{"id":545,"date":"2016-08-31T07:20:20","date_gmt":"2016-08-31T05:20:20","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=545"},"modified":"2016-08-31T07:20:20","modified_gmt":"2016-08-31T05:20:20","slug":"benjamin-carter-hett-der-reichstagsbrand-wiederaufnahme-eines-verfahrens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=545","title":{"rendered":"Benjamin Carter Hett &#8211; Der Reichstagsbrand. Wiederaufnahme eines Verfahrens."},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Hett, Benjamin Carter;<\/em>\u00a0 Der Reichstagsbrand. Wiederaufnahme eines Verfahrens.; <\/strong>Rowohlt-Verlag Reinbek 2016. 640 Seiten, ISBN 978-3498030292; 29,95 Euro<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-546 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/reichstagsbrand-99x150.png\" alt=\"reichstagsbrand\" width=\"99\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/reichstagsbrand-99x150.png 99w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/08\/reichstagsbrand.png 200w\" sizes=\"(max-width: 99px) 100vw, 99px\" \/><\/p>\n<p>Der Autor, Professor f\u00fcr Geschichte in New York, hat Jura studiert und als Rechtsanwalt gearbeitet, bevor er an der Harvard University in Geschichte promovierte. Er rollt in diesem Buch einen der gr\u00f6\u00dften und r\u00e4tselhaftesten Kriminalf\u00e4lle des 20. Jahrhunderts neu auf: den Reichstagsbrand von 1933.<!--more--><\/p>\n<p><em>\u201eAdolf Hitler war noch keine vier Wochen an der Macht, als am Abend des 27. Februar das Reichstagsgeb\u00e4ude in Berlin in Flammen aufging. Kaum war das Feuer gel\u00f6scht, erlie\u00df die Reichsregierung eine Notverordnung, die einen permanenten Ausnahmezustand schuf und die bis zum Ende des Nazi-Regimes die Grundlage zur Verfolgung politischer Gegner bleiben sollte. Somit markierte der Reichstagsbrand den eigentlichen Beginn des &#8222;Dritten Reiches&#8220;. Noch am Tatort wurde der mutma\u00dfliche Brandstifter verhaftet, der niederl\u00e4ndische Kommunist Marinus van der Lubbe. Die nationalsozialistische Regierung behauptete umgehend, der junge Mann geh\u00f6re einer kommunistischen Verschw\u00f6rung an. Doch handelte van der Lubbe wirklich auf eigene Faust, wie sich die meisten Historiker seit langem einig sind? Oder steckten die Nazis selbst hinter dem Anschlag, um ihn f\u00fcr ihre Zwecke zu instrumentalisieren?\u201c (aus der Verlagsank\u00fcndigung).<\/em><\/p>\n<p>Benjamin Carter Hetts umfassende Auswertung der Originalquellen wirft, so der Verlag \u201eneues Licht auf diesen Fall und entlarvt nicht nur die Schw\u00e4chen der Einzelt\u00e4terthese, sondern auch, welche gro\u00dfe Deutungsmacht NS-Seilschaften in der Geschichtswissenschaft noch lange nach 1945 hatten\u201c. Tats\u00e4chlich ist das Buch in weiten Teilen eine politisch-historische Analyse. So ist das Buch im ersten Teil vor allem f\u00fcr deutsche Leser, die sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus einigerma\u00dfen intensiv besch\u00e4ftigt haben, etwas erm\u00fcdend zu lesen, weil es (urspr\u00fcnglich an eine englischsprachige Leserschaft gerichtet) viele Abl\u00e4ufe erl\u00e4utert, deren Bedeutung f\u00fcr das Thema des Buches nicht direkt relevant sind, f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der Zeit und der Rahmenbedingungen aber sehr wohl.<\/p>\n<p>F\u00fcr den Polizeiwissenschaftler ist nat\u00fcrlich vor allem die Analyse des Autors interessant, die sich auf den unmittelbaren Prozess und dort auf den Umgang mit Zeugen und Gutachtern bezieht sowie auf die Rolle der Beteiligten nach 1945. Hett macht immer wieder deutlich, dass nicht nur der politische Umgang mit dem Ereignis von konkreten Machtinteressen gepr\u00e4gt war, sondern dass auch das Strafverfahren gegen den niederl\u00e4ndischen T\u00e4ter Marinus van der Lubbe und vor allem der Umgang mit den Dokumenten bis in die j\u00fcngste Zeit von solchen Interessen gepr\u00e4gt war und ist. Selbst renommierte Historiker wie Hans Mommsen, der 1968 einen Lehrstuhl an der Ruhr-Universit\u00e4t Bochum bekam, und vom Spiegel als der \u201ebedeutendste deutsche Zeithistoriker\u201c bezeichnet wurde<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>, geraten in diesen Strudel (S. 457 ff.). F\u00fcr Mommsen war es schlichtweg undenkbar, NS-Diktatur, Krieg und Judenvernichtung allein aus der Person Hitler heraus erkl\u00e4ren zu wollen \u2013 und entsprechend artikulierte er sich auch im Kontext des Reichstagsbrandes.