{"id":772,"date":"2017-08-16T14:44:37","date_gmt":"2017-08-16T12:44:37","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=772"},"modified":"2017-08-16T14:44:37","modified_gmt":"2017-08-16T12:44:37","slug":"jonas-menne-lombroso-redivivus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=772","title":{"rendered":"Jonas Menne &#8211; Lombroso redivivus?"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Menne, Jonas Dr. <a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>;<\/em> Lombroso redivivus?<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/strong><strong>;<\/strong> ISBN: 978-3-16-155063-8, 312 Seiten, Verlag Mohr Siebeck, T\u00fcbingen, Band 92 der Reihe: Beitr\u00e4ge zur Rechtsgeschichte des 20. Jahrhunderts, 2017, 84.&#8211; \u20ac<\/p>\n<p><strong><em><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-774 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/lombroso-106x150.png\" alt=\"\" width=\"106\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/lombroso-106x150.png 106w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/lombroso.png 200w\" sizes=\"(max-width: 106px) 100vw, 106px\" \/><\/em><\/strong><\/p>\n<p>Menne arbeitet rechtsgeschichtlich-kriminologisch kompakt, dennoch beein\u00addruckend tiefgreifend und detailliert die kriminalanthropologisch (sp\u00e4ter kriminalbiologisch, heute eher als bio- bzw. neurowissenschaftlich bezeichnet) beeinflusste Ideen\u00adge\u00adschichte der Kriminologie, ausgehend von dem im Jahr 1876 erstmals von <strong>Cesare Lombroso<\/strong><a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\"><sup>[3]<\/sup><\/a> herausgegebenen Werk <a href=\"https:\/\/archive.org\/details\/luomodelinquente00lomb\">\u201eL`Uomo Delinquente\u201c<\/a> auf.<!--more--> Er ana\u00adlysiert und vergleicht hierbei <em>\u201ehistorische und gegenw\u00e4rtige biowissen\u00adschaftliche Erkl\u00e4rungsans\u00e4tze f\u00fcr die Entstehung kriminellen Verhaltens \u2013 von der Kriminalanthropologie Lombrosos \u00fcber die ersten kriminologischen Zwillingsstudien bis hin zu aktuellen Modellen aus Genetik und Neurowis\u00adsenschaften. Neben der Frage nach Kontinuit\u00e4ten und Diskontinuit\u00e4ten stehen dabei auch kriminalpolitische Forderungen der biowissenschaftlichen Krimino\u00adlogie und ihre Auswirkungen auf Straf- und Sanktionenrecht im Fokus. G\u00e4ngige Erz\u00e4hlungen zur Kriminologiegeschichte k\u00f6nnen so kritisch hinterfragt und pr\u00e4zisiert werden.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Die Antwort des Autors nach seiner begriffsspezifischen \u201eTour de Force\u201c durch die fachdisziplin\u00e4ren Epochen (beginnend im 19ten Jahrhundert mit den \u00dcberlegungen zu einem \u201eZweckstrafrecht\u201c mit erfahrungswissenschaftlichen Komponenten, v. a. i. S. Franz von Liszts versus Bindings<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> oder Birkmeyers<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a> unbeirrten Festhaltens an der \u201eschuldausgleichenden Vergeltungsstrafe\u201c, die Kaiserzeit und die Weimarer Republik mit einer signifikanten kriminal\u00adpsychiatrischen \u201eBl\u00fctezeit\u201c, das totalit\u00e4re Nazi-Regime Hitlers von 1933 &#8211; 1945, die Nachkriegszeit mit altem Wein in neuen Schl\u00e4uchen, noch dazu serviert von den gleichen Kellnern, das Aufkeimen einer