Polizei : Newsletter Nr. 115, Januar 2009
 1)   Vorsichtiger Optimismus: Kaum geschlechtsbedingte Unterschiede innerhalb der Polizei
 2)   Polizei-Newsletter mit RSS-Feed
 3)   Kriminalitätsfurcht und ihre Ursachen
 4)   Schwedische Kriminalstatistik von 1750 bis 2005
 5)   Zeitungsartikel als Informationsquelle für Prozesse gegen die Polizei
 6)   Verlauf krimineller Karrieren im Bereich der organisierten Kriminalität
 7)   Anschauliches Zahlenmaterial in „Justiz auf einen Blick“
 8)   Tausche Auto gegen Crack: Auswirkungen suchtmotivierter Tauschgeschäfte
 9)   Möglichkeiten psychosozialer Intervention bei häuslicher Gewalt
10)  Neue Untersuchung zum Thema Partnerschaft und kriminelle Karrieren
11)  Aktuelle Dossiers der Bundeszentrale für politische Bildung
12)  Neue Ratgeber für praxisorientierte Polizeiarbeit verfügbar
13)  Nutzen von Wohnorteinschränkungen für Sexualstraftäter fraglich
14)  Rückfallhäufigkeit von Sexualstraftätern
15)  Buchbesprechungen
 
1) Vorsichtiger Optimismus: Kaum geschlechtsbedingte Unterschiede innerhalb der Polizei
Die Ergebnisse einer norwegischen Studie zu Geschlechterunterschieden innerhalb der Polizei stimmen optimistisch. Männliche und weibliche Polizeibeamte weisen demnach dasselbe Maß an Zufriedenheit mit ihrer Tätigkeit auf, ähneln sich in ihrer Arbeitseinstellung und gleichen sich grundsätzlich auch in der psychischen Gesundheit. Psychosomatische Beschwerden hingegen wurden häufiger bei Polizistinnen festgestellt. Ihre männlichen Kollegen berichteten über eine höhere Eigenverantwortung, was wahrscheinlich auf höhere berufliche Positionen zurückzuführen ist. Einer Verallgemeinerung sind die Ergebnisse jedoch nur eingeschränkt zugänglich. Zuvor ist noch zu untersuchen, ob kulturelle Besonderheiten in Norwegen für die geringen Unterschiede zwischen den Geschlechtern verantwortlich sind. Quelle: Burke, R. J., Richardsen, A. M., Martinussen, M. (2006), Gender Differences in Policing: Reasons for Optimism?, in: Policing: An International Journal of Police Strategies and Management, 29 (3), 513-523.
 
 
2) Polizei-Newsletter mit RSS-Feed
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3) Kriminalitätsfurcht und ihre Ursachen
Eine portugiesische Studie beschäftigt sich mit der Frage, welche Faktoren das Ausmaß an Kriminalitätsfurcht beeinflussen. Die weit verbreitete Annahme, dass eine erlebte Viktimisierung zu einer stärkeren Kriminalitätsfurcht führt, konnte dabei nicht gestützt werden. Stattdessen wurden als Ursachen eines Unsicherheitsgefühls vorhandene Sicherheits- und Überwachungseinrichtungen, die Anzahl mutmaßlicher Straftäter und die Attraktivität der Befragten als Opfer ausgemacht. Ebenso konnte dem Medienkonsum, insbesondere dem Fernsehkonsum, ein geringer Einfluss zugeschrieben werden. Die Ergebnisse weisen auf ein allgemeines Gefühl des Unwohlseins unter Stadtbewohnern hin, das nicht nur durch Kriminalitätsfurcht, sondern auch durch soziale Probleme wie Armut und Drogenmissbrauch erzeugt wird. Quelle: Antunes, M.J. (2006), Routine Activities and Television Viewing: An Exploration of the Influence of Fear of Crime in Lisbon, Portugal, in: Interna¬tional Journal of Comparative and Applied Criminal Justice, 30 (1), 1-23.
 
