{"id":553,"date":"2016-10-05T17:17:13","date_gmt":"2016-10-05T15:17:13","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=553"},"modified":"2016-10-05T17:17:13","modified_gmt":"2016-10-05T15:17:13","slug":"diego-gambetta-steffen-hertog-diego-engineers-of-jihad-the-curious-connection-between-violent-extremism-and-education","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=553","title":{"rendered":"Diego Gambetta &#038; Steffen Hertog &#8211;  Diego Engineers of Jihad. The Curious Connection between Violent Extremism and Education"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Gambetta,\u00a0Diego &amp; Hertog, Steffen;<\/em> Diego Engineers of Jihad. The Curious Connection between Violent Extremism and Education; <\/strong>Princeton University Press 2016 24,99 Euro, ISBN 9780691145174<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-555 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/engeneers_of_jihad-99x150.png\" alt=\"engeneers_of_jihad\" width=\"99\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/engeneers_of_jihad-99x150.png 99w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/engeneers_of_jihad.png 200w\" sizes=\"(max-width: 99px) 100vw, 99px\" \/><\/p>\n<p>\u201e<em>Terroristische Anschl\u00e4ge scheinen in der \u00d6ffentlichkeit den Reflex auszul\u00f6sen, sich die religi\u00f6se Sozialisation, die Bildungswege, die Berufst\u00e4tigkeiten, die kriminellen Karrieren, den Familienhintergrund, die sexuellen Pr\u00e4ferenzen, die psychiatrischen Krankengeschichten, die Gewohnheiten in puncto Drogenkonsum oder Computerspielfrequenz der Attent\u00e4ter anzusehen \u2013 wohl in der Hoffnung, \u00fcber die Verortung der Attent\u00e4ter in der Sozialstruktur Aufkl\u00e4rung \u00fcber ihre Motive zu erhalten und somit zuk\u00fcnftig Anschl\u00e4ge von Personen mit \u00e4hnlichen sozialstrukturellen Merkmalen verhindern zu k\u00f6nnen<\/em>.\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><!--more--><\/p>\n<p>Das vorliegende Buch setzt diesem Reflex einen solide recherchierten und \u00fcberaus spannend zu lesenden Kontrapunkt entgegen. Die \u201eIngenieure des Jihad\u201c macht deutlich, dass es deutliche Hinweise (und mehr) darauf gibt, dass eine Mehrzahl der (aktiven) Terroristen einen entsprechenden naturwissenschaftlich-technischen Ausbildungshintergrund aufweist. Dabei alleine bleibt das Buch aber nicht stehen, sondern die Autoren gehen der Frage nach, warum das so ist und warum gerade Ingenieure von der Idee des Islamismus und dem Jihad angezogen werden. Dieses soziostrukturellen Merkmal (hoher Anteil von Ingenieuren unter den Attent\u00e4tern) islamistischer Terroristen war zwar bereits nach den Anschl\u00e4gen vom 11. September 2001 aufgefallen, wurde danach aber ebenso vergessen wie die Tatsache, dass die damals eingeleiteten intensiven \u201eSchleierfahndungen\u201c u.a. an deutschen Universit\u00e4ten erfolglos waren \u2013 weil die T\u00e4ter zuvor absolut unauff\u00e4llig lebten und studierten.<\/p>\n<p>Gambetta und Hertog weisen nach, dass der Anteil der Ingenieure unter den islamistischen Terroristen vierzehnmal h\u00f6her ist, als man es beim Blick auf die erwachsene m\u00e4nnliche Bev\u00f6lkerung in ihren jeweiligen Herkunftsl\u00e4ndern erwarten w\u00fcrde. Sie benutzen dabei den soziologischen Ansatz von der relativen Deprivation. Dieser Ansatz erkl\u00e4rt politisches Engagement im Allgemeinen und Bereitschaft zu terroristischen Aktivit\u00e4ten im Besonderen mit nicht erf\u00fcllten Aufstiegshoffnungen. Im Prinzip ist das nichts Neues, aber in der Anwendung auf Ingenieure, von denen man eigentlich erwartet, dass sie nicht zu den \u201eAbgeh\u00e4ngten\u201c der Gesellschaft geh\u00f6ren, durchaus provokativ. Die Einsicht, dass es nicht die (absolute oder relative) Armut ist, die zur Islamisierung f\u00fchrt, sondern entt\u00e4uschte Aufstiegshoffnungen macht dann aber deutlich, in welche Richtung die Analyse der Autoren geht. Islamistische Bewegungen und ganz besonders islamistische Terrorgruppen seien, so lautet die These von Gambetta und Hertog, zum Fluchtpunkt f\u00fcr jene Hochschulabsolventen geworden, deren Aufstiegshoffnungen aufgrund der \u00f6konomisch prek\u00e4ren Lage in ihren Herkunftsl\u00e4ndern entt\u00e4uscht wurden. \u00dcbertr\u00e4gt man diese Einsicht auch auf andere Berufsgruppen, so wendet sich der Blick automatisch vom benachteiligten jungen Erwachsenen, der von sich und seiner Zukunftsperspektive frustriert sich dem Islamismus zuwendet hin zu Personengruppen, die m\u00f6glicherweise auch Polizei und Verfassungsschutz so nicht im Blick haben.