{"id":865,"date":"2017-12-11T08:07:36","date_gmt":"2017-12-11T07:07:36","guid":{"rendered":"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=865"},"modified":"2017-12-11T08:10:25","modified_gmt":"2017-12-11T07:10:25","slug":"wir-wollten-ins-verderben-rennen-die-geschichte-des-sozialistischen-patientenkollektivs-heidelberg-christian-pross-rezensiert-von-thomas-feltes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=865","title":{"rendered":"\u00bbWir wollten ins Verderben rennen\u00ab  Die Geschichte des Sozialistischen Patientenkollektivs Heidelberg &#8211; Christian Pross &#8211; Rezensiert von: Thomas Feltes"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Pross,\u00a0Christian unter Mitarbeit von Schweitzer,\u00a0Sonja und Wagner, Julia;<\/em> \u00bbWir wollten ins Verderben rennen\u00ab Die Geschichte des Sozialistischen Patientenkollektivs Heidelberg;<\/strong> Psychiatrie-Verlag K\u00f6ln 2016, 501 S., ISBN 978-3-88414-672-9, 39,95 Euro<\/p>\n<p><strong><em><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-867 alignright\" src=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/ins_verderben_rennen-106x150.png\" alt=\"\" width=\"106\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/ins_verderben_rennen-106x150.png 106w, https:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/ins_verderben_rennen.png 200w\" sizes=\"(max-width: 106px) 100vw, 106px\" \/><\/em><\/strong><\/p>\n<p>Sozialismus ist out. Das \u201eSozialistische Patientenkollektiv\u201c (SPK) ist Geschichte. Warum dar\u00fcber noch reden oder schreiben? Klaus D\u00f6rner (s. die Besprechung seines Lehrbuches hier: <a href=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=840\">http:\/\/polizei-newsletter.de\/wordpress\/?p=840<\/a>) schreibt dazu auf der Verlagswebsite<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> folgendes: <em>\u201eZumeist regt sich das \u00f6ffentliche Interesse am SPK als angebliche terroristische Kaderschmiede nur anl\u00e4sslich der Jahrestage von Anschl\u00e4gen der RAF. Anders als die sensationslustigen Gr\u00e4uelgeschichten von den \u00bbIrren am Gewehr\u00ab m\u00f6chte dieses Buch dazu beitragen, sich ernsthaft mit dem SPK auseinanderzusetzen als einem komplexen, dramatischen und erinnerungsw\u00fcrdigen St\u00fcck Zeit- und Psychiatriegeschichte und Geschichte der 68er-Bewegung.\u201c<\/em><!--more--><\/p>\n<p>Und weiter<em>: \u201eNachdem fr\u00fcher schon so viel \u00fcber das SPK geschrieben worden ist, dass man meinen k\u00f6nnte, die Akten seien geschlossen, kommt nun Christian Pross mit diesem Werk, das ein Lehrst\u00fcck daf\u00fcr sein k\u00f6nnte, dass wir der historischen Wahrheit am n\u00e4chsten kommen, wenn wir auf einen hinreichend gro\u00dfen zeitlichen Abstand zum Gegenstand &#8211; also hier der Psychiatriereform &#8211; achten. Zum anderen, wenn wir von einer hinreichend extremen, verr\u00fcckten Perspektive aus schreiben, da es hier ja um die Vollst\u00e4ndigkeit der Wahrnehmung geht. Die SPK-Nacherz\u00e4hlung von Christian Pross ist auch deshalb so glaubw\u00fcrdig, weil sie nicht nur vom negativen wie positiven Potential der wohl schwierigsten Phase der Psychiatriereform ausgeht, sondern auch einen Ausblick auf die k\u00fcnftigen Reformphasen erlaubt.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Und genau das ist es, was das Buch spannend und wichtig macht: Es erlaubt eine bessere Einsch\u00e4tzung dessen, was wir unter \u201ePsychiatrie\u201c und \u201epsychischer Krankheit\u201c verstehen, verstehen wollen und zuk\u00fcnftig verstehen m\u00fcssen. Die Idee, die bis in die 1960er Jahre (und damit bis zur Entstehung des SPK) unser Verst\u00e4ndnis von Psychiatrie gepr\u00e4gt hat war die des Kategorisierens und des Wegsperrens. Erst allm\u00e4hlich haben wir erkannt, dass nicht nur viel zu oft weggesperrt und der Schl\u00fcssel weggeworfen wird (und oftmals ohne wirklichen Grund), sondern dass es unn\u00f6tig ist und es M\u00f6glichkeiten gibt, es zu vermeiden.<\/p>\n<p>Im Mai 2015 hatten wir im Polizei-Newsletter eine Meldung gebracht, die \u00fcberschrieben war mit: \u201eAbschaffung der geschlossenen Psychiatrie in Italien\u201c und darauf verwies, dass, nachdem in Triest die geschlossene Unterbringung in psychiatrischen Krankenh\u00e4usern abgeschafft wurde, dies in ganz Italien geschehen soll<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a>. Bewegt sich also etwas? Wenn das so sein sollte, dann ist es umso wichtiger, sich mit Erfolgen und Misserfolgen der Psychiatriereform auch und besonders in Deutschland zu besch\u00e4ftigen. Wenn nicht (wof\u00fcr auch einiges spricht), dann ist es umso wichtiger, sich immer wieder mit dem Thema zu besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Zudem l\u00e4sst sich das Buch gut und anregend