konstruktivistischen \u201ekritischen Kriminologie\u201c Ende der 1960er Jahre, von einigen Kommentatoren als kriminologischer \u201eParadigmen\u00adwechsel\u201c betrachtet, verbunden mit einer Liberalisierung des Strafrechts, und die anhaltende Bl\u00fcte der Bio- und Neurowissenschaften, einhergehend mit dem bereits in der Kaiserzeit begr\u00fcndeten und statistisch fortentwickelten kriminalpsychologischen Psychopathologie\u00adkonzept bis in die interdisziplin\u00e4re kriminologische Moderne) auf die selbst gestellte Frage im Titel des Werkes sei vorweg\u00adgenommen.<\/p>\n<p><strong>Eine \u201eWiederbelebung\u201c, eine Renaissance des \u201eUomo delinquente\u201c Lombrosos hat es zu keiner Zeit gegeben.<\/strong><\/p>\n<p>Das Modell eines \u201eatavistischen, an physiognomischen Besonderheiten erkennbaren geborenen Verbrechers\u201c war schon zu Lebzeiten Lombrosos erheblicher Kritik ausgesetzt und hatte sehr bald als ernstzunehmendes kriminologisches Erkl\u00e4rungsmodell ausgedient. Die Funktion Lombrosos als Referenz, als <strong>\u00e4tiologisches Chiffre<\/strong> f\u00fcr \u201eunver\u00adbesserliche\u201c und als \u201egef\u00e4hrlich\u201c geltende Straf- oder auch \u201eHangt\u00e4ter\u201c, neben den f\u00fcr unproblematisch erachteten \u201eGelegenheitst\u00e4tern\u201c und die Ableitung darauf bezogener kriminal\u00adpolitischer Forderungen blieb aber <strong>bis heute weitgehend ungebrochen<\/strong>.<\/p>\n<p>Der Autor bezeichnet Lombroso durchaus zurecht als <em>\u201eunverzichtbare Referenz im kriminologischen und kriminalpolitischen Diskurs\u201c<\/em> und konzentriert sich in seinem Werk titelgerecht ausschlie\u00dflich auf diesen disziplin\u00e4ren Ausschnitt. Entwicklungsgeschichtlich lassen sich die Wurzeln der Disziplin, ohne zun\u00e4chst die die einzelnen Entwicklungslinien verbindende Bezeichnung \u201eKriminologie\u201c<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\"><sup>[6]<\/sup><\/a> zu tragen, allerdings viel weiter, bis etwa zur Mitte des 18. Jahrhunderts belegen. <strong>Cesare Beccarias<\/strong>\u00a01764 ver\u00f6ffentlichte aufkl\u00e4rerische Streitschrift <a href=\"http:\/\/reader.digitale-sammlungen.de\/de\/fs1\/object\/display\/bsb10393747_00005.html\">\u201e\u00dcber Verbrechen und Strafe\u201c<\/a>, welche schon sehr fr\u00fch einen Blick auf die sozialen Wurzeln des Verbrechens warf und insbesondere auch den Zweckgedanken der Strafe zu modifizieren suchte<a href=\"#_ftn7\" name=\"_ftnref7\"><sup>[7]<\/sup><\/a>, \u00fcbte Kritik am bestehenden Strafrecht und -verfahren sowie an den Haftbedingungen. Mit letzteren besch\u00e4ftigte sich <strong>John Howard<\/strong>\u00a0am Beispiel Englands und Wales` intensiver<a href=\"#_ftn8\" name=\"_ftnref8\"><sup>[8]<\/sup><\/a> und legte damit die Grundlagen f\u00fcr die Poenologie, die Strafvollzugs\u00adwissenschaft sowie die Sanktions- und Behandlungsforschung. Erste kriminalstatistische Betrachtungen der \u201eMassenkriminalit\u00e4t\u201c als ubiquit\u00e4res (normalverteiltes), gesamtgesellschaftliches Ph\u00e4nomen (\u201eMakro\u00adkrimi\u00adnologie\u201c) sowie die sozialen Zusammenh\u00e4nge der Kriminalit\u00e4tsent\u00adstehung erm\u00f6glichte <strong>Quetelets<\/strong> Werk zur \u201eSozialphysik\u201c.