{"id":693,"date":"2017-03-25T12:50:10","date_gmt":"2017-03-25T11:50:10","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=693"},"modified":"2017-03-25T12:50:10","modified_gmt":"2017-03-25T11:50:10","slug":"thomas-scheffer-christiane-howe-eva-kiefer-doerte-negnal-yannik-porsche-polizeilicher-kommunitarismus-eine-praxisforschung-urbaner-kriminalpraevention","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=693","title":{"rendered":"Thomas Scheffer, Christiane Howe, Eva Kiefer, D\u00f6rte Negnal, Yannik Porsch\u00e9 &#8211; Polizeilicher Kommunitarismus &#8211; Eine Praxisforschung urbaner Kriminalpr\u00e4vention"},"content":{"rendered":"<p><strong>Scheffer, Thomas; Howe, Christiane; Kiefer, Eva; Negnal, D\u00f6rte; Porsch\u00e9, Yannik; Polizeilicher Kommunitarismus &#8211; Eine Praxisforschung urbaner Kriminalpr\u00e4vention; <\/strong>ISBN 978-3-593-50573-2, Campus-Verlag, Frankfurt\/New York, 283 S., 34,95 Euro<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-694 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/polizeilicher_kommunitarismus-98x150.png\" alt=\"\" width=\"98\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/polizeilicher_kommunitarismus-98x150.png 98w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/03\/polizeilicher_kommunitarismus.png 200w\" sizes=\"(max-width: 98px) 100vw, 98px\" \/><\/p>\n<p>Das hier vorgelegte Buch basiert auf ethnografischen Feldforschungen in Kontexten gro\u00dfst\u00e4dtischer pr\u00e4ventiver, von den Autoren genannter \u201ekommunikativer Polizeiarbeit\u201c. Sie bieten \u201edie Grundlagen f\u00fcr unsere Schilderungen von Arbeitsepisoden, der Systematisierung ihrer vielf\u00e4ltigen Formen und der Analyse ihrer Voraussetzungen, Verkettungen und Effekte sowie der sozialen Interaktionen in Kontexten dieser institutionellen Arbeit. Die regelm\u00e4\u00dfigen Verwicklungen ihrer Arbeit, die Anforderungen, Leistungen und Risiken sowie eingehandelten Problematiken stehen dabei im Fokus\u201c (Vorwort).<!--more--><\/p>\n<p>Die vorgelegten Analysen zeigen, dass polizeiliche Pr\u00e4vention sehr Unterschiedliches bezeichnet. \u201eMal geht es um Kontakte ins Milieu, mal um ein Jugend-Projekt, mal um Anti-Gewalt-Schulungsreihen. Die Unterschiede betreffen Gestalt oder Form der pr\u00e4ventiven Arbeiten: das Zusammenspiel aus Angelegenheit, Handlungsfeld, B\u00fcndnis und eingebrachten Ressourcen und Techniken. Unsere Analysen zeigen aber auch: die pr\u00e4ventive Arbeit ist jenseits dieser unterschiedlichen Ausformungen gleich gerichtet\u201c (S. 13). Sp\u00e4testens hier und bei der Annahme, dass etwas \u201egleichgerichtet\u201c ist, h\u00e4tten bei den Forschern doch eigentlich die Alarmglocken klingeln m\u00fcssen. Leider tun sie dies nicht.<\/p>\n<p>Die Autoren gehen n\u00e4mlich von einer durchaus zu hinterfragenden Pr\u00e4misse aus. Angesichts von \u201eVielgestaltigkeit und Gleichgerichtetheit der Kriminalpr\u00e4vention\u201c sollen die Praxisstudien eine Hypothese \u201egenerieren\u201c \u2013 also zuerst Praxisstudien und dann Hypothesen?<\/p>\n<p>Vor allem aber gehen die Autoren davon aus, dass die polizeiliche Pr\u00e4vention sich aus einer B\u00fcndnisorientierung speist; sie vollziehe sich entsprechend \u201eals eine Art angewandter Kommunitarismus\u201c. Pr\u00e4ventionsbeamte seien demnach in ihrer allt\u00e4glichen Arbeit vor Ort geneigt, sich \u2013 neben allerlei formalen und rechtlichen Verpflichtungen als Organisationsmitglieder bzw. dem Staat Dienende und damit als Kommunitaristen zu bet\u00e4tigen. Diese Form der \u201ekollektiven Problembearbeitung\u201c soll als \u201eangewandter Kommunitarismus\u201c lokale Aushandlungen, gemeinschaftliches Engagement und Sachorientierung pr\u00e4ferieren (S. 14).