{"id":757,"date":"2017-08-05T13:48:15","date_gmt":"2017-08-05T11:48:15","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=757"},"modified":"2017-08-05T13:58:13","modified_gmt":"2017-08-05T11:58:13","slug":"wolfgang-loewer-regeln-guter-wissenschaftlicher-praxis-im-spiegel-mehr-zufaelliger-literaturhistorischer-und-wissenschaftsgeschichtlicher-funde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=757","title":{"rendered":"Wolfgang L\u00f6wer &#8211; Regeln guter wissenschaftlicher Praxis im Spiegel (mehr zuf\u00e4lliger) literaturhistorischer und wissenschaftsgeschichtlicher Funde"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>L\u00f6wer, Wolfgang Prof. Dr. <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>;<\/em> \u201eRegeln guter wissenschaftlicher Praxis im Spiegel (mehr zuf\u00e4lliger) literaturhistorischer und wissenschaftsgeschichtlicher Funde.\u201c<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>;<\/strong> ISBN: 978-3-8487-3905-9, 47 Seiten, Nomos Verlag, Baden-Baden, 2017, 19.&#8211; \u20ac<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-758 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/regeln_praxis-100x150.png\" alt=\"\" width=\"100\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/regeln_praxis-100x150.png 100w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/regeln_praxis.png 200w\" sizes=\"(max-width: 100px) 100vw, 100px\" \/><\/p>\n<p>\u201eT\u00e4uscher in der Wissenschaft weisen das Skandal\u00f6se ihres Tuns h\u00e4ufig mit dem Hinweis zur\u00fcck, im Zeitpunkt des Wissenschaftsbetrugs h\u00e4tten weniger strenge Regeln gegolten.\u201c Vornehmlich am Beispiel des im Jahr 1864 erschienenen Romans von Gustav Freytag, \u201eDie verlorene Handschrift\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>, aber auch anhand von anderen \u201eliterarischen und wissenschaftsgeschichtlichen Beispielen\u201c weist L\u00f6wer texthermeneutisch und sehr anschaulich \u201emit dem Mittel anekdotischer Evidenz\u201c nach, dass \u201edie aus der Sachgesetzlichkeit der Wissenschaft folgenden (Grund-)Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis schon \u00fcber sehr lange Zeit stabil sind.\u201c<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> <!--more-->Somit genie\u00dft der T\u00e4uscher auch keinerlei Vertrauensschutz, \u201ealles andere w\u00e4re eine Perversion der Rechtsordnung\u201c, wie er als Verwaltungsrechtler en passant im Wechselspiel zwischen Fiktion und Wirklichkeit am Beispiel des \u201ekorruptiven Verwaltungsaktes\u201c (\u00a7 48 Abs. 1 S. 1 i. V. m. Abs. 3 und Abs. 2 S. 2 VwVfG) darlegt.<\/p>\n<p>Angesichts einer seit 2010 \u201estattlichen\u201c Anzahl aufgedeckte Plagiate von Abschlussarbeiten in der deutschen Universit\u00e4tslandschaft, vornehmlich Promotionsarbeiten bekannter Politiker betreffend, ist es aber <u>nicht<\/u> das Thema L\u00f6wers, sich \u00fcber die mangelnde Sensibilit\u00e4t der Universit\u00e4ten im Umgang mit diesem Ph\u00e4nomen zu emp\u00f6ren. Diesbez\u00fcglich kann die Wissenschaft den \u201eF\u00e4lschern\u201c und \u201ePlagiatoren\u201c beinahe dankbar sein, wie <a href=\"http:\/\/www.sueddeutsche.de\/karriere\/der-segen-prominenter-plagiatsfaelle-empoert-euch-1.1120879\">Stefan K\u00fchl<\/a> in der S\u00fcddeutschen Zeitung zutreffend bemerkt. Nicht nur, weil im Zeitalter der Digitalisate und Algorithmen die Wahrscheinlichkeit des Nachweises eines \u201eWissenschafts\u00adbetruges\u201c erheblich gestiegen ist. Kriminologisch betrachtet ist es n\u00e4mlich \u201eeine \u00fcber ein Jahrhundert alte Einsicht (im Rahmen der Anomietheorie) \u00c9mile Durkheims, dass die <u>sanktionierte<\/u> Abweichung von einer Norm diese Norm st\u00fctzten kann\u201c, denn mit jeder \u00f6ffentlichen Emp\u00f6rung nach einem neuerlich aufgedeckten Fall und der Sanktionierung der Betr\u00fcger (z. B. die Aberkennung des akademischen Grades) wird die Norm \u201ezeremoniell