<a href=\"#_ftn9\" name=\"_ftnref9\"><sup>[9]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Bedeutend f\u00fcr die kontinentaleurop\u00e4ische Entwicklung war dabei aber sicher vor allem die Entwicklung einer \u201et\u00e4terorientierten (Mikro-)Kriminologie\u201c<a href=\"#_ftn10\" name=\"_ftnref10\">[10]<\/a>.\u00a0 Der erste \u201eKul\u00adminationspunkt\u201c, unter Zusammenfassung einer F\u00fclle vorheriger Entwick\u00adlungen, war hier, dem Autor folgend, das Hauptwerk <strong>Cesare Lom\u00adbrosos<\/strong> \u00fcber den \u201eVerbrecherischen Menschen\u201c, welches mit seinen biologisch-deter\u00administischen Ideen mehrere Jahrzehnte die kriminologische Forschung\u00a0wesent\u00adlich beeinflusste. Die von der <strong>italienischen, \u201epositivistisch ausge\u00adrichteten krimi\u00adnal\u00adanthropologischen<\/strong><strong>\u00a0Schule\u201c<\/strong> diametral abweichende <strong>franz\u00f6sische \u201esoziolo\u00adgische Schule<\/strong><strong>\u201c<\/strong><a href=\"#_ftn11\" name=\"_ftnref11\"><sup>[11]<\/sup><\/a> legte ihr (Haupt-) Augenmerk hinsicht\u00adlich der Entstehungsbe\u00addingungen von Kriminalit\u00e4t auf Umwelteinfl\u00fcsse, ohne jedoch erbliche (heredit\u00e4re) Fragen oder physiognomische Anomalien apo\u00addiktisch aus ihren \u00dcberle\u00adgungen auszuschlie\u00dfen. Diese ab der Mitte des 19. Jahrhunderts sich langsam entwickelnden anthropologischen (biologischen) Erkl\u00e4rungs\u00admuster wandelten auch die damals professionelle Sicht auf den Verbrecher. Der \u201ehomo poenales der klassischen Strafrechtslehre, der sich f\u00fcr eine aus freiem Willen begangene Tat zu verantworten hatte, wich dem neuen Typus des homo criminalis, der in sozialhygienischer Absicht f\u00fcr seine (&#8230;) aus dem evolutio\u00adnistischen Fortschritt ausscherende Entartung zur Rechenschaft gezogen werden sollte, unabh\u00e4ngig davon, ob er die verbrecherische Tat bereits begangen hatte oder nicht.\u201c<a href=\"#_ftn12\" name=\"_ftnref12\"><sup>[12]<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Eine neue, beide Zweige grds. vereinigende kriminalpolitische Richtung, im Grunde eine Synthese aus beiden o. g. Schulen, leitete dann <strong>Franz von Liszt, <\/strong>allerdings zun\u00e4chst\u00a0mit ganz anderer Absicht, ein. Er griff einerseits \u201emit Wirkung f\u00fcr die Kriminologie und das Strafrecht in Deutschland die kriminalanthropologischen Einsichten und kriminalpolitischen Reformvor\u00adstellungen der italienischen Kriminologie (&#8230;) auf, reicherte anderer\u00adseits diese mit der Suche und Erforschung von Umweltfaktoren an.\u201c<a href=\"#_ftn13\" name=\"_ftnref13\"><sup>[13]<\/sup><\/a> Man ordnete ihn deswegen auch den fr\u00fchen Kriminal\u00adsoziologen zu. Die \u201ekriminologische\u201c Erforschung der Kriminalit\u00e4tsursachen war zu dieser Zeit noch nicht als \u201ezweckfreier Beitrag zur Mehrung wissenschaftlicher Grundlagenerkenntnisse gedacht, sondern sie verstand sich als pr\u00e4ventive Strafrechtsreform-Bewegung, als Lieferant f\u00fcr praxisnahe Leitf\u00e4den der Kriminalit\u00e4tsbek\u00e4mpfung.