{"id":847,"date":"2017-11-22T18:54:57","date_gmt":"2017-11-22T17:54:57","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=847"},"modified":"2017-11-22T18:54:57","modified_gmt":"2017-11-22T17:54:57","slug":"requiem-fuer-den-amerikanischen-traum-noam-chomsky-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=847","title":{"rendered":"Requiem f\u00fcr den amerikanischen Traum. &#8211; Noam Chomsky &#8211; Rezensiert von: Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Ch<\/strong><strong>omsky, Noam; <\/strong><\/em><strong>Requiem f\u00fcr den amerikanischen Traum.<\/strong> Die 10 Prinzipien der Konzentration von Reichtum und Macht.; Kunstmann-Verlag M\u00fcnchen 2017, 192 S., SBN: 978-3-95614-201-7, 20.- Euro<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-848 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/requiem_amerikanischer_traum-102x150.png\" alt=\"\" width=\"102\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/requiem_amerikanischer_traum-102x150.png 102w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/requiem_amerikanischer_traum.png 200w\" sizes=\"(max-width: 102px) 100vw, 102px\" \/><\/p>\n<p>\u201eAmerikas Sokrates\u201c, \u201eakademischer Aktivist\u201c und \u201eletzter lebender Linksintellektueller\u201c: Das seien, so die Besprechung des Buches von Tamara Tischendorf in den \u201eBl\u00e4ttern\u201c (Heft 10, 2017), nur einige der unz\u00e4hligen Etiketten f\u00fcr Noam Chomsky. \u201eJa, er publiziert immer noch, der 1928 geborene Linguist von Weltruhm, der bis zu seiner Emeritierung als Professor f\u00fcr Linguistik und Philosophie am renommierten MIT, dem Massachusetts Institute of Technology in Cambridge, lehrte\u201c.<!--more--><\/p>\n<p>Und wie er publiziert! In der folgenden Besprechung sollen \u2013 mehr als \u00fcblich \u2013 einige Zitate aus dem Buch w\u00f6rtlich wiedergegeben werden, da m.E. der Leser so am besten einen Eindruck vom Inhalt, vor allem aber vom Duktus des Werkes bekommt. Zudem kann man so relativ schnell sich entscheiden, ob man den \u201eThesen\u201c von Chomsky folgen will \u2013 oder nicht. Dabei spielt die empirische Best\u00e4tigung seiner Thesen f\u00fcr ihn durchaus eine Rolle, auch wenn er darauf nicht die Zeit (und den Raum) aufwendet, die er vielleicht fr\u00fcher verwendet h\u00e4tte. Aber \u2013 um das Ergebnis vorweg zu nehmen \u2013 gerade deshalb ist es ein Buch, das man lesen muss. Weil man selten so komprimiert den (schlechten) Zustand unseres Planeten dargestellt bekommt, und weil man viele Ankn\u00fcpfungspunkte f\u00fcr kriminologische und sozialwissenschaftliche Erkenntnisse findet. Zwischendrin finden sich in dem Buch (sch\u00f6n farblich abgehoben) immer wieder Teile von Originaltexten anderer Autoren (auch historischer), auf die sich Chomsky bezieht. Auch dies hilft, die Aussagen ein- und zuzuordnen.