{"id":760,"date":"2017-08-05T13:53:49","date_gmt":"2017-08-05T11:53:49","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=760"},"modified":"2017-08-05T13:58:40","modified_gmt":"2017-08-05T11:58:40","slug":"frank-rainer-schurich-michael-stricker-der-serienmoerder-adolf-seefeld-und-die-moderne-kriminalistik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=760","title":{"rendered":"Frank-Rainer Schurich \/ Michael Stricker &#8211; Der Serienm\u00f6rder Adolf Seefeld und die moderne Kriminalistik"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Schurich, Frank-Rainer<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> \/ Stricker, Michael<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>;<\/em> \u201eDer Serienm\u00f6rder Adolf Seefeld und die moderne Kriminalistik.\u201c<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a><\/strong><strong>;<\/strong> ISBN: 978-3-895-74875-2, 392 Seiten, Verlag Dr. K\u00f6ster, Berlin, Schriftenreihe Polizei \u2013 Historische Kriminalistik, Erscheinungsjahr 2015, 24.95 \u20ac<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-761 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/serienmoerder_seefeld-107x150.png\" alt=\"\" width=\"107\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/serienmoerder_seefeld-107x150.png 107w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/serienmoerder_seefeld.png 200w\" sizes=\"(max-width: 107px) 100vw, 107px\" \/><\/p>\n<p><u>Zur historischen Handlung des vorliegenden kriminalistischen Fachbuches:<\/u><\/p>\n<p>Der reisende Uhrmacher <strong>Adolf Seefeld<\/strong> ist ein Hausierer mit einem gewissen Geschick f\u00fcr die Reparatur von Uhren, wie es zur Zeit der Weimarer Republik und des nachfolgend aufflammenden Nationalsozialismus viele gab. Er lebte unauff\u00e4llig, schlief \u00fcberwiegend unter freiem Himmel und war ob seiner F\u00e4higkeiten und seiner unaufdringlichen Art durchaus nicht beliebt bei seinen Kunden. Er besa\u00df jedoch auch die Gabe, Jungen im Kindesalter f\u00fcr sich zu vereinnahmen, aus sexueller Motivation. Sie schenkten ihm schnell ihr Vertrauen, nannten ihn liebevoll Onkel Tick-Tack.<!--more--><\/p>\n<p>Dem Schweriner Staatsanwalt <strong>Beusch<\/strong> f\u00e4llt 1935 (!) eine H\u00e4ufung ungekl\u00e4rter Vermisstenf\u00e4lle und aufgefundener Kindesleichen ohne erkennbare Gewalteinwirkung auf (die sp\u00e4teren Ermittlungen konzentrieren sich auf 20 Verdachtsf\u00e4lle aus den Jahren 1898 \u2013 1935 \/ wahrscheinlich d\u00fcrfte Seefeld, der im Januar 1936 vor dem Schwurgericht in Schwerin wegen 12 Knabenmorden angeklagt und verurteilt und am 23. Mai 1936 hingerichtet wurde, noch f\u00fcr weit mehr bis heute ungekl\u00e4rte Taten aus sexueller Motivlage verantwortlich gewesen sein<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>) und er vermutet alsbald eine Mordserie. Auf dringende Bitte des Schweriner Staatsanwaltes \u00fcbernimmt, damals noch durchaus \u00fcblich, aber aufgrund des aus heutiger Sicht beklagenswerten Zustandes der zust\u00e4ndigen Landeskriminalpolizei beinahe folgerichtig, der beinahe schon als legend\u00e4r zu bezeichnende Berliner Kriminalist und Leiter der 1926 von ihm begr\u00fcndeten <strong>Berliner<\/strong> \u201eMordinspektion\u201c (der ersten in Deutschland), <a href=\"http:\/\/www1.wdr.de\/stichtag\/stichtag8520.html\"><strong>Ernst Gennat<\/strong><\/a>, schlie\u00dflich den Fall.<\/p>\n<p>Die Kriminalisten Frank-Rainer Schurich und Michael Stricker stellen in dem in Struktur, Anlage und Inhalt wirklich au\u00dfergew\u00f6hnlichen Buch den au\u00dfergew\u00f6hnlichen Fall Adolf Seefeld, der sich in der Weimarer Republik und der nachfolgenden Nazi-Diktatur zutrug, vor. Nach der Aufkl\u00e4rung wurde Seefeld in den Zeitungen auch \u201eals Bestie, die aus dem Wald kam\u201c bezeichnet. So vermittelten sie einen sehr lebendigen Eindruck von der historischen Situation, der h\u00f6chst unterschiedlichen organisatorischen Gliederung, St\u00e4rke und des Leistungsverm\u00f6gens der Kriminalpolizei in Deutschland, dem damaligen kriminalistischen Zeitgeist, der professionellen Methodik und des damaligen kriminalistischen \u201ewissenschaftlichen\u201c bzw. \u201ehandwerklichen\u201c State-of-the-Art. Unter anderem sind in Anlagen zu dem Buch vollst\u00e4ndige Abschriften des Schwurgerichturteils, Autopsiebefunde, toxikologische Gutachten und zahlreiche andere Urkundsbestandteile beigef\u00fcgt, die es zu einem wirklich bemerkenswerten kriminalgeschichtlichen Werk in derart beinahe einzigartiger Aufmachung auf dem kriminalistischen Fachbuchmarkt machen.