{"id":533,"date":"2016-08-27T13:22:57","date_gmt":"2016-08-27T11:22:57","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=533"},"modified":"2016-08-27T13:22:57","modified_gmt":"2016-08-27T11:22:57","slug":"deborah-f-hellmann-hrsg-stalking-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=533","title":{"rendered":"Deborah F. Hellmann (Hrsg.) &#8211; Stalking in Deutschland"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Hellmann,\u00a0Deborah F. (Hrsg.);<\/em> Stalking in Deutschland;<\/strong> 2016 Baden-Baden, Nomos Vlg., 183 Seiten<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-535 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/stalking_in_d-101x150.png\" alt=\"stalking_in_d\" width=\"101\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/stalking_in_d-101x150.png 101w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/stalking_in_d.png 200w\" sizes=\"(max-width: 101px) 100vw, 101px\" \/><\/p>\n<p>Die Datenbasis des vorliegenden Bandes (Band 47) der Interdisziplin\u00e4ren Beitr\u00e4ge zur kriminologischen Forschung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen ist im Rahmen des vom Bundesministerium f\u00fcr Bildung und Forschung finanzierten Forschungsprojektes \u201eRepr\u00e4sentativerhebung zum sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, k\u00f6rperlicher und sexueller Gewalt in Paarbeziehungen sowie zum Stalking\u201c entstanden.\u00a0 <!--more-->In sechs Beitr\u00e4gen verschiedener Autorengruppen wird \u201eStalking in Deutschland\u201c aus gesetzgeberischer, empirischer, psychosozialer und kriminologischer Sicht betrachtet.<\/p>\n<p>Zwei der Kapitel befassen sich\u00a0 mit dem \u00a7 238 StGB zur Nachstellung, der seit 2007 besteht und aufgrund praxisrelevanter Probleme (hoher Aufwand, wenige \u201eErfolge\u201c zum Nachteil des Opferschutzes) nach dem Willen des Gesetzgebers zu reformieren ist (\u201e<em>Der Straftatbestand der Nachstellung &#8211; \u00a7 238 StGB<\/em>\u201c, S. 9-32). Eine Verbesserung zugunsten der Betroffenen soll dahin gehend erzielt werden, als dass ber\u00fccksichtigt wird, dass die Nachstellungshandlungen bereits dazu geeignet (und nicht mehr erforderlich) sind, eine Beeintr\u00e4chtigung der Lebensgestaltung\u00a0 des Opfers herbeizuf\u00fchren. Ob die geringe Bekanntheit des \u00a7 238 Grund f\u00fcr die geringen Verurteilungszahlen sein k\u00f6nnte, geht das zweite Kapitel zur \u201e<em>Strafbarkeit von Stalking in Deutschland<\/em>\u201c (S. 109-142) nach. Der geringen Verurteilungsrate geht\u00a0 bereits die geringe Anzeigebereitschaft durch die Betroffenen voraus. Die Fragestellung aufgreifend, ob der Straftatbestand nicht ausreichend bekannt ist, zeigen die Ergebnisse, dass dies nicht der Fall ist; im Gegenteil: fast zwanzig Prozent derjenigen, die Anzeige erstatteten, taten dies, ohne von einer Strafrelevanz des Verhaltens auszugehen. Tats\u00e4chlich entsprachen auch 63 Prozent der angezeigten F\u00e4lle der gesetzgeberischen Vorgaben. Allerdings empfanden nur 42 Prozent das Erlebte als Stalking,\u00a0 was bedeuten kann, dass entweder die Handlungen oder der Begriff falsch interpretiert werden. Dies wiederum kann mit einer \u00dcberrepr\u00e4sentation extremer Stalkingf\u00e4lle in den Medien zusammenh\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Zwei Kapitel befassen sich mit Ergebnissen zu Stalking:\u00a0 Die \u201e<em>Aktuelle empirische Forschung im Bereich \u201eStalking<\/em>\u201c (S. 33-61) stellt den Forschungsstand anhand deutscher und ausgew\u00e4hlter internationaler Literatur dar, wobei unter den herangezogenen Studien z.T. die \u201eKlassiker\u201c (Tjaden\/ Thoennes, Path\u00e9\/ Mullen, Bjerregaard u.a.) aus den vergangenen 90er Jahren, oder aber nicht-repr\u00e4sentative Untersuchungen sind.