{"id":701,"date":"2017-04-22T15:49:54","date_gmt":"2017-04-22T13:49:54","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=701"},"modified":"2017-04-22T15:49:54","modified_gmt":"2017-04-22T13:49:54","slug":"thomas-s-eberle-fotografie-und-gesellschaft-phaenomenologische-und-wissenssoziologische-perspektiven","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=701","title":{"rendered":"Thomas S. Eberle &#8211; Fotografie und Gesellschaft &#8211; Ph\u00e4nomenologische und wissenssoziologische Perspektiven"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Eberle, Thomas S.;<\/em> Fotografie und Gesellschaft &#8211; Ph\u00e4nomenologische und wissenssoziologische Perspektiven; <\/strong>Transcript-Verlag Bielefeld, 2017, 456 Seiten, Hardcover, zahlr. z.T. farb. Abb., ISBN 978-3-8376-2861-6, 29,99 Euro<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-702 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/fotografie_und_gesellschaft-99x150.png\" alt=\"\" width=\"99\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/fotografie_und_gesellschaft-99x150.png 99w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/04\/fotografie_und_gesellschaft.png 200w\" sizes=\"(max-width: 99px) 100vw, 99px\" \/><\/p>\n<p>Der Autor, emeritierter Professor an der Universit\u00e4t St. Gallen in der Schweiz<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>, ist ein renommierter Soziologe und vor allem f\u00fcr seine Arbeiten zur qualitativen Sozialforschung bekannt. Das nun von ihm herausgegebene Buch setzt genau hier an: Ein Bild sagt mehr als tausend Worte \u2013 so ein Sprichwort<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>. Die Aussagekraft, die ein Bild haben kann, l\u00e4sst sich an einer Vielzahl von Beispielen belegen. <!--more-->In Aufbau- und Installationsanleitungen finden sich Bilder, um die beschriebenen Handlungen zu verdeutlichen \u2013 manchmal inzwischen auch nur Bilder, was dann aber manchen verzweifeln l\u00e4sst. Werbung setzt oft in erster Linie auf die Wirkung einer grafischen Darstellung und erst in zweiter Linie auf einen zus\u00e4tzlichen Text \u2013 ebenso Wahlplakate, wie man im Vorfeld von Wahlen immer wieder sehen kann. Nicht zuletzt w\u00e4ren viele Fachartikel, Zeitungsbeitr\u00e4ge oder Unternehmensinformationen wesentlich schwieriger (oder auch falsch) zu verstehen ohne erg\u00e4nzende Grafiken.<\/p>\n<p>Thema dieses Buchs sind \u2013 so der Herausgeber \u2013 \u201edie sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie im Alltagsleben, in der sozialwissenschaftlichen Forschung als auch in der Kunst\u201c. Das klingt auf den ersten Blick (!) eher trocken. Das Buch selbst ist aber alles andere als dies. Es ist lebhaft, bildhaft, es spricht mit dem Leser auch und gerade \u00fcber Bilder.<\/p>\n<p>Fotografie blieb in den Sozialwissenschaften bislang ein eher unterbelichtetes (!) Thema (erstaunlich, wie oft wir bildhafte Ausdr\u00fccke in unserer Sprache verwenden), obwohl ihre Bedeutung in der Gegenwartsgesellschaft rasant zugenommen hat. Der Band enth\u00e4lt Analysen nicht nur der (bewussten und unbewussten) Bildinterpretation, sondern auch der fotografischen Handlung selbst sowie der Auseinandersetzung mit Fotos. Die Beitr\u00e4ge \u00fcber die Fotopraxis von Laien und Professionellen, den \u00dcbergang von der analogen zur digitalen Fotografie, das Fotografieren mittels Smartphone und Foto-Apps, die Gebrauchsweisen von Fotografie im Alltag und in den Medien sowie die Besonderheiten der Bildkommunikation und -interpretation wenden sich nicht nur an Sozial-, Medien- und Kulturwissenschaftler, sondern an alle, die sich \u2013 so der Verlag \u201ef\u00fcr Fotografie interessieren\u201c. Dabei ist diese Selbstbeschr\u00e4nkung eigentlich falsch, denn der Band geht deutlich weiter: er ist eben gerade nicht auf diejenigen beschr\u00e4nkt, die sich f\u00fcr \u201eFotografie interessieren\u201c \u2013 weil er dar\u00fcber hinausgehend allgemein das bildliche Sehen und Interpretieren thematisiert. Damit aber wird er praktisch f\u00fcr alle Wissenschaftsdisziplinen relevant, denn ohne Sehen kommt keine Wissenschaftsdisziplin mehr aus, wobei \u201eSehen\u201c auch beschreibendes Sehen bedeuten kann z.B. bei Menschen, die \u201eSehbehindert\u201c sind \u2013 was aber nicht bedeutet, dass diese Menschen nicht sehen, nur eben anders.