<\/p>\n<p>Interessant ist ferner die darin gestellte Frage, ob bislang ungekl\u00e4rte Verdachtsmomente heute noch verifiziert werden k\u00f6nnen und ob die Kriminalistik auch heute noch von einer derartigen Aufarbeitung profitieren kann? Zur weiteren Aufkl\u00e4rung dieser Fragen hat sich daher f\u00fcr das Buch ein Expertenteam zusammengefunden und den Fall mit den M\u00f6glichkeiten der modernen Kriminalistik neu aufgerollt. Lesenswerte aktuelle Expertisen und Einsch\u00e4tzungen, neben den beiden Autoren z. B. durch den Psychologen <strong>Dr. Lutz Belitz<\/strong><a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> und den Toxikologen <strong>Dr. Walter Katzung<\/strong><a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a>, bringen dabei durchaus ein wenig mehr Licht in das Dunkel des Falles, sodass die Eingangsfrage m. E. uneingeschr\u00e4nkt mit ja beantwortet werden kann.<\/p>\n<p>Das Buch ist ohne Zweifel nicht nur belletristisch interessant, sondern auch als historisches kriminalistisches Werk bedeutsam. Seine Anlage und seine reichhaltige, kasuistisch beinahe vollst\u00e4ndige Aufarbeitung der vorhandenen Archivakten ist auch f\u00fcr die Arbeit heutiger Kriminalisten eine kleine Schatztruhe, die einige bedeutsame Pretiosen bereith\u00e4lt. Nicht nur der schier unerm\u00fcdliche Flei\u00df und das Durchhalteverm\u00f6gen aller Beteiligten (der historischen Figuren gleicherma\u00dfen wie der akribisch arbeitenden Autoren), nein, auch das Abw\u00e4gen und st\u00e4ndige selbstkritische Pr\u00fcfen aller Fakten gegeneinander, die schier unendliche Neugier, ein entscheidendes aber mitunter auch giftiges<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\">[7]<\/a> Antriebs- und Schmiermittel moderner Kriminalisten, machen einen manchmal sprachlos. Es ist ein Genuss, diese Geschichte und ihre facettenreiche kriminalistische Bewertung zu lesen. Die sparten- und disziplin\u00fcbergreifende Herangehensweise an den archivarischen Schatz ist auch beispielgebend f\u00fcr die Entwicklung einer interdisziplin\u00e4ren wissenschaftlichen Kriminalistik, sowohl in der Grundlagen- wie auch der angewandten Forschung. Nicht nur deshalb w\u00fcnscht man sich wirklich noch viel mehr derartiger Werke, auch f\u00fcr die eigene t\u00e4gliche Arbeit, denn, um mit Henry Ford zu schlie\u00dfen, \u201ees geht immer noch besser, als es gemacht wird!\u201c<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <strong>Prof. em. Dr. sc. jur. Frank-Rainer Schurich<\/strong>, geb. 1947, lehrte als ordentlicher Professor an der durch Entscheidung des Berliner Senats vom 18. Dezember 1990 aufgel\u00f6sten eigenst\u00e4ndigen Sektion f\u00fcr Kriminalistik an der Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin; seit 1994, dem Jahr, in dem die letzten Diplom-Kriminalisten an der HU ihr Diplom machten, als freiberuflicher Autor t\u00e4tig. Um die Verbindung zur Praxis nicht zu verlieren, arbeitete er in der DDR regelm\u00e4\u00dfig bei der Berliner Kripo. Von ihm (zusammen mit Ingo Wirth neu bearbeitet) stammt auch die 2015 bei Dr. K\u00f6ster erschienene erweiterte Neuauflage (unter anderem sind hier im Unterschied zum Ausgangswerk in einem Anhang alle Professoren, Doktoranden und Diplom-Kriminalisten der Sektion Kriminalistik, einschlie\u00dflich der Titel ihrer akademischen Arbeiten aufgef\u00fchrt), des urspr\u00fcnglich im Heidelberger Kriminalistik-Verlag zusammen mit dem inzwischen verstorbenen Dr. sc. jur. Rainer Leonhardt herausgegebenen und nach wie vor sehr interessanten Werkes <a href=\"https:\/\/www.verlag-koester.de\/index.php?id=114&amp;tx_fbmagento%5bshop%5d%5broute%5d=catalog&amp;tx_fbmagento%5bshop%5d%5bcontroller%5d=product&amp;tx_fbmagento%5bshop%5d%5baction%5d=view&amp;tx_fbmagento%5bshop%5d%5bid%5d=1203&amp;tx_fbmagento%5bshop%5d%5bs%5d=die-kriminalistik-an-den-universitaten-der-dd\">\u201eDie Kriminalistik an der Berliner Universit\u00e4t\u201c<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> <strong>Michael Stricker<\/strong>, geb. 1956,\u00a0studierte an der Humboldt-Universit\u00e4t zu Berlin und machte im Jahr 1981 mit einer Arbeit \u00fcber die Stellung des Zollgrenzdienstes den Abschluss als Diplom-Kriminalist an der HU Berlin.