{"id":557,"date":"2016-10-05T17:21:34","date_gmt":"2016-10-05T15:21:34","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=557"},"modified":"2016-10-05T17:21:34","modified_gmt":"2016-10-05T15:21:34","slug":"fatima-el-tayeb-undeutsch-die-konstruktion-des-anderen-in-der-postmigrantischen-gesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=557","title":{"rendered":"Fatima El-Tayeb &#8211; Undeutsch. Die Konstruktion des Anderen in der postmigrantischen Gesellschaft"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>El-Tayeb, Fatima;<\/em> Undeutsch. Die Konstruktion des Anderen in der postmigrantischen Gesellschaft; <\/strong>transcript-Verlag Bielefeld, 2016, 256 Seiten, ISBN 978-3-8376-3074-9, 19,99 Euro<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-559 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/undeutsch-99x150.png\" alt=\"undeutsch\" width=\"99\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/undeutsch-99x150.png 99w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/undeutsch.png 200w\" sizes=\"(max-width: 99px) 100vw, 99px\" \/><\/p>\n<p>Wer zum gegenw\u00e4rtigen Zeitpunkt (Oktober 2016) ein Buch ver\u00f6ffentlicht, in dem im Untertitel von einer \u201epostmigrantischen Gesellschaft\u201c die Rede ist, ger\u00e4t in Verdacht. Man mutma\u00dft, dass das Buch veraltet ist und die aktuellen Entwicklungen nicht ber\u00fccksichtigt. Das genaue Gegenteil ist aber er Fall, das Buch ist (fast) tagesaktuell. Daher m\u00fcssen wir uns diesem \u201eVerdacht\u201c stellen und fragen, woher er kommt.<!--more-->Die aktuelle Diskussion f\u00fchrt eher dazu, dass wir im Moment glauben in einer Gesellschaft zu leben, die man als \u201epre-migrantisch\u201c bezeichnen k\u00f6nnte: Von den rund eine Million Fl\u00fcchtlingen, die 2015 nach Deutschland gekommen sind, werden viele bleiben (m\u00fcssen), und weitere werden hinzukommen.<\/p>\n<p>Nach Jahrzehnten scheinbarer Stabilit\u00e4t stolpert Europa in j\u00fcngster Zeit von Krise zu Krise. Hier zeigen sich f\u00fcr die Autorin dieses Buches die Folgen einer einseitigen Geschichtsaufarbeitung, \u201edie nach dem Mauerfall postfaschistische und postsozialistische Narrative zu einer westlich-kapitalistischen Erfolgsgeschichte verband, w\u00e4hrend die koloniale Vergangenheit unbeachtet blieb\u201c (Klappentext). Fatima El-Tayeb zeigt die Auswirkungen dieses Prozesses anhand des Beispiels deutscher Identit\u00e4t: Immer wieder werden insbesondere Schwarze, Roma und Muslime als \u00bbundeutsch\u00ab nicht nur gebrandmarkt, sondern, so die Autorin, gerade auch produziert. Es sind Gruppen, die nicht nur nicht zur nationalen Gemeinschaft geh\u00f6ren, sondern diese durch ihre Anwesenheit gef\u00e4hrden. Ein postmigrantisches Deutschland braucht daher \u2013 so der Klappentext &#8211; nicht nur neue Zukunftsvisionen, sondern auch neue Vergangenheitserz\u00e4hlung. Und eine solche legt die Autorin hier vor. Nicht leicht zu lesen, auch wegen der sprachlichen Besonderheiten (und damit sind nicht Begriffe wie \u201eDunkeldeutsche\u201c oder \u201emigrantisiert-deutsch\u201c o.\u00e4. gemeint). Was die Autorin als \u201erassifizierte und migrantisierte Deutsche\u201c bezeichnet, muss man sich erschlie\u00dfen, ebenso, was sie mit \u201eAnti-Rom_nja-Rassismus\u201c meint. In einem Satz erkl\u00e4ren kann man beides nicht.