{"id":626,"date":"2016-12-09T12:45:44","date_gmt":"2016-12-09T11:45:44","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=626"},"modified":"2016-12-09T12:45:44","modified_gmt":"2016-12-09T11:45:44","slug":"sarah-bakewell-das-cafe-der-existenzialisten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=626","title":{"rendered":"Sarah Bakewell &#8211; Das Caf\u00e9 der Existenzialisten."},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Bakewell, Sarah <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>;<\/em> Das Caf\u00e9 der Existenzialisten. <a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>;<\/strong> (ISBN: 978-3-406-69764-7, 448 Seiten, C. H. Beck Verlag, M\u00fcnchen, 2016, 24,95 \u20ac &#8211; auch als E-Book zum Preis von 19,99 \u20ac erh\u00e4ltlich)<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-627 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/cafe_der_existenzialisten-95x150.png\" alt=\"cafe_der_existenzialisten\" width=\"95\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/cafe_der_existenzialisten-95x150.png 95w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/cafe_der_existenzialisten.png 200w\" sizes=\"(max-width: 95px) 100vw, 95px\" \/><\/p>\n<p><em>\u201eBakewell is a skillful and nuanced teacher. Her explanation of the mysteries of <\/em><a href=\"http:\/\/www.philosophybasics.com\/branch_phenomenology.html\"><em>phenomeno\u00adlogy<\/em><\/a><em>, clear and succinct, is as brilliant as any I\u2019ve heard in a French university classroom. For the uninitiated, phenomenology is a philosophy of German origin that focuses on the world as it appears rather than questioning the interpretations of reality\u201c, <\/em>so Hussey (vgl. Fn. 2) in einer der ersten Besprechungen des Buches im \u201cGuardian\u201d, Rubrik \u201cBook of the day\u201d nach Herausgabe des englischen Originals <em>\u201cAt the Existentialist Caf\u00e9\u201c\u00a0<\/em>im Februar 2016. Er bringt damit den Wert objektiver Betrachtung menschlichen Daseins, reduziert auf das Wesentliche, gut zum Ausdruck.<!--more--><\/p>\n<p>Bakewell beschreibt den (franz\u00f6sischen) <strong>Existenzialismus<\/strong>, eine lebendige philosophische Richtung, die das Wesen der menschlichen Existenz, ideengeschichtlich befreit von \u201enutzlosem Zierrat\u201c, in den Mittelpunkt stellt. \u201eDer Mensch muss selbst aktiv werden und seinem Leben einen Sinn geben, in das er durch den Zufall seiner Geburt geraten ist\u201c, so die Grundaussage dieser Philosophie, die sich in den 1930er und 1940er Jahren des vergangenen Jahrhunderts entwickelte und ihre volle Bl\u00fcte in den Nachkriegsjahren in Europa erlangte und vor dort aus auch die \u201eNeue Welt\u201c zu beeinflussen begann. Seine unerm\u00fcdlichen Protagonisten, befruchtet von der deutschen (der \u201eFreiburger\u201c) Ph\u00e4nomenologie Husserls und sp\u00e4ter Heideggers, waren <strong>Jean-Paul Sartre<\/strong> und <strong>Simone de Beauvoir<\/strong>, die sich &#8211; von Bakewell zusammen mit dem mystischen philosophischen Dogmatiker Heidegger in den Mittelpunkt ihrer sehr lesenswerten zeitgeschichtlichen philosophischen R\u00fcckblende gestellt &#8211; im Paris zu jener Zeit, vor allem in Caf\u00e9s im Pariser K\u00fcnstlerviertel obsessiv schreibend und mit Freunden diskutierend, mit Grundfragen der menschlichen Existenz und ihrer Reduktion auf das blo\u00dfe Sein auseinandersetzten. Anders als die deutschen (universit\u00e4ren) Ph\u00e4nomenologen, die sich in z. T. langatmigen und h\u00e4ufig selbst f\u00fcr Philosophen nur schwer verst\u00e4ndlichen Grundlagenwerken