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Vgl. hierzu auch das <a href=\"https:\/\/www.verlag-koester.de\/magento\/media\/custom\/upload\/File-1442060362.pdf\">Inhaltsverzeichnis des Buches<\/a>, abrufbar auf der Verlagswebsite Dr. K\u00f6ster, zuletzt aufgerufen am 17.07.2017. Die Vorstellung des Buches von Schurich und Stricker war auch im Jahr 2016 anl\u00e4sslich des zehnj\u00e4hrigen Jubil\u00e4ums der von der Fachhochschule f\u00fcr \u00f6ffentliche Verwaltung, Polizei und Rechtspflege des Landes Mecklenburg-Vorpommern in G\u00fcstrow gut organisierten und sehr informativen Veranstaltungsreihe <a href=\"http:\/\/www.fh-guestrow.de\/doks\/hochschule\/backstein\/Backstein_Sonderausgabe_2016_2.pdf\">\u201eMord im Fokus\u201c<\/a> ein Veranstaltungshighlight.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Sehr ungew\u00f6hnlich sind hierbei auch die Aktivit\u00e4ten des Oberstaatsanwaltes Beusch, den Seefeld nach seiner Verurteilung mehrfach im Gef\u00e4ngnis zu besuchen und ihn zu einem erweiterten Gest\u00e4ndnis zu bewegen. Hierzu l\u00e4sst er dem Verurteilten Kaffee und Essen darbieten und fertigt von den Gespr\u00e4chen Ged\u00e4chtnisprotokolle an. Dabei gesteht Seefeld, wie aus den Protokollen, die ebenfalls in Anlage dem Buch beigegeben sind, hervorgeht weitere 12 \u2013 15 Morde, die zu diesem Zeitpunkt z. T. bereits mehr als 30 Jahre zur\u00fccklagen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> <strong>Dr. sc. jur. Lutz Belitz<\/strong>, au\u00dferdem Diplom-Psychologe, war an der Humboldt-Universit\u00e4t Berlin, Sektion Kriminalistik, am Fachbereich kriminalistische Psychologie t\u00e4tig. Seit 1995 ist er Dozent f\u00fcr angewandte und forensische Psychologie, f\u00fchrt F\u00fchrungskr\u00e4ftetrainings durch und unterrichtet Vernehmungspsychologie sowie kriminalistisches Denken. Er ist Spezialist f\u00fcr die Erstellung von T\u00e4terprofilen und Tatherg\u00e4ngen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Diplom-Chemiker <strong>Dr. rer. nat. Walter Katzung<\/strong>, Berlin.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> \u201eNeugier ist (nach L\u00f6wer) zwar unentbehrliche Triebkraft f\u00fcr die Wissenschaft, aber Neugier ist eben auch Gier\u201c und so k\u00f6nne (bestenfalls fahrl\u00e4ssig) das \u201ekonzentrierte Sich-Ausliefern an ein einziges Ziel (auch) rationale (wissenschaftliche) Sicherungsmechanismen ausschalten.\u201c<\/p>\n<p>Rezensiert von: Holger Plank<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schurich, Frank-Rainer[1] \/ Stricker, Michael[2]; \u201eDer Serienm\u00f6rder Adolf Seefeld und die moderne Kriminalistik.\u201c[3]; ISBN: 978-3-895-74875-2, 392 Seiten, Verlag Dr. K\u00f6ster, Berlin, Schriftenreihe Polizei \u2013 Historische Kriminalistik, Erscheinungsjahr 2015, 24.95 \u20ac Zur historischen Handlung des vorliegenden kriminalistischen Fachbuches: Der reisende Uhrmacher Adolf Seefeld ist ein Hausierer mit einem gewissen Geschick f\u00fcr die Reparatur von Uhren, wie &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=760\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Frank-Rainer Schurich \/ Michael Stricker &#8211; Der Serienm\u00f6rder Adolf Seefeld und die moderne Kriminalistik<\/span> <span class=\"meta-nav\">&uarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/760"}],"collection":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=760"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/760\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":767,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/760\/revisions\/767"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=760"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=760"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=760"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}