{"id":569,"date":"2016-11-10T17:44:36","date_gmt":"2016-11-10T16:44:36","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=569"},"modified":"2016-11-10T17:49:58","modified_gmt":"2016-11-10T16:49:58","slug":"byung-chul-han-muedigkeitsgesellschaft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=569","title":{"rendered":"Byung-Chul Han \u2013 M\u00fcdigkeitsgesellschaft"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Han,\u00a0Byung-Chul;<\/em> M\u00fcdigkeitsgesellschaft<\/strong>; um die Essays Burnoutgesellschaft &amp; Hoch-Zeit erweiterte Neuauflage von 2016, Verlag Matthes &amp; Seitz Berlin, ISBN 978-3-95757-274-5, 14,00 Euro<\/p>\n<p><strong><em><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-571 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/han_muedigkeitsgesellschaft-85x150.png\" alt=\"han_muedigkeitsgesellschaft\" width=\"85\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/han_muedigkeitsgesellschaft-85x150.png 85w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/han_muedigkeitsgesellschaft.png 200w\" sizes=\"(max-width: 85px) 100vw, 85px\" \/><\/em><\/strong><\/p>\n<p>Der Verlag beschreibt <em>M\u00fcdigkeitsgesellschaft<\/em> im Klappentext als \u201eeines der wichtigsten zeitdiagnostischen Essays des neuen globalen Zeitalters\u201c, zurecht? \u2013 Byung-Chul Han, Philosoph und Kulturwissenschaftler, Professor in Berlin mit akademischen Stationen in Freiburg, M\u00fcnchen, Basel und Karlsruhe, zeichnet in 2010 ein Bild unserer heutigen Leistungsgesellschaft, das sich sehr unbequem liest:<!--more--> Die von ihm skizzierte Ph\u00e4nomenologie, die f\u00fcr das von ihm benannte <em>neuronale Zeitalter<\/em>, in dem wir seiner Einsch\u00e4tzung nach leben, bezeichnend sei \u2013 Merkmale sind (Hyper)-Aktivit\u00e4t, Beschleunigung, Selbstausbeutung und Positivit\u00e4t, als von ihm negativ konnotierter Begriff \u2013 bedinge psychopathologische St\u00f6rungen wie Burn-Out, Depression und ADHS. Han sieht, in \u00e4hnlicher Lesart wie sie bei Zygmunt Baumann m\u00f6glich ist, eine Passivit\u00e4t, die aus dem letztlich unfreien Streben nach Freiheit im Sinne der Maxime der Sp\u00e4tmoderne eben notwendigerweise resultiert. Diese Passivit\u00e4t entsteht aufgrund der Komplexit\u00e4t des vielfach M\u00f6glichen, das einen Zugewinn verspricht, tats\u00e4chlich aber nur die Ohnmacht ob der eigenen Positionierung im gesellschaftlichen Spiel verdeutlicht und schlie\u00dflich im Erkennen einem tats\u00e4chlichen Verlust an Freiheitsgraden in unserem Dasein und unserer Geistigkeit gleichkommt.<\/p>\n<p>Interessant ist seine Betrachtungsweise hinsichtlich der Erscheinungsformen und -h\u00e4ufigkeit psychopathologischer St\u00f6rungen, die er als Auswuchs der durch Positivit\u00e4t bestimmten Individuen beschreibt, und damit auch eine gewisse Gegenposition zu einigen \u00e4tiologischen Modellen in der Psychologie einnimmt. Seine Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze und Kausalmodelle erscheinen logisch, eingebettet in eine ern\u00fcchternde Tristesse des steigenden Therapiebedarfs. Sie k\u00f6nnen aber nicht jedwede Form psychischen Krankseins erkl\u00e4ren, wie beispielsweise die endogene Depression \u2013 oder Depression beim Kind, sofern eine Mittelbarkeit ausgeschlossen wird \u2013 was aber seinen als erg\u00e4nzend zu betrachtenden Analysen keinen Abbruch tut, die sicherlich auch dem in der klinischen Psychologie gef\u00fchrten Diskurs dar\u00fcber, was effiziente Behandlungsformen ausmachen kann, dienlich sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Han pl\u00e4diert f\u00fcr die Kraft des Innehaltens, der Leere und einer tiefgr\u00fcndigen Langeweile, f\u00fcr die positiven Aspekte der Wut und Negativit\u00e4t, die uns wieder zu uns selbst finden lassen k\u00f6nnten, die als Antezedens f\u00fcr das Denken, Kreativit\u00e4t und Freiheit zu sehen seien. Und die letztendlich auch erst ein zwischenmenschliches <em>F\u00fcrsein<\/em>, anstelle des nur Neben- und Mitseins, erm\u00f6glichen, welches in unserem heutigen, betont individualisierten Gesellschaftskonstrukt \u2013 betrachtet man globale Entwicklungen und die damit einhergehende Besorgnis \u2013 eine Chance f\u00fcr oder gar Notwendigkeit in