 
4) Schwedische Kriminalstatistik von 1750 bis 2005
Der schwedische Wissenschaftler Hans von Hofer hat die Kriminal- und Verurteiltenstatistiken der Jahre 1750 bis 2005 miteinander verglichen und auf diese Weise die Entwicklung der „natürlichen“ Verbrechensarten – Tötungs-, Gewalt- und Eigentumsdelikte – nachgezeichnet. Trotz der auf Grund unterschiedlicher gesetzlicher und gesellschaftlicher Definitionen eingeschränkten Vergleichbarkeit der Daten finden sich einige interessante Ergebnisse. So ist zum Beispiel festzustellen, dass die Höhe der Verurteiltenzahlen eng mit sozialen Ereignissen wie Kriegen, Wirtschaftskrisen oder der Alkoholprohibition zusammenhängt. Quelle: von Hofer, Hans (2008), Crime and Punishment in Sweden. Historical Criminal Justice Statistics 1750-2005, Stockholm 2008, im Volltext (englischsprachig) verfügbar unter: http://www.criminology.su.se/content/1/c6/04/56/86/Summary.pdf
 
 
5) Zeitungsartikel als Informationsquelle für Prozesse gegen die Polizei
Den Nutzen von Zeitungsartikeln für Forschungsvorhaben über Zivilprozesse gegen die Polizei untersucht eine US-Studie. Die Ergebnisse zeigen, dass Zeitungsarchive Informa¬tionen liefern, die aus anderen Quellen nicht zu gewinnen sind. Zu diesen Details gehören die Person, die das Verfahren angestrengt hat, Angaben über die Ursache des Rechtsstreit sowie Auskünfte zu Haftungsfragen. Daneben besitzen Zeitungsartikel den Vorteil des einfachen und kostengünstigen Zugriffs sowie der guten Verfügbarkeit ins¬besondere für Längsschnittstudien. Quelle: Archbold, C.A. (2006), Newspaper Accounts of Lawsuits Involving the Police: An Alternative Data Source, in: Journal of Crime & Justice, 29 (2), 1-23.
 
 
6) Verlauf krimineller Karrieren im Bereich der organisierten Kriminalität
Eine niederländische Studie beschäftigt sich mit der Wirkung sozialer Netzwerke auf den Einstieg in die organisierte Kriminalität. Dazu wird der Verlauf krimineller Karrieren sowohl von “Anfängern” als auch von Anführern oder strategisch wichtigen Personen analysiert. Die Forscher untersuchten auch, wann und auf welche Weise ein Straftäter erstmals bei den Behörden aktenkundig wird. Die Ergebnisse bieten Erklärungen dafür, warum sich die Karriere einzelner Krimineller zu organisierten Formen der Kriminalität fortentwickelt, während andere erst später im Leben und zum Teil aus anerkannten Berufen den Weg in die organisierte Kriminalität einschlagen. Quelle: Kleemans, E.R., de Poot, C. J. (2008), Criminal Careers in Organized Crime and Social Opportunity Structure, in: European Journal of Criminology, 5 (1), 69-98. http://euc.sagepub.com/cgi/content/abstract/5/1/69
 
 
7) Anschauliches Zahlenmaterial in „Justiz auf einen Blick“
Das statistische Bundesamt hält einen anschaulichen Bericht über Zahlen und Entwicklungen der Rechtspflegestatistiken zum kostenlosen Abruf bereit. Das Dokument bietet zunächst einen Überblick über die Ergebnisse der amtlichen Kriminalstatistik und präsentiert im weiteren Verlauf aktuelle Werte z.B. zur Verurteiltenziffer oder zur Bewährungsquote. Die Broschüre bietet keine neue Erkenntnisse zur Interpretation des Zahlenmaterials, überzeugt aber durch ihre übersichtliche Aufbereitung und eignet sich daher insbesondere für einen schnellen Überblick über aktuelle Zahlen. Quelle: Statistisches Bundesamt (Hrsg.), Justiz auf einen Blick, Wiesbaden 2008, online verfügbar unter: http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Publikationen/Broschueren/JustizBlick,property=file.pdf
 
 
8) Tausche Auto gegen Crack: Auswirkungen suchtmotivierter Tauschgeschäfte
Eine neue Studie fügt dem Bild des eindimensional denkenden Crack-Abhängigen, der durch entwürdigendes und verzweifeltes Verhalten seine Sucht finanziert, neue Facetten hinzu. Konkret untersucht wurde das Phänomen des “Rock Rental”, bei dem Crack-Abhängige den befristeten Gebrauch ihres Fahrzeugs gegen Crack-Kügelchen (“Rock”) eintauschen. Die Forscher fanden durch Interviews mit Abhängigen heraus, dass diese zeitweise sehr wohl zu rationalem Denken fähig sind. Dabei lässt der Abschluss der Tauschgeschäfte ein Verständnis von gesellschaftlichen Abläufen und Zusammenhängen erkennen. Die Ergebnisse zeigen nicht nur den Erfindungsreichtum von Rauschgiftsüchtigen, sondern sind auch für die Fragestellungen zukünfiger Forschungsvorhaben von Bedeutung. Quelle: Copes, H., Forsyth, C.J., Brunson, R.K. (2007), Rock Rentals: The Social Organization and Interpersonal Dynamics of Crack-for-Cars Transactions in Louisiana, USA, in: British Journal of Criminology, 47 (6), 885-899. http://bjc.oxfordjournals.org/cgi/content/abstract/azm040v1
 