\u00a0 Da die Autorinnen feststellen, dass internationale Studienergebnisse nicht auf Deutschland zu \u00fcbertragen sind, w\u00e4re es w\u00fcnschenswert gewesen, dass die Ergebnisse des 2012 abgeschlossenen europ\u00e4ischen Forschungsprojektes zu \u201eGender-based Violence, Stalking and Fear of Crime\u201c (Feltes et al. 2012),, das u.a. etwa 12.000 deutsche Studentinnen zu ihrer Stalking-Erfahrung\u00a0 und nachfolgendem Verhalten befragt hat, ber\u00fccksichtigt worden w\u00e4ren. Auch fehlt \u00a0der Verweis auf die deutsche Pr\u00e4valenzstudie zu \u201eGewalt gegen Frauen in Paarbeziehungen\u201c von Schr\u00f6ttle (2008), mit der ebenfalls\u00a0 umf\u00e4ngliche Daten zu Gewalt im Kontext von Trennung und Scheidung herangezogen werden k\u00f6nnen. \u00a0Dagegen wurden Viktimisierungsstudien mit zwei- oder dreistelligen Befragten-Quoten genannt. Mit Hilfe von\u00a0 verschiedenen Tabellen wird versucht, den schwierigen Vergleich zwischen den Ergebnissen einschl\u00e4giger Studien herzustellen. Gleichwohl gelingt es nicht immer, die Ergebnisse \u00fcbersichtlich zu pr\u00e4sentieren.\u00a0 So irritieren z.T. widerspr\u00fcchliche Aussagen, wonach Stalking-Betroffene \u201e\u00fcberzuf\u00e4llig h\u00e4ufig &#8230; alleinstehend\u201c sind, also \u201e<em>weibliche wie m\u00e4nnliche Singles h\u00e4ufiger von Stalking betroffen waren als getrennt lebende, geschiedene, in Partnerschaft lebende, verheiratete oder verwitwete Personen<\/em>\u201c (S. 51). Gleichwohl gilt Stalking vor allem als Nachstellung in Folge eines Beziehungsendes, wonach Stalking und (nach)partnerschaftliche Gewalt vermehrt gemeinsam auftreten. Des weiteren wird die in der Stalking-Forschung kolportierte Behauptung fortgesetzt, dass ein h\u00f6herer Bildungsstand eine der Variablen f\u00fcr ein h\u00f6heres Stalkingrisiko darstellt. F\u00fcr diese Annahme besteht unbedingt Forschungsbedarf, da es f\u00fcr sie m.E. keine ausreichende Beweislage gibt und der gr\u00f6\u00dfere Anteil h\u00f6hergebildeter Stalking-Opfer auch andere Gr\u00fcnde haben kann (z.B. eine h\u00f6here Mitteilungs-\/Anzeigerate). Das Kapitel \u201e<em>Pr\u00e4valenz und Formen von Stalking in Deutschland<\/em>\u201c (S. 77-108) stellt die im Rahmen der Dunkelfeldstudie des KFN erlangten Ergebnisse zusammen. Unter den nach repr\u00e4sentativen Kriterien ausgew\u00e4hlten 5 779 Befragten (im Alter zwischen 16-40 Jahren) wurden 15,1 Prozent als durch nachstellendes Verhalten Betroffene ermittelt. Im Gegensatz zu der im anderen Kapitel\u00a0 erhobenen Behauptung, Singles seien h\u00e4ufiger betroffen, kommt die KFN-Studie zu dem Ergebnis, dass Getrennt-Lebende, Geschiedene oder Verwitwete eine erh\u00f6hte Stalking-Lebenszeitpr\u00e4valenz h\u00e4tten (vgl. S. 82). Stalking ist daher vornehmlich als Beziehungsdelikt zu verstehen; nur 18 Prozent der Betroffenen wurden von fremden Personen gestalkt. Die Pr\u00e4valenzsch\u00e4tzungen von Stalking variieren stark mit der zugrunde gelegten Definition, das Geschlecht ist der signifikanteste Risikofaktor, weitere sind Familienstand (s.o.) und Wohnsituation (nicht in einem Mehrpersonen-Haushalt lebend).