<\/p>\n<p>Stefan Aust hatte in einem Beitrag f\u00fcr die \u201eWELT\u201c im Juni 2015<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> anl\u00e4sslich einer Veranstaltung im LKA Niedersachsen geschrieben: \u201eVergangenheitsbew\u00e4ltigung auf hannoverische Art: Niedersachsens Landeskriminalamt veranstaltet ein Symposium zur Aufarbeitung seiner NS-Vergangenheit. Doch die \u00d6ffentlichkeit ist davon ausgeschlossen\u201c. Konkret ging es dort um dieses Buch von Hett und die darin behandelten Personen des Nieders\u00e4chsischen Landesamtes f\u00fcr Verfassungsschutz. So hatte Fritz Tobias zun\u00e4chst im Auftrag der Beh\u00f6rde in Hannover den Fall untersucht. \u201eEs ging vor allem darum, den nieders\u00e4chsischen Kriminalbeamten Dr. Walter Zirpins aus der Schusslinie zu nehmen. Dieser war 1933 ma\u00dfgeblich an den Ermittlungen gegen Marinus van der Lubbe beteiligt gewesen \u2013 und deshalb auch f\u00fcr dessen Verurteilung zum Tode mitverantwortlich.\u201c Aust: \u201eDoch auch das, was Hett in seinem 2014 im renommierten Verlag Oxford University Press erschienenen Buch [\u2026] ver\u00f6ffentlicht hat, muss in Niedersachsen offenbar als Staatsgeheimnis behandelt werden\u201c.<\/p>\n<p>Hinweise auf m\u00f6gliche weitere T\u00e4ter gab es, und f\u00fcr van der Lubbe war es nach Ansicht der Sachverst\u00e4ndigen kaum m\u00f6glich, in der ihm zur Verf\u00fcgung stehenden Zeit alle Br\u00e4nde im Plenarsaal des Reichstages allein zu legen. Die Alleinschuldthese war aber nicht nur 1933 praktisch, sondern auch f\u00fcr die beteiligten Beamten, die nach 1945 wieder im Staatsdienst waren.<\/p>\n<p>Das Ergebnis stellt der Autor auch in einem kurzen Interview vor, das auch Bilder vom Originalschauplatz enth\u00e4lt und daher sehr sehenswert ist. Verf\u00fcgbar unter https:\/\/beta.welt.de\/videos\/video141517368\/Warum-der-Reichstagsbrand-bis-heute-Raetsel-aufgibt.html<\/p>\n<p>Der zweite, f\u00fcr die Polizeiwissenschaftler und Kriminalisten vielleicht sogar noch wichtigere Aspekt ist die Rolle der Brandsachverst\u00e4ndigen in diesem Verfahren. Wir wissen, dass in den letzten Jahrzehnten Fortschritte in der forensischen Wissenschaft gemacht, fehlerhafte Vorgehensweisen bei Branduntersuchungen entdeckt und einige der allgemein am st\u00e4rksten anerkannten Annahmen dazu, was als Brandstiftungsbeweis angesehen werden kann, als unzutreffend entlarvt wurden.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Ungeachtet dessen sind die Gutachten zum Reichstagsbrand und vor allem ihr Umgang damit, so wie er von Hett beschrieben wird, nicht nur historisch bedeutsam. Vielmehr macht dies auch deutlich, wie mit solchen Gutachten umgegangen werden kann und umgegangen wird (S. 488 und S. 501 ff.). Denn Brandexperten haben es von 1933 bis heute als h\u00f6chst unwahrscheinlich bis unm\u00f6glich angesehen, dass van der Lubbe allein das Feuer gelegt hat (S. 513). Warum, so muss man sich fragen, wurden diese Gutachten aber immer wieder ignoriert? Hier, d.h. ab S. 509 in dem Buch von Hett, werden die wesentlichen Ergebnisse auch noch einmal sehr anschaulich zusammengefasst. Wenn Hett schreibt, dass ihm \u201ej\u00fcngere deutsche Kollegen anvertraut (h\u00e4tten), dass sie durchaus an der Einzelt\u00e4ter-Theorie zweifeln, sich aber in der \u00fcberschaubaren akademischen Communitas in Deutschland nicht entsprechend \u00e4u\u00dfern wollen\u201c (S. 520), dann wirft dies kein gutes Licht auf die deutsche Wissenschaftslandschaft, ist aber f\u00fcr erfahrene Insider in allen Wissenschaftsdisziplinen mehr als plausibel.