{"id":657,"date":"2017-01-13T13:14:11","date_gmt":"2017-01-13T12:14:11","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=657"},"modified":"2017-01-13T13:14:11","modified_gmt":"2017-01-13T12:14:11","slug":"zygmunt-bauman-die-angst-vor-den-anderen-ein-essay-ueber-migration-und-panikmache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=657","title":{"rendered":"Zygmunt Bauman &#8211; Die Angst vor den anderen. Ein Essay \u00fcber Migration und Panikmache."},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Bauman, Zygmunt (2016);<\/em> Die Angst vor den anderen. Ein Essay \u00fcber Migration und Panikmache;<\/strong> 125 Seiten, edition suhrkamp, ISBN 978-3-518-07258-5, 125 Seiten, 12 \u20ac (E-Book 11,99 \u20ac)<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-659 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/die_angst_vor_den_anderen-94x150.png\" alt=\"\" width=\"94\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/die_angst_vor_den_anderen-94x150.png 94w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/01\/die_angst_vor_den_anderen.png 200w\" sizes=\"(max-width: 94px) 100vw, 94px\" \/><\/p>\n<p>Wenn Zygmunt Bauman \u00fcber Flucht und Wanderung berichtet, dann ist es immer auch eine Geschichte seiner eigenen Biografie. Geboren im polnischen Posen fl\u00fcchtete er zun\u00e4chst vor den Nationalsozialisten in die UdSSR und verlie\u00df \u2013 wie viele andere Polen j\u00fcdischer Herkunft &#8211; sein Heimatland 1968 aus politischen Gr\u00fcnden in Richtung Israel. Und auch dort war die Ausreise nach Gro\u00dfbritannien nicht konfliktfrei, stand sie doch im Zusammenhang mit der Pal\u00e4stina-Politik Israels<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>.<!--more--><\/p>\n<p>Flucht und Wanderung sind keine neuen Ph\u00e4nomene in der Geschichte der Menschheit und doch scheint nun etwas anderes zu passieren. Bauman weist auf die Instabilit\u00e4ten hin, welche die Industrienationen insbesondere in Afghanistan und im Irak hinterlassen haben. Es w\u00e4re zu kurz gedacht, die sog. Fl\u00fcchtlingskrise als Krise des Kapitalismus zu bewerten, denn Profiteure gibt es noch mehr als genug. Es ist vor allem eine Krise der Mittelschicht, also derjenigen, die noch daran glauben, dass sich die Gesellschaft mittelstandsbequem in <em>oben<\/em>, <em>mitte<\/em> und <em>unten<\/em> kategorisieren l\u00e4sst und dabei nicht merken, dass die Einteilung bereits durch die sich weiter spreizenden Schere zwischen arm und reich verl\u00e4uft. Das ist die Welt, in der ein Fu\u00dfballspieler 721.000 \u20ac Gehalt pro Woche, also rund 37,5 Mio. \u20ac pro Jahr<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>, verdient, w\u00e4hrend sich viele Menschen nicht einmal mehr die Eintrittskarte<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> f\u00fcr ein normales Fu\u00dfballspiel leisten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Neu ist zudem, dass die schlechten Nachrichten nicht mehr via Tagesschau oder Twitter in die europ\u00e4ischen Haushalte transportiert werden, sondern direkt vor unserer Haust\u00fcr stehen. Es sei denn, man lebt in einer foucaultschen Heterotopie<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>, also einer gated community. Anschaulich erkl\u00e4rt Bauman das allzu menschliche Ph\u00e4nomen, nicht den Verursacher der schlechten Nachrichten zur Verantwortung zu ziehen, sondern den \u00dcberbringer der Botschaft. Fast schon in Anlehnung an Karl Valentin (\u201eFremd ist der Fremde nur in der