{"id":744,"date":"2017-05-30T08:22:42","date_gmt":"2017-05-30T06:22:42","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=744"},"modified":"2017-05-30T08:22:42","modified_gmt":"2017-05-30T06:22:42","slug":"dr-janina-lara-dressler-gewalt-gegen-rettungskraefte-eine-kriminologische-grossstadtanalyse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=744","title":{"rendered":"Dr. Janina Lara Dressler \u2013 Gewalt gegen Rettungskr\u00e4fte. Eine kriminologische Gro\u00dfstadtanalyse"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Dressler, Janina Lara Dr.;<\/em> Gewalt gegen Rettungskr\u00e4fte. Eine kriminologische Gro\u00dfstadtanalyse;<\/strong> ISBN: 978-3-643-13681-7, 301 Seiten, LIT Verlag, Reihe: Kriminalwissenschaftliche Schriften, Band 54, Berlin, 2017, 39,90,-\u20ac<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-745 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/gewalt_gegen_rettungskraefte-105x150.png\" alt=\"\" width=\"105\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/gewalt_gegen_rettungskraefte-105x150.png 105w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/05\/gewalt_gegen_rettungskraefte.png 200w\" sizes=\"(max-width: 105px) 100vw, 105px\" \/><\/p>\n<p>Bei der Monographie mit dem Titel \u201eGewalt gegen Rettungskr\u00e4fte. Eine kriminologische Gro\u00dfstadtanalyse\u201c, erschienen in der Schriftenreihe Kriminalwissenschaftliche Schriften des LIT Verlags, handelt es sich um die Dissertationsschrift der Autorin Dr. Janina Lara Dressler, betreut am Kriminologischen Seminar der Universit\u00e4t Bonn. Diese befasste sich im Rahmen ihres Promotionsvorhabens mit einer Erhebung in den Gro\u00dfst\u00e4dten Berlin, M\u00fcnchen, Hamburg und K\u00f6ln zu den Gewalterfahrungen von Rettungskr\u00e4ften f\u00fcr einen Bezugszeitraum von einem Jahr, 2014.<!--more--><\/p>\n<p>Das eingangs im Rahmen der Einleitung bzw. Kapitel 1 erkl\u00e4rte Ziel der Forschungsarbeit bestand insbesondere darin, herauszufiltern, ob es sich bei Gewalt gegen Rettungskr\u00e4fte lediglich um ein subjektiv empfundenes Ph\u00e4nomen handelt oder ob hier ein tats\u00e4chliches Problem besteht. Zudem sollte anhand der Ergebnisse bestimmt werden, an welchen Stellen Handlungsbedarf hinsichtlich wirksamer Vorsorgema\u00dfnahmen besteht.<\/p>\n<p>Im zweiten Kapitel geht die Autorin auf den bereits bestehenden Kenntnis- und Forschungsstand zum Thema Gewalt gegen Rettungskr\u00e4fte ein. Hier werden zun\u00e4chst Hellfelddaten aus der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) der Jahre 2011-2015 herangezogen, die bereits einen Anstieg der \u00dcbergriffe auf Rettungspersonal andeuten. Im Folgenden erfolgt eine n\u00e4here Betrachtung der PKS des f\u00fcr die Erhebung relevanten Bezugszeitraums 2014 unter Hinzuziehung des Bundeslagebilds \u201eGewalt gegen Polizeivollzugsbeamte\u201c, welches einen R\u00fcckgang der Betroffenheit gleichgestellter Personengruppen wie Rettungskr\u00e4fte bei jedoch hoher Gewaltintensit\u00e4t herausstellt.<\/p>\n<p>Des Weiteren beleuchtet die Autorin auch die strafrechtliche Bewertung von Gewalt\u00fcbergriffen auf Rettungskr\u00e4fte. Insbesondere steht hier erwartungsgem\u00e4\u00df der 2011 auf Rettungskr\u00e4fte ausgeweitete Tatbestand des Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte gem. \u00a7 113 StGB im Fokus. Zudem stellt die Autorin fest, dass f\u00fcr die Forschung zu diesem Thema zun\u00e4chst kein feststehender Gewaltbegriff hilfreich ist. Vielmehr geht es darum, anhand des Erhebungsinstruments bestimmte Handlungen abzufragen, die f\u00fcr den objektiven Beobachter eindeutig unter die Kategorie Gewalt fallen (z. B. Beschimpfungen, Schubsen, Treten, Schlagen).