{"id":677,"date":"2017-02-21T17:06:19","date_gmt":"2017-02-21T16:06:19","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=677"},"modified":"2017-02-21T17:06:19","modified_gmt":"2017-02-21T16:06:19","slug":"dieter-thomae-puer-robustus-eine-philosophie-des-stoerenfrieds","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=677","title":{"rendered":"Dieter Thom\u00e4 &#8211; Puer Robustus. Eine Philosophie des St\u00f6renfrieds"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Thom\u00e4, Dieter;<\/em> Puer Robustus. Eine Philosophie des St\u00f6renfrieds; <\/strong>2016, 715 Seiten, Suhrkamp Verlag, Berlin, ISBN 978-3-518-58690-7, 35 \u20ac<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-680 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/puer_robustus-94x150.png\" alt=\"\" width=\"94\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/puer_robustus-94x150.png 94w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/02\/puer_robustus.png 200w\" sizes=\"(max-width: 94px) 100vw, 94px\" \/><\/p>\n<p>&#8222;O Freiheit! du bist ein b\u00f6ser Traum!&#8220; (Heinrich Heine 1840, 87)<\/p>\n<p>Die Neue Juristische Wochenschrift<a href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[1]<\/a> vom 5. Januar 2017 berichtete \u00fcber ein Urteil des OLG Karlsruhe mit der \u00dcberschrift &#8222;Polizeiliche Wohnungsdurchsuchung bei einem Querulanten&#8220; und pr\u00e4sentierte damit den Hauptdarsteller des neuen Buches von Dieter Thom\u00e4: der <em>puer robustus<\/em>, der kr\u00e4ftige Junge; der St\u00f6renfried, Schmarotzer und Provokateur. F\u00fcr unseren Hauptdarsteller ist die St\u00f6rung keine Phase des \u00dcbergangs; der \u00dcbergang ist vielmehr Lebensaufgabe (S. 18).<!--more--><\/p>\n<p>5 Jahre hat Dieter Thom\u00e4, Professor f\u00fcr Philosophie an der Universit\u00e4t St. Gallen, an seinem 715 Seiten starken Werk \u00fcber den <em>puer robustus<\/em> gearbeitet. Er l\u00e4dt damit zu einer intellektuellen Abenteuerreise (und philosophischen Abhandlung) ein, bei der wir zun\u00e4chst von hinten anfangen wollen, um den Umfang dieses Werk richtig erfassen zu k\u00f6nnen. Nach 539 Seiten Textproduktion folgen 110 Seiten Anmerkungen, Siglenverzeichnis, ein 50-seitiges Literaturverzeichnis und ein 13-seitiges Namensregister.<\/p>\n<p>Die Geschichte des <em>puer robustus<\/em> wird dabei anhand der Werke von Thomas Hobbes, Jean-Jacques Rousseau, Denis Diderot, Friedrich Schiller, Victor Hugo, Richard Wagner, Alexis de Tocqueville, Karl Marx und Friedrich Engels, Sigmund Freud sowie Carl Schmitt\/Leo Strauss\/Helmut Schelsky und Max Horkheimer erz\u00e4hlt. Eine Sonderrolle nimmt das vorletzte Kapitel mit dem <em>puer robustus<\/em> in Italien (Palmiro Togliatti) und China (Tan Tianrong vs. Mao Zedong) ein. Mit Ausnahme von Schiller und Wagner findet sich der <em>puer robustus<\/em> namentlich in allen genannten Werken wieder, doch ist es vor allem derjenige bei Thomas Hobbes, der sich wie ein roter Faden durch das Werk zieht. Um den Kompass auf dieser Abenteuerreise nicht zu verlieren, sollte sich Hobbes mit im Gep\u00e4ck des Lesers befinden (und wohl auch Rousseau).