<\/p>\n<p>Diese \u201eVergangenheitserz\u00e4hlung\u201c kann und muss durch eine zukunftsgerichtete, europ\u00e4ische Erz\u00e4hlung erg\u00e4nzt werden. F\u00fcr Claus Leggewie ist das eine \u201e<em>Erz\u00e4hlung davon, wie wir in den n\u00e4chsten beiden Jahrzehnten ein nachhaltiges Europa schaffen, aber auch eines, das sozial gerechter ist, das \u00f6ffentliche R\u00e4ume erh\u00e4lt und schafft, das lebenspraktisch klarmacht, welche Vorz\u00fcge europ\u00e4ische Urbanit\u00e4t besitzt, wie eine Kultur des Pluralismus aussieht. Vieles von dem existiert ja l\u00e4ngst. Aber wir m\u00fcssen pr\u00e4ziser beschreiben, was wir an Europa gut finden, es ausmalen, so dass das Bild zukunftsfest und f\u00fcr k\u00fcnftige Generationen anziehend ist. Da ist besonders die mittlere Generation gefragt, die im Beruf, im Alltag, im sozialen Engagement Europa sozusagen t\u00e4glich lebt und baut, dies aber zu wenig nach au\u00dfen deutlich macht<\/em>\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>.<\/p>\n<p>\u201e<em>Rassismus braucht keine Fremden, um zu existieren, er produziert sie<\/em>\u201c (S. 14). Mit Aussagen wir dieser verdeutlicht die Autorin, dass wir vieles, was wir (auch in der \u201elinken\u201c Szene) als bekannt voraussetzen, in Frage stellen oder zumindest hinterfragen m\u00fcssen. Warum bspw. haben wir die Welle rassistischer Gewalt und die sog. \u201eAsylkrise\u201c in den 1990er Jahren schon vergessen? Warum fahren wir (nicht nur aktuell) so auf die Idee ab, dem \u201ebesorgten B\u00fcrger\u201c entgegenzukommen (in der aktuellen Diskussion nicht nur bei allen Parteien, sondern und auch bei vielen Wissenschaftlern zu bemerken)? Wir haben die gr\u00f6\u00dfte Fl\u00fcchtlingskrise seit Ende des Ersten Weltkrieges und schaffen es nicht, diese in unsere eigene Historie einzuordnen, weil wir glauben, den Lautsprechern von AfD und Pegida hinterherlaufen zu m\u00fcssen. Wichtig dagegen w\u00e4re eine Aufarbeitung der Entwicklung, die uns an diesen Punkt unserer Gesellschaft gef\u00fchrt hat. An den Punkt, an dem zum Tag der \u201edeutschen Einheit\u201c am 03. Oktober 2016 \u201ebesorgte B\u00fcrger\u201c in Dresden \u201eMerkel nach Sibirien, Putin nach Berlin\u201c rufen und demokratisch gew\u00e4hlte Politiker \u00fcbelst und als \u201eVolksverr\u00e4ter\u201c beschimpfen. Wer diesen Tag benutzt, um seinen Hass auf die Politiker herauszuschreien, \u201e<em>dem kommt es darauf an, die Symbolik des 3. Oktobers umzukehren und gesellschaftliche Grunds\u00e4tze in ihr Gegenteil zu verkehren. Deshalb handelt es sich bei den herausgebr\u00fcllten Protesten 2016 nicht um ein Randph\u00e4nomene von marginaler Bedeutung. Wer so mit der Demokratie und seinen gew\u00e4hlten Vertretern umgeht, dem ist wesentlich Schlimmeres zuzutrauen<\/em>\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>. Gerade (Sozial)Wissenschaftler tun gut daran, sich historisch neu zu verorten und sich dabei bewusst zu werden, was sich in den letzten 100 Jahren in Deutschland ereignet hat. Nur so k\u00f6nnen Sie die Risiken bewerten, die mit der Verniedlichung von Aussagen wie die von einer \u201eUmvolkung\u201c durch eine CDU-Politikerin im September 2016 oder<\/p>\n<p>Was sind es f\u00fcr Zeiten, in denen jemand wie Michel Houellebecq, der mit Schreckensbildern einer Muslimisierung des Abendlandes agiert (und vor allem kokettiert),sich als \u201ehalber Prophet\u201c bezeichnet und das u.a. am Verschwinden der Minir\u00f6cke in islamisch gepr\u00e4gten franz\u00f6sischen Gro\u00dfst\u00e4dten festmacht, als \u201eAufkl\u00e4rer mit dem Mut zum Risiko\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> bezeichnet und mit dem Frank-Schirrmacher-Preis geehrt wird?<\/p>\n<p>Bei aller Wichtigkeit von Europa und\/oder Globalisierung: Eine Gesellschaft entsteht nicht von jetzt auf gleich, sie entwickelt sich, sie ist das Produkt ihrer Vergangenheit. E-Tayeb\u00b4s Buch ist auch und gerade deshalb so wichtig und aktuell.