\u201c<a href=\"#_ftn14\" name=\"_ftnref14\"><sup>[14]<\/sup><\/a> Das Wesen der klassischen Straf\u00adrechts\u00adlehre als \u201enormativ-dogmatische Disziplin war bis dahin ohne (&#8230;) empirische Anforderung\u201c, da sie noch \u201enicht den Rang eines gesellschaftlichen Steuerungsinstruments\u201c<a href=\"#_ftn15\" name=\"_ftnref15\"><sup>[15]<\/sup><\/a>hatte. Insofern war der Liszt\u2019sche Drang zur Krimi\u00adnologie &#8211; er war es im \u00dcbrigen, der den Begriff \u201eKriminal\u00adbiologie\u201c einf\u00fchrte &#8211; in einer Zeit, in der diese Disziplin kaum so benannt wurde und erkennbar ohne Bed\u00fcrfnisse war, sich f\u00fcr die eine oder andere kriminologische Richtung oder Theorie zu entscheiden, so Breneselovi\u0107<a href=\"#_ftn16\" name=\"_ftnref16\"><sup>[16]<\/sup><\/a>, \u201enur ein thematisch spezifischer Drang nach Fakten, nach dem Leben, nach dem Stoff, ohne den man sich in der juristischen Arbeit gef\u00e4hrdet f\u00fchlt\u201c, und \u2013 Franz von Liszt versuchte mit dieser Vorgehensweise ganz einfach Kriminalpolitik zu gestalten.<\/p>\n<p>Aber wieder zur\u00fcck zu Jonas Menne. Schon die zeitgen\u00f6ssische Rezeption von Lombrosos L`uomo delinquente war vorrangig von Kritik gepr\u00e4gt, wie der Autor zutreffend belegt. Schon ausgangs des 19ten Jahrhunderts postulierte die sich etablierende und lange disziplin\u00e4r bestimmende \u201eKriminalpsychologie\u201c (einer der ersten namhaften Vertreter war u. a. <strong>Gustav Aschaffenburg<a href=\"#_ftn17\" name=\"_ftnref17\">[17]<\/a><\/strong>) mit einer Kombination \u201esozialer und individueller Ursachen\u201c eine Art \u201eVereini\u00adgungstheorie\u201c. Innerhalb dieser wurden aber zumindest \u201eunverbesserliche Verbrecher\u201c vielfach als \u201eminderwertig, degeneriert oder entartet\u201c bezeichnet. \u201eDeutungsmuster, die vorrangig auf biologischen heredit\u00e4ren Faktoren beruhten.\u201c Allerdings wurden diese Muster nicht atavistisch, sondern \u201emittels psychiatrischer Konstrukte wie der \u201emoral insanity\u201c begr\u00fcndet.\u201c Am pointiertesten beschrieb diese Entwicklung <strong>von Rohden<\/strong> im Jahr 1930 in einem Beitrag f\u00fcr das \u201eArchiv f\u00fcr Psychiatrie und Nervenkrankheiten\u201c<a href=\"#_ftn18\" name=\"_ftnref18\">[18]<\/a>, demnach die Idee eines atavistischen, anhand k\u00f6rperlicher Merkmale erkennbaren Verbrechertypus endg\u00fcltig verworfen sei, der \u201egeborene Verbrecher\u201c hingegen weiterexistiere \u2013 jedoch in einer \u201edegenerativ-psychopathischen\u201c Version, die von Rohden auch als \u201egeborenen Verbrecher im engeren Sinne\u201c bezeichnete. Disziplin\u00e4re Spielarten hierbei waren die \u201ePsychopathologie des Verbrechers\u201c<a href=\"#_ftn19\" name=\"_ftnref19\">[19]<\/a> und die Konstitutionsbiologie<a href=\"#_ftn20\" name=\"_ftnref20\">[20]<\/a>, alle auch in der Nachkriegszeit bis weit in die 1960er Jahre dominant, wie auch die Kriminologie &#8211; im \u00dcbrigen auch noch danach trotz vielfach apostrophierten (soziologisch orientierten) \u201eParadigmenwechsels\u201c (im Jahr 1968 mit dem Reader \u201eKriminalsoziologie\u201c von Ren\u00e9 K\u00f6nig mit einem abschlie\u00dfenden Aufsatz von Fritz Sack eingeleitet) &#8211; weitgehend von Medizinern, Psychologen und Psychiatern dominiert wurde. So \u201e\u00fcberdauerten \u00e4tiologische und darunter auch bio-wissenschaftliche Per\u00adspektiven die Rezeption des \u201elabeling approach\u201c und die Entstehung der \u201ekritischen Kriminologie\u201c. Bio-wissenschaftliche Ans\u00e4tze, \u201einsbesondere die Humangenetik (mit Instrumenten wie der Zwillingsforschung), Psycho\u00adpathologie (z. B. auch \u00fcber die hierauf gest\u00fctzten Prognose-Manuals u. a. von Robert Hare) und Neurowissenschaften widmen sich bis heute intensiv der Untersuchung und Erkl\u00e4rung kriminellen Verhaltens\u201c, wenngleich auch h\u00e4ufig unter dem Label der Detektion individueller und umweltbedingter \u201eRisikofaktoren\u201c.