{"id":648,"date":"2016-12-31T00:11:28","date_gmt":"2016-12-30T23:11:28","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=648"},"modified":"2016-12-31T00:11:28","modified_gmt":"2016-12-30T23:11:28","slug":"juli-zeh-unterleuten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=648","title":{"rendered":"Juli Zeh &#8211; Unterleuten"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Zeh, Juli<\/em>; Unterleuten; <\/strong>2016, Luchterhand Literaturverlag, M\u00fcnchen, ISBN: 978-3-630-87487-6, 24,99 Euro, 639 Seiten.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-649 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/unterleuten-94x150.png\" alt=\"\" width=\"94\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/unterleuten-94x150.png 94w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/unterleuten.png 200w\" sizes=\"(max-width: 94px) 100vw, 94px\" \/><\/p>\n<p>Warum der neue Roman von Juli Zeh in diesem Rahmen rezensionsw\u00fcrdig erscheint, k\u00f6nnte argumentativ mit dem Umstand untermauert werden, dass die Autorin neben ihrer schriftstellerischen T\u00e4tigkeit promovierte Juristin mit Pr\u00e4dikatsexamen ist. Und auch inhaltlich werden deviantes Verhalten und Abgr\u00fcnde menschlichen Verhaltens, genauer kriminelle Machenschaften einiger Protagonisten, als alteingesessene und neu hinzugezogene Bewohner eines Dorfes, dass in Brandenburg verortet ist, thematisiert, die den ein oder anderen Straftatbestand ber\u00fchren und\/oder erf\u00fcllen.<!--more--> Vielmehr ist aber der Roman einfach nur h\u00f6chst lesenswert, sprachlich \u00e4sthetisch und spannend erz\u00e4hlt.<\/p>\n<p>Berichtet wird das Geschehen in <em>Unterleuten<\/em>, mit jedem Kapitel chronologisch fortf\u00fchrend, aber aus wechselnder Perspektive bestimmter Protagonisten, die die zentralen Akteure in der Kleinkommune darstellen \u2013 um deren Blick auf die Dinge erweitert. Verbunden miteinander sind die Bewohner des Dorfes durch einen zentralen Konflikt, der eigentlich die gesamte Kommune betrifft und gemeinschaftlich zu diskutieren w\u00e4re, letztendlich aber durch nur wenige Charaktere bestritten wird. Auseinandergehend sind die Standpunkte dieser Personen aufgrund der Koexistenz stark divergierender Bed\u00fcrfnisse, Motivlagen und subjektiv konstruierter Wahrheiten, die mehr oder weniger miteinander konfligieren oder (vermeintliche) Passungen gegeneinander ausgespielt werden, und die vor dem Hintergrund vergangener schicksalhafter Ereignisse zu betrachten sind. Mit jedem neuen Kapitel kommt eine weitere Verflechtung, eine weitere Perspektive hinzu, die unausweichlich in ihrer subjektiven Logik beim Lesen gedankliche Wendungen nach sich ziehen und das Geschehen somit an Komplexit\u00e4t gewinnt, der Verlauf sich dadurch exponentiell verdichtet. Perfekt inszeniert und den aufgeworfenen Spannungsbogen stringent abschlie\u00dfend ist auch das Ende, welches sp\u00e4testens die res\u00fcmierende Frage aufwirft, wer warum und inwieweit als Gewinner oder Verlierer, wer als T\u00e4ter oder Opfer zu bezeichnen ist, wer sich als m\u00f6glicherweise schuldig an dem oder unschuldig im weiteren Verlauf der Geschichte herausstellt \u2013 deren Aufwerfen und Beantwortung je nach eigener Perspektive, Vorstellungen von Moral und individueller Haltung wohl sehr unterschiedlich ausfallen wird.<\/p>\n<p>Herausragend ist das Buch, weil aus dem dramaturgischen Zusammensetzen zahlreicher Individualperspektiven ein systemisches Ganzes geschaffen wird, welches einen in sich koh\u00e4renten Mikrokosmos ausmacht, in dem jede einzelne Perspektive, immerhin bis zu einem gewissen Ausma\u00df, auch irgendwie, und mitunter auch tragischerweise, seine Berechtigung zu haben scheint oder die Figuren zumindest in der Determiniertheit ihres Handelns Sympathiepunkte gewinnen k\u00f6nnen. Und in dem die grundlegenden Mechanismen und Regeln des menschlichen Zusammenlebens, an vielen Stellen des Romans thesenartig auf intrapsychischer Ebene aufgeworfen, hier zwar kontextualisiert sind, aber diese prinzipiell abstrahier- und verallgemeinerbar erscheinen \u2013 also letztendlich ein messerscharfes Abbild unserer heutigen Gesellschaft gezeichnet wird und die parabelhafte Erz\u00e4hlung somit auch die Einordnung als Gesellschaftsroman verdient. Zudem schafft Zeh auch aufgrund der neu- sowie mehrwertigen Komplexit\u00e4t, mit der sie sich selbst im Vergleich zu ihren vorherigen, ebenfalls durchweg lesenswerten Publikationen \u00fcbertrifft, eine Art gelungene Fortf\u00fchrung ihrer bisherigen T\u00e4tigkeit als Autorin von Romanen.<\/p>\n<p>Verzichtbar sind f\u00fcr mich die weiterf\u00fchrenden, eigens zu Personen und Gesellschaftsformen angelegten Webinhalte, wie Profile einzelner Romanfiguren in sozialen Netzwerken oder beispielsweise die Homepage des Gasthauses, in dem die <em>Unterleutener<\/em> verkehren, was aber eigendefinitorisch wohl dem geschuldet ist, dass <em>Unterleuten<\/em> als \u201eGesellschaftsroman des 21. Jahrhunderts ein literarisch-virtuelles Gesamtkunstwerk\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> darstellen soll \u2013 was in seiner Einsch\u00e4tzung aber sicherlich den ein oder anderen Selbstoffenbarungsaspekt meiner pers\u00f6nlichen Haltung zur Gesellschaft beinhalten mag und welche erg\u00e4nzend auch von einem reflektierenden Standpunkt der Beobachtung der Beobachtung betrachtet werden kann. Zudem tun diese virtuellen Erg\u00e4nzungen aber dem eigentlichen <em>Lesespa\u00df <\/em>\u2013 mit dem gewichtigen Buch in der Hand \u2013 der je nach Tiefe des individuellen Auseinandersetzens mit den Inhalten und Konstellationen des Romans auch als durchaus anregender <em>Leseernst<\/em> bezeichnet werden k\u00f6nnte, keinen Abbruch. Eine Frage, die ich mir nach dem letzten Zuklappen des Buchs gestellt habe, ist, <em>wie<\/em> Zeh diese Ausgestaltung zuk\u00fcnftig \u201etoppen\u201c kann oder wird, weil dies letztendlich zu erwarten ist, verfolgt man die kontinuierliche Weiterentwicklung ihres bisherigen literarischen Schaffens \u2013\u00a0 bis dahin werde ich in Vorfreude noch sicherlich das ein oder andere Mal in <em>Unterleuten<\/em> Einkehr halten.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. <a href=\"http:\/\/www.unterleuten.de\/\">http:\/\/www.unterleuten.de\/<\/a><\/p>\n<p>Rezensiert von: Lena Jordan<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zeh, Juli; Unterleuten; 2016, Luchterhand Literaturverlag, M\u00fcnchen, ISBN: 978-3-630-87487-6, 24,99 Euro, 639 Seiten. 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