{"id":840,"date":"2017-10-14T13:44:45","date_gmt":"2017-10-14T11:44:45","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=840"},"modified":"2017-10-14T13:44:45","modified_gmt":"2017-10-14T11:44:45","slug":"klaus-doerner-ursula-plog-thomas-bock-peter-brieger-andreas-heinz-frank-wendt-irren-ist-menschlich-lehrbuch-der-psychiatrie-und-psychotherapie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=840","title":{"rendered":"Klaus D\u00f6rner, Ursula Plog, Thomas Bock, Peter Brieger, Andreas Heinz, Frank Wendt &#8211; Irren ist menschlich. Lehrbuch der Psychiatrie und Psychotherapie;"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>D\u00f6rner, Klaus; Plog, Ursula; Bock, Thomas; Brieger, Peter; Heinz, Andreas; Wendt, Frank; <\/strong><\/em><strong>Irren ist menschlich. Lehrbuch der Psychiatrie und Psychotherapie; <\/strong>992 Seiten, ISBN 978-3-88414-610-1, 24., vollst\u00e4ndig \u00fcberarbeitete Auflage 2017, Psychiatrie-Verlag K\u00f6ln, 39,95 \u20ac<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-841 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/irren_ist_menschlich-108x150.png\" alt=\"\" width=\"108\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/irren_ist_menschlich-108x150.png 108w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/irren_ist_menschlich.png 200w\" sizes=\"(max-width: 108px) 100vw, 108px\" \/><\/p>\n<p>Die Tatsache, dass ein medizinisches Lehrbuch in der 24. Auflage erscheint, ist an sich nicht weiter verwunderlich \u2013 Pschyrembel\u00b4s Klinisches W\u00f6rterbuch erscheint inzwischen (2017) in der 267. Auflage. Davon k\u00f6nnen juristische und vor allem kriminologische Lehrb\u00fccher nur tr\u00e4umen, sieht man von Schwind\u00b4s Lehrbuch, das nun in der 23. Auflage erschienen ist, einmal ab.<!--more--><\/p>\n<p>Der Titel des Buches, die Formulierung \u201eIrren ist menschlich\u201c, ist eigentlich jedem bekannt. Sie geht auf die lateinische Redewendung \u201eerrare humanum est\u201c zur\u00fcck (auch das d\u00fcrfte zumindest denen, die ein gro\u00dfes oder kleines Latinum haben, bekannt sein), die so jedoch nicht vollst\u00e4ndig wiedergegeben ist. Vollst\u00e4ndig lautet der Ausspruch wie folgt: \u201eErrare (Errasse) humanum est, sed in errare (errore) perseverare diabolicum.\u201c was wie folgt \u00fcbersetzt wird: \u201eIrren ist menschlich, aber auf Irrt\u00fcmern zu bestehen ist teuflisch.\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> Und insofern ist der Buchtitel durchaus doppeldeutig: Die Irrt\u00fcmer der fr\u00fchen Psychiatrie sind eine Sache, auf ihnen zu bestehen, w\u00e4re teuflisch. Denn nicht nur die (umstrittenen) Bewegungen der Antipsychiatrie und die (weniger umstrittenen) der Sozialpsychiatrie haben deutlich gemacht, dass Begriffe wie Verr\u00fccktheit und psychische Normalit\u00e4t keine objektiven Diagnosen, sondern subjektive Urteile mit gesellschaftlichen und politischen Wirkungen sind. Und nach Foucault wird die Abgrenzung zwischen Normalit\u00e4t und Verr\u00fccktheit sogar zur gesellschaftlichen Kontrolle benutzt. Umso wichtiger ist es sich immer wieder mit der Frage zu besch\u00e4ftigen, was ist \u201enormal\u201c an unserer Normalit\u00e4t und was nicht \u2013 und was muss behandelt werden, und wenn ja, wie?<\/p>\n<p>So banal und allgemein be- und anerkannt dieser Ausspruch des \u201eIrren ist menschlich\u201c ist, so wenig wurde er in der Realit\u00e4t tats\u00e4chlich beherzigt, denn bis in die 1980er Jahre hinein (und teilweise auch noch dar\u00fcber hinaus) wurde \u201eIrre Sein\u201c als etwas unnat\u00fcrliches, teilweise sogar Teuflisches, in jedem Fall als etwas gesehen, was aus der Gesellschaft aussortiert geh\u00f6rt. Noch heute sind die meisten psychiatrischen Kliniken nicht in den St\u00e4dten (wo man sie leicht erreichen k\u00f6nnte), sondern auf dem flachen Land, fernab unserer Wahrnehmung. Ein Schicksal, das sie \u00fcbrigens mit vielen Gef\u00e4ngnissen teilen.