<\/p>\n<p>Die Geschichte des <em>puer robustus<\/em> ist immer auch eine Geschichte von gut und b\u00f6se, von Macht, Moral und Vernunft (S. 400), von Ordnung und St\u00f6rung sowie eine Geschichte der unmittelbaren Ordnung selbst; denn nach Durkheim sind manchmal &#8222;die Regeln selbst die Ursache des \u00dcbels&#8220; (S. 30). Aus dem historischen \u00dcberblick extrahiert der Autor drei Arten des <em>puer robustus<\/em>: den exzentrischen St\u00f6renfried, den egozentrischen St\u00f6renfried sowie den nomozentrischen St\u00f6renfried. Eine Sonderrolle nimmt der massive St\u00f6renfried ein, der im Zusammenhang mit der faschistischen Diktatur beschrieben wird. Wie im letzten Kapitel deutlich wird, taucht der <em>puer robustus<\/em> in letzter Zeit namentlich nicht mehr auf; gleichwohl w\u00fcrde es an aktuellen Beispielen nicht mangeln und der Autor ist bereits daf\u00fcr zu begl\u00fcckw\u00fcnschen, dass er nicht eine m\u00f6glichst hohe Anzahl m\u00f6glichst bekannter Namen in den Topf wirft. Thoma stellt vielmehr die Frage, &#8222;wie der St\u00f6renfried systematisch weiterzudenken ist&#8220; (S. 491). Schwerpunktthemen stellen dabei der Kapitalismus (aber nicht nur in diesem Kapitel) und die Demokratie, die sog. Fl\u00fcchtlingskrise und der Islamismus dar. Gleichwohl bleibt es dem Leser \u00fcberlassen, aktuelle St\u00f6renfriede zu lokalisieren und systematisch einzuordnen. Eine kluge Erg\u00e4nzung liefert Thoma in einem Interview aus dem letzten Jahr, in dem er den Wandel des populistischen oder islamistischen (massiven) St\u00f6renfrieds zum radikalen Ordnungsfanatiker beschreibt (vgl. Thoma 2016, 72).<\/p>\n<p>Wichtig dabei ist Thom\u00e4s durchg\u00e4ngiger Blick auf die Ursachen, die aus den kr\u00e4ftigen Jungen St\u00f6renfriede werden lassen. Eindrucksvoll gelingt ihm das anhand eines aktuellen Beispiels anl\u00e4sslich des Anschlags auf die Redaktion von <em>Charlie Hebdo<\/em>. Das im Buch kurz genannte Interview aus dem Deutschlandfunk<a href=\"#_edn2\" name=\"_ednref2\">[2]<\/a> soll an dieser Stelle ausf\u00fchrlicher zitiert werden:<\/p>\n<p><em>Martina Zimmermann: Sie unterrichten jeden Nachmittag Kinder in Sport oder Rap. Was machen Sie mit denen, um zu vermeiden, dass sie Terroristen werden?<\/em><\/p>\n<p><em>Jo Dalton: Wenn man sie zu Opfern macht, dann macht sie das nur noch zerbrechlicher. Sie m\u00fcssen sich geliebt f\u00fchlen. Das tue ich in meinem Unterricht. Ich gebe Liebe. Alle jungen Leute, die da kommen, werden zu meiner Familie. Ich interessiere mich f\u00fcr sie, sie interessieren sich f\u00fcr mich und wir werden eine gro\u00dfe Familie. Dann gibt es keine Kluft mehr zwischen Kulturen oder Religionen. Man sieht nicht mehr, ob der andere Jude ist oder Moslem, ich kann mit meinen Sch\u00fclern \u00fcber alles reden, ohne Tabu. <strong>Aber wenn man die Leute zu Opfern macht, werden diese zu Schl\u00e4chtern <\/strong>[Hervorhebung d. Verf.].<\/em><\/p>\n<p>Etwas abseits des St\u00f6renfrieds sind bei Hobbes zwei Fundstellen bemerkenswert. Einerseits die von Thom\u00e4 beschriebene &#8222;kurzfriste Gefahr der Rebellion in den St\u00e4dten&#8220;, die &#8222;nach Hobbes vom Lager der Reichen&#8220; [sic!] ausgeht (S. 47). Die &#8222;[r]ebellische[n] St\u00e4dte&#8220; (Harvey 2014) haben sich dann doch als Krise des Kapitalismus im 20.