{"id":860,"date":"2017-12-11T08:01:24","date_gmt":"2017-12-11T07:01:24","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=860"},"modified":"2017-12-11T08:10:42","modified_gmt":"2017-12-11T07:10:42","slug":"verortungen-in-der-jerusalemer-altstadt-johannes-becker-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=860","title":{"rendered":"Verortungen in der Jerusalemer Altstadt.  &#8211; Johannes Becker &#8211; Rezensiert von: Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Becker, <\/em>Johannes; Verortungen in der Jerusalemer Altstadt. Lebensgeschichten und Alltag in einem engen urbanen Raum;<\/strong> transcript-Verlag Bielefeld, 2017, 456 S., ISBN 978-3-8376-3938-4, 44,99 Euro<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-862 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/verortungen_jerusalem-99x150.png\" alt=\"\" width=\"99\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/verortungen_jerusalem-99x150.png 99w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/verortungen_jerusalem.png 200w\" sizes=\"(max-width: 99px) 100vw, 99px\" \/><\/p>\n<p>Die Jerusalemer Altstadt ist aufgrund ihrer politischen und religi\u00f6sen Bedeutsamkeit einer der bekanntesten Orte der Welt. Obwohl die Altstadt statistisch gut erfasst ist, sind die Perspektiven und Erfahrungen der pal\u00e4stinensischen Bewohner in diesem aufgeladenen und engen urbanen Raum weniger bekannt und in der sozialwissenschaftlichen Forschung vergleichsweise wenig diskutiert. <em>Johannes Becker<\/em> hat sich \u00fcber mehrere Jahre hinweg immer wieder in Jerusalem aufgehalten und die Ergebnisse seiner Feldforschung und seiner Biographieforschung werden in diesem \u00fcberaus lesenswerten Buch vorgestellt.<!--more--><\/p>\n<p>Das Buch ist nicht nur f\u00fcr alle, die schon einmal in der Jerusalemer Altstadt waren, ein Muss. Vielmehr verdeutlicht es, wie man sich dem Thema Raum und Menschen auch anders als durch statistische Zug\u00e4nge n\u00e4hern kann. Es ist somit auch ein Beispiel daf\u00fcr, wie man kriminalgeografische Studien neu anlegen k\u00f6nnte \u2013 und sollte. Denn die Ergebnisse, die <em>Becker<\/em> in seiner Studie pr\u00e4sentiert, lassen sich nur durch diese Form von qualitativer Sozialforschung gewinnen. Dabei sind diese Ergebnisse sehr wichtig zum Verst\u00e4ndnis eines Raumes und der dort lebenden Menschen, zum Verst\u00e4ndnis ihrer Sorgen und \u00c4ngste und zum Verst\u00e4ndnis ihres Verhaltens \u2013 alles das, womit sich die Kriminologie im Kontext von Raum und Kriminalit\u00e4t eben auch besch\u00e4ftigt, oder zumindest besch\u00e4ftigen sollte.<\/p>\n<p><em>Becker<\/em> beschreibt nicht, sondern er veranschaulicht wie Gesellschaft und Individuum ein Wechselverh\u00e4ltnis eingehen und sich gegenseitig bedingen. Selbst- und Fremddefinitionen spielen dabei eine wichtige, vielleicht sogar die entscheidende Rolle. Entsprechend stellt er nicht die ansonsten thematisierten religi\u00f6sen oder politischen Aspekte in den Vordergrund (auch dies etwas, von dem die Kriminologie lernen k\u00f6nnte), sondern die Untersuchung von Alltagspraktiken, Lebensgeschichten und der Art und Weise, wie die Menschen in der Jerusalemer Altstadt (miteinander) leben. Die so vermittelten Einsichten sind genau dies: Man <u>sieht ein<\/u>, warum sie sich so verhalten, wie sie es tun, und man versteht, warum Konflikte entstehen oder eben auch nicht entstehen.