<\/p>\n<p>Jonas Menne hat ein wirklich hervorragend recherchiertes, quellenreiches, gut gegliedertes und unbedingt lesenswertes Kompendium zur Geschichte, den Wirkungen und kriminalpolitischen sowie strafrechtswissenschaftlichen Impli\u00adkationen der Kriminalbiologie von Lombroso \u00fcber die Epochen bis in die Neuzeit vorgelegt, welches nicht nur f\u00fcr Kriminologen, sondern gleicherma\u00dfen interdisziplin\u00e4r f\u00fcr kriminalpolitisch forschende Juristen, Politik-, Sozial- und Geschichts\u00adwissenschaftler interessant sein d\u00fcrfte und vor allem f\u00fcr diese Professionen unbedingt in den heimischen B\u00fccherschrank geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/in\/dr-jonas-menne-922989121\/?ppe=1\">Dr. Jonas Menne<\/a>, Rechtswissenschaftler, Associate bei der Kanzlei Latham &amp; Watkins in Frankfurt am Main, zuletzt abgerufen am 12.08.2017. Er promovierte mit dieser Arbeit im Jahr 2016 an der Juristenfakult\u00e4t der Universit\u00e4t Leipzig am Lehrstuhl f\u00fcr Strafrecht, Strafprozessrecht, Kriminologie, Jugendstrafrecht und Strafvollzugsrecht von <a href=\"https:\/\/krim.jura.uni-leipzig.de\/personen\/doktoranden\/\">Prof. Dr. Hendrik Schneider<\/a>. Die Arbeit wurde 2017 mit einem Preis der Dr. Feldbausch-Stiftung ausgezeichnet.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Hrsg. im Verlag Mohr Siebeck, T\u00fcbingen, vgl.: <a href=\"https:\/\/www.mohr.de\/buch\/lombroso-redivivus-9783161550638\">https:\/\/www.mohr.de\/buch\/lombroso-redivivus-9783161550638<\/a>, zuletzt abgerufen am 12.08.2017.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> <u>Cesare Lombroso<\/u>, 1876, passim; italienischer Arzt (Fachrichtung Psychiatrie) sowie Kriminalanthropologe (* 06.11.1835, + 19.10.1909). Sein \u201edelinquente nato\u201c ging von dem Ansatz \u201edie Anlage bestimmt den Menschen zum Verbrecher\u201c aus.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> <u>Binding<\/u>, Karl Lorenz (* 4. Juni 1841 in Frankfurt a. Main, + 7. April 1920 in Freiburg i. Breisgau; Strafrechtswissenschaftler mit Professuren in Basel, Freiburg i. Breisgau, Stra\u00dfburg und zuletzt in Leipzig), z. B. in \u201eDie Normen und ihre \u00dcbertretung: Eine Untersuchung \u00fcber die rechtm\u00e4\u00dfige Handlung und die Arten des Delikts\u201c, Band 1, 1890, S.\u00a0 61 u. auch in: \u201eGrundri\u00df des deutschen Strafrechts. Allgemeiner Teil\u201c, 8. Auflage, 1913, S.\u00a0236.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> <u>Birkmeyer<\/u>, Friedrich Ruprecht <u>Karl<\/u> (* 27. Juni 1847 in N\u00fcrnberg, + 29. Februar 1920 in M\u00fcnchen; Strafrechtslehrer mit Professuren in Rostock und zuletzt in M\u00fcnchen), z. B. in seinem Aufsatz aus dem Jahr 1907: \u201eWas l\u00e4\u00dft (sic.) von Liszt\u00a0vom Strafrecht \u00fcbrig? Eine Warnung vor der mo\u00ad\u00addernen Richtung im Strafrecht.