<\/p>\n<p>Und weitere Details am Rande finden sich auch in dem Buch: Wenn Hett bspw. die Rolle des Verfassungsschutzes (und des BND) bzw. einzelner Beamter beschreibt (ab S. 462 ff.), und deutlich macht, wie tief der Verfassungsschutz in die Kontroverse um den Reichstagsbrand bis in die 2000er Jahre hinein verwickelt war, dann hat man durchaus das eine oder andere d\u00e9j\u00e0-vu-Erlebnis. Dass dabei immer auch die Politik (in diesem Fall Stuttgarter Ministerien) ihre Finger im Spiel hat, erstaunt dann nicht.<\/p>\n<p>Und noch etwas: Dass von der Lubbe offensichtlich nach seiner Verhaftung und bis zu seiner Hinrichtung unter Drogen gesetzt wurde, hat offensichtlich bislang kaum interessiert \u2013 auch wenn der Spiegel das bereits 1959 (!) thematisierte<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>. Und dass (am Rande?) auch ein deutscher Kriminologe an der Aufarbeitung des Verfahrens beteiligt war, wird zwar nicht in Hett\u00b4s Buch angesprochen, ist aber anderweitig dokumentiert: \u201cFurther to my report on the German stoker who testified after the war about the true perpetrators (the SS) of the Reichstag fire, I now have the details. The stoker was Heinrich Grunewald, born in 1893, and he gave his testimony to <strong>Heinz Leferenz, director of the Criminological Institute at the University of Heidelberg<\/strong>. \u201cThere is not the least doubt in the truth of witness Grunewald\u00b4s statement\u201d, declared Leferenz in March 1976. It takes time, however, for truth to catch up with legend. When I was in Berlin in 1978, the German guide was still blaming the arson on Van der Lubbe. It would be interesting to know what visitors to the Reichstag are told today\u201d<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> (Hervorh. Von TF).<\/p>\n<p>Das Buch von Hett macht deutlich, dass selbst Ereignisse, die mehr als 80 Jahre zur\u00fcckliegen, wert sein k\u00f6nnen, n\u00e4her beleuchtet zu werden. Dass dies so gr\u00fcndlich und umfassend durch einen US-amerikanischen Wissenschaftler erfolgt, wirft auch noch andere Fragen auf. Lesenswert ist das Buch vor allem im zweiten Teil allemal. Vielleicht sogar als Pflichtlekt\u00fcre f\u00fcr junge Polizeistudenten.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> http:\/\/www.spiegel.de\/einestages\/hans-mommsen-nachruf-auf-den-beruehmten-historiker-a-1061413.html<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> https:\/\/beta.welt.de\/politik\/deutschland\/article142133012\/NS-Aufarbeitung-hinter-verschlossenen-Tueren.html<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> S. newsletter : polizeiwissenschaft September 2016, Meldung Nr. 4<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> http:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-42623617.html<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> https:\/\/waisworld.org\/go.jsp?id=02a5&amp;objectType=post&amp;o=9647&amp;objectTypeId=3897&amp;topicId=166 ; s.a. Walther Hofer\/Edouard Calic\/Christoph Graf\/Friedrich Zipfel (Hrsg.), Der Reichstagsbrand. Eine wissenschaftliche Dokumentation. Bd. 2. Mit Sachverst\u00e4ndigen-\u00c4u\u00dferungen v. Karl Stephan u. Heinz Leferenz. M\u00fcnchen-Berlin 1978. Erg\u00e4nzte Neuausgabe in einem Band, bearb. u. neu hrsg. v. Alexander Bahar, Freiburg 1992.<\/p>\n<p>Rezensiert von: Thomas Feltes<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hett, Benjamin Carter;\u00a0 Der Reichstagsbrand. Wiederaufnahme eines Verfahrens.; Rowohlt-Verlag Reinbek 2016. 640 Seiten, ISBN 978-3498030292; 29,95 Euro Der Autor, Professor f\u00fcr Geschichte in New York, hat Jura studiert und als Rechtsanwalt gearbeitet, bevor er an der Harvard University in Geschichte promovierte. Er rollt in diesem Buch einen der gr\u00f6\u00dften und r\u00e4tselhaftesten Kriminalf\u00e4lle des 20. Jahrhunderts &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=545\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Benjamin Carter Hett &#8211; Der Reichstagsbrand. 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