{"id":562,"date":"2016-10-14T13:20:44","date_gmt":"2016-10-14T11:20:44","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=562"},"modified":"2016-10-14T13:20:57","modified_gmt":"2016-10-14T11:20:57","slug":"miriam-yildiz-hybride-alltagswelten-lebensstrategien-und-diskriminierungserfahrungen-jugendlicher-der-2-und-3-generation-aus-migrationsfamilien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=562","title":{"rendered":"Miriam Yildiz &#8211; Hybride Alltagswelten."},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Yildiz, Miriam;<\/em> Hybride Alltagswelten. Lebensstrategien und Diskriminierungserfahrungen Jugendlicher der 2. und 3. Generation aus Migrationsfamilien; <\/strong>transcript-Verlag Bielefeld, 232 Seiten, ISBN 978-3-8376-3353-5, 29,99 Euro<\/p>\n<p><strong><em><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-564 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/hybride_alltagswelten-98x150.png\" alt=\"hybride_alltagswelten\" width=\"98\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/hybride_alltagswelten-98x150.png 98w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/10\/hybride_alltagswelten.png 200w\" sizes=\"(max-width: 98px) 100vw, 98px\" \/><\/em><\/strong><\/p>\n<p>Auf dem Backcover des Buches wird der Inhalt wie folgt zutreffend und knapp beschrieben: \u201eMigrationsbedingte Vielfalt und durch Mobilit\u00e4t gepr\u00e4gte hybride Lebenswelten sind Teil der gesellschaftlichen Normalit\u00e4t. Dennoch werden Jugendliche zweiter und dritter Generation oft im Zusammenhang mit Sicherheitsproblemen, Integrationsfragen und sogenannten \u203asozialen Brennpunkten\u2039 thematisiert.<!--more-->Wichtige Handlungs- und Deutungsressourcen \u2013 sowohl f\u00fcr die Soziale Arbeit als auch f\u00fcr die kulturelle und p\u00e4dagogische Praxis \u2013 bleiben aus diesem einseitigen Blickwinkel jedoch unerschlossen. Miriam Yildiz kehrt die Perspektive um: Sie r\u00fcckt Ressourcen, Lebenspraxen und Diskriminierungserfahrungen von Jugendlichen systematisch in den Mittelpunkt und bietet damit erkenntnisreiche Einblicke jenseits von Stereotypisierungen.\u201c<\/p>\n<p>Es geht also darum, dass der Blick (endlich einmal!) weg von dem \u201eEthnischen\u201c (oder, wie es aktuell wieder in geschichtlicher Ignoranz genannt wird, dem \u201ev\u00f6lkischen\u201c) zu wenden und der in der Kriminologie l\u00e4ngst bekannten, in der Kriminalpolitik leider immer wieder bewusst \u201evergessenen\u201c Frage nachzugehen, was denn die tats\u00e4chlichen Ursachen f\u00fcr Kriminalit\u00e4t, Fundamentalismus und Terrorismus sind. Das sind n\u00e4mlich nicht die \u201eethnischen Eigenschaften\u201c (sofern es diese \u00fcberhaupt gibt), sondern die sozialen Bedingungen, unter denen diese Menschen aufwachsen und leben. Der Mainzer P\u00e4dagoge Franz Hamburger hat dies 2006 so umschrieben: \u201eDie Mechanismen einer <em>sel-fulfilling prophecy<\/em> in dem Sinne, dass schon l\u00e4ngst integrierte Migranten in ihrer doppelten Zugeh\u00f6rigkeit verunsichert werden, sind un\u00fcbersehbar\u201c (zitiert auf S. 55 des Buches).<\/p>\n<p>\u201eEthnisierung und Kriminalisierung\u201c (S. 61) gehen daher einher, und wir t\u00e4ten gut daran, uns weniger auf die \u201eEthnie\u201c (die oftmals auch weniger genau bestimmt werden kann, als sich mancher Bio-Deutsche denkt) zu konzentrieren, sondern darauf, welche Lebenschancen wir diesen Menschen einr\u00e4umen \u2013 oder eben nicht. Biographien sind \u201esperrige Hybriden, die f\u00fcr Eindeutigkeiten nicht taugen\u201c \u2013 so zitiert die Autorin auf S. 75, und beschreibt auf den folgenden Seiten die \u00dcberlebenskunst der \u201eMigranten\u201c.