\u201c Aus diesem unvers\u00f6hnlichen Gegeneinander wurden der so genannte \u201eSchulenstreit\u201c der \u201eKlassiker\u201c um Binding, die auf einer \u201eschuldausgleichenden Vergeltungsstrafe\u201c beharrten und der \u201eModernen\u201c um von Liszt, die die bisherige Theorie fortentwickeln wollten, hin zu einem \u201ebessernden, spezialpr\u00e4ventiv orientierten Ansatz, wobei v. Liszts Reformprogramm keine Frucht rechtstheoretischer \u00dcberlegungen, sondern die Reaktion auf eine (umw\u00e4lzende) gesellschaftliche Umbruchsituation\u201c (Koch, 2007, S.\u00a0123) war, weshalb m. E. die Dogmatiker um Binding auch so scharf reagierten (vgl. auch Koch, 2007, S.\u00a0133, \u201eAusblenden der sozialen Wirklichkeit\u201c).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> <u>Raffaele Garofalo<\/u>\u00a0(* 18.11.1851, + 18.04.1934), ein italienischer Jurist, der neben Cesare Lom\u00adbroso\u00a0und Enrico Ferri\u00a0(* 25. Februar in San Benedetto Po, + 12.\u00a0 April 1929 in Rom; italienischer Kriminologe und Politiker, Mitbegr\u00fcnder der \u201emodernen\u201c Kriminologie, Professuren in Rom und Br\u00fcssel) der sogenannten \u201epositivistischen kriminal\u00adanthropologischen Schule\u201c (Determinismus) zuzurechnen ist, ver\u00f6ffentlichte 1885 die Schrift <a href=\"http:\/\/gallica.bnf.fr\/ark:\/12148\/bpt6k5788973c.r\">\u201eCriminologia\u201c<\/a>. Nach Quellenlage pr\u00e4gte er damit den seither gebr\u00e4uchlichen Gattungsbegriff der Lehre vom Verbrechen, der \u201eKriminologie\u201c.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref7\" name=\"_ftn7\">[7]<\/a> <u>Cesare Beccaria<\/u> (* 15. M\u00e4rz 1738 in Mailand, + 28. November 1794 ebd.; italienischer Rechtsphilosoph und Strafrechtsreformer, den der K\u00f6lner Kriminologe Neubacher als geeigneteren \u201eAhnherrn der Kriminologie\u201c im Vergleich zum positivistischen Kriminalanthropologen Lombroso darstellt, weil er den \u201eRationalismus, den Mut und die Freiheitsliebe der Aufkl\u00e4rungsepoche verk\u00f6rpert\u201c habe), 1998, S.\u00a059 (Beccaria), unter Berufung auf Montesquieu: \u201eJeder Akt der Herrschaft eines Menschen \u00fcber einen Menschen, der nicht aus unausweichlicher Notwendigkeit folgt, ist tyrannisch. Dies also ist es, worauf das Recht des Menschen zur Bestrafung von Verbrechen gegr\u00fcndet ist: auf die Notwendigkeit, das Verwahrnis des \u00f6ffentlichen Wohls gegen partikulare Anma\u00dfung zu verteidigen; und umso gerechter sind die Strafen, je heiliger und unverletzlicher die Sicherheit und je gr\u00f6\u00dfer die Freiheit ist, welche der Herrscher f\u00fcr die Untertanen wahrt.\u201c Kreissl, 2005, S.\u00a0108, bezeichnet Beccaria (und <u>Bentham<\/u>, vgl. Fn.\u00a0233, 427, jener v. a. mit seiner ber\u00fchmt gewordenen Arbeit \u00fcber das \u201ePanoptikum\u201c) als herausragende Beispiele f\u00fcr \u201edie Praxisrelevanz kriminologischen Wissens\u201c, da sie mit ihren Schriften und zu ihrer Zeit unmittelbar Einfluss auf Reformen in der Gesetzgebung genommen haben, obwohl Erstgenannter an Fragen der Kriminalpolitik nur m\u00e4\u00dfig interessiert und selbst vom Erfolg seiner Argumente \u00fcberrascht war.