<\/p>\n<p>Die Autoren betonen dabei, dass diese Haltung dem community policing durchaus verwandt sei und verweisen dabei auf den Band von D\u00f6lling et al. 1993. Dabei handelt es sich um den von Dieter D\u00f6lling und dem Rezensenten herausgegebene Band \u201eCommunity Policing, Comparative Aspects of Community Oriented Police Work\u201d (Felix-Verlag Holzkirchen, 1993<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>) auf. Warum gerade dieser und warum praktisch keine anderen kriminologischen Werke zum Thema \u201eCommunity Policing\u201c oder \u201eKommunale Kriminalpr\u00e4vention\u201c verarbeitet sind, bleibt offen. So h\u00e4tte man zumindest auf den von D\u00f6lling und anderen zehn Jahre sp\u00e4ter (2003) herausgegebenen Band \u201eKommunale Kriminalpr\u00e4vention &#8211; Analysen und Perspektiven\u201c (Felix-Verlag Holzkirchen) eingehen k\u00f6nnen, denn w\u00e4hrend der erstgenannte Band sich prim\u00e4r mit Entwicklungen im Ausland besch\u00e4ftigt, sind wir in dem 2003 herausgegebenen Sammelband intensiv auf die Situation in Deutschland eingegangen und haben eigene Forschungen dazu vorgestellt.<\/p>\n<p>Community Policing bzw. Kommunale Kriminalpr\u00e4vention (was nicht das gleiche ist!) sei allerdings in einem wesentlichen Punkt vom Kommunitarismus zu unterscheiden: Der polizeiliche Kommunitarismus setze keine Gemeinschaften voraus. Hier werde nicht die Polizei von der Gemeinde beauftragt. Ja, tats\u00e4chlich: Die Polizei ist wohl gerade keine \u201eB\u00fcrgerpolizei\u201c, wie der Begriff \u201ecommunity policing\u201c durchaus interpretiert werden kann (und nach Auffassung des Rezensenten auch muss), sondern sie hat ihre eigene Agenda, legt eigene Schwerpunkte und damit auch Ziele fest. Der Pr\u00e4ventionsbeamte beziehe sich nicht auf eine \u201efestgef\u00fcgte, etablierte Community, wie sie vielleicht in l\u00e4ndlichen Regionen oder Kleinst\u00e4dten manifest werden. Vielmehr beteiligen sie sich an der Schaffung derselben. Die Polizei ist dann selbst Teil einer Vergemeinschaftung, die sich gerade im urbanen Raum aus verschiedensten Gruppierungen, Institutionen und Milieus speist\u201c. Polizeilich geschaffene Gemeinschaften also. Wer eigentlich gibt der Polizei den Auftrag dazu? Im Polizeigesetz ist dazu jedenfalls nichts zu finden.<\/p>\n<p>Zudem problematisieren die Autoren gerade einen Aspekt \u00fcberhaupt nicht, den wir im Rahmen unserer Forschungen zur kommunalen Kriminalpr\u00e4vention und der Ver\u00f6ffentlichungen zum Community Policing immer wieder betont haben: Die Polizei soll nicht die Federf\u00fchrung in diesen Projekten haben, sondern sie kann initiieren und mitwirken, die Leitung dieser Form von Kriminalpr\u00e4vention muss bei der Gemeinde (konkret: beim B\u00fcrgermeister) liegen, da gerade nicht nur polizeiliche Aspekte einbezogen werden sollen, sondern Aspekte des allgemeinen sozialen Zusammenlebens in der Gemeinde. Und vor allem: Die Gemeinde und damit die B\u00fcrger m\u00fcssen \u201edas Sagen\u201c haben und entscheiden, was sie pr\u00e4ventiv erledigt haben wollen.<\/p>\n<p>Der \u201epolizeiliche Kommunitarismus\u201c pr\u00e4feriere, so die Autoren, \u201edie Vermittlung, Involvierung und Mobilisierung lokaler Kr\u00e4fte gegen\u00fcber der technischen und formalen Erledigung\u201c \u2013 was auch immer damit gemeint sei. Daraus erwachse zwar f\u00fcr alle Beteiligten und insbesondere f\u00fcr die Polizei ein Ma\u00df an \u201eUnkalkulierbarkeit (von Involvierungen), ein Kontrollverlust (gegen\u00fcber Inszenierungen) und eine gef\u00e4hrliche N\u00e4he (zu Randgruppen)\u201c und die Pr\u00e4ventionsarbeit gerate zuweilen ins soziale Zwielicht, in rechtliche Grauzonen, in interne organisationspolitische K\u00e4mpfe \u2013 und entsprechend in die Kritik (S. 15).