierung von Macht, Herrschaft und Gewalt. Dazu muss die Wissenschaft mehr sagen, als sie es bisher getan hat.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWider die Kultur\u201c \u00fcberschreibt Terry Eagleton seinen Beitrag in dem Band (ab S. 61), und bezieht sich dabei auch auf die \u201ePolizeikultur\u201c als Beispiel daf\u00fcr, dass diese Kulturbegriffe eine ungemeine Inflation durchgemacht haben. W\u00e4hrend fr\u00fcher Kultur als Religionsersatz fungierte, verkommt er aktuell zum Schlagwort f\u00fcr alles und jeden. Hannertz (S. 91) spricht von einer \u201eRhetorik der Kultur\u201c.<\/p>\n<p>Der Kulturbegriff, wie wir ihn im Moment verwenden, dient der Simplifizierung und Verschleierung, er ist Mittel medialer und politischer Rhetorik sowie realpolitischen Handelns und dient sogar als Strategie zur Legitimierung von Gewalt (Wiederherstellung der deutschen Leitkultur; Schutz des deutschen Wesens, an dem &#8230;).<\/p>\n<p>Gleichzeitig suggeriert der Begriff Stabilit\u00e4t und Sicherheit durch Tradition &#8211; wichtig in einer Situation, in der wir viele gewohnte Gewissheiten aufgeben (m\u00fcssen). Unsere gef\u00fchlte und vielleicht auch die objektive Sicherheit ist dabei weniger durch die Ereignisse in K\u00f6ln gef\u00e4hrdet als durch Faktoren wie die EU-Krise, den erwartbar nicht endenden Fl\u00fcchtlingsstrom, die Krise der Regierungspolitik auch, aber nicht im Kontext der Fl\u00fcchtlingsdiskussion, die nicht mehr kampfbereite Bundeswehr, durch den weltweiten Terrorismus, die Krise der Sozialsysteme (Renten) u.a. Wir f\u00fchlen uns derart in Mitleidenschaft gezogen, dass unsere \u00fcberkommenden Erwartungen offensichtlich nicht mehr erf\u00fcllbar sind und unsere bew\u00e4hrten Strategien (kognitive Dissonanz) zur Abwehr dessen, was unsere Sicherheit gef\u00e4hrden k\u00f6nnte, nicht mehr greifen. Wie sollen wir auch verstehen, dass pl\u00f6tzlich die deutsche Wirtschaft gegen die CDU-gef\u00fchrte Regierung aufbegehrt und sich gegen ein Schlie\u00dfen der Grenzen wendet, dass die CSU gegen die eigene Regierung vor das Bundesverfassungsgericht ziehen will und die USA nicht mehr den Weltpolizisten spielen wollen und k\u00f6nnen? Und wenn GR\u00dcNE pl\u00f6tzlich f\u00fcr mehr Polizei, h\u00e4rtere Strafen und Abschiebung votieren, wird das nicht nur das Weltbild Altlinker ersch\u00fcttert.<\/p>\n<p>Dies alles und die Einsicht, dass wir in Deutschland nicht mehr auf einer Insel der Gl\u00fcckseligen leben, die sich vom Rest der Welt abschotten kann, tragen dazu bei, dass wir unseren \u00fcberkommenen Sicherheiten nicht mehr gewiss sein k\u00f6nnen. Diese allgemeine Verunsicherung macht sich nun an denjenigen fest, die man konkret und pers\u00f6nlich f\u00fcr diese Lage verantwortlich machen kann. Psychoanalytisch kennen wir dieses Mechanismus nur zu gut. Das Angebot von S\u00fcndenb\u00f6cken, die uns derzeit geliefert werden, nehmen wir gerne an. Auf der anderen Seite suchen wir Geborgenheit in bekannten Begrifflichkeiten, und da hilft die \u201edeutsche Kultur\u201c weiter und bietet Fluchten an.<\/p>\n<p>Dem Band gelingt es, diese Fluchtt\u00fcr zu verschlie\u00dfen und gleichzeitig vor einer inflation\u00e4ren Verwendung des Begriffes auch in den Wissenschaften (\u201eLehrstuhl f\u00fcr Kulturwissenschaften\u201c) und im Alltag (Fu\u00dfballkultur, Unternehmenskultur) zu warnen. Um mit Theodor Adorno zu schlie\u00dfen: \u201eDas vornehme Wort Kultur tritt anstelle des verp\u00f6nten Ausdrucks Rasse, bleibt aber ein blo\u00dfes Deckbild f\u00fcr den brutalen Herrschaftsanspruch\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Dieses und das folgende Zitat stammt vom Klappentext des Buches auf <a href=\"http:\/\/www.argument.de\/wissen_index_reload.html?wissenschaft\/as\/as318.html\">http:\/\/www.argument.de\/wissen_index_reload.html?wissenschaft\/as\/as318.html<\/a>. Dort findet sich auch das Inhaltsverzeichnis.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Adorno 1997, zitiert auf S. 13 f. des hier besprochenen Bandes.<\/p>\n<p>Rezensiert von: Thomas Feltes<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>340) Schneider, Ingo &amp; Sexl, Martin (Hrsg.); Das Unbehagen an der Kultur; Argument-Verlag Hamburg 2015, SBN 978-3-86754-318-7, 19.00 \u20ac \u201eDas Unbehagen in der Kultur\u201c ist der Titel einer 1930 erschienenen Schrift von Sigmund Freud. Der hier vorgestellte Band geht in eine ganz andere Richtung: Die Beitr\u00e4ge wollen die \u201efatale Unsch\u00e4rfe des aktuellen Kulturbegriffs\u201c kritisieren, und &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=300\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Das Unbehagen an der Kultur &#8211; Ingo Schneider, Martin Sexl (Hrsg.)<\/span> <span class=\"meta-nav\">&uarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/300"}],"collection":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=300"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/300\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":346,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/300\/revisions\/346"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=300"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=300"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=300"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}