{"id":583,"date":"2016-11-14T18:48:20","date_gmt":"2016-11-14T17:48:20","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=583"},"modified":"2016-11-14T18:48:20","modified_gmt":"2016-11-14T17:48:20","slug":"norbert-nedopil-jeder-mensch-hat-seinen-abgrund-spurensuche-in-der-seele-von-verbrechern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=583","title":{"rendered":"Norbert Nedopil &#8211; Jeder Mensch hat seinen Abgrund. Spurensuche in der Seele von Verbrechern"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Nedopil, Norbert;<\/em> Jeder Mensch hat seinen Abgrund. Spurensuche in der Seele von Verbrechern.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/strong>; ISBN: 978-3-442-31442-3, 318 Seiten, Goldmann Verlag, M\u00fcnchen, 2016, 19.99 \u20ac)<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-585 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/jeder_mensch-94x150.png\" alt=\"jeder_mensch\" width=\"94\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/jeder_mensch-94x150.png 94w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/11\/jeder_mensch.png 200w\" sizes=\"(max-width: 94px) 100vw, 94px\" \/><\/p>\n<p>Der Autor, Prof. Dr. med. <strong>Norbert Nedopil<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/strong>, ist forensischer Psychiater und Psychologe. Er leitete von 1992 bis September 2016 die Abteilung f\u00fcr Forensische Psychiatrie der Klinik und Poliklinik f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t in M\u00fcnchen. Er berichtet in seinem im September 2016 vorgelegten, sehr lesenswerten ersten Sachbuch \u00fcber seine langj\u00e4hrige berufliche Praxis als forensischer Gutachter und n\u00e4hert sich dabei unter anderem den Fragen, wer wie und wann zum M\u00f6rder werden kann und ob es das B\u00f6se gibt?<!--more--><\/p>\n<p>Eine seiner diesbez\u00fcglichen Feststellungen beruhigt und macht nachdenklich zugleich. &#8222;Ich bin noch niemals einer Bestie gegen\u00fcbergesessen, sondern immer einem Menschen, egal, was er getan haben mag.&#8220; Er beschreibt, dass oft die Situation und nicht die T\u00e4terpers\u00f6nlichkeit ausschlaggebend war und bejaht den Satz: \u201eJeder kann zum M\u00f6rder\u00a0werden.\u201c<\/p>\n<p>Der Autor beschreibt sehr eing\u00e4ngig und f\u00fcr ein popul\u00e4r-wissenschaftliches Buch erfreulich differenziert den intensiven professionellen Prozess der Exploration von Probanden und die dabei unter Umst\u00e4nden auftretenden Konflikte, z. B. die auftretende Rollendifferenz zwischen dem Kundschaften im Vier-Augen-Gespr\u00e4ch und dem sp\u00e4teren Gutachten im \u00f6ffentlichen gerichtlichen Hauptverfahren. Beeindruckend ist dabei die reflexive Professionalit\u00e4t, der best\u00e4ndige Zweifel an der eigenen Wahrnehmung und der daraus abgeleiteten Schlussfolgerungen und das nach vielen Berufsjahren erkennbar ungebrochene Interesse an den Menschen und ihren handlungsleitenden Motiven. Auch der gutachterliche \u201eRestzweifel\u201c gegen\u00fcber den eigenen Explorationsergebnissen, insbesondere in Bezug auf die R\u00fcckfallprognose bei Entlassungsgutachten, wird \u00fcberaus deutlich, eindringlich z. B. zum Ausdruck gebracht durch ein Zitat eines mit dem Autor befreundeten \u00e4rztlichen Direktors einer psychiatrischen Klinik mit Patienten im Ma\u00dfregelvollzug: \u201eIch k\u00f6nnte die H\u00e4lfte meiner Probanden sofort entlassen, wenn ich nur w\u00fcsste welche!\u201c<\/p>\n<p>Nedopil beschreibt sich nach all den Jahren in seiner gutachterlichen Rolle in einer Metapher auf Kolumbus (S. 28) nach wie vor als \u201eSuchender\u201c, der trotz aller beruflichen Erfahrung und Professionalit\u00e4t anerkennt, dass es immer noch wei\u00dfe Flecken, unbekanntes Terrain auf der Landkarte der menschlichen Psyche gibt. Die Rolle des Gutachters sei die eines Kundschafters, der \u201emit menschenkundlicher Neugier die Spuren in der Psyche (seines) Gegen\u00fcbers verfolgt.\u201c So materialisiere sich vielleicht eine Trasse, von der er allerdings noch nicht wisse, wohin sie ihn f\u00fchren wird. Eine solche Landkarte, Schritt f\u00fcr Schritt gef\u00fcllt und als Gutachten verfasst, biete zwar immer noch keine Sicherheit, dass er \u201ealle Fl\u00fcsse und T\u00e4ler und Berge und Seen und W\u00e4lder an der richtigen Stelle aufgesp\u00fcrt habe.