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref8\" name=\"_ftn8\">[8]<\/a>\u00a0 <u>John Howard<\/u>, 1777; englischer Strafvollzugsreformer (* 02.09.1726, + 20.01.1790), in <a href=\"https:\/\/archive.org\/details\/stateofprisonsin00howa\">\u201cThe State of Prisons in England and Wales\u201d<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref9\" name=\"_ftn9\">[9]<\/a> \u00a0<u>Adolphe Quetelet<\/u>, 1835 erschienen in zwei B\u00e4nden: <a href=\"https:\/\/archive.org\/details\/surlhommeetled00quet\">\u201eSur L`Homme et le d\u00e9veloppement de ses facult\u00e9s, Essai de physique sociale\u201c<\/a>; belgischer Mathematiker und Astronom (* 22.02.1796,\u00a0+ 17.02.1874)<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref10\" name=\"_ftn10\">[10]<\/a>\u00a0 Begriff ebenso wie \u201eMakrokriminalit\u00e4t\u201c entlehnt von Hans-J\u00fcrgen Kerner, Kriminologie-Lexikon, Stichwort \u201eKriminologie\u201c, 1991, S. 222 \u2013 228.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref11\" name=\"_ftn11\">[11]<\/a> \u00a0Die Hauptvertreter der franz\u00f6sischen Schule waren der Mediziner und Kriminologe <u>Alexandre Lacassagne<\/u>\u00a0(* 17.08.1843, + 24.09.1924) und der Jurist und Soziologe <u>Gabriel Tarde<\/u><u>\u00a0<\/u>(*\u00a012.03.1843, + 13.05.1904). Letzterer pr\u00e4gte mit dem Satz: \u201eDie ganze Welt ist schuldig, au\u00dfer dem Verbrecher\u201c seine \u201eMilieutheorie\u201c.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref12\" name=\"_ftn12\">[12]<\/a> \u00a0Martin Stingelin: Spuren? Identifizierung? Besserung? Welches Wissen vom Verbrecher teilt die Literatur mit den Wissenschaften? 2005, S.\u00a0301.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref13\" name=\"_ftn13\">[13]<\/a> \u00a0Mit der Formel: \u201eDas Verbrechen ist das Produkt von Anlage und Umwelt,\u201c Liszt, 1905, AuV, Band 2, S.\u00a0234 (\u201eDas Verbrechen als sozial-pathologische Erscheinung\u201c), weitere Nachweise bei Kerner, 1991, S.\u00a0224. Deshalb, so Koch, Arnd, in: Binding vs. v. Liszt \u2013 Klassische und moderne Strafrechtsschule, 2007, S.\u00a0127 (dort Fn.\u00a05), sprechen Liszt\u2019sche Zeitgenossen auch von der \u201ejungdeutschen Schule\u201c oder der \u201esoziologischen Schule\u201c. Soziologisch deshalb, weil v. Liszt die Ursachen des Verbrechens &#8211; trotz T\u00e4tertypisierung &#8211; \u00a0vorrangig in sozialen Bedingungen suchte und nicht \u2013 wie Lombroso und seine Sch\u00fcler \u2013 in biologischen Dispositionen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref14\" name=\"_ftn14\">[14]<\/a>\u00a0 Albrecht, P. A., in: \u201eKriminologie und Kriminalistik im Zugriff der Geschichts\u00adwis\u00adsen\u00adschaft\u201c (Rechtsgeschichte, Jg. 10, 2007, S.\u00a0196); heute w\u00fcrde man diesen Zweck eher als \u201ekrimi\u00adnalstrategische\u201c Perspektive einordnen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref15\" name=\"_ftn15\">[15]<\/a> \u00a0\u00a0Albrecht, P. A., in: \u201eKriminologie. Eine Grundlegung zum Strafrecht\u201c, 2005, S. 4.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref16\" name=\"_ftn16\">[16]<\/a> \u00a0Breneselovi\u0107, Luka, in: \u201eKann und soll bevorstehende (Re-)Rationalisierung des Straf\u00adrechts auf den Gedanken von Franz von Liszt aufbauen?\u201c 2015, S.\u00a041; Kreissl, Reinhard, in: \u201eZwischen Zauberlehrling und Volkskunstkritiker. Wirkungsweisen kriminologischen Wissens in der Praxis des Kriminaljustizsystems, 2005, S.