lesen. Schon die Einleitung zum Buch liest sich eher wie ein Krimi, als wie ein trockener Forschungsbericht. Wer die 68er nicht selbst miterlebt hat, sollte sie lesen, und wer sie gelesen hat, liest mit Sicherheit auch weiter im Buch. F\u00fcr denjenigen, der die RAF-Zeit bewusst miterlebt hat, ist das Buch eine Art D\u00e9j\u00e0-vu-Erlebnis der besonderen Art, denn es beschreibt (auch) die Beziehungsgeflechte zwischen den RAF-Mitgliedern, deren Umfeld und dem SPK (Kap. 11, S. 347 ff.) und macht deutlich, wie zuf\u00e4llig es damals war, ob und wie man in den \u201eDunstkreis\u201c des Terrorismus geriet. Vor allem aber macht das Buch den Zeitgeist deutlich (vor allem im Kap. 6, S. 135 ff., aber auch durchg\u00e4ngig), der damals herrschte und der vieles, was von heute aus betrachtet sich als unvorstellbar oder gar absurd darstellt, pl\u00f6tzlich verst\u00e4ndlich werden l\u00e4sst. Als Beispiel sei hier nur das Kapitel mit der Beschreibung der Prozesse (Kap. 12, S.402 ff.) genannt. Das Chaos in der Verhandlung, die Rhetorik der BILD-Zeitung (Dr. Huber, der Initiator des SPK, wird als \u201eChef der Terroristen-Bande\u201c bezeichnet, S- 411) auf der einen und die Stellungnahme von Jean-Paul Sartre auf der anderen Seite machen die gesamte Zerrissenheit des Projektes SPK, aber auch der damaligen Gesellschaft deutlich.<\/p>\n<p>\u201e<em>Die Heidelberger Klinik<\/em> (aus der heraus das SPK entstand, Details dazu finden sich auf S. 426 ff., die Entstehungsgeschichte an sich in Kap. 3 bis 5, S. 40 ff.) <em>glich einem Pulverfass von Ideen. Ein liberaler Chef sorgte daf\u00fcr, dass jeder, der es wollte, seine Ideen ausdr\u00fccken und mitteilen konnte<\/em>\u201c (S.44). Wo ist das heute noch der Fall? Und: \u201e<em>Die Zeit, in der psychopathologische Ph\u00e4nomene blo\u00df beobachtet und katalogisiert wurden, schien f\u00fcr immer vorbei zu sein<\/em>\u201c (aaO.). In gerade einmal 10 Jahren (zwischen 1970 und 1980, als das letzte Urteil im Zusammenhang mit dem SPK erging), \u00fcberschlugen sich die Ereignisse, und die akribische, aber nie \u00fcberzogene Zusammenstellung nicht nur der historischen Abl\u00e4ufe, sondern die Einordnung der Entwicklung in das Zeitgeschehen und die Analyse der Wahrnehmungen Betroffener und Au\u00dfenstehender zeichnen dieses Buch aus.<\/p>\n<p>Die oft kritisierte therapeutische Praxis sowie die Krankheitstheorie werden im Kap. 7 und 8 (S. 187 ff.) ausf\u00fchrlich dargestellt; angereichert mit Bildern und Aussagen ehemaliger Patienten. Der \u201eSprache des SPK\u201c widmet das Buch ein eigenes, von Julia Wagner verfasstes Kapitel 9 (S. 286 ff.).<\/p>\n<p>Methodisch bildet die Befragung von Zeitzeugen nach der Methode der Oral History eine wichtige S\u00e4ule der Untersuchung (S. 27). Dies macht das Buch nicht nur authentisch, sondern eben auch spannend zu lesen. Dabei vers\u00e4umen es die Autoren nicht auf die Probleme dieser Forschungsmethode hinzuweisen. Aber das durchg\u00e4ngig hohe methodische Niveau der Arbeit schl\u00e4gt sich auch in der Ver\u00f6ffentlichung nieder.<\/p>\n<p>Und zum Schluss: Auf YouTube findet sich ein Interview mit dem Autor des Buches<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>. Und einen Blick ins Buch kann man im Internet<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> auch machen, ein sch\u00f6ner Service des Verlages. Dort kann man sogar das komplette Vorwort lesen.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.psychiatrie-verlag.de\/buecher\/detail\/book-detail\/wir-wollten-ins-verderben-rennen.html\">https:\/\/www.psychiatrie-verlag.de\/buecher\/detail\/book-detail\/wir-wollten-ins-verderben-rennen.html<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> <a href=\"http:\/\/polizei-newsletter.de\/newsletter_german_search_show_article.php?N_ID=3989\">http:\/\/polizei-newsletter.de\/newsletter_german_search_show_article.php?N_ID=3989<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?time_continue=15&amp;v=m9_qby8kqVE\">https:\/\/www.youtube.com\/watch?time_continue=15&amp;v=m9_qby8kqVE<\/a><\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> <a href=\"https:\/\/www.blickinsbuch.de\/item\/aa91e271fad86c51353ce10201d4ece4?PHPSESSID=af097390a59a202f18fc00e7905459d7\">https:\/\/www.blickinsbuch.de\/item\/aa91e271fad86c51353ce10201d4ece4?PHPSESSID=af097390a59a202f18fc00e7905459d7<\/a><\/p>\n<p>Rezensiert von: Thomas Feltes<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pross,\u00a0Christian unter Mitarbeit von Schweitzer,\u00a0Sonja und Wagner, Julia; \u00bbWir wollten ins Verderben rennen\u00ab Die Geschichte des Sozialistischen Patientenkollektivs Heidelberg; Psychiatrie-Verlag K\u00f6ln 2016, 501 S., ISBN 978-3-88414-672-9, 39,95 Euro Sozialismus ist out. 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