<\/p>\n<p>Der Herausgeber selbst stellt das Buch zu Beginn (S. 11 ff., \u201eFotografie und Gesellschaft) in den theoretischen wie praktischen Rahmen und macht deutlich, in welch unterschiedlichen Wissenschaftsbereichen (und Methoden) Bilder eine wichtige Rolle spielen. Beim Lesen dieses Beitrages wird bewusst, welche gro\u00dfe Rolle Bilder auch und gerade in der Wissenschaft spielen \u2013 aber auch, dass sie eigentlich noch viel h\u00e4ufiger eingesetzt werden m\u00fcssten. Gerade in einer Zeit, die gleicherma\u00dfen schnelllebig wie visuell gepr\u00e4gt ist, kann man nat\u00fcrlich dar\u00fcber diskutieren, ob Wissenschaft diese Entwicklung mitmachen muss. Sp\u00e4testens aber dann, wenn man wissenschaftliche Lehre betreibt, kommt man um Bilder, Abbildungen und Filme nicht mehr herum. Ein Bild sagt eben mehr als tausend Worte \u2013 auch und gerade in einer Vorlesung, und visuelle Eindr\u00fccke bleiben deutlich l\u00e4nger im Ged\u00e4chtnis als Geh\u00f6rtes (und selbst als Gelesenes). Beim H\u00f6ren beh\u00e4lt man 20 Prozent, beim Sehen 30 Prozent, wenn man den Lernstoff sieht und h\u00f6rt 50 Prozent<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>.<\/p>\n<p>Die Kunst des Lehrend in der heutigen Zeit besteht darin, die Kombination von (\u201evorgelesenem\u201c) Lehrinhalt und (gezeigtem) Bild\/Video so zu w\u00e4hlen, dass einerseits die Spannungskurve bei den Studierenden hoch gehalten wird und andererseits die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Inhalt der Vorlesung nicht zum Randthema verkommt. Das Buch kann durchaus dabei helfen, diese Gratwanderung zu gewinnen, und es lohnt daher die Lekt\u00fcre \u2013 auch wenn es daf\u00fcr wohl prim\u00e4r nicht gedacht war.<\/p>\n<p>Sehen als kommunikatives Handeln und die Fotografie \u2013 so lautet der Beitrag von Hubert Knoblauch in dem Band (S. 367 ff.), in dem der Autor beschreibt, dass und wie unser Handeln das Sehen des Anderen voraussetzt. Hier finden sich durchaus \u00dcbertragungsm\u00f6glichkeiten in einen Bereich, der in dem Buch (fast) keine Rolle spielt: den der Kriminalit\u00e4t und der Kriminologie. Was T\u00e4ter \u201esehen\u201c und interpretieren kann ebenso zum Verst\u00e4ndnis der (Gewalt-)Tat wichtig sein wie die Frage, was der Ermittler sieht, wenn er zum Tatort kommt (oder was er eben nicht sieht). Die bildlichen M\u00f6glichkeiten der Rekonstruktion von Unf\u00e4llen und Tatorten machen auch hier deutlich, dass Fotografie aus dem Leben (fast) aller Berufe nicht mehr hinwegzudenken ist. Vernehmungen, die richtig ausgezeichnet werden m\u00fcssen, sollen sie tats\u00e4chlich Aussagen \u00fcber den Inhalt der Vernehmung und die (psychologische Verfasstheit der) Person beinhalten, sind ein weiteres Beispiel. Es gen\u00fcgt eben nicht, eine Kamera hinzustellen und einzuschalten. Auch deshalb geh\u00f6rt dieses Buch in jede Bibliothek einer Polizeihochschule.<\/p>\n<p>Andere Beitr\u00e4ge besch\u00e4ftigen sich mit der \u201eWahrheit der Bilder\u201c (S. 305 ff.) \u2013 einem Aspekt, der unmittelbar nach der Amtseinf\u00fchrung von Trump in den USA beim Streit dar\u00fcber, wer mehr Besucher bei der Einf\u00fchrung hatte (Obama oder Trump) eine Rolle spielte und der in Zeiten der digitalen Bildmanipulation immer gr\u00f6\u00dfere Bedeutung bekommt. Bilder konstruieren Wirklichkeiten, wobei der Diskurs dar\u00fcber auf Sprache angewiesen bleibe (S. 305) \u2013 was aber nicht bedeutet, dass Bilder auch ohne Sprache und ohne Diskurs individuelle Wirklichkeiten bleibend konstruieren oder beeinflussen k\u00f6nnen. Auch \u201eSelfies\u201c (S. 343 ff.) werden thematisiert, ebenso wie \u201eHermeneutik und Wahrnehmung\u201c (in einem Beitrag von Hans-Georg Soeffner, S. 269 ff.).<\/p>\n<p>Noch nie wurde so viel fotografiert wie heute: Pro Sekunde werden weltweit \u00fcber 20.000 Bilder ins Internet geladen, also fast zwei Milliarden pro Tag, Tendenz steigend<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>. Die \u2013 wie Eberle sie nennt \u201esozialen Gebrauchsweisen\u201c der Fotografie (er meint damit die Frage, wie und warum wir fotografieren und wof\u00fcr wir die Ergebnisse verwenden) haben sich seit der \u201edigitalen Revolution\u201c enorm ver\u00e4ndert. Auch wenn es inzwischen Apps gibt, die Bilder automatisch nach einer gewissen (kurzen) Zeit l\u00f6schen: Das Bild bleibt in der Erinnerung haften und mit der Person verbunden, bewusst oder unbewusst.