Fremde\u201c) erg\u00e4nzt Bauman dieses Ph\u00e4nomen mit der europ\u00e4ischen Angst vor dem Fremden, weil er eben fremd ist. Nur sind die \u00c4ngste vor dem Fremden ebenfalls nicht neu, wie Georg Simmel<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> oder Elias\/Scotson<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a> schon l\u00e4ngst beschrieben haben. Unsicherheiten und \u00c4ngste scheinen tief in der kapitalistischen DNA der Konsumenten verankert zu sein, die sich vor dem Verlust ihres erworbenen Wohlstands f\u00fcrchten. M\u00f6glicherweise wird deshalb das Bankschlie\u00dffach<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> zur gated community der Mittelschicht.<\/p>\n<p>Bauman entlarvt die \u201eVersicherheitlichung\u201c von Politik und Wirtschaft als \u201eTaschenspielertrick\u201c; nicht nur, dass das <em>immer mehr von allem<\/em> (mehr Polizei, mehr Gesetze, mehr Befugnisse &#8230;) von den Ursachen der Misere ablenkt. Angst ist ein hervorragendes Politikfeld, obwohl es nicht nur die von Bauman genannten Regierungen sind, die \u201ekein Interesse daran [haben], die \u00c4ngste ihrer B\u00fcrger zu bes\u00e4nftigen.\u201c Vor diesem Hintergrund scheint die menschliche Trag\u00f6die vorrangig ein europ\u00e4isches Sicherheitsproblem darzustellen. Dies, so Bauman, f\u00f6rdert jedoch die Ziele des IS oder der al-Qaida.<\/p>\n<p>In seinem noch vor der US-Wahl ver\u00f6ffentlichten Essay bezeichnet Bauman auch Donald Trump als \u201eTaschenspieler\u201c und er zitiert dabei den US-Politikwissenschaftler Joseph M. Schwartz mit der Frage, ob die \u201eAngeh\u00f6rigen der abw\u00e4rtsmobilen wei\u00dfen Mittel- und Arbeiterschicht der nationalistischen und rassistischen Politik Trumps und der Tea Party folgen\u201c werden. Diese Frage ist zwischenzeitlich von den W\u00e4hlern und der Wall Street<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\">[8]<\/a> beantwortet worden. Bauman stellt hier zwei grunds\u00e4tzliche politische Optionen zur Auswahl: \u201eDie eine z\u00e4hlt auf einen starken Mann, die andere auf ein starkes Volk.\u201c Doch was tun? Bauman fordert im Geiste Kants die Solidarit\u00e4t der Menschen ein und es \u00fcberrascht dabei nicht, dass das wohl l\u00e4ngste Zitat in dem Essay von Papst Franziskus stammt, als dieser im Jahr 2013 Lampedusa besuchte. Solidarit\u00e4t, Verstehen und Gespr\u00e4che sollen nach Bauman die \u201eHorizontverschmelzung\u201c und die \u201eLebensweltverschmelzung\u201c erm\u00f6glichen. Und hierf\u00fcr bedarf es, und dabei zitiert Bauman den verstorbenen Ulrich Beck, eines kosmopolitischen Bewusstseins, das auf der Grundlage eines Verst\u00e4ndnisses universeller Interpendenzen entstehen kann.<\/p>\n<p>Doch mit dem Verstehen und den Gespr\u00e4chen ist das nun mal eine Sache. Der scheidende Leiter der s\u00e4chsischen Landeszentrale f\u00fcr politische Bildung musste 2015 harsche Kritik aus dem Bundesgebiet einstecken, als er in den Dialog mit Vertretern der Pegida-Bewegung trat. In der Leipziger Volkszeitung<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\">[9]<\/a> \u00e4u\u00dferte er nun zum Umgang mit politischen Gegnern \u2013 denn auch um diese geht es in der sog. Fl\u00fcchtlingskrise: Kommunikation kann schiefgehen, Nicht-Kommunikation wird schiefgehen.