mit der Beschreibung des unverf\u00e4lschten \u201eDa-Seins\u201c verbreiteten, verarbeiteten sie ihre Eindr\u00fccke und \u00dcberzeugungen in vielf\u00e4ltigerer Weise, insbesondere in Romanen, Theaterst\u00fccken, Biographien, Essays und Besprechungen statt in Lehrb\u00fcchern und versuchten so den Menschen jener Zeit (und sich selbst) ihre Unzul\u00e4nglichkeiten zu spiegeln. Sie waren dabei sehr erfolgreich, denn sie beeinflussten dabei mehrere, nicht nur ihre eigene Generation. Sie besch\u00e4ftigten sich intensiv mit der Frage nach der menschlichen Identit\u00e4t, der Sinnsuche (\u201eAuthentizit\u00e4t\u201c) und vor allem mit der <strong>Freiheit<\/strong>. Letztere wird dabei nach den Erfahrungen der Protagonisten im von deutschen Truppen okkupierten Frankreich (Paris) in den Fokus gestellt. Schon deshalb ist darin sehr viel von der grundlegenden, jedem Individuum eigenen Freiheit die Rede, davon, \u201edass es ganz einfach sei, das Richtige zu tun, dass man nur w\u00e4hlen m\u00fcsse &#8211; um nicht all die H\u00fcter von Pflicht und Moral auf den Plan zu rufen\u201c. Diese Grundzutat sinnsuchender menschlicher Identit\u00e4t verleitete Jean-Paul Sartre sogar zu dem Ausspruch: <strong>&#8222;Der Mensch ist <u>verurteilt<\/u>, frei <\/strong>(\u201eauthentisch\u201c) <strong>zu sein\u201c, <\/strong>er k\u00f6nne ideengeschichtlich gar nicht anders! Chance und Verdammnis frei bestimmter menschlicher Existenz wird in diesem Zitat gleicherma\u00dfen deutlich.<\/p>\n<p>Schon deshalb kommt Bakewell, deren Begeisterung f\u00fcr Sartre und damit zun\u00e4chst indirekt f\u00fcr den Existenzialismus im Alter von 16 Jahren eher zuf\u00e4llig begann, als sie sich mehr \u201eaus einer Laune heraus\u201c, vor allem von Salvador Dalis Gem\u00e4lde auf dem Schutzumschlag des Penguin-Taschenbuchs von Jean-Paul Sartres 1938 erschienenen Romans \u201eDer Ekel\u201c angesprochen f\u00fchlte, zu einem wesentlichen Schluss. Die R\u00fcckbesinnung auf diese philosophische Richtung sei n\u00e4mlich schon deshalb wichtig, weil der \u201ezwar immer noch einen nostalgisch-romantischen Charme verspr\u00fchende, aber heute kaum mehr seine unmittelbar pr\u00e4gende Kraft entfaltende\u201c Existenzialismus in der Moderne mit ihren vielf\u00e4ltigen und die individuelle Freiheit beschr\u00e4nkenden typischen Ablenkungen wichtiger denn je sei. Dies zeige sich an der angesichts der deutlichen Verunsicherung der Menschen in modernen, technik-affinen, virtuell vernetzten Gesellschaften zunehmend hervortretenden diffusen Sehnsucht nach einem \u201ewirklichen\u201c Leben, dem Streben nach \u201edem dunklen Objekt der Begierde\u201c namens \u201eAuthentizit\u00e4t\u201c. Gerade weil wir Freiheit in scheinbar extensiver F\u00fclle zur Verf\u00fcgung haben, k\u00f6nnen wir sie heute nicht mehr als etwas Selbstverst\u00e4ndliches betrachten. Eine Kernaussage des Buches und Warnung zugleich, denn die Freiheit scheint uns heute angesichts zahlreicher Eigenheiten und auch Bedrohungen unseres Lebensstils nicht mehr allzu viel wert zu sein. Sie ist aber schon in Gefahr, wenn wir selbst unser Leben nicht auf das Wesentliche (das Existenzielle) zu reduzieren versuchen und vorgeblich segensreiche Entwicklungen in Frage stellen. Deshalb kommt Bakewell zu dem Schluss, dass wir heute \u201edie Existenzialisten vielleicht mehr brauchen als wir denken.