 
9) Möglichkeiten psychosozialer Intervention bei häuslicher Gewalt
Häusliche Gewalt ist in den meisten Fällen Gewalt von Männern gegenüber (ihren) Frauen. Mittlerweile betreffen 25 Prozent der zum Tatausgleich zugewiesenen Fälle im Erwachsenenbereich Fälle, wo es um häusliche Gewalt geht. Das sind bei circa 6.000 Zuweisungen im Jahr 1.800 Fälle österreichweit. Andrea Pawlowski, Leiterin von NEUSTART Salzburg, analysiert anhand der österreichischen Praxis die psychosozialen Interventionsmöglichkeiten bei häuslicher Gewalt im Tatausgleich. Vollständige PDF-Version unter: http://bjc.oxfordjournals.org/cgi/content/abstract/azm040v1 (Danke an HJK)
 
 
10) Neue Untersuchung zum Thema Partnerschaft und kriminelle Karrieren
Eine aktuelle Untersuchung des Zusammenhangs von Partnerschaft und Kriminalitätsneigung bringt interessante Ergebnisse zu Tage. Nicht nur die aus anderen Studien bekannte These, dass sich die Ehe positiv auf den Verlauf krimineller Karrieren auswirkt, konnte gestützt werden. Bemerkenswert ist das Ergebnis für männliche Probanden, die im Jugendalter die geringste Wahrscheinlichkeit aufwiesen, eine Ehe einzugehen. Das eheliche Zusammenleben wirkt sich nämlich gerade bei ihnen am günstigsten auf den Verlauf der kriminellen Karriere aus. Anders stellt sich das Bild bei weiblichen Probanden dar. Kriminelles Verhalten nahm bei ihnen nur dann ab, wenn bereits im Jugendalter ein gewisser Hang zum ehelichen Zusammenleben bestand. Quelle: King, R.D., Massoglia, M., MacMillan, R. (2007), The context of marriage and crime; Gender, the propensity to marry, and offending in early adulthood, in: Criminology, 45 (1), 33-65. http://dx.doi.org/10.1111/j.1745-9125.2007.00071.x
 
 
11) Aktuelle Dossiers der Bundeszentrale für politische Bildung
Die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) bietet ausführliche und praxisrelevante Informationen zum Thema „Rechtsextremismus“. Dabei geht es unter anderem um die Frage, wie man mit Neonazis auf Veranstaltungen umgeht oder auf Gewalt, Drohbriefe und hasserfüllte Mails reagiert: http://www.bpb.de/themen/R2IRZM. Dem Thema „Alkohol“ ist ein weiteres Dossier der bpb gewidmet. Schwerpunkte sind der Drogencharakter des Alkohols sowie die Abgrenzung zwischen sozial akzeptiertem und suchtgesteuertem Konsumverhalten: http://www.bpb.de/publikationen/96G51F
 
 
12) Neue Ratgeber für praxisorientierte Polizeiarbeit verfügbar
Die Abteilung “COPS” des US-Justizministeriums veröffentlicht regelmäßig praxisorientierte Ratgeber für die Polizeiarbeit. Dabei steht nicht die Ermittlungstätigkeit, sondern eine gezielte Präventionsarbeit im Vordergrund. Zwei aktuelle Veröffentlichungen in dieser Reihe beschäftigen sich mit Fahrraddiebstählen und mit der Frage, wie dem Problem illegal abgestellter Fahrzeuge zu begegnen ist. Nach einem allgemeinen Problemaufriss werden zunächst die Ursachen der Problematiken dargestellt, um dann konkrete Lösungsvorschläge zu präsentieren. Das Dokument über Fahrraddiebstähle ist unter http://www.cops.usdoj.gov/files/RIC/Publications/e060810143.pdf verfügbar. Erläuterung zum Umgang mit illegal abgestellten PKWs sind unter http://www.cops.usdoj.gov/RIC/ResourceDetail.aspx?RID=469 abrufbar. Insgesamt sind in der COPS-Reihe bislang 458 Dokumentationen erschienen, die unter http://www.cops.usdoj.gov/RIC/ResourceSearch.aspx eingesehen werden können.
 