<\/p>\n<p>Das Kapitel \u201e<em>Die KFN-Befragung 2011<\/em>\u201c (S. 63-75) beschreibt prim\u00e4r das Erhebungsdesign\u00a0 des Forschungsprojektes, die Stichprobe und den Ablauf der Befragung. Sie thematisiert die eingeschr\u00e4nkte Aussagekraft der Ergebnisse hinsichtlich einer verzerrten Viktimisierungsrealit\u00e4t vor dem Hintergrund, dass besonders vulnerable Personenkreise wie Wohnungslose, Prostituierte, Drogenabh\u00e4ngige und Menschen mit Behinderungen nicht mit der Umfrage erreicht werden konnten. Daher w\u00e4ren die Ergebnisse als Untergrenze zu verstehen. Das Kapitel \u201e<em>Psychische, soziale und verhaltensrelevante Konsequenzen von Stalking<\/em>\u201c (S. 143-182) thematisiert \u00c4nderungen des Empfindens und Verhaltens nach Stalkingerfahrungen. Neben \u00c4rger ist es vor allem Angst, die Betroffene von Stalking beeintr\u00e4chtigt. Dabei h\u00e4ngen Angsterleben mit Betroffenengeschlecht und Vorbeziehung zur stalkenden Person zusammen: Betroffene, die von Ex-PartnerInnen gestalkt wurden, erleben st\u00e4rkere physische und soziale Belastungen. Zwar sind weibliche Betroffene insgesamt st\u00e4rker von Viktimisierungsfolgen betroffen, zugleich holen sie sich auch eher Hilfe. Besonders hartn\u00e4ckig hielten sich Verhaltens\u00e4nderungen, wie z.B. das Vermeiden bestimmter Orte und die Verst\u00e4rkung von Sicherheitsvorkehrungen. Interessant ist das Ergebnis, dass verst\u00e4rkt wahrgenommene soziale Unterst\u00fctzung im sozialen Nahbereich auch f\u00fcr die Beendigung von Stalking relevant zu sein scheint. Die Erkenntnis, dass auch \u201egewaltfreies\u201c Stalking psychisch beeintr\u00e4chtigend wirkt, sollte dahingehend in die Gesetzgebung einfliessen, dass\u00a0 auch Betroffene solcher Formen entsch\u00e4digt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Insgesamt bietet der Band eine gelungene \u00dcbersicht \u00fcber die unterschiedlichen Aspekte des Stalkings in Deutschland.\u00a0 Mit dem Teilbereichs des Stalkings, die das KFN-Forschungsprojekt unter 5.779 Befragten ermittelt hat, konnten bekannte Begleitumst\u00e4nde des Nachstellens best\u00e4tigt und bislang wenig erforschte im Ansatz erhellt werden. Dazu z\u00e4hlt das Viktimisierungsrisiko f\u00fcr Personen mit ethnischen bzw. Migrationshintergr\u00fcnden. Eine vertiefende Forschung hierzu w\u00e4re w\u00fcnschenswert. Als nachteilig anzumerken sind Redundanzen zwischen den einzelnen Artikeln u.a. zu Begriffserkl\u00e4rungen des Stalking oder dessen Strafbarkeit. Diese Wiederholungen h\u00e4tten durch ein besseres Redigieren vermieden werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Rezensiert von: Katrin List<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hellmann,\u00a0Deborah F. (Hrsg.); Stalking in Deutschland; 2016 Baden-Baden, Nomos Vlg., 183 Seiten Die Datenbasis des vorliegenden Bandes (Band 47) der Interdisziplin\u00e4ren Beitr\u00e4ge zur kriminologischen Forschung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen ist im Rahmen des vom Bundesministerium f\u00fcr Bildung und Forschung finanzierten Forschungsprojektes \u201eRepr\u00e4sentativerhebung zum sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, k\u00f6rperlicher und sexueller Gewalt in Paarbeziehungen &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=533\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Deborah F. 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