<\/p>\n<p>Der empirische Teil ihrer Studie ist in K\u00f6ln-Chorweiler angesiedelt, einem Stadtteil, der es sogar zu einem eigenen Wikipedia-Eintrag gebracht hat<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> und der immer wieder einmal im Zusammenhang mit den angeblichen \u201erechtsfreien R\u00e4umen\u201c genannt und zu den \u201e11 gef\u00e4hrlichen Gegenden\u201c in K\u00f6ln<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> gerechnet wird. Die Interviews, die Yildiz dort f\u00fchrt, und die Beobachtungen, die sie beschreibt, machen deutlich, wie sich die Bewohner dieses Stadtteils einerseits permanent diskriminiert und von der Polizei aus rassistisch verfolgt f\u00fchlen und wie sie andererseits ihre eigenen \u201ehybriden Alltagswelten\u201c aufbauen, ihre Lebensstrategien entwickeln, um zu \u00fcberleben.<\/p>\n<p>Wir brauchen, und dieses Fazit zieht Yildiz am Ende ihres Buches (S. 204 f.), \u201eeinen Blickwinkel, der das Leben in solchen Stadtquartieren und die individuellen Lebenspraktikern der Jugendlichen und jungen Erwachsenen im gesamtgesellschaftlichen und globalen Kontext vorortet, diskutiert und unterschiedliche Aspekte wie institutionelle, lebensweltliche und zivilgesellschaftliche Bedingungen zusammenf\u00fchrt\u201c. Wir m\u00fcssen zur Kenntnis nehmen, dass die Jugendlichen dort besondere (\u00dcber-) Lebensstrategien und neue \u201eurbane Kompetenzen\u201c entwickeln. Unsere Aufmerksamkeit sollte mehr auf das Positive und die \u201ebanalen Handlungen des allt\u00e4glichen Lebens\u201c gerichtet sein. Nur, wenn wir dies tun und die Personen als eigenst\u00e4ndige Individuen wahrnehmen, werden wir ihnen gerecht. Und darum sollte es doch gehen \u2013 oder?<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Chorweiler\">https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Chorweiler<\/a> dort liest man, dass 1989 bis 1997 eine Tr\u00e4gergesellschaft aus Stadtplanern, Architekten und Sozialarbeitern, die Gesellschaft f\u00fcr Stadterneuerung mbH (GfS) eingesetzt wurde. Neben der Verbesserung des Wohnumfeldes standen vor allem auch die Arbeitsplatzbeschaffung und die F\u00f6rderung der wirtschaftlichen und sozialen Situation im Mittelpunkt. Als Ma\u00dfnahme gegen die vergleichsweise hohe Arbeitslosigkeit des Stadtteils wurde ein Handwerkshof gegr\u00fcndet, in dem neben Handwerksbetrieben auch verschiedene Programme der Berufsvorbereitung, Weiterbildung und Qualifizierung stattfanden; au\u00dferdem gab es soziale Beratungsstellen. Der Handwerkshof wurde zu einem Modellprojekt in Nordrhein-Westfalen. Die GfS wurde 1996 aufgel\u00f6st. Im Jahr 1997 wurde die Sanierung des Stadtteils in das NRW-Landesprogramm Stadtteile mit besonderem Erneuerungsbedarf \u2013 Soziale Stadt einbezogen, das einen starken Fokus auf die Kinder- und Jugendarbeit legt.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> S. die Nachweise bei <a href=\"http:\/\/www.piratenpartei.koeln\/2014\/07\/07\/rechtsfreier-raum-strasse-elf-gefaehrliche-gegenden-in-koeln\/\">http:\/\/www.piratenpartei.koeln\/2014\/07\/07\/rechtsfreier-raum-strasse-elf-gefaehrliche-gegenden-in-koeln\/<\/a><\/p>\n<p>Rezensiert von: Thomas Feltes<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Yildiz, Miriam; Hybride Alltagswelten. Lebensstrategien und Diskriminierungserfahrungen Jugendlicher der 2. und 3. Generation aus Migrationsfamilien; transcript-Verlag Bielefeld, 232 Seiten, ISBN 978-3-8376-3353-5, 29,99 Euro Auf dem Backcover des Buches wird der Inhalt wie folgt zutreffend und knapp beschrieben: \u201eMigrationsbedingte Vielfalt und durch Mobilit\u00e4t gepr\u00e4gte hybride Lebenswelten sind Teil der gesellschaftlichen Normalit\u00e4t. Dennoch werden Jugendliche zweiter und &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=562\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Miriam Yildiz &#8211; Hybride Alltagswelten.<\/span> <span class=\"meta-nav\">&uarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/562"}],"collection":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=562"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/562\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":567,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/562\/revisions\/567"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=562"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=562"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=562"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}