<\/p>\n<p>In methodischer Hinsicht handelt es sich bei <em>Dresslers<\/em> Forschungsprojekt um eine Online-Befragung, die es erm\u00f6glicht, einen breiten Adressatenkreis zu erreichen. Positiv hervorzuheben ist die Selbstreflexion der Autorin im Rahmen mit Blick auf die methodische Ausgestaltung der ihrer Dissertation zugrundeliegenden Erhebung. Richtigerweise stellt sie fest, dass es mittels einer nicht personalisierten Online-Befragung nicht m\u00f6glich ist, eine R\u00fccklaufquote zu beziffern, da man nicht wisse, wie viele Adressaten man tats\u00e4chlich erreicht habe. Dieses Vorgehen sei insbesondere den verzweigten Organisationsstrukturen der Rettungsdienste in den teilnehmenden Gro\u00dfst\u00e4dten geschuldet. Nicht ganz deutlich wird leider, ob die mehrfache Teilnahme durch ein und denselben Teilnehmer m\u00f6glich war oder ob dies auszuschlie\u00dfen war.<\/p>\n<p>Die anschlie\u00dfende Auswertung der Ergebnisse in Kapitel 5 erfolgt deskriptiv unter Nennung von H\u00e4ufigkeitszahlen. Insgesamt haben 1659 Adressaten aus den verschiedenen Gro\u00dfst\u00e4dten an der Online-Befragung teilgenommen.<\/p>\n<p>Hinsichtlich verbaler \u00dcbergriffe auf Rettungspersonal l\u00e4sst sich auch in Dresslers Studie ein mit anderen Erhebungen vergleichbares Bild der Betroffenheit zeichnen.<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Von den Befragten der verschiedenen Gro\u00dfst\u00e4dte, gaben 88,9 % bis 96,9 % an, im Jahr 2014 Opfer eines verbalen \u00dcbergriffs (Beleidigung, Beschimpfung, Bespucken) geworden zu sein.<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>Zu strafrechtlich relevanter, k\u00f6rperlicher Gewalt gegen Einsatzkr\u00e4fte errechnet die Verfasserin Fallzahlen, um die H\u00e4ufigkeit dieser Vorkommnisse f\u00fcr die gesamte Stichprobenpopulation beziffern zu k\u00f6nnen. Insbesondere mit Blick auf den Adressatenkreis, der nicht ausschlie\u00dflich mit den Methoden der empirischen Sozialforschung vertraut ist, f\u00e4llt die Erl\u00e4uterung des Nutzens der Berechnung von Fallzahlen und deren Zustandekommen etwas zu knapp aus. Zwar spiegelt sich vor allem hier, das notwendige sozialwissenschaftliche Fundament dieser Forschungsarbeit wider, jedoch vermisst der Leser eine auf der Hand liegende Vergleichsm\u00f6glichkeit mit den Ergebnissen zur Betroffenheit durch verbale \u00dcbergriffe, was unter anderem daran liegen mag, dass verbale Gewalterfahrungen nicht beschr\u00e4nkt auf die letzten 12 Monate erhoben wurden. Zieht man die errechneten Opferzahlen heran, so ergibt sich eine k\u00f6rperliche Gewaltbetroffenheit von 55,5 % der Befragten f\u00fcr das Jahr 2014.<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/p>\n<p>Interessant ist die Erhebung der Worst-Case-Erfahrung der Studienteilnehmer. Hier zeichnet sich ab, dass die \u00fcberwiegende Zahl der schlimmsten Vorf\u00e4lle im Einsatzleben der Befragten nicht mit Verletzungen einhergehen. Hinsichtlich der Vorhersehbarkeit des \u00dcbergriffs stellten sich etwa 50 % der F\u00e4lle so dar, dass die Dienstlage bereits angespannt war, was jedoch den \u00dcberraschungseffekt des \u00dcbergriffs nicht minderte. Nur etwa 10 % der Befragten gaben an, dass sie zuvor mit dem \u00dcbergriff rechnen konnten.