\u201c Nach ihrem eher zuf\u00e4lligen philosophischen \u201eErweckungserlebnis\u201c durch Sartres \u201eDer Ekel\u201c wurde er ihr offenkundig in gewisser Weise auch zum Nestor ihrer umf\u00e4nglichen Studien. Er verstand es offenkundig wie keine Zweiter, zeitgeschichtliche Dilemmata und Paradoxien zu entwirren. Ein Zeitzeuge berichtet bspw. angetan und inspiriert von einer Begegnung mit ihm anl\u00e4sslich einer Diskussion in einer Privatwohnung im Berlin der 1940er Jahre. Sartre sei ihm dabei \u201ewie ein s\u00fcdamerikanischer Bauer vorgekommen, der sich mit der Machete seinen Weg durchs Dickicht der Zeiterscheinungen bahnte, und die Papageien h\u00e4tten beim Wegfliegen in alle Richtungen die sch\u00f6nsten Fl\u00fcgelfarben gezeigt.\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Eine sch\u00f6ne Metapher, von der es in dem &#8211; ich nenne es &#8211; atypischen \u201eGeschichtsbuch der Entstehung und der Auspr\u00e4gungen des Existenzialismus\u201c, das die au\u00dferordentlich belesene Sarah Bakewell in akribischer Weise in 14. Kapiteln entfaltet und in dem sie 79 zeitgeschichtliche G\u00e4ste (Vorstellung der illustren Mitwirkenden ab Seite 370) als wesentliche Bezugspersonen der Protagonisten auftreten l\u00e4sst, sehr viele weitere gibt. Sie f\u00fchrt den Leser dabei in eigenwilliger und trotz dunkler Zeiten stets humorvoller Weise durch die Biographien der Mitwirkenden. Dem Leser wird dabei klar, dass Ideen vor allem auch durch die Biographien ihrer Sch\u00f6pfer in zeitgeschichtlichem Kontext verst\u00e4ndlicher werden. \u201eIdeen sind aufregend, aber die Menschen, die sie \u00e4u\u00dfern, sind es noch viel mehr\u201c, so die Autorin in ihrem Fazit. Sie versteht es vorz\u00fcglich, auch den naiven, nicht philosophisch geschulten Leser auf diesem Ausflug wach zu halten, seine Aufmerksamkeit auf interessante menschliche Details der Protagonisten und zeitgeschichtliche Besonderheiten zu lenken, ohne zu tief in philosophische Theorielehre einzutauchen. Trotzdem wirkt das Buch an keiner Stelle banal. Jedenfalls wird es einem niemals langweilig und man ist versucht, das Buch in einem Zug zu lesen, auch wenn es einem eine schlaflose Nacht kostet.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Englische Schriftstellerin, Kuratorin und Dozentin f\u00fcr \u201ekreatives Schreiben\u201c an der City-University in London, <a href=\"https:\/\/sarahbakewell.com\/about\/\">https:\/\/sarahbakewell.com\/about\/<\/a>, zuletzt abgerufen am 05.12.2017.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> In der deutschen \u00dcbersetzung im Juli 2016 erschienen, Inhaltsverzeichnis und Leseprobe auf der Website des C. H. Beck-Verlags unter der URL <a href=\"http:\/\/www.chbeck.de\/Bakewell-Cafe-Existenzialisten\/productview.aspx?product=16551096\">http:\/\/www.chbeck.de\/Bakewell-Cafe-Existenzialisten\/productview.aspx?product=16551096<\/a> verf\u00fcgbar, zuletzt abgerufen am 05.12.2017. Im englischen Original im Februar 2016 erschienen bei Chatto &amp; Windus, London, vgl. Besprechung von Andrew Hussey in \u201eThe Guardian\u201c vom 28.02.2016, <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/books\/2016\/feb\/28\/existentialist-cafe-freedom-being-apricot-cocktails-sarah-bakewell-review\">https:\/\/www.theguardian.com\/books\/2016\/feb\/28\/existentialist-cafe-freedom-being-apricot-cocktails-sarah-bakewell-review<\/a>, zuletzt abgerufen am 05.12.2016.<\/p>\n<p>Rezensiert von: Holger Plank<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bakewell, Sarah [1]; Das Caf\u00e9 der Existenzialisten. [2]; (ISBN: 978-3-406-69764-7, 448 Seiten, C. H. Beck Verlag, M\u00fcnchen, 2016, 24,95 \u20ac &#8211; auch als E-Book zum Preis von 19,99 \u20ac erh\u00e4ltlich) \u201eBakewell is a skillful and nuanced teacher. 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