verfestigt\u201c. Ein weiterer positiver Aspekt hierbei sei, dass durch \u201edie Berichterstattung in den Massenmedien die Studierenden (wenigstens zum Teil \u00fcber die dargelegten \u201eberedten Zeugnisse\u201c) viel detaillierter \u00fcber wissenschaftliche Standards informiert werden\u201c, als dies lange Zeit offiziell \u00fcber die Fakult\u00e4ten geschah. L\u00f6wer entdeckte in der 153 Jahre alten \u201eVerlorenen Handschrift\u201c Freytags (zu seiner \u00dcberraschung) vielmehr sehr ausf\u00fchrliche Passagen zu den Regeln wissenschaftlichen Arbeitens und zu den rigorosen Konsequenzen f\u00fcr den Plagiator, in diesem Fall die Figur des Magisters Knips, was ihn sofort in den Bann zog und literaturhistorisch wie auch texthermeneutisch weiterforschen lie\u00df. Heraus kam eine mit 47 Seiten kleine, gleichwohl aber sowohl in Form, Inhalt und Ausdruck sehr ansprechende und lehrreiche Schrift. L\u00f6wer stellt darin klar, dass g\u00e4ngige Ausreden wie:<\/p>\n<ul>\n<li>\u201eJa, heute ist alles klar, aber damals, als die Arbeit erstellt worden ist, hat man es doch nicht so genau genommen\u201c, oder<\/li>\n<li>\u201edie Mitwirkung abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigter musste doch nicht gekennzeichnet werden\u201c, ferner<\/li>\n<li>\u201eein gro\u00dfz\u00fcgiger Umgang mit anderen geistigen Leistungen war doch normal, heutige Zitiergenauigkeit war doch damals nicht geboten\u201c, bzw.<\/li>\n<li>\u201edie Standards des Fachs waren doch nicht so ausgepr\u00e4gt\u201c usw.<\/li>\n<\/ul>\n<p>seit jeher den von ihm akribisch herausgearbeiteten \u201eelementaren Regeln guter wissenschaftlicher Praxis widersprachen\u201c und nicht etwa eine \u201eErfindung neuerer Qualit\u00e4tssicherungsmechanismen sind\u201c. Es handele sich vielmehr um grundlegende \u201eElemente der Sachgesetzlichkeit der Wissenschaft\u201c, mit den Grundpfeilern der Nachpr\u00fcfbarkeit und Ehrlichkeit. Nur deren Einhaltung garantiere, dass Wissenschaft \u00fcberhaupt entsteht! Sicher, und das pr\u00e4ge sich dem Forscher ein, \u201eNeugier ist unentbehrliche Triebkraft f\u00fcr die Wissenschaft, aber Neugier ist eben auch Gier\u201c und so k\u00f6nne (bestenfalls fahrl\u00e4ssig) das \u201ekonzentrierte Sich-Ausliefern an ein einziges Ziel (auch) rationale (wissenschaftliche) Sicherungsmechanismen ausschalten.\u201c<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend zitiert L\u00f6wer deshalb sehr passend Gottfried Benn<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> und dessen 1920 ver\u00f6ffentlichtes (zwar heute etwas pathetisch bzw. milit\u00e4risch klingendes aber gleichwohl in \u00dcbersetzung in unsere Dekade weiterhin zutreffendes) Idealbild wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens in Anlehnung an die Grundprinzipien und in Ehrerbietung an seine Alma Mater, die Kaiser-Wilhelm-Akademie f\u00fcr das milit\u00e4r\u00e4rztliche Ausbildungswesen: <em>&#8230; \u201eK\u00e4lte des Denkens, &#8230; H\u00e4rte des Gedankens, N\u00fcchternheit, letzte Sch\u00e4rfe des Begriffs, Bereithalten von Belegen f\u00fcr jedes Urteil, unerbittliche Kritik, Selbstkritik, mit einem Wort die sch\u00f6pferische Seite des Objektiven, &#8230; Verantwortung im Urteil, Sicherheit im Unterscheiden von Zuf\u00e4lligem und Gesetzlichem, vor allem aber die tiefe Skepsis, die Stil schafft, das wuchs hier &#8230;.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Eine wirklich lesenswerte, sehr unterhaltsame wie auch lehrsame kleine Schrift, in der L\u00f6wer, belesen, feinsinnig und mit teilweise bemerkenswertem Humor ad perpetuam memoriam herausstellt, dass die Basisregeln wissenschaftlichen Arbeitens, Exaktheit, Transparenz, Rationalit\u00e4t und Wahrhaftigkeitspflicht des wissenschaftlichen Arbeitsprozesses, seit langem bekannt sind und in aeternum unverzichtbar bleiben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Institut f\u00fcr \u00d6ffentliches Recht und Wissenschaftsrecht der Rheinischen Friedrichs-Wil\u00adhelms-Universit\u00e4t Bonn und Pr\u00e4sident der Nordrhein-Westf\u00e4lischen Akademie der Wissenschaften und der K\u00fcnste, <a href=\"https:\/\/www.jura.uni-bonn.de\/lehrstuhl-prof-dr-loewer\/\">https:\/\/www.jura.uni-bonn.de\/lehrstuhl-prof-dr-loewer\/<\/a>,\u00a0 zuletzt abgerufen am 15.07.2017.