<\/p>\n<p>Insgesamt geht es um die Frage, wie sich Menschen in einem ideologisch aufgeladenen und geographisch engen Raum verorten. <em>Becker<\/em> beschreibt und analysiert das pal\u00e4stinensische Alltagsleben in der Jerusalemer Altstadt, stellt Lebensgeschichten ihrer Bewohnerinnen und Bewohner vor und zeigt wenig thematisierte geschichtliche Aspekte der pal\u00e4stinensischen Gemeinschaft Jerusalems auf. Aus der Perspektive der sozialkonstruktivistischen Biographieforschung sowie der Raum- und Stadtsoziologie sch\u00e4rft er den Begriff der Verortung und diskutiert, wie St\u00e4dte anhand der Relevanzen ihrer Bewohnerinnen und Bewohner erforscht werden k\u00f6nnen. So geraten wenig beleuchtete Aspekte der pal\u00e4stinensischen Sozialgeschichte in den Blick, die f\u00fcr die Bewohner relevant sind. <em>Becker<\/em> zeigt in seiner Studie die gro\u00dfe Relevanz von Nachbarschaften, H\u00e4usern und des Symbols Jerusalem f\u00fcr diese \u201eVerortungen\u201c. Damit verkn\u00fcpft er Raum- und Biographieforschung. Forschungen dieser Art machen die Prozesshaftigkeit und Wandelbarkeit von Nachbarschaften deutlich \u2013 ein Aspekt, der in der kriminologischen Forschung zu Raum und Kriminalit\u00e4t leider zu kurz kommt.<\/p>\n<p>Neben der (teilnehmenden) Beobachtung des Lebens in Jerusalem hat <em>Becker<\/em> 35 biographisch-narrative Interviews durchgef\u00fchrt. Schon dadurch wird deutlich, dass man eine solche Studie nicht in weniger Wochen durchf\u00fchren kann. Dieser lange Atem, den Ethnologen oder bestimmte Sozialwissenschaftler haben und haben d\u00fcrfen, fehlt den Kriminologen oftmals \u2013 nicht deshalb, weil sie das nicht wollen w\u00fcrden, sondern deshalb, weil ihnen das dazu n\u00f6tige Geld, vielleicht aber auch das n\u00f6tige methodische Wissen fehlt. Wenn das so ist, warum arbeiten wir dann als Kriminologen nicht \u00f6fters mit Ethnologen oder auch Geschichtswissenschaftlern zusammen? Vielleicht weil wir zu sehr mit uns selbst und unserem eigenen \u00dcberleben besch\u00e4ftigt sind (das gilt nat\u00fcrlich umso mehr f\u00fcr Polizeiwissenschaftler)?<\/p>\n<p>Konkret untersucht <em>Becker<\/em> drei Forschungsr\u00e4ume: eine \u201ekleine Nachbarschaft\u201c, Pal\u00e4stinenser, die im \u201ej\u00fcdischen Viertel\u201c leben und M\u00f6nche in der Altstadt. Diese Forschungen in sozial stark kontrollierten Nachbarschaften, die Kombination von Interviews und teilnehmenden Beobachtungen und das Agieren in einem politisch aufgeladenen und f\u00fcr Forscher anspruchsvollen lokalen Umfeld sind gleicherma\u00dfen spannend wie inhaltlich anregend. Zeit, Raum und Ort sind soziale Konstrukte, und wenn man dies wahr- und ernst nimmt, dann w\u00e4re es beispielsweise an der Zeit, sich auf diese Art und Weise der Lebenswelt von Migranten zu n\u00e4hern. Wer traut sich?<\/p>\n<p>Rezensiert von: Thomas Feltes<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Becker, Johannes; Verortungen in der Jerusalemer Altstadt. Lebensgeschichten und Alltag in einem engen urbanen Raum; transcript-Verlag Bielefeld, 2017, 456 S., ISBN 978-3-8376-3938-4, 44,99 Euro Die Jerusalemer Altstadt ist aufgrund ihrer politischen und religi\u00f6sen Bedeutsamkeit einer der bekanntesten Orte der Welt. 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