<\/p>\n<p>Hinsichtlich der rechtlichen Folgen der Worst-Case-Erfahrung der Befragten zeigt sich, dass nicht einmal die H\u00e4lfte der \u00dcbergriffe in die Einsatzdokumentation aufgenommen wurden, lediglich 28,6 % der \u00dcbergriffe bei der Dienststelle gemeldet wurden und gerade einmal 21,7 % der Befragten Strafanzeige erstattet haben. Die Befragten gaben mit 37 % an, aus ihrer schlimmsten Gewalterfahrung im Einsatz keinerlei Konsequenzen gezogen zu haben. Folgerichtig pl\u00e4diert die Autorin f\u00fcr die Einf\u00fchrung eines umfassenden Meldesystems, welches eine direkte statistische Erfassung von \u00dcbergriffen auf Rettungskr\u00e4fte erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>Neben Worst-Case-Erfahrungen hat <em>Dressler<\/em> zudem allgemeine Einsch\u00e4tzungen der Stichprobenteilnehmer zu T\u00e4tern, Tatmotiven und Tatorten erhoben. Verk\u00fcrzt dargestellt zeigt sich, dass der T\u00e4ter in etwa 70 % der F\u00e4lle der Patient selbst oder eine Person aus dem Kreis der Angeh\u00f6rigen bzw. Freunde ist. \u00dcber 60 % gaben an, dass der T\u00e4ter in den meisten F\u00e4llen 20-29 Jahre alt ist und aus sozial schw\u00e4cheren Verh\u00e4ltnissen stammt. Auch der Aussage, dass es viele Konflikte gebe, in denen der Migrationshintergrund des T\u00e4ters eine Rolle spiele, stimmten die Befragten mehrheitlich zu. Nicht bewahrheiten konnte sich jedoch die Hypothese, dass eine \u00fcberhebliche Form der Respektlosigkeit gegen\u00fcber Rettungskr\u00e4ften in b\u00fcrgerlichen Gegenden besonders auff\u00e4llig sei. Im Gegensatz zu anderen Studien zeichnet sich hinsichtlich der Tatmotive f\u00fcr \u00dcbergriffe auf Rettungspersonal hier ein anderes Bild ab. Insbesondere wurde der Mangel an Respekt als Tatmotiv angegeben, wohingegen die Unzufriedenheit mit den medizinischen Ma\u00dfnahmen oder der Auswahl des Krankenhauses nur geringf\u00fcgig eine Rolle zu spielen scheinen. Im Anschluss an die Darstellung der T\u00e4ter n\u00e4hert sich Dressler durch kriminaltheoretische Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze einer Ursache f\u00fcr das Zustandekommen der \u00fcbergriffigen Situationen an. Besonders positiv f\u00e4llt auf, dass ebenso eskalationsf\u00f6rderndes Verhalten des Rettungspersonals in die Betrachtung einbezogen wird. Als Tatort f\u00fcr \u00dcbergriffe werden in allen St\u00e4dten soziale Brennpunkte, Partymeilen oder die Innenstadt angegeben.<\/p>\n<p>Bez\u00fcglich der erhobenen Folgen von \u00dcbergriffen im Einsatz haben 17,9 % der Befragten haben angegeben, dass \u00dcbergriffe f\u00fcr sie folgenlos seien. 66,3 % versp\u00fcren Wut und Zorn, bei 53,6 % f\u00fchrten \u00dcbergriffe dazu, dass Vorurteile best\u00e4tigt wurden.<\/p>\n<p>Die Annahme, dass der Austausch \u00fcber Gewalterfahrungen mit Kolleginnen und Kollegen ein Tabuthema unter den Rettungskr\u00e4ften sei, kann nicht best\u00e4tigt werden. Die \u00fcberwiegende Mehrheit der Befragten hat diese Hypothese verneint.<\/p>\n<p>Interessant ist zudem, dass die Mehrheit der Befragten angegeben hat, die Zusammenarbeit mit der Polizei bei der Gefahrenabwehr am Einsatzort funktioniere gut, wenngleich das Rettungspersonal in den meisten F\u00e4llen noch vor der Polizei am Einsatzort ist. Zudem scheint nach Angaben der Befragten die Kommunikation mit der Leitstelle in der Hinsicht gut zu funktionieren, dass diese bereits eine Einsch\u00e4tzung der Lage vor Ort an das Einsatzpersonal \u00fcbermitteln kann.