unserer letztendlich nur gemeinschaftlich bestreitbaren, ungewissen Zukunft und Wiederherstellung der Zuwendung zueinander darstellt. Mit anderen Worten: Unsere Zukunft ist unausweichlich gemeinschaftlich, aber vielfach m\u00f6glich. Man kann dabei nur hoffen, dass die Existenz der Reflexion der Paradigmen <em>Burnoutgesellschaft<\/em> und <em>M\u00fcdigkeitsgesellschaft<\/em> auch ein Zeichen ihres Untergangs ist oder sein wird. Die Frage, die sich in diesem Zusammenhang aber stellen mag, ist, was denn auf das <em>neuronale Zeitalter<\/em>, in dem der interindividuelle Fokus vom krankmachenden, intraindividuellen Um-sich-selbst-Kreisen abgel\u00f6st wird, folgen wird und welche neuen ph\u00e4nomenologischen Skizzen dann zur Eigenreflexion erhoben werden. Wir pers\u00f6nlich w\u00fcrden, sicherlich etwas euphemistisch, eine Ausgestalt des <em>systemischen Zeitalters <\/em>favorisieren, in dem die Ergebnisse der Analysen der von Han beschriebenen <em>bakteriellen, immunologischen<\/em> und <em>neuronalen Zeitalter<\/em> integrativ neu zusammengesetzt werden und somit das neue Ganze eine Art <em>anderes, <\/em>(in der Retrospektive sicherlich dann nicht zwingend)<em> besseres Ganzes<\/em> als die Summe seiner einzelnen Teile ergeben wird und sich insofern <em>eine neue Hoffnung<\/em> abzeichnen kann.<\/p>\n<p>Der Essay, der erstmals in 2010 erschien, liest sich ebenso wie die beiden nunmehr erg\u00e4nzten Betrachtungen nicht an jeder Stelle geschmeidig, aber das muss er definitiv auch nicht. Wer hier versucht, durchzueilen oder querzulesen, kann das Buch gleich wieder aus der Hand legen, weil dann das Zentrale, dass sich von Wort zu Wort, von Satz zu Satz, von Seite zu Seite entwickelt, nicht verstanden werden kann, und was schlie\u00dflich f\u00fcr das freie Denken und Geistigkeit unabdingbar und diesem zugleich immanent ist \u2013 Irritation. Jeden Moment, den man in eigenen Gedanken zu diesen Analysen verweilt, ist in diesem Sinne ein f\u00fcr sich gewonnener Moment, der vielleicht ein kleiner Beitrag zur Selbstheilung in diesem <em>neuronalen Zeitalter <\/em>sein kann, oder der gar zudem die hiermit assoziierten, aus einem \u00dcberma\u00df an Positivit\u00e4t, die verlangt alles immer und zwar sofort zu machen, unvermeidlich resultierenden psychischen Infarkte vielleicht auch abzuwenden wei\u00df.<\/p>\n<p>Ebenso erh\u00e4ltlich und absolut empfehlens- bzw. sehenswert ist die in 2015 erschienene Dokumentation <em>M\u00fcdigkeitsgesellschaft<\/em> von Isabella Gesser, ebenfalls vom gleichen Verlag herausgegeben, die in knapp einer Stunde nicht nur einen begleitenden Einblick in die scheinbar abseits des Mainstreams lebende Person des Byung-Chul Han gew\u00e4hrt, sondern auch das Ph\u00e4nomen der <em>M\u00fcdigkeitsgesellschaft<\/em> am konkreten Beispiel seiner Heimat in Seoul eindrucksvoll fotografiert.<\/p>\n<p>Rezensiert von Lena Jordan &amp; Ren\u00e9 Pohlmann<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Han,\u00a0Byung-Chul; M\u00fcdigkeitsgesellschaft; um die Essays Burnoutgesellschaft &amp; Hoch-Zeit erweiterte Neuauflage von 2016, Verlag Matthes &amp; Seitz Berlin, ISBN 978-3-95757-274-5, 14,00 Euro Der Verlag beschreibt M\u00fcdigkeitsgesellschaft im Klappentext als \u201eeines der wichtigsten zeitdiagnostischen Essays des neuen globalen Zeitalters\u201c, zurecht? \u2013 Byung-Chul Han, Philosoph und Kulturwissenschaftler, Professor in Berlin mit akademischen Stationen in Freiburg, M\u00fcnchen, Basel und &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=569\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Byung-Chul Han \u2013 M\u00fcdigkeitsgesellschaft<\/span> <span class=\"meta-nav\">&uarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/569"}],"collection":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=569"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/569\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":578,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/569\/revisions\/578"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=569"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=569"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=569"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}