\u00a0113, untermauert die Interdisziplinarit\u00e4t der Disziplin gar mit einem weitreichenden Gedanken zur Denomination: \u201eAls die Kriminologen\u00a0begannen, sich so zu nennen, taten sie das (&#8230;), um eine Festlegung auf eine Bezugsdisziplin zu vermeiden \u2013 aus den verstreuten Arbeiten der Kriminalsoziologie, -biologie und -psychologie wurde die Kriminologie.\u201c<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref17\" name=\"_ftn17\">[17]<\/a>\u00a0 Gustav Aschaffenburg (* 23. Mai 1866 in Zweibr\u00fccken, + 2. September 1944 in Balti\u00admore, deutscher Psychiater und Assistent von Emil Kraeplin in Heidelberg und einer der Pioniere der Forensischen Psychiatrie und Kriminologie), Hauptwerk: <a href=\"https:\/\/archive.org\/details\/dasverbrechenun02aschgoog\">\u201eDas Verbrechen und seine Bek\u00e4mpfung\u201c<\/a>\u00a0\u00a0 \u2013 Kriminalpsychologie f\u00fcr Mediziner, Juristen und Soziologen, ein Beitrag zur Reform der Strafgesetzgebung, erstmals im Jahr 1903 herausgegeben bei Carl Winter, Heidelberg.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref18\" name=\"_ftn18\">[18]<\/a>\u00a0 <u>Friedrich von Rohden<\/u>, damals an der Landesheilanstalt Nietleben bei Halle besch\u00e4ftigt, in \u201eDie Bedeutung Lombrosos f\u00fcr die moderne Kriminalbiologie\u201c, Jahrgang 92 (1930), S. 140 \u2013 154.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref19\" name=\"_ftn19\">[19]<\/a>\u00a0 Erarbeitet von <u>Kurt Schneider<\/u> (* 7. Januar 1887 in Crailsheim, + 27. Oktober 1967 in Heidelberg, Oberarzt bei Aschaffenburg in K\u00f6ln, Psychiater, Sein Hauptwerk ist die bis 2007 in der 15. Auflage erschienene \u201eKlinische Psychopathologie\u201c) und <u>Karl Birnbaum<\/u> (* 20. August 1878 in Schweidnitz, + 31. M\u00e4rz 1950 in Philadelphia, Psychiater und Neurologe).<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref20\" name=\"_ftn20\">[20]<\/a>\u00a0 Zur\u00fcckgehend auf die Konstitutionslehre <u>Ernst Kretzschmers<\/u> (* 8. Oktober 1888 in W\u00fc\u00adsten\u00adrot, + 8. Februar 1964 in T\u00fcbingen, Psychiater).<\/p>\n<p>Rezensiert von: Holger Plank<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Menne, Jonas Dr. [1]; Lombroso redivivus?[2]; ISBN: 978-3-16-155063-8, 312 Seiten, Verlag Mohr Siebeck, T\u00fcbingen, Band 92 der Reihe: Beitr\u00e4ge zur Rechtsgeschichte des 20. Jahrhunderts, 2017, 84.&#8211; \u20ac Menne arbeitet rechtsgeschichtlich-kriminologisch kompakt, dennoch beein\u00addruckend tiefgreifend und detailliert die kriminalanthropologisch (sp\u00e4ter kriminalbiologisch, heute eher als bio- bzw. neurowissenschaftlich bezeichnet) beeinflusste Ideen\u00adge\u00adschichte der Kriminologie, ausgehend von dem im &hellip; <a href=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=772\" class=\"more-link\">Continue reading <span class=\"screen-reader-text\">Jonas Menne &#8211; Lombroso redivivus?<\/span> <span class=\"meta-nav\">&uarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/772"}],"collection":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=772"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/772\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":775,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/772\/revisions\/775"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=772"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=772"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=772"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}