\u201c Dennoch d\u00fcrfe er davon ausgehen, dass eine derartig explorierte \u201eLandkarte die Realit\u00e4t des Menschen, der ihm gegen\u00fcbersitze, deutlicher abbildet als eine Landkarte, die von Anfang an ausgef\u00fcllt gewesen w\u00e4re.\u201c<\/p>\n<p>Sehr kritisch betrachtet Nedopil im \u00dcbrigen den Umgang der Medien mit dem Ph\u00e4nomen Gewaltkriminalit\u00e4t. In einem \u201epolitisch-publizistischen Verst\u00e4rker\u00adkreislauf\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> werde unangemessen Kriminalit\u00e4tsfurcht in der Bev\u00f6lkerung erzeugt, obwohl die Gewaltkriminalit\u00e4t seit vielen Jahren best\u00e4ndig abnehme. So gab es in Deutschland 2014 624 vollendete T\u00f6tungsdelikte. Das entspricht einer H\u00e4ufigkeitszahl von 0,78 pro 100 000 Einwohner und 30 Prozent davon werden vom Partner begangen. Im Jahr 1890 gab es hingegen noch 2,5 \u201eGewalttote\u201c pro 100 000 Einwohner und 1990 1,7 (vgl. S. 20, 274). Besser als 0,6 pro 100 000 Einwohner wird es in Westeuropa (nach einer zitierten Sch\u00e4tzung von Pinker<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>) wohl nie gehen, weil es immer Familienstreiterei, psychische Aus\u00adnahme\u00adzust\u00e4nde und einige kriminelle Motive geben wird, die man nicht beseitigen k\u00f6nne. Faszi\u00adnierenderweise habe sich die Angst vor dem <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/thema\/Verbrechen\">Verbrechen<\/a> allerdings nicht entsprechend reduziert, sondern sei sogar gestiegen. Die gef\u00fchlte Bedrohung wird greller beleuchtet als die\u00a0Realit\u00e4t.<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a><\/p>\n<p>Nedopil hat zum Ende seiner Karriere ein im besten Sinne aufkl\u00e4rerisches Werk vorgelegt. Sein Fazit f\u00fcr den Leser: &#8222;Die Welt ist besser, als Sie glauben.&#8220; Und doch schlie\u00dft er mit einer Mahnung: Zivilisation ist &#8222;kein Selbstl\u00e4ufer, sondern etwas, das man pflegen, f\u00f6rdern und auch verteidigen\u00a0muss.&#8220;<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/leben\/verbrechen-herr-nedopil-gibt-es-boese-menschen-1.3222888\">http:\/\/www.sueddeutsche.de\/leben\/verbrechen-herr-nedopil-gibt-es-boese-menschen-1.3222888<\/a>, Interview mit dem Autor in der S\u00fcddeutschen Zeitung vom 08.11.2016.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> <a href=\"http:\/\/forpsych.klinikum.uni-muenchen.de\/index2.htm\">http:\/\/forpsych.klinikum.uni-muenchen.de\/index2.htm<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Begriff von Scheerer, Sebastian: Der politisch-publizistische Verst\u00e4rkerkreislauf. Zur Beeintr\u00e4chtigung der Massenmedien im Proze\u00df (sic.) strafrechtlicher Normgenese, in: Kriminologisches Journal (KrimJ), 10 (1978), S. 223 \u2013 227.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Pinker, Steven, 2011: Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit. Fischer-Verlag, Frankfurt a. Main.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/leben\/verbrechen-herr-nedopil-gibt-es-boese-menschen-1.3222888\">http:\/\/www.sueddeutsche.de\/leben\/verbrechen-herr-nedopil-gibt-es-boese-menschen-1.3222888<\/a>, Interview mit dem Autor in der S\u00fcddeutschen Zeitung vom 08.11.2016.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/leben\/philisophischer-alltag-menschliche-abgruende-1.3192220\">http:\/\/www.sueddeutsche.de\/leben\/philisophischer-alltag-menschliche-abgruende-1.3192220<\/a>, in der Rubrik \u201ePhilosophischer Alltag\u201c der S\u00fcddeutschen Zeitung vom 07.10.2016, geschrieben von Lars Langenau.<\/p>\n<p>Rezensiert von: Holger Plank<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nedopil, Norbert; Jeder Mensch hat seinen Abgrund. Spurensuche in der Seele von Verbrechern.[1]; ISBN: 978-3-442-31442-3, 318 Seiten, Goldmann Verlag, M\u00fcnchen, 2016, 19.99 \u20ac) Der Autor, Prof. Dr. med. Norbert Nedopil[2], ist forensischer Psychiater und Psychologe. Er leitete von 1992 bis September 2016 die Abteilung f\u00fcr Forensische Psychiatrie der Klinik und Poliklinik f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=583\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Norbert Nedopil &#8211; Jeder Mensch hat seinen Abgrund. 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