{"id":512,"date":"2016-07-01T00:06:56","date_gmt":"2016-06-30T22:06:56","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=512"},"modified":"2016-07-03T20:28:43","modified_gmt":"2016-07-03T18:28:43","slug":"daniela-hunold-polizei-im-revier-polizeiliche-handlungspraxis-gegenueber-jugendlichen-in-der-multiethnischen-stadt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=512","title":{"rendered":"Daniela  Hunold &#8211; Polizei im Revier \u2013 Polizeiliche Handlungspraxis gegen\u00fcber Jugendlichen in der multiethnischen Stadt"},"content":{"rendered":"<p>366) <em><strong>Hunold, Daniela (2015);<\/strong> <\/em><strong>Polizei im Revier \u2013 Polizeiliche Handlungspraxis gegen\u00fcber Jugendlichen in der multiethnischen Stadt;<\/strong> Schriftenreihe des May-Planck-Instituts f\u00fcr ausl\u00e4ndisches und internationales Strafrecht, Band K 168, Berlin<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-514 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/polizei_im_revier-100x150.png\" alt=\"polizei_im_revier\" width=\"100\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/polizei_im_revier-100x150.png 100w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/polizei_im_revier.png 200w\" sizes=\"(max-width: 100px) 100vw, 100px\" \/><\/p>\n<p>Mit ihrer Dissertation \u201ePolizei im Revier\u201c bereichert Daniela Hundol die empirische Polizeiforschung in Deutschland um eine \u00e4u\u00dferst komplexe ethnografische Beschreibung polizeilichen Alltagshandelns. \u00a0Ihre Arbeit verbindet eine sozialgeographische und eine ethnographische Perspektive zu einer im besten Sinne des Wortes \u201eRevier- und Milieustudie\u201c.<!--more--> Der detaillierte Blick und die Genauigkeit ihrer Beobachtungen beeindrucken den Leser bis zum Schluss. Eine derart intensive Beschreibung des Polizeialltags ist auch heute noch alles andere als selbstverst\u00e4ndlich und so ist es gut, dass es dieses Buch nun gibt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Gleich im ersten Kapitel (Die Polizei in der diversifizierten Gesellschaft) stellt sich die Autorin der gegenw\u00e4rtig am meisten prek\u00e4ren Frage, ob n\u00e4mlich die Kontrollpraktiken der deutschen Polizei ethnischen Minderheiten gegen\u00fcber diskriminierend sind oder nicht. Derzeit wird dieser Vorwurf unter dem Rubrum \u201eethnic profiling\u201c oder auch \u201eracial profiling\u201c ja durchaus h\u00f6rbar erhoben, z.B. von amnesty international.\u00a0 Sie kommt dabei zu dem Schluss, dass in ihrem Beobachtungsspektrum eine massive Ungleichbehandlung nicht zu bemerken war.<\/p>\n<p>Die Beschreibung ihres Untersuchungsgebietes und des Forschungsdesigns im zweiten und dritten Kapitel sind mehr als eine Markierung des Gegenstands und der Methode: Hunold versteht es, auch diesen Teil schon ethnographisch zu verdichten, und so entsteht vor den Augen des Lesers ein Geflecht aus Kontroll- aber auch Sozialbeziehungen \u2013 vor allem aber ein Bild von der Empathie der Forscherin mit ihrem polizeilichen Umfeld. Es geh\u00f6rt zu den gro\u00dfen Zufallsfunden der qualitativen Forschung, wenn ein Polizeibeamter im Interview beispielsweise sagt: \u201e&#8230; <em>das polizeiliche Gegen\u00fcber ist als Mensch (&#8230;) zu achten<\/em>\u201c (S. 92). Eigentlich k\u00f6nnte das Buch auch so \u00fcberschrieben sein. Es kommt in dem Satz ganz wunderbar zum Ausdruck, was auch die ganze Arbeit durchzieht: Tiefe Einblicke in die Lebens- manchmal auch Gedankenwelten der Polizisten, die nicht immer ganz widerspruchsdrei sind, die aber weit unspektakul\u00e4rer und doch authentischer sind als Ergebnisse von Onlinebefragungen. Auch in diesen Passagen zeigt sich deutlich das hohe Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen der Forscherin in ihr Beobachtungsfeld. Polizisten bem\u00fchen sich, ihren Dienst so zu gestalten, dass sie zwar Herren der Lage bleiben, aber dass sie mit ihrer Klientel auch ein Auskommen haben. In der Untersuchung spielen Jugendliche eine ganze zentrale Rolle (Kapitel 4: \u201ePolizei und Jugendliche im Revier\u201c). Ihnen gelten \u00fcberproportional h\u00e4ufige Kontrollaktivit\u00e4ten (Kap. 4.2.1: \u201eJugendliche als Verd\u00e4chtige: proaktive Kontrollen\u201c).