<\/p>\n<p>Aber worum geht es? Chomskys Hang zur ganz gro\u00dfen Draufsicht, den er als Linguist gepflegt hat, spiegelt sich strukturell durchaus auch in seinem Abgesang auf den amerikanischen Traum wider. Er sieht, eine nahezu beispiellose soziale Ungleichheit (in den USA, aber auch dar\u00fcber hinaus), und es seien \u201evor allem die Superreichen, die f\u00fcr diese Ungleichheit sorgen\u201c \u2013 das \u201eoberste Zehntel Prozent\u201c der Bev\u00f6lkerung. Innerhalb der letzten drei und mehr Dekaden sei die amerikanische Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik so umgebaut worden, dass sie vornehmlich deren Interessen diene, w\u00e4hrend die Mittelschicht zunehmend unter Druck geraten sei (S. 11). Der systematische gesellschaftliche Umbau folge dabei den zehn Prinzipien, die Chomsky in seinem Buch nacheinander abhandelt: 1. \u201eDemokratie einschr\u00e4nken\u201c, 2. \u201eIdeologie bestimmen\u201c, 3. \u201eWirtschaftumgestalten\u201c, 4. \u201eAndere die Last tragen lassen\u201c, 5. \u201eSolidarit\u00e4t bek\u00e4mpfen\u201c, 6. \u201eRegulierungsbeh\u00f6rden deregulieren\u201c, 7. \u201eWahlen manipulieren\u201c, 8. \u201eDen P\u00f6bel im Zaum halten\u201c, 9. \u201eZustimmung konstruieren\u201c und 10. \u201eDie Bev\u00f6lkerung an den Rand dr\u00e4ngen.\u201c<\/p>\n<p>Die Macht der Reichen treibe die politischen Parteien zunehmend in die finanzielle Abh\u00e4ngigkeit der Gro\u00dfunternehmen. \u201eDeren so gewonnene politische Macht schl\u00e4gt sich alsbald in Gesetzen nieder, die die Konzentration von Reichtum unterst\u00fctzen\u201c (S. 12 f.). Um die Gesundheit einer Gesellschaft sei es umso schlechter bestellt, \u201eje mehr sie von Ungleichheit gepr\u00e4gt ist, egal, ob diese Gesellschaft arm oder reich ist\u201c (S. 20).<\/p>\n<p>Chomsky geht im ersten Teil intensiv auf die Verlagerung der M\u00e4rkte auf die Finanzinstitute und deren sich daraus entwickelnder Macht ein. Wenn 2007 40 % des wirtschaftlichen Gesamtgewinns durch Finanzinstitute erzielt wurden (S. 55), dann wird deutlich, dass es mit dem Prinzip der Marktwirtschaft schon aus diesem Grunde nicht mehr weit her ist. Damit einher geht die Stagnation (oder gar der R\u00fcckgang) der L\u00f6hne, eine Erh\u00f6hung der Arbeitszeit und eine immer weiter auseinanderklaffende Schere zwischen Arm und Reich: \u201eUm einen Haushalt durchzubringen, m\u00fcssen heute zwei Erwachsene arbeiten gehen\u2026\u201c (S. 57). \u201eDie beiden Entwicklungen \u2013 der Finanzmarktkapitalismus und die Verlagerung der Arbeitspl\u00e4tze ins Ausland \u2013 sind Teil eines Prozesses, der einen Teufelskreis der Konzentration von Reichtum und Macht erzeugt\u201c (S. 58). Der Staat rettet (zu Lasten der Steuerzahler, und damit der \u201eeinfachen\u201c Leute) nicht nur Banken, sondern auch die Automobilindustrie (S. 60) \u2013 eines der vielen Beispiele, die sich direkt auch auf Deutschland \u00fcbertragen lassen.<\/p>\n<p>\u201eKurz, was wirklich z\u00e4hlt ist der kleine Bruchteil der Weltbev\u00f6lkerung, der reicher und immer reicher wird \u2013 den Rest kann man getrost vergessen\u201c (S. 68).<\/p>\n<p>Chomsky benennt eine \u201ePlutonomie der Superreichen, alle anderen schlagen sich m\u00fchevoll durchs Leben\u201c (S. 71) um deutlich zu machen, dass es \u201eden Menschen\u201c auf dieser Welt zwar prinzipiell immer bessergeht (vor allem denen in Deutschland, Europa und den USA), dass dies aber nur dann gilt, wenn man darunter den statistischen Mittelwert versteht \u2013 der ja bekanntlich auch dann gleich bleibt, auch wenn sich die Extreme vergr\u00f6\u00dfern<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>. \u201eDas Steuersystem wurde so \u00fcberarbeitet, dass die Reichen entlastet und der Rest der Bev\u00f6lkerung entsprechend belastet wurde\u201c (aaO.).