<\/p>\n<p>Inzwischen haben wir gl\u00fccklicherweise eine etwas aufgekl\u00e4rtere Auffassung von psychischen Erkrankungen, vielleicht auch deshalb, weil psychische Erkrankungen die zweith\u00e4ufigste Ursache f\u00fcr Arbeitsunf\u00e4higkeit sind und wir bundesweit von rund einem Drittel der Bev\u00f6lkerung ausgehen k\u00f6nnen, das mindestens einmal im Jahr eine oder mehrere klinisch bedeutsame psychische St\u00f6rungen aufweist<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>.<\/p>\n<p>Auch in der Strafverfolgung ist der Umgang mit psychiatrisch gest\u00f6rten oder kranken Menschen noch immer umstritten<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> und zuletzt am Beispiel des polizeilichen Schusswaffeneinsatzes bei psychisch gest\u00f6rten Personen diskutiert worden<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a>.<\/p>\n<p>Erst die 1968er Aufbruchstimmung sorgte daf\u00fcr, dass der \u00fcberkommene Umgang mit psychisch kranken Menschen hinterfragt wurde und neue Modelle z.B. gemeindenaher Psychiatrie entwickelt und die geschlossene Psychiatrie teilweise sogar abgeschafft wurde<a href=\"#_ftn5\" name=\"_ftnref5\">[5]<\/a>.<\/p>\n<p>Wenn der Verlag dann das vorliegende Werk (auf der hinteren Umschlagseite) mit den Worten ank\u00fcndigt: \u201eDie neue Generation f\u00fcr eine bessere Psychiatrie: Seit fast 40 Jahren pr\u00e4gt \u00bbIrren ist menschlich\u00ab mit klaren Positionen die Versorgung psychisch erkrankter Menschen \u2013 genauer gesagt: die Menschen, die psychiatrisch arbeiten, aber auch das Selbstbewusstsein derjenigen, die in irgendeiner Weise von psychischen St\u00f6rungen betroffen sind\u201c, dann trifft dies genau den Punkt: Das Buch ist Pflichtlekt\u00fcre f\u00fcr alle, die in und um die Psychiatrie herum, ambulant oder station\u00e4r, st\u00e4ndig beruflich oder hier und da zuf\u00e4llig t\u00e4tig sind oder mit psychischen St\u00f6rungen konfrontiert werden. Da dazu auch Polizeibeamte geh\u00f6ren, kann man dieses Werk getrost auch ihnen empfehlen \u2013 zumindest sollten alle Bibliotheken der polizeilichen Ausbildungsst\u00e4tten es vorhalten, und die (zu wenigen) Psychologen, die bei der Polizei t\u00e4tig sind, sollten es im Regal stehen haben.<\/p>\n<p>Im Buch selbst werden nicht nur die einschl\u00e4gigen, bekannten St\u00f6rungen vorgestellt und anhand von Beispielen erl\u00e4utert; vielmehr werden alle relevanten Aspekte von der Diagnose bis zur Behandlung (einschl. der Selbst-Therapie) gleicherma\u00dfen verst\u00e4ndlich wie wissenschaftlich fundiert behandelt. Insofern kann das Buch auch f\u00fcr diejenigen lesenswert sein, die direkt oder indirekt, im Familien-, Freundes-, Bekannten- oder Kollegenkreis mit psychischen St\u00f6rungen konfrontiert sind. Allein das Erkennen der entsprechenden St\u00f6rung, der oftmals f\u00fcr au\u00dfenstehende unverst\u00e4ndlichen Artikulation und des \u201emerkw\u00fcrdigen\u201c Erscheinungsbildes kann in vielen F\u00e4llen helfen zu verstehen \u2013 und aus dem Verstehen heraus zu analysieren und angemessen zu handeln. So hilft z.B. das Kapitel \u201eDer f\u00fcr sich und andere gefahrvolle Mensch\u201c (S. 521 ff.) dabei, Verhaltensweisen von als gef\u00e4hrlich wahrgenommenen Personen zu verstehen (Beispiele aus dem Polizeialltag gibt es genug<a href=\"#_ftn6\" name=\"_ftnref6\">[6]<\/a>) und zu interpretieren und darauf aufbauend sich richtig zu verhalten. Auch das Kapitel \u00fcber Krisen und Krisenintervention (S. 493 ff.) ist hilfereich bei ebendiesen (eigenen und fremden). Abgeschlossen wir das Buch durch mehrere Kapitel, die sich mit Behandlungs\u201ctechniken\u201c besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Spannend ist auch, dass das Buch eine \u201eGebrauchsanweisung\u201c enth\u00e4lt: Ab S. 19 wird beschrieben, wie man das Buch lesen soll, was die Philosophie hinter dem Buch und wie der Aufbau des Buches ist. Und sch\u00f6n auch, dass es eine Website gibt (<a href=\"http:\/\/www.irren-ist-menschlich.de\/\">http:\/\/www.irren-ist-menschlich.de\/<\/a>), auf der man sich vor dem Kauf \u00fcber das Buch ausf\u00fchrlich informieren kann. Ein guter Service des Verlages, der beispielhaft ist. Dort findet sich auch ein Streitgespr\u00e4ch zwischen Klaus D\u00f6rner und Peter Brieger. Mehr als 30 Jahre Altersunterschied trennen die beiden Psychiater, die sich wegen der Neubearbeitung des Lehrbuchklassikers \u00bbIrren ist menschlich\u00ab immer wieder getroffen, auseinandergesetzt, manchmal gestritten haben. Sie geraten in einen spannenden, lesenswerten Diskurs, der vieles \u00fcber die Entwicklung der Psychiatrie zeigt.