{"id":523,"date":"2016-07-13T10:05:10","date_gmt":"2016-07-13T08:05:10","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=523"},"modified":"2016-07-13T10:05:10","modified_gmt":"2016-07-13T08:05:10","slug":"ben-rawlence-stadt-der-verlorenen-leben-im-groessten-fluechtlingslager-der-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=523","title":{"rendered":"Ben Rawlence &#8211; Stadt der Verlorenen. Leben im gr\u00f6\u00dften Fl\u00fcchtlingslager der Welt."},"content":{"rendered":"<p>368)<strong> <em>Rawlence,\u00a0Ben<\/em>; Stadt der Verlorenen. Leben im gr\u00f6\u00dften Fl\u00fcchtlingslager der Welt.;<\/strong> M\u00fcnchen 2016, 416 S., ISBN\u00a0 978-3-312-00691-5, 24,90 Euro.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-525 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/stadt_der_verlorenen-97x150.png\" alt=\"stadt_der_verlorenen\" width=\"97\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/stadt_der_verlorenen-97x150.png 97w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/stadt_der_verlorenen.png 200w\" sizes=\"(max-width: 97px) 100vw, 97px\" \/><\/p>\n<p>Fl\u00fcchtlinge. F\u00fcr die \u00c4lteren unter uns waren das bis vor kurzem die Kriegsfl\u00fcchtlinge nach dem 2. Weltkrieg, und vielleicht noch die Fl\u00fcchtlinge, die nach den Balkankriegen zu uns gekommen sind, inzwischen aber kaum mehr auffallen. Und darum geht es letztendlich bei dem Thema Fl\u00fcchtlinge: Ab wann nimmt die \u00d6ffentlichkeit ein Fluchtproblem wahr, und ab wann glaubt die internationale Gemeinschaft, intervenieren zu m\u00fcssen. <!--more-->Sp\u00e4testens nachdem 2015 mehr als eine Million Fl\u00fcchtlinge nach Deutschland gekommen sind und die EU sich nicht in der Lage sieht, dieses Problem anders als mit Grenzschlie\u00dfungen zu bew\u00e4ltigen, sind auch wir mit dem Thema direkt konfrontiert. Dabei wurde schon von Wissenschaftlern vor 20 Jahren darauf hingewiesen, dass Hunger und D\u00fcrre zu einem Massenexodus aus Afrika f\u00fchren werden \u2013 nur dass niemand daran geglaubt und diese \u00dcberlegungen als Horrorszenarium abgetan hat. 2015 waren es keine Fl\u00fcchtlinge, die prim\u00e4r vor Hunger und D\u00fcrre geflohen sind, sondern vor einem Krieg. Eine andere Ursache, die gleiche Wirkung. Menschen geben ihre Heimat auf, weil sie \u00fcberleben wollen.<\/p>\n<p>Dass weltweit mehr als 60 Millionen Menschen auf der Flucht sind, nehmen wir dabei kaum zur Kenntnis. Zu weit weg ist Afrika, zu sehr glauben wir noch immer daran, dass wir uns in Deutschland abschotten k\u00f6nnen. Dass dies auf Dauer nicht gelingen kann und wir daher uns an der Beseitigung der Fluchtursachen beteiligen m\u00fcssen, haben inzwischen auch Politiker erkannt \u2013 nur fehlt es noch immer an Konsequenzen aus dieser Einsicht, denn Politiker denken zwar ab und zu einmal langfristig (um den Eindruck beim B\u00fcrger zu erwecken, dass man das \u201eGro\u00dfe Ganze\u201c im Blick hat), handeln aber fast immer nur kurzfristig, inzwischen oftmals sogar sehr kurzfristig.