\u00a0 Hunold beschreibt diese Strategie als \u00a0\u201eKontrollpraxis in einer Kultur der Zur\u00fcckhaltung\u201c (S. 120), allerdings ohne genauer darauf einzugehen, was mit \u201eKultur der Zur\u00fcckhaltung\u201c gemeint ist. Jedenfalls erscheint \u201eJugend\u201c hier sowohl als bevorzugte Kohorte f\u00fcr Kontrollt\u00e4tigkeiten als auch als Gegenstand polizeilicher F\u00fcrsorge.<\/p>\n<p>Im sechsten und damit letzten Kapitel (\u201eSituative und sozialraumorientierte Polizeipraxis\u201c) wird die Hauptthese noch einmal aufgenommen: Hunold sieht keine ethnische Diskriminierung \u201einnerhalb der B\u00fcrgerpolizei\u201c (S. 213 \u2013 auch hier w\u00e4re eine Kontextualisierung des Begriffs hilfreich gewesen) und begr\u00fcndet das auch nachvollziehbar. Sie kann aber \u00fcberzeugend darlegen, dass die Arbeit in einem abgegrenzten \u201eRevier\u201c einer sehr viel komplexeren und differenzierteren Kontroll-Logik folgt als sie im \u201eethnic profiling\u201c-Vorwurf zum Ausdruck kommt. Aber das gilt, wie gesagt, vor allem im \u201esozial\u00f6kologischen Kontext\u201c (wie das f\u00fcnfte Kapitel \u00fcberschrieben ist) eines Wohnquartiers.<\/p>\n<p>Man kann sich nach der Lekt\u00fcre des Bandes zwar fragen, ob Polizeiarbeit im Revier tats\u00e4chlich weniger diskriminierend ist, oder ob sich lediglich die Etikettierungsdimensionen \u00e4ndern, ob also statt \u201eEthnie\u201c nun Zugeh\u00f6rigkeit-Nichtzugeh\u00f6rigkeit, Bekanntheit-Unbekanntheit, M\u00e4nnlichkeit-Weiblichkeit, Jugendlichkeit-Nichtjugendlichkeit eine Rolle f\u00fcr Kontrollaktivit\u00e4ten spielen, ob man also statt \u201eethnic-profiling\u201c nunmehr \u201esocial profiling\u201c einsetzen m\u00fcsste. Dieser Frage geht die Autorin nicht nach, sie liefert aber zahlreiche Ideen f\u00fcr das eigene Nach- und Weiterdenken.<\/p>\n<p>Insgesamt geht die Autorin sparsam mit Begriffserl\u00e4uterungen um (z.B. zur \u201eKultur der Zur\u00fcckhaltung\u201c), das erfordert, insbesondere \u00a0in den letzten beiden Kapiteln, eine zus\u00e4tzliche Verstehensanstrengung. Trotzdem ist das Res\u00fcmee beeindruckend, denn es zeigt, dass allein die \u201eB\u00fcrgern\u00e4he\u201c noch keine Garantie f\u00fcr diskriminierungsfreie Polizeiarbeit ist. Vielmehr f\u00fchrt auch das, wenn auch unbeabsichtigt, zu einer \u201eUngleichbehandlung von Personengruppen\u201c (S. 220). Hier\u00fcber, so ihr abschlie\u00dfendes Statement, muss mehr geforscht und nachgedacht werden.<\/p>\n<p>Es bereitet, nicht nur unter polizeiwissenschaftlichen, sondern auch unter literarischen Gesichtspunkten, ein au\u00dferordentliches Vergn\u00fcgen, sich mit der Autorin auf die Arbeits- und Lebenswelt der Polizistinnen und Polizisten einzulassen. Insbesondere die immer wieder eingearbeiteten Interview- und Beobachtungspassagen lockern nicht nur den Text auf, sondern steigern auch die Authentizit\u00e4t des Inhalts.<\/p>\n<p>Hunolds Erkenntnisse werden die deutsche empirische Polizeiforschung beeindrucken und hoffentlich auch nachhaltig beeinflussen.<\/p>\n<p>Rezensiert von: Rafael Behr<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>366) Hunold, Daniela (2015); Polizei im Revier \u2013 Polizeiliche Handlungspraxis gegen\u00fcber Jugendlichen in der multiethnischen Stadt; Schriftenreihe des May-Planck-Instituts f\u00fcr ausl\u00e4ndisches und internationales Strafrecht, Band K 168, Berlin Mit ihrer Dissertation \u201ePolizei im Revier\u201c bereichert Daniela Hundol die empirische Polizeiforschung in Deutschland um eine \u00e4u\u00dferst komplexe ethnografische Beschreibung polizeilichen Alltagshandelns. \u00a0Ihre Arbeit verbindet eine sozialgeographische &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=512\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Daniela  Hunold &#8211; Polizei im Revier \u2013 Polizeiliche Handlungspraxis gegen\u00fcber Jugendlichen in der multiethnischen Stadt<\/span> <span class=\"meta-nav\">&uarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/512"}],"collection":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=512"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/512\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":516,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/512\/revisions\/516"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=512"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=512"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=512"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}