 
13) Nutzen von Wohnorteinschränkungen für Sexualstraftäter fraglich
Zahlreiche Staaten und Kommunen in den USA wollen erneuter Straffälligkeit vorbeugen, indem sie entlassenen Sexualstraftätern verbieten, ihren Wohnsitz in der Nähe von Schulen oder Kindertagesstätten zu begründen. Im Rahmen einer Studie zur Wirksamkeit dieser Gesetze wurde bei allen zwischen 1990 und 2002 im Staate Minnesota entlassenen Sexualstraftätern, die vor 2006 einschlägig rückfällig wurden, die erneute Verurteilung genauer untersucht. Bei keinem einzigen der 224 Fälle gab es Anhaltspunkte dafür, dass Einschränkungen bei der Wahl des Wohnsitzes einen Rückfall verhindert hätten. Die Wirksamkeit entsprechender Gesetze wird durch die Ergebnisse somit in Frage gestellt. Quelle: Duwe, G., Donnay, W., Tewksbury, R. (2008), Does Residential Proximity Matter? A Geographic Analysis of Sex Offender Recidivism, in: Criminal Justice and Behavior, 35 (4), 484-504. http://cjb.sagepub.com/cgi/content/abstract/35/4/484
 
 
14) Rückfallhäufigkeit von Sexualstraftätern
Aktuelle Forschungsergebnisse aus Deutschland sind geeignet, das öffentliche und mediale Bild vom stark rückfallgefährdeten Sexualstraftäter zu widerlegen und damit Bestrebungen nach freiheitsbeschränkenden Gesetzen die Grundlage zu entziehen. Durchschnittlich 15,8 Jahre nach Haftentlassung wurden 244 Sexualstraftäter auf ihre Rückfälligkeit hin überprüft. Zwar wurden 60 % erneut wegen irgendeiner Straftat verurteilt. Nur 15,2 % begingen jedoch erneut ein Sexualdelikt. Die derzeitige restriktive Lockerungspraxis sollte vor dem Hintergrund der großen Gruppe gering rückfallgefährdeter Häftlinge überprüft werden. Gleichzeitig sollte eine intensivere Betreuung nach der Haft angestrebt werden. 78 % der einschlägigen Rückfälle erfolgten nämlich innerhalb der ersten fünf Jahre nach der Haftentlassung. Quelle: Rehder, Ulrich, Suhling, Stefan (2008), Rückfälligkeit haftentlassener Sexualstraftäter, in: MschrKrim 2008, 250-268.
 
 
15) Buchbesprechungen
Unter dem Titel: "Vorwärts, Genossen, wir müssen zurück: Wie sich die Duisburg-Essener Pädagogik zurückentwickelt und sich nach den guten, alten Zeiten sehnt, wo man noch in Lagern denken und Gutes „gut“ und Böses „böse“ nennen durfte" hat Thomas Feltes eine Polemik als Reaktion auf eine vorgebliche Buchbesprechung von Dietmar David Hartwich und Norbert Meder verfasst. Der Beitrag ist auf der Website des PNL unter "Buchbesprechungen" verfügbar. (TF) Dort sind auch weitere neue Rezensionen zu finden: Rauchert, Kathrin: Polizeiliche Anhörung von (Opfer-) Zeugen mit geistiger Behinderung; Sassen, Karin: Durchführung und Protokollierung von Zeugenvernehmungen aus Sicht der Wahrnehmungspsychologie, beides rezensiert von Max Hermanutz; Brand, Thomas: Verurteilte Sexualstraftäter: Evaluation ambulanter psychotherapeutischer Behandlung. Eine empirische Untersuchung von Angeboten freier Träger zur Prävention von Sexualdelikten in Nordrhein-Westfalen, rezensiert von Michael Stiels-Glenn; Lesmeister, Daniela: Polizeiliche Prävention im Bereich jugendlicher Mehrfachkriminalität. Dargestellt am tatsächlichen Beispiel des Projekts „Gefährderansprache“ des Polizeipräsidiums Gelsenkirchen, rezensiert von Antonia Girschkowski.