Polizei : Newsletter Nr. 120, Juni 2009
 1)   Schweigegelübde und Hinweisgeber innerhalb der Polizei
 2)   Berufliche Akzeptanz und Selbstwahrnehmung weiblicher Polizeibeamter
 3)   Forschungsübersicht zum Thema „Amokläufe“
 4)   Gesellschaftliche Entwicklungen und organisierte Kriminalität
 5)   Jugendstrafvollzug aus Sicht der Inhaftierten
 6)   Wann ist ein Urteil in der öffentlichen Wahrnehmung gerecht?
 7)   Polizei-Reform von unten: