{"id":450,"date":"2016-04-11T13:15:32","date_gmt":"2016-04-11T11:15:32","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=450"},"modified":"2016-04-11T13:15:32","modified_gmt":"2016-04-11T11:15:32","slug":"raphael-schwegmann-nacht-orte-eine-kulturelle-geographie-der-oekonomie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=450","title":{"rendered":"Raphael Schwegmann &#8211; Nacht-Orte. Eine kulturelle Geographie der \u00d6konomie."},"content":{"rendered":"<p>355) <em><strong>Schwegmann, Raphael; <\/strong><\/em><strong>Nacht-Orte. Eine kulturelle Geographie der \u00d6konomie.; <\/strong>2016, 180 Seiten, transcript-Verlag Bielefeld, ISBN 978-3-8376-3256-9, 24,99 Euro<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-452 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/nachtorte-98x150.png\" alt=\"nachtorte\" width=\"98\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/nachtorte-98x150.png 98w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/nachtorte.png 200w\" sizes=\"(max-width: 98px) 100vw, 98px\" \/><\/p>\n<p>Die Nacht hat die Menschen schon immer fasziniert. Angst und Dunkelheit, Angst und Nacht geh\u00f6ren f\u00fcr uns zusammen: Nachts geht niemand gerne \u00fcber einen Friedhof, und auch durch einen dunklen Wald bei Nacht spazieren zu gehen wird kaum jemandem einfallen. Warum? Das \u201eobjektive Risiko\u201c, dort Opfer einer Straftat zu werden oder von Vampiren oder Geistern bel\u00e4stigt zu werden, ist gleich null. <!--more-->Das B\u00f6se lauert gerade nicht im Dunkeln hinter B\u00e4umen, B\u00fcschen oder in Unterf\u00fchrungen, sondern ist an anderen Stellen zu orten, wo man es eigentlich am allerwenigsten vermutet. Dennoch ist diese Angst vor der und in der Dunkelheit vorhanden, wenn auch individuell unterschiedlich ausgepr\u00e4gt. Angst gepaart mit Faszination \u2013 mit diesem Ph\u00e4nomen besch\u00e4ftigt sich auch das Buch von Schwegmann, das \u201eNacht-Orte\u201c in einen soziologischen Kontext stellt.<\/p>\n<p>Leider wird das Soziologische in diesem Buch wieder mal an vielen Stellen \u00fcbertrieben. Verquarzte Sprache steht nicht f\u00fcr Wissenschaftlichkeit (Mike Davis zeigt \u00fcbrigens in \u201eCity of Quartz\u201c (sic!), dass es auch anders geht), das sollten auch die Lektoren des Verlages sich einmal vor Augen f\u00fchren. Beispiel gef\u00e4llig? \u201e<em>Die dunkle Seite der Nacht interpretiere ich durch den Bezug auf Qumas (2013) Konzept der Tat-Orte. Polysemer Verunordnung infolge diametraler Machtasymetrien unterliegend, gipfelt die Magie der Gro\u00dfstadtnacht in verschiedensten Topoi, welche sich wiederum als durch (auch diskursive) Praktiken hervorgerufene Pl\u00e4tze der Ver(un)sicherheitlichung in semantisch produzierten und performativ reproduzierten Problem-Pl\u00e4tzen, Angst-Orten und Protest-Pl\u00e4tzen ergie\u00dfen<\/em>\u201c (S. 135).<\/p>\n<p>Dennoch lohnt das Buch von Schwegmann, denn es macht deutlich, zu welchem Konsumfaktor die Nacht und die entsprechenden \u201eNacht-Orte\u201c inzwischen geworden sind und welche Rolle der \u201eNachtmarkt\u201c in unserer postmodernen Wirklichkeit spielt. Auch wenn er der Kernfrage, warum das so ist und warum bspw. vor allem junge Menschen zunehmend nachts unterwegs sind, nicht nachgeht (es f\u00e4llt mal das Stichwort: \u201eWork hard, play hard\u201c, S. 71), so beschreibt er doch eindringlich (leider aber wenig anschaulich) die Ph\u00e4nomene, die von \u201eNachtsauna\u201c \u00fcber \u201eGeisterwanderungen\u201c bis hin zu \u201eNacht der Wissenschaft\u201c reichen. Die Zunahme sozialr\u00e4umlicher Polarisierungen (S. 98), die Schwegmann beschreibt, wird von ihm leider nicht tief genug analysiert, denn dazu h\u00e4tte er sich intensiver mit sozialr\u00e4umlichen Analysen sozialer Entwicklungen besch\u00e4ftigen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Schwegmanns \u201eGeographien der Nacht\u201c (S. 69 ff.) machen auch deutlich, welchen Mehrgewinn die Verbindung von Geographie und Soziologie bringen kann. Zwischen Kultur und \u00d6konomie beschreibt er eine Szene, die vielen von uns nach wie vor verborgen bleibt und auch Angst einfl\u00f6\u00dft.<\/p>\n<p>Denn: Nacht und Dunkelheit haben einen besonderen Reiz: Um das \u201eNachtleben\u201c zu genie\u00dfen, gehen wir abends aus. Ein Theater- oder Konzertbesuch am Sonntagnachmittag ist nicht mit einem am Abend zu vergleichen. Wir bummeln durch die entsprechenden Am\u00fcsier-Viertel und das Nachtleben einer Gro\u00dfstadt und vergn\u00fcgen\u00a0 uns dabei \u2013 wobei nat\u00fcrlich nur die anderen in die entsprechenden einschl\u00e4gigen Etablissements dort gehen, wir nicht. In der urbanen Nacht liegt der eigentliche Ursprung der Moderne, wie Mike Davis in einem Beitrag in der ZEIT schrieb:<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Der Mensch am Beginn des 20. Jahrhunderts lebte im Rhythmus der dunklen Stadt: Dichter und Maler, Revolution\u00e4re und Kriminelle, Prostituierte und Professoren (zumindest einige, die \u201emitten im Leben\u201c sein wollten), Taxifahrer, Musiker und Journalisten: Sie alle lebten von dem Kontrast zwischen hell und dunkel, Tag und Nacht, Normalit\u00e4t und Extrovertiertheit. Mike Davis beschreibt das wie folgt: <em>\u201eIn der Sicherheit warmer Wohnzimmer f\u00fchlte sich die Mittelschicht sowohl erregt als auch erschreckt durch die Geschichten von Klassen, die erst nach Einbruch der Dunkelheit aus ihren Verstecken kamen. So diente die Nachtwelt bald als erotische Folie f\u00fcr das Tagesgesch\u00e4ft des Rechnens und Geldscheffelns. Die dunkle Stadt als Negativ der gew\u00f6hnlichen Welt: Dieser Kontrast zeigt sich schon in den Theaterdramen der Restauration &#8230;\u201c <\/em><\/p>\n<p>Schwegmann\u00b4s \u201cNacht-Orte\u201d sind \u2013 so der Verlag &#8211; das Ergebnis einer l\u00e4ngeren Besch\u00e4ftigung des Autors mit dem Thema. Das wird auch im Buch (leider) immer wieder deutlich, wenn er an allen passenden und manchen unpassenden Stellen auf seine Bachelor- und Masterarbeit verweist. Dennoch: Seine Beschreibungen und Analyse der Geografie der Nacht sind nicht nur f\u00fcr Geografen spannend zu lesen, sondern f\u00fcr jeden, der sich einmal n\u00e4her mit dem Ph\u00e4nomen besch\u00e4ftigen und dabei der Frage nachgehen will, warum die Nacht eine solche Faszination aus\u00fcbt und warum sich zunehmend der Lebensrhythmus junger Menschen zeitlich in die Nacht hinein verschiebt.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Davis, Mike (2002): Die Nacht ist lang. In: Die Zeit, 52, 2002<\/p>\n<p>Reznesiert von: Thomas Feltes<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>355) Schwegmann, Raphael; Nacht-Orte. Eine kulturelle Geographie der \u00d6konomie.; 2016, 180 Seiten, transcript-Verlag Bielefeld, ISBN 978-3-8376-3256-9, 24,99 Euro Die Nacht hat die Menschen schon immer fasziniert. Angst und Dunkelheit, Angst und Nacht geh\u00f6ren f\u00fcr uns zusammen: Nachts geht niemand gerne \u00fcber einen Friedhof, und auch durch einen dunklen Wald bei Nacht spazieren zu gehen wird &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=450\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Raphael Schwegmann &#8211; Nacht-Orte. 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