<\/p>\n<p>Das Buch ist eine Reportage \u00fcber Dadaab, dieses gr\u00f6\u00dfte Fl\u00fcchtlingslager der Welt. Dort leben eine halbe Millionen Einwohner. Hierhin fliehen seit fast 25 Jahren Somalis vor B\u00fcrgerkrieg, Gewalt und Islamismus. Der Journalist Ben Rawlence hat sechs Fl\u00fcchtlinge vier Jahre lang begleitet und mit &#8222;Stadt der Verlorenen&#8220; ein eindr\u00fcckliches Buch dar\u00fcber geschrieben. Zu Beginn des Buchs sitzt Ben Rawlence 2014 im Wei\u00dfen Haus. Er soll dem Nationalen Sicherheitsrat der USA erkl\u00e4ren, was es mit Dadaab auf sich hat, dem gr\u00f6\u00dften Fl\u00fcchtlingslager der Welt, mitten im d\u00fcrren Nordosten Kenias. Doch die Schilderungen des Autors, der vier Jahre mit den vorwiegend somalischen Fl\u00fcchtlingen von Dadaab verbracht hat, treffen auf Desinteresse \u2013 von Dadaab, so glaubt man, geht keine unmittelbare Terrorgefahr aus, daher muss man sich nicht darum k\u00fcmmern. Das \u00dcberleben sichern die Vereinten Nationen. Das ist ja schlie\u00dflich auch Aufgabe des UNHCR. Rawlence berichtet von einer wimmelnden Gro\u00dfstadt mit Kinos, mehreren Fu\u00dfball-Ligen, Hotels und Krankenh\u00e4usern. Doch die Sicherheitsberater des US-Pr\u00e4sidenten haben nur ihr eigenes Bild im Kopf, ihnen geht es nur um Terroristen und potentielle Terroristen. Warum eigentlich, fragen sie, schlie\u00dfen sich die Fl\u00fcchtlinge nicht alle der somalischen Terrormiliz Al-Shabaab an, die ihre K\u00e4mpfer so gut bezahlt?<\/p>\n<p><em>\u201e&#8220;Armut f\u00fchrt nicht zwangsl\u00e4ufig zu Extremismus&#8220;, sagte ich. Im Geiste sah ich die stolzen Imame vor mir, die ihre Traditionen gegen m\u00f6rderische und verderbliche Einfl\u00fcsse verteidigten; den entschlossenen Jugendvertreter Tawane, der sein Leben aufs Spiel setzte, um verschiedenste Angebote f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge aufrecht zu erhalten, nachdem Hilfsorganisationen aus Angst vor Entf\u00fchrungen Rei\u00dfaus genommen hatten; Professor White Eyes, der im Lagerradio seine Berichte sendete. Wie konnte ich einen Eindruck von der enormen W\u00fcrde, dem Mut und dem unabh\u00e4ngigen Geist dieser Menschen vermitteln, wenn sie in der Vorstellung der Politiker nur als potenzielle Terroristen existierten? &#8222;Sicher, sicher&#8220;, sagte die Referatsleiterin. Es gab keine weiteren Fragen, und die Sitzung wurde fr\u00fchzeitig beendet\u201c (S. 9 f.).<\/em><\/p>\n<p>Rawlence beschreibt diese Welt mit ihren eigenen Regeln anhand von Geschichten ihrer Bewohner. Und wenn man sich parallel die Bilder, die sich im Netz zu Dadaab finden ansieht (s.u.), dann kann man die Protagonisten des Buches \u201eerleben\u201c, wie sie sich in diesem Lager bewegen, welche Strapazen sie aushalten und wie sie ums \u00dcberleben k\u00e4mpfen. Rawlence beschreibt auch, wie sie dorthin kommen, welche Verzweiflung sie umtreibt. Neben den individuellen Schicksalen, die dem \u201eProblem\u201c ein Gesicht geben, geht es aber vor allem um das Scheitern der internationalen Gemeinschaft, die es zwar schafft, die Einwohner des Lagers mehr oder weniger am Leben zu erhalten, die aber \u00fcber Jahrzehnte hinweg weder die Fluchtursachen angeht, noch sich mit der Zukunft der nach Dadaab Geflohenen besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Daddab liegt mitten in Afrika, zwischen Kenia und Somalia und ist das gr\u00f6\u00dfte Fl\u00fcchtlingslager der Welt \u2013 seit Jahrzehnten. Dadaab ist eine Gro\u00dfstadt. Viele der Bewohner sind hier geboren. Sie d\u00fcrfen weder arbeiten noch das Lager verlassen. Insgesamt leben eine halbe Million Menschen hier, vor den Toren des Lagers kampieren weitere Zehntausende. Sie waren und sind auf der Flucht vor grausamen Shabaab-Milizen, vor dem Hunger und dem B\u00fcrgerkrieg. Kenia