\u201c<\/p>\n<p>Zygmunt Bauman legte mit seinem Aufsatz eine treffende Analyse vor, die uneingeschr\u00e4nkt empfohlen werden kann. Das Buch sollte man durchaus ein zweites Mal lesen und es eignet sich vorz\u00fcglich f\u00fcr eine anregende Diskussion. Der 2016 ver\u00f6ffentlichte \u201eEssay \u00fcber Migration und Panikmache\u201c erschien als Sonderdruck in der edition Suhrkamp; leider nicht in dem von Willy Fleckhaus gestalteten und bekannten Format und ohne Nummerierung innerhalb der edition. Kenner des Werkes von Bauman werden in dem Band viel bekanntes, aber auch etliche neue Gedanken entdecken. F\u00fcr einen dann doch l\u00e4ngeren Leseabend wird erg\u00e4nzend die Laudatio von Ulrich Beck<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a> auf Zygmunt Bauman empfohlen und ein gelegentlicher Blick auf die \u201eStimme des Papstes\u201c<a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\">[11]<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Vgl. Ulrich Beck: Sinn und Wahnsinn der Moderne, in: taz.de vom 14.10.2014. Verf\u00fcgbar unter: http:\/\/www.taz.de\/Soziologe-Zygmunt-Bauman\/!5031155\/. Abgerufen am: 08.01.2017.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Vgl. http:\/\/sportbild.bild.de\/fussball\/international\/international\/hammer-deal-perfekt-carlos-tevez-shanghai-shenhua-millionen-china-49517478.sport.html<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Vgl. http:\/\/www.focus.de\/sport\/experten\/nufer\/fussball-im-stadion-viel-zu-teuer-fan-aerger-wegen-ticket-wucher-wieso-uli-hoeness-schon-2007-richtig-lag_id_5281227.html<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Vgl. <em>Foucault, M.: <\/em>Andere R\u00e4ume, in: Aisthesis. Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen \u00c4sthetik, hrsg. von Karlheinz Barck, 4. Auflage, Leipzig, 1992, S. 34 &#8211; 46<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Vgl. Simmel, G.: Die Gro\u00dfst\u00e4dte und das Geistesleben, in: Indivi- dualismus der modernen Zeit und andere soziologische Abhandlungen, Frankfurt am Main, 2008b, S. 319 &#8211; 333<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Vgl. <em>Elias, N.; Scotson, J. L.: <\/em>Etablierte und Au\u00dfenseiter, Frankfurt am Main, 1990<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> Vgl. http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/finanzen\/meine-finanzen\/sparen-und-geld-anlegen\/nachfrage-auf-bank-schliessfaecher-aus-angst-vor-einbruechen-gestiegen-14606946.html<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a> Vgl. http:\/\/www.faz.net\/aktuell\/finanzen\/aktien\/wall-street-profitiert-von-us-wahlsieg-von-donald-trump-14540187.html<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> Vgl. Leipziger Volkszeitung vom 30.12.2016, Seite 6<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a> Vgl. http:\/\/www.taz.de\/Soziologe-Zygmunt-Bauman\/!5031155\/<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> Vgl. http:\/\/de.radiovaticana.va\/news\/themen\/religionen<\/p>\n<p>Rezensiert von: Karsten Lauber<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bauman, Zygmunt (2016); Die Angst vor den anderen. Ein Essay \u00fcber Migration und Panikmache; 125 Seiten, edition suhrkamp, ISBN 978-3-518-07258-5, 125 Seiten, 12 \u20ac (E-Book 11,99 \u20ac) Wenn Zygmunt Bauman \u00fcber Flucht und Wanderung berichtet, dann ist es immer auch eine Geschichte seiner eigenen Biografie. Geboren im polnischen Posen fl\u00fcchtete er zun\u00e4chst vor den Nationalsozialisten &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=657\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Zygmunt Bauman &#8211; Die Angst vor den anderen. 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