<\/p>\n<p>Hier wird deutlich, dass die Autoren dieses Bandes ein sehr besonderes Verst\u00e4ndnis von Polizei, deren Rolle im Gemeinwesen und ihrer (ja gesetzlich definierten) Aufgabe haben. Das geht fast schon ein wenig in Richtung Polizeistaat: Die Polizei bestimmt und initiiert, was gemacht werden soll. Dass dies dann tats\u00e4chlich nicht mehr kalkulierbar wird, stimmt, allerdings wohl in anderem Sinne, als die Autoren bef\u00fcrchten. Und was eine \u201egef\u00e4hrliche N\u00e4he zu Randgruppen\u201c bedeuten soll (bzw. warum und f\u00fcr wen diese N\u00e4he \u201egef\u00e4hrlich\u201c sein soll) bleibt an dieser Stelle zumindest offen. Entsprechend wird zwar konstatiert, dass sich Pr\u00e4ventionsbeamte durch die sozialen und kulturellen Kontexte oft am Rande eines \u00bbsich Verlierens\u00ab bewegen \u2013 problematisiert wird diese Form von \u00fcberschie\u00dfender Polizeiarbeit aber nicht, eher im Gegenteil.<\/p>\n<p>Man hat den Eindruck, dass die Autoren jegliche kritische Distanz der Institution Polizei, den Akteuren dort und den Ma\u00dfnahmen, die ergriffen werden, vermissen lassen. Daher auch ihre Leitthese: im Grunde handele es sich bei der Pr\u00e4ventionsarbeit der Polizei um einen angewandten Kommunitarismus. Solche Pr\u00e4ventionsformen schaffen ein \u201eproblemorientiertes, gegenstandsbezogenes Zusammentun. Vollzogen wird eine kollektivistische Strategie, Problembearbeitungskapazit\u00e4ten jenseits von Markt und Staat zu sch\u00f6pfen. Ma\u00dfgeblich ist hier der B\u00fcndnischarakter der Pr\u00e4vention. In den B\u00fcndnissen begegnen die Pr\u00e4ventionsbeamt*innen nicht Opfern, Verd\u00e4chtigen oder Verbrechern; die Arbeit folgt hier nicht mehr den g\u00e4ngigen Polizei-Kategorisierungen\u201c. Polizeiarbeit fern aller Polizeiaufgaben? Polizeiarbeit als politische Arbeit?<\/p>\n<p>Und dann w\u00e4re da noch diese Form von Methodenfetischismus, die dann auf den folgenden Seiten folgt. Die \u00fcberaus fragw\u00fcrdigen Grundlagen und Grundannahmen werden im weiteren Verlauf der \u201eStudie\u201c \u00fcberhaupt nicht mehr thematisiert, der Blick ist fokussiert auf das, was man (was der \u201ePraxisforscher\u201c) sieht und was man in \u201eseine\u201c Theorie des Kommunitarismus einordnen kann. Die Betroffenen sind dabei eher Schauspieler, die man beobachtet. Eine eigene Subjektrolle kommt ihnen nicht zu. Solche Form von \u201ePraxisforschung\u201c braucht zumindest die Kriminologie und die kritische Polizeiwissenschaft nicht, um Gegenteil!<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Kostenloser download unter <a href=\"http:\/\/www.felix-verlag.de\/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=165&amp;Itemid=2&amp;lang=de\">http:\/\/www.felix-verlag.de\/index.php?option=com_content&amp;view=article&amp;id=165&amp;Itemid=2&amp;lang=de<\/a><\/p>\n<p>Rezensiert von: Thomas Feltes<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Scheffer, Thomas; Howe, Christiane; Kiefer, Eva; Negnal, D\u00f6rte; Porsch\u00e9, Yannik; Polizeilicher Kommunitarismus &#8211; Eine Praxisforschung urbaner Kriminalpr\u00e4vention; ISBN 978-3-593-50573-2, Campus-Verlag, Frankfurt\/New York, 283 S., 34,95 Euro Das hier vorgelegte Buch basiert auf ethnografischen Feldforschungen in Kontexten gro\u00dfst\u00e4dtischer pr\u00e4ventiver, von den Autoren genannter \u201ekommunikativer Polizeiarbeit\u201c. 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