m\u00f6chte dieses Lager l\u00e4ngst aufl\u00f6sen, aber wohin mit den Menschen? Ben Rawlence hat sechs von ihnen begleitet. Er erz\u00e4hlt von ihrer Herkunft, ihren Tr\u00e4umen, ihren Strategien. Eine packende Reportage und paradoxerweise ein Zeugnis von gro\u00dfer Lebenskraft, wenn es auch im Ergebnis wenig Mut machen d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Der Autor beschreibt sein Buch wie folgt: Es \u201e<em>bietet einen Einblick in den seltsamen Schwebezustand des Lagerlebens durch die Augen jener, die mir Einlass in ihre Welt gew\u00e4hrt und mir ihre Geschichten erz\u00e4hlt haben. Niemand will zugeben, dass die als Zwischenl\u00f6sung gedachten Lager von Dadaab zu einer dauerhaften Einrichtung geworden sind: weder der kenianische Staat, in dessen Gebiet sie liegen, noch die UNO, die sie finanzieren muss, und schon gar nicht die Fl\u00fcchtlinge, die dort leben. Es ist eine paradoxe Situation, und die Fl\u00fcchtlinge bewegen sich dementsprechend auf unsicherem Boden. In der Zwickm\u00fchle zwischen dem anhaltenden Krieg in Somalia und einer Welt, die sie nicht aufnehmen will, k\u00f6nnen die Menschen im Fl\u00fcchtlingslager nur \u00fcberleben, indem sie sich ein Leben in einem anderen Land vorstellen. Ein verst\u00f6render Zustand: Weder Vergangenheit noch Gegenwart, noch Zukunft sind f\u00fcr sie Orte, an denen ihre Gedanken sicher verweilen k\u00f6nnen. In Dadaab, der Stadt der Verlorenen, zu leben bedeutet, in der Falle zu sitzen und im Geiste st\u00e4ndig zwischen den eigenen unerf\u00fcllbaren Tr\u00e4umen und der albtraumartigen Realit\u00e4t hin- und herzuspringen. Kurz: Um hier zu leben, muss man vollkommen verzweifelt sein\u201c<\/em> (S. 11 f.).<\/p>\n<p>Wer mehr \u00fcber das Lager erfahren und Bilder dazu sehen will, dem sei diese website des britischen Guardian empfohlen: Dadaab. The city you cannot leave: <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/global-development-professionals-network\/2016\/feb\/01\/dadaab-somalia-home-cannot-leave-refugees\">https:\/\/www.theguardian.com\/global-development-professionals-network\/2016\/feb\/01\/dadaab-somalia-home-cannot-leave-refugees<\/a> Oder auch die Seite des Deutschlandfunks: <a href=\"http:\/\/www.deutschlandfunk.de\/stadt-der-verlorenen-leben-im-groessten-fluechtlingslager.1310.de.html?dram:article_id=349037\">http:\/\/www.deutschlandfunk.de\/stadt-der-verlorenen-leben-im-groessten-fluechtlingslager.1310.de.html?dram:article_id=349037<\/a><\/p>\n<p>Vielleicht \u00f6ffnen Buch und Bilder uns die Augen und wir h\u00f6ren auf uns vorzumachen, dass Deutschland eine Insel in einer Welt des weltweiten Umbruchs bleiben kann.<br \/>\nRezensiert von: Thomas Feltes<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>368) Rawlence,\u00a0Ben; Stadt der Verlorenen. Leben im gr\u00f6\u00dften Fl\u00fcchtlingslager der Welt.; M\u00fcnchen 2016, 416 S., ISBN\u00a0 978-3-312-00691-5, 24,90 Euro. Fl\u00fcchtlinge. F\u00fcr die \u00c4lteren unter uns waren das bis vor kurzem die Kriegsfl\u00fcchtlinge nach dem 2. Weltkrieg, und vielleicht noch die Fl\u00fcchtlinge, die nach den Balkankriegen zu uns gekommen sind, inzwischen aber kaum mehr auffallen. Und &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=523\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Ben Rawlence &#8211; Stadt der Verlorenen. 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