<\/p>\n<p>Einher geht dies alles mit politischen Verschiebungen: \u201e\u2026 inzwischen hat sich das politische Spektrum so weit nach rechts verschoben, dass das, was die Bev\u00f6lkerung will und was einst als politischer Mainstream galt, als radikal und extremistisch erscheint\u201c (S. 75). Und auch die strafrechtlich (eben nicht) relevanten Verhaltensweisen von Unternehmen (vor allem Banken) thematisiert Chomsky: \u201eDie Machtkonzentration hat inzwischen ein Ausma\u00df erreicht, dass die Banken l\u00e4ngst nicht mehr blo\u00df \u201etoo big to fail\u201c, \u2026 sondern \u2026 auch \u201etoo big to jail\u201c \u2013 zu gro\u00df, um die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen\u201c (S. 101). Wer \u201elediglich die kleinen Leute auspl\u00fcndert, der kommt ungeschoren davon\u201c (S. 102).<\/p>\n<p>Ja, \u201ewir leben in vielerlei Hinsicht immer noch in der freiesten Gesellschaft der Welt\u201c (S. 174), aber das ist kein Grund, die M\u00f6glichkeiten, die wir haben, eine gerechtere und eine Welt herzustellen, die unseren moralischen Anspr\u00fcchen entspricht, nicht zu nutzen. Chomsky\u00b4s eher d\u00fcstere Prognose basiert auf der Annahme, dass \u201eWerte\u201c wie Gier und der Wunsch, den pers\u00f6nlichen Vorteil auf Kosten anderer zu maximieren, zunehmen. Bestimmte Gruppen in der Gesellschaft legen es geradezu darauf an, den sozialen Zusammenhalt zu zerst\u00f6ren, \u00c4ngste und Wut (auf wen oder was auch immer) zu sch\u00fcren. So sei die Popularit\u00e4t bspw. von Trump wesentlich auf Hass und Angst gegr\u00fcndet. Diese \u201egeneralisierte Wut\u201c (S. 164) basiere auf der Tatsache, dass vom Wirtschaftswachstum andere, aber nicht sie selbst profitieren \u2013 und die W\u00fctenden bemerken dies. Daraus entwickelt sich dann auch die \u201egro\u00dfe Verachtung f\u00fcr die staatlichen Organe\u201c (aaO.). \u00c4hnliches k\u00f6nnen wir nicht nur im Osten Deutschlands, sondern auch in Polen, Ungarn und anderenorts beobachten.<\/p>\n<p>Das Buch von Chomsky ist als \u201eRequiem f\u00fcr den amerikanischen Traum\u201c geschrieben. Wenn die Lekt\u00fcre dazu hilft, sich unseren Traum von unserer Gesellschaft wieder (oder auch erstmals?) bewusst zu machen, dann, und nur dann, wirkt es positiv. Ansonsten ist es tats\u00e4chlich deprimierend \u2013 weniger die Lekt\u00fcre, als die sich daraus notwendigerweise ergebende Einsicht, dass wir als B\u00fcrger und als Wissenschaftler weniger \u00e4ndern k\u00f6nnen als wir vielleicht denken \u2013 sofern wir \u00fcberhaupt noch dar\u00fcber nachdenken.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> S. dazu den Text und die Videos auf der instruktiven website <a href=\"http:\/\/statistik-dresden.de\/archives\/1863\">http:\/\/statistik-dresden.de\/archives\/1863<\/a><\/p>\n<p>Rezensiert von: Thomas Feltes<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Chomsky, Noam; Requiem f\u00fcr den amerikanischen Traum. 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