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> \u00dcberarbeiteter Vortrag, gehalten am 21. Januar 2016 bei der Potsdamer Juristischen Gesellschaft, vgl.: <a href=\"http:\/\/www.potsdamer-juristische-gesellschaft.de\/index.php\/vortrag\/prof-dr-wolfgang-loewer\/\">http:\/\/www.potsdamer-juristische-gesellschaft.de\/index.php\/vortrag\/prof-dr-wolfgang-loewer\/<\/a>, zuletzt abgerufen am 15.07.2017. Der Vortrag ist 2017 bei Nomos als <a href=\"http:\/\/www.nomos-shop.de\/L\u00f6wer-Regeln-guter-wissenschaftlicher-Praxis-Spiegel-mehr-zuf\u00e4lliger-literaturhistorischer-wissenschaftsgeschichtlicher-Funde\/productview.aspx?product=29237\">Band 17 der \u201eVer\u00f6ffentlichungen der Potsdamer Juristischen Gesellschaft\u201c<\/a> erschienen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Vgl. <a href=\"http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/die-verlorene-handschrift-3716\/1\">http:\/\/gutenberg.spiegel.de\/buch\/die-verlorene-handschrift-3716\/1<\/a>, zuletzt abgerufen am 15.07.2017. Der Roman Freytags und die darin vorkommende tragische Figur des Wissenschaftsassistenten <a href=\"https:\/\/www.gustav-freytag.info\/index.php\/buecher\/buchvorstellungen\/18-freytag-gustav-die-verlorene-handschrift\">Magister Knips<\/a> ist m\u00f6glicherweise durch seinerzeit reale Vorg\u00e4nge, z. B. <a href=\"https:\/\/www.gustav-freytag.info\/index.php\/buecher-von-und-ueber-gustav-freytag\/originaltexte-freytags\/27-der-falsche-uranias\">\u201eDer falsche Uranias\u201c<\/a>, eine Geschichte um gef\u00e4lschte Handschriften auf Palimpsesten, inspiriert.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Wer f\u00fcr aus historischen Plagiatsverdachtsf\u00e4llen abgeleitete Regeln guter wissenschaftlicher Praxis Belege sucht, findet diese unter anderem auf <a href=\"http:\/\/de.historioplag.wikia.com\/wiki\/HistorioPlag_Wiki\">HistorioPlag<\/a>, einem Portal mit dokumentierten Geschichten alter Plagiate im Wissenschaftsbereich.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> * 2. Mai 1886 in Mansfeld (Brandenburg), + 7. Juli 1956 in Berlin; Arzt, Dichter und Essayist<\/p>\n<p>Rezensiert von: Holger Plank<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>L\u00f6wer, Wolfgang Prof. Dr. [1]; \u201eRegeln guter wissenschaftlicher Praxis im Spiegel (mehr zuf\u00e4lliger) literaturhistorischer und wissenschaftsgeschichtlicher Funde.\u201c[2]; ISBN: 978-3-8487-3905-9, 47 Seiten, Nomos Verlag, Baden-Baden, 2017, 19.&#8211; \u20ac \u201eT\u00e4uscher in der Wissenschaft weisen das Skandal\u00f6se ihres Tuns h\u00e4ufig mit dem Hinweis zur\u00fcck, im Zeitpunkt des Wissenschaftsbetrugs h\u00e4tten weniger strenge Regeln gegolten.\u201c Vornehmlich am Beispiel des im &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=757\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Wolfgang L\u00f6wer &#8211; Regeln guter wissenschaftlicher Praxis im Spiegel (mehr zuf\u00e4lliger) literaturhistorischer und wissenschaftsgeschichtlicher Funde<\/span> <span class=\"meta-nav\">&uarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/757"}],"collection":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=757"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/757\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":766,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/757\/revisions\/766"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=757"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=757"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=757"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}