<\/p>\n<p>Klassenfragen sind auch Rassenfragen: \u201e<em>Die lange zur\u00fcckreichende, aber unterdr\u00fcckte Geschichte von Rasse und Rassismus in Europa l\u00e4sst den gegenw\u00e4rtigen kontinentalen \u201eMultikulturalismus\u201c, festgemacht an Markern des Nicht-Europ\u00e4ischseins, wie Kopftuch oder dunkle Haut, wieder einmal als etwas nie Dagewesenes erscheinen; eine \u00fcberraschende und dramatische Entwicklung, die im besten Fall gesellschaftliche Anpassung, im schlimmsten Ablehnung hervorruft und die vor allem bei Bedarf als gescheitert erkl\u00e4rt werden kann<\/em>\u201c (S. 15 f.).<\/p>\n<p>Um erneut Claus Leggewie zu zitieren: \u201e<em>Nehmen wir das Beispiel der Einwanderer: Erst waren sie \u201eausl\u00e4ndische Arbeitnehmer\u201c, es ging also um soziale Aspekte, dann waren sie \u201eT\u00fcrken \/ Kurden\u201c, sie wurden also \u00fcber ihre Nationalit\u00e4t oder Ethnizit\u00e4t definiert. Heute sind sie \u201eMuslime\u201c, werden also religi\u00f6s definiert. Auf diese Weise werden eine in sich schon vielseitige Ich-Identit\u00e4t und ein gelegentlich auftretendes Gemeinschaftsgef\u00fchl zum starren Wir-Gef\u00fchl stilisiert: \u201eWir\u201c gegen \u201edie\u201c, zum Beispiel: \u201ePatrioten gegen die Islamisierung des Abendlandes\u201c. So, als w\u00e4re man nichts sonst als Christ und als w\u00e4ren Muslime mit allen Herkunftsbr\u00fcdern und Glaubensschwestern unverbr\u00fcchlich im Bunde<\/em>\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>.<\/p>\n<p>Wei\u00dfe Wissenschaft und gesellschaftlicher Rassismus gehen Hand in Hand, und Rassismus-Forschung ist in Deutschland nach wie vor verp\u00f6nt. Warum sie aber notwendig ist, zeigt Fatima El-Tayeb in ihrem Buch \u2013 nicht einfach zu lesen, aber wichtig.<\/p>\n<p>Zur Autorin: Fatima El-Tayeb (Dr. phil.), geb. 1966, ist Professorin f\u00fcr Literatur und Ethnic Studies und Direktorin des Programms \u00bbCritical Gender Studies\u00ab (CGS) an der University of California, San Diego. Sie ist Vorstandsmitglied der \u00bbCritical Ethnic Studies Association\u00ab und war Ko-Kuratorin des Projekts \u00bbThe Black Atlantic\u00ab (2004, Berlin) und Ko-Organisatorin des Netzwerks \u00bbBlack European Studies\u00ab (2005, Mainz). Ihre Forschungsschwerpunkte sind Rassismus in Europa, Queer Theory, Popul\u00e4rkultur und Widerstand. Zu ihren Ver\u00f6ffentlichungen z\u00e4hlen \u00bbEuropean Others. Queering Ethnicity in Postnational Europe\u00ab (2011, 2015 auf Deutsch erschienen) und \u00bbSchwarze Deutsche. Der Diskurs um \u203aRasse\u2039 und nationale Identit\u00e4t 1890-1933\u00ab (2001).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/!5340431\/\">http:\/\/www.taz.de\/!5340431\/<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Kommentar von Klaus Hillenbrand in der taz vom 04.10.2016, <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/Kommentar-Rechte-Proteste-in-Dresden\/!5340815\/\">http:\/\/www.taz.de\/Kommentar-Rechte-Proteste-in-Dresden\/!5340815\/<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> aaO.<\/p>\n<p>Rezensiert von: Thomas Feltes<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>El-Tayeb, Fatima; Undeutsch. Die Konstruktion des Anderen in der postmigrantischen Gesellschaft; transcript-Verlag Bielefeld, 2016, 256 Seiten, ISBN 978-3-8376-3074-9, 19,99 Euro Wer zum gegenw\u00e4rtigen Zeitpunkt (Oktober 2016) ein Buch ver\u00f6ffentlicht, in dem im Untertitel von einer \u201epostmigrantischen Gesellschaft\u201c die Rede ist, ger\u00e4t in Verdacht. Man mutma\u00dft, dass das Buch veraltet ist und die aktuellen Entwicklungen nicht &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=557\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Fatima El-Tayeb &#8211; Undeutsch. 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