\/21. Jahrhundert erwiesen &#8211; durch urbane Protestformen der Nichtreichen. Die zweite Fundstelle &#8211; nun mit kriminologischer Blickrichtung &#8211; beschreibt den Reichtum. Zu ihm &#8222;geh\u00f6rt die &#8218;M\u00fche&#8216;, ihn gegen \u00e4u\u00dfere Angriffe verteidigen zu m\u00fcssen, und damit schleicht sich in dieses Leben die &#8218;Furcht&#8216; als schwarze Sorge ein.&#8220; F\u00fcr Thom\u00e4 sind der Ruhm, das Eigentum und die Furcht Schl\u00fcsselbegriffe im Werk von Hobbes und er liefert damit einen wichtigen Impuls zu der Frage nach der Kriminalit\u00e4tsfurcht der Menschen, die weniger eine (soziologisch fragw\u00fcrdige) <em>German Angst<\/em> ist, sich also vielleicht mehr als eine Verlustangst vor den angeh\u00e4uften Konsumg\u00fctern und Besitzst\u00e4nden darstellt (vgl. Lorenz 2016).<\/p>\n<p>Thom\u00e4 bleibt bei in seinem Buch nicht deskriptiv, er bewertet sowohl die historischen St\u00f6renfriede als auch deren geistige V\u00e4ter und dabei wird immer wieder sp\u00fcrbar, dass im Autor selbst ein <em>puer robustus<\/em> steckt. Dieter Thom\u00e4 hat mit seinem Buch ein nahezu unglaublich recherchiertes Werk vorgelegt. Es gelingt ihm dabei durchwegs, die Quellen miteinander zu verkn\u00fcpfen und in Verbindung zu bringen (oder abzugrenzen). An manchen Stellen w\u00fcnschte man sich, Thom\u00e4 h\u00e4tte die Texte mehr gestreichelt, damit die philosophische Abhandlung noch mehr zum Abenteuerroman, also zu einem Lesebuch, wird. Vor allem bei Tan Tianrong, der chinesischen Variante des <em>puer robustus<\/em> ist ihm dies sehr sch\u00f6n gelungen. Am Ende verr\u00e4t Thom\u00e4 noch seinen bevorzugten St\u00f6renfried: Rameaus Neffe von Diderot.<\/p>\n<p><strong>Verwendete Literatur<\/strong><\/p>\n<table>\n<tbody>\n<tr>\n<td width=\"187\">Harvey, D.<\/td>\n<td width=\"427\">Rebellische St\u00e4dte, Berlin, 2014<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"187\">Heine, H.<\/td>\n<td width=\"427\">\u00dcber Ludwig B\u00f6rne, Hamburg, 1840<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"187\">Lorenz, K.<\/td>\n<td width=\"427\">Die acht Tods\u00fcnden der zivilisieren Menschheit, 37. Auflage, M\u00fcnchen, Berlin, Z\u00fcrich, 2016<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td width=\"187\">Thom\u00e4, D.<\/td>\n<td width=\"427\">&#8222;Keine Demokratie ohne St\u00f6renfriede!&#8220;, in: Philosophie Magazin, 6\/2016, S. 68 &#8211; 73<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p><a href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[1]<\/a> vgl. OLG Karlsruhe, Beschluss vom 23.8.2016, 11 W 79\/16, NJW 1-2\/2017, 90 f<\/p>\n<p><a href=\"#_ednref2\" name=\"_edn2\">[2]<\/a> vgl. Deutschlandfunk: &#8222;Wenn man die Leute zu Opfern macht, werden sie zu Schl\u00e4chtern&#8220;. Verf\u00fcgbar unter: http:\/\/www.deutschlandfunk.de\/rapper-jo-dalton-wenn-man-die-leute-zu-opfern-macht-werden.807.de.html?dram:article_id=312846. Abgerufen am: 13.02.2017.<\/p>\n<p>Rezensiert von: Karsten Lauber<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thom\u00e4, Dieter; Puer Robustus. Eine Philosophie des St\u00f6renfrieds; 2016, 715 Seiten, Suhrkamp Verlag, Berlin, ISBN 978-3-518-58690-7, 35 \u20ac &#8222;O Freiheit! du bist ein b\u00f6ser Traum!&#8220; (Heinrich Heine 1840, 87) Die Neue Juristische Wochenschrift[1] vom 5. 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