<\/p>\n<p>Dass damit auch der Zusammenhang von Fotografie und Gesellschaft noch mehr als fr\u00fcher in den Vordergrund r\u00fccken m\u00fcsste, wird erst langsam erkannt \u2013 zu langsam, denn noch immer wird bei (auch kriminologischen) Forschungen fast ausschlie\u00dflich auf Sprache und Worte vertraut, obwohl vieles viel einfacher mit Bildern darzustellen w\u00e4re \u2013 denkt man nur einmal an die geografische Kriminalit\u00e4tsanalyse, die mit Bildern von Sozialr\u00e4umen viel anschaulicher (und verst\u00e4ndlicher) wird als ohne. Und auch die Analyse von Handlungen (und Personen) kommt zunehmend in den wissenschaftlichen Fokus \u2013 wenn z.B. amerikanische Forscher versuchen, anhand von Bewegungsmustern \u201egef\u00e4hrliche Personen\u201c zu erkennen oder anhand von Gesichtsbildern auf den Gem\u00fctszustand (und ggf. die Absichten) einer Person schlie\u00dfen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es gibt, auch darauf weist der Herausgeber hin, viele B\u00fccher \u00fcber Fotografie, doch nur wenige beleuchten den gesellschaftlichen Kontext und die sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie. Thematisch unterscheidet sich das vorliegende Buch daher deutlich von den mannigfaltigen Publikationen \u00fcber Fotojournalismus oder Fotografie als Kunst. Es werden gesellschaftliche Kontexte von Fotos und fotografischer Praxis im Alltagsleben, in der sozialwissenschaftlichen Forschung sowie in der Kunst untersucht.<\/p>\n<p>Dabei steckt die \u201eVisuelle Soziologie\u201c \u2013 so Eberle \u2013 (leider) noch in den Kinderschuhen. \u201eIhre Entwicklung w\u00e4hrend der letzten Dekade wurde im deutschsprachigen Raum vor allem von den in diesem Buch versammelten ph\u00e4nomenologischen und wissenssoziologischen Ans\u00e4tzen getragen. Deren Gemeinsamkeit besteht darin, dass sie alle dem interpretativen Paradigma verpflichtet sind und sich von den semiotischen Ans\u00e4tzen, die in den Medienwissenschaften oft anzutreffen sind, unterscheiden und diese fruchtbar erweitern\u201c.<\/p>\n<p>Insgesamt ein Buch, das zwar soziologisch daherkommt, aber auch dem Nicht-Soziologen viele (visuelle und gedankliche) Einsichten er\u00f6ffnet \u2013 und das zum Gl\u00fcck auch ansprechend optisch verarbeitet ist und am Ende sogar noch einige ganzseitige Bilder zum Nachdenken hinterl\u00e4sst.<\/p>\n<p>Lesens- und kaufenswert!<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.alexandria.unisg.ch\/Personen\/Thomas_Eberle\">https:\/\/www.alexandria.unisg.ch\/Personen\/Thomas_Eberle<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Die genauen Urspr\u00fcnge der deutschen Version sind unklar, belegt ist allerdings die englische Variante: \u201eOne picture is worth a thousand words\u201c stand erstmals im Dezember 1921 in der Fachzeitschrift \u201ePrinter\u2019s Ink\u201c in einer Anzeige von Fred R. Bernard.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Das kann nat\u00fcrlich noch optimiert werden: Wenn man den Lehrinhalt sieht, h\u00f6rt und dar\u00fcber spricht sind es 70 Prozent und wenn man ihn sieht, h\u00f6rt, dar\u00fcber spricht und selbst aktiv wird, sogar 90 Prozent. Eigentlich ergibt sich daraus automatisch die richtige Didaktik. Warum also gibt es noch immer \u201eVorlesungen\u201c? Es sollte Vorf\u00fchrungen mit anschl. eigenen \u00dcbungen geben.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> <a href=\"http:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-2861-6\/fotografie-und-gesellschaft\">http:\/\/www.transcript-verlag.de\/978-3-8376-2861-6\/fotografie-und-gesellschaft<\/a><\/p>\n<p>Rezensiert von: Thomas Feltes<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eberle, Thomas S.; Fotografie und Gesellschaft &#8211; Ph\u00e4nomenologische und wissenssoziologische Perspektiven; Transcript-Verlag Bielefeld, 2017, 456 Seiten, Hardcover, zahlr. z.T. farb. Abb., ISBN 978-3-8376-2861-6, 29,99 Euro Der Autor, emeritierter Professor an der Universit\u00e4t St. Gallen in der Schweiz[1], ist ein renommierter Soziologe und vor allem f\u00fcr seine Arbeiten zur qualitativen Sozialforschung bekannt. Das nun von ihm &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=701\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Thomas S. 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