<\/p>\n<p>Um Klaus D\u00f6rner, einen der Pioniere der kritischen Psychiatrie, und Ursula Plog (die leider 2002 verstarb) versammelt sich ein hochkar\u00e4tiges Herausgeber- und AutorInnenteam. Entstanden ist ein einmaliges Lehrbuch. Es liefert das ausbildungsrelevante Wissen \u00fcber psychische Krankheiten, therapeutische Ans\u00e4tze und Methoden, wissenschaftliche Grundlagen und den gesellschaftlichen Kontext \u2013 verst\u00e4ndlich, kritisch, differenziert. Der anthropologisch fundierte Diskurs zu Krankheitsmodellen, Diagnosen und Therapien erg\u00e4nzt das Wissen \u00fcber die verschiedenen St\u00f6rungsbilder. Ein Standardwerk der Sozialpsychiatrie, das wahrlich Begrenztheiten \u00fcberwindet und mitten in der Realit\u00e4t steht.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <a href=\"https:\/\/de.wiktionary.org\/wiki\/Irren_ist_menschlich\">https:\/\/de.wiktionary.org\/wiki\/Irren_ist_menschlich<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.aerzteblatt.de\/archiv\/134430\/Psychische-Erkrankungen-Hohes-Aufkommen-niedrige-Behandlungsrate\">https:\/\/www.aerzteblatt.de\/archiv\/134430\/Psychische-Erkrankungen-Hohes-Aufkommen-niedrige-Behandlungsrate<\/a> ; <a href=\"https:\/\/www.seelischegesundheit.net\/aktuelles\/2-kurzmeldungen\/341-psychische-erkrankungen-ursachen-praevalenz-und-auswirkungen-auf-die-arbeitsfaehigkeit\">https:\/\/www.seelischegesundheit.net\/aktuelles\/2-kurzmeldungen\/341-psychische-erkrankungen-ursachen-praevalenz-und-auswirkungen-auf-die-arbeitsfaehigkeit<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> S. dazu die Besprechung des Buches von Nedopil, Jeder Mensch hat seinen Abgrund. Spurensuche in der Seele von Verbrechern, durch Holger Plank unter <a href=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=583\">http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=583<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Vgl. das Interview mit mir in der taz vom 17.05.2017, <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/!5408530\/\">http:\/\/www.taz.de\/!5408530\/<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref5\" name=\"_ftn5\">[5]<\/a> Vgl. die Meldung des PNL aus dem Jahr 2015: \u201eNachdem in Triest bereits die geschlossene Unterbringung in psychiatrischen Krankenh\u00e4usern abgeschafft wurde, soll dies nun in ganz Italien geschehen. Eine Bestandsaufnahme (auch mit Bezug zur Anti-Psychiatrie-Bewegung um Basaglia aus den 1970er Jahren) findet sich unter <a href=\"http:\/\/arbeit.psychiatrische-landschaften.net\/?page_id=10\">http:\/\/arbeit.psychiatrische-landschaften.net\/?page_id=10<\/a>\u201c <a href=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/newsletter_german_search_show_article.php?N_ID=3989\">http:\/\/polizei-newsletter.de\/newsletter_german_search_show_article.php?N_ID=3989<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref6\" name=\"_ftn6\">[6]<\/a> Fall Neptunbrunnen und Berlin: <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/zeitgeschehen\/2013-11\/berlin-neptunbrunnen-polizei-schuss-toter\">http:\/\/www.zeit.de\/gesellschaft\/zeitgeschehen\/2013-11\/berlin-neptunbrunnen-polizei-schuss-toter<\/a> ; weitere (zu viele und auch aktuelle) Beispiele findet man, wenn man bei Google eingibt: \u201ePolizei erschie\u00dft psychisch Kranken\u201c.<\/p>\n<p>Rezensiert von: Thomas Feltes<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>D\u00f6rner, Klaus; Plog, Ursula; Bock, Thomas; Brieger, Peter; Heinz, Andreas; Wendt, Frank; Irren ist menschlich. 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