<\/p>\n<p><em>Dressler<\/em> befasst sich im Rahmen ihrer Erhebung zudem mit dem aktuell vieldiskutierten Thema der Aufzeichnung der Eins\u00e4tze mit Mobiltelefonen durch Gaffer. Die Mehrheit der Befragten geben an, dass dies ein zunehmendes Problem darstelle, welches sich belastend auf die Rettungst\u00e4tigkeit auswirke.<\/p>\n<p><em>Dressler<\/em> stellt zudem heraus, dass es sich bei dem Ph\u00e4nomen Gewalt gegen Rettungskr\u00e4fte um kein typisch deutsches Problem handle. In westlich gepr\u00e4gten L\u00e4ndern insgesamt sei ein Anstieg der Respektlosigkeit und des Aggressionspotenzials gegen\u00fcber Rettungskr\u00e4ften erkennbar.<\/p>\n<p>Entsprechend dem Wunsch der Befragten nach mehr Ausbildung in Bezug auf eskalierende Einsatzsituationen schlussfolgert <em>Dressler<\/em>, dass Einsatzkr\u00e4fte besser geschult in den Einsatz gehen sollten. Trainings in Eigensicherungs-, Deeskalations- und Selbstverteidigungstechniken k\u00f6nnten die Rettungskr\u00e4fte insbesondere vor dem Hintergrund ihrer im Rahmen der Studie nicht sonderlich positiv evaluierten Ausbildung besser auf eskalierende Einsatzsituationen vorbereiten. Pr\u00e4ventiv sollten \u00fcberdies nicht nur die Rettungsdienste selbst arbeiten. Insbesondere im Kindesalter k\u00f6nnte sich eine Vorbereitung auf Notfallsituationen und dem damit verbundenen Umgang mit Rettungspersonal langfristig positiv auswirken. Ma\u00dfnahmen die Einsatzausr\u00fcstung der Einsatzkr\u00e4fte betreffend sind mit Vorsicht zu behandeln. Bereits die in Deutschland teilweise erfolgte Einf\u00fchrung von stich- und schusshemmenden Schutzwesen wurde kontrovers diskutiert und insbesondere von den Rettungskr\u00e4ften selbst h\u00e4ufig negativ kritisch gesehen.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend kann f\u00fcr die Forschungsarbeit<em> von Janina Lara Dressler<\/em> eine klare Leseempfehlung ausgesprochen werden. Der Autorin gelingt es, mit ihrer Dissertationsschrift einen wichtigen Beitrag zu einem noch zu wenig erforschten Kriminalit\u00e4tsph\u00e4nomen zu leisten. Ihre Erhebung sowie die Auswertung sind durchdacht und bieten ein umfassendes Bild zumindest in Bezug auf die Lage in den befragten Gro\u00dfst\u00e4dten. Insbesondere f\u00fcr Unfallversicherungstr\u00e4ger und weitere f\u00fcr den Rettungsdienst verantwortliche Tr\u00e4ger ist die Lekt\u00fcre ein Muss, um Pr\u00e4ventions- und Nachsorgemechanismen \u00fcberdenken zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Bspw. <em>Schmidt<\/em>, Gewalt gegen Rettungskr\u00e4fte, S. 7.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> <em>Dressler<\/em>, Gewalt gegen Rettungskr\u00e4fte, S. 82.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Ebenda, S. 116.<\/p>\n<p>Rezensiert von: Marvin Weigert<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dressler, Janina Lara Dr.; Gewalt gegen Rettungskr\u00e4fte. Eine kriminologische Gro\u00dfstadtanalyse; ISBN: 978-3-643-13681-7, 301 Seiten, LIT Verlag, Reihe: Kriminalwissenschaftliche Schriften, Band 54, Berlin, 2017, 39,90,-\u20ac Bei der Monographie mit dem Titel \u201eGewalt gegen Rettungskr\u00e4fte. 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