<\/p>\n<p>Mit dem Hinweis, dass der von Gambetta und Hertog vertretene Ansatz einen \u201eblinden Fleck\u201c habe, legt Stefan K\u00fchl, Professor f\u00fcr Soziologie an der Universit\u00e4t Bielefeld, in seiner Besprechung des Buches in der taz den Finger in die Wunde. Er schreibt: <em>\u201eEs mag zwar sein, dass der Anteil von Personen mit entt\u00e4uschten Aufstiegsambitionen in einer Protestbewegung besonders hoch ist, aber zugleich f\u00e4llt auf, wie viele Personen mit entt\u00e4uschten Karriereambitionen sich nicht radikalisiert haben. So mag zwar ins Auge stechen, dass der Anteil von Ingenieuren unter den islamistischen Terroristen hoch ist, aber trotzdem ist nicht zu \u00fcbersehen, dass ein Gro\u00dfteil der aus arabischen und nordafrikanischen Staaten stammenden Ingenieure nicht zu islamistischen Terroristen wurde<\/em>.\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Diese Feststellung wird sehr oft auch von Kriminologen verwendet, wenn es um die Erkl\u00e4rung von Kriminalit\u00e4t anhand bestimmter Theorien geht. Es gibt immer mindestens genauso viele Menschen, die unter den gleichen Voraussetzungen NICHT kriminell geworden sind oder werden, wie diejenigen, die Straftaten begehen \u2013 meistens sogar deutlich mehr. Schon fr\u00fch wurde daher die Forderung erhoben, mehr auf protektive Faktoren und die sog. \u201eSalutogenese\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> zu konzentrieren, also der Frage nachzugehen, warum jemand unter bestimmten Bedingungen nicht kriminell wird, als immer nur nach Negativfaktoren zu suchen.<\/p>\n<p>Soziostrukturelle Merkmale erkl\u00e4ren somit wenig, sind aber nicht wegzudiskutieren. K\u00fchl weist dann auch darauf hin, dass bei den islamistischen Terroristen in Belgien und Frankreich auff\u00e4llt, dass die Radikalisierung innerhalb von Familien abgelaufen ist, w\u00e4hrend bei den salafistischen Extremisten in Deutschland sich die Radikalisierung h\u00e4ufig in Freundesgruppen abspielt, die f\u00fcr ihre Mitglieder immer mehr zum zentralen sozialen Bezugspunkt werden. <em>\u201eErst wenn man die Funktionsweise dieser unterschiedlichen sozialen Formationen von Terroristen in den Blick nimmt, begreift man, warum bei den Linksextremen so viele Sozial- und Geisteswissenschaftler vertreten sind oder bei den Islamisten so viele Ingenieure<\/em>\u201c.<\/p>\n<p>Das mag richtig sein und sollte weiter verfolgt werden; dennoch ist dieses Buch ein wichtiger Baustein im Verst\u00e4ndnis des islamistischen Terrorismus. Es geh\u00f6rt daher in jede Universit\u00e4tsbibliothek und besonders in die an Polizei-Hochschulen.<\/p>\n<p>PS: Ein Text der Autoren unter dem gleichlautenden Titel ist beim Department of Sociology der University of Oxford als Sociology Working Papers, Number 2007-10 im Jahr 2017 erschienen und steht unter <a href=\"http:\/\/www.sociology.ox.ac.uk\/materials\/papers\/2007-10.pdf\">www.sociology.ox.ac.uk\/materials\/papers\/2007-10.pdf<\/a> zur Verf\u00fcgung. Er ersetzt nat\u00fcrlich nicht den aktuellen Buch-Text, kann aber aus guter \u00dcberblick dienen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/!5335800\/\">http:\/\/www.taz.de\/!5335800\/<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> aaO.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> \u00a0Salutogenese ist ein Rahmenkonzept, das sich auf Faktoren und dynamische Wechselwirkungen bezieht, die zur Entstehung und Erhaltung von Gesundheit f\u00fchren.<\/p>\n<p>Rezensiert von: Thomas Feltes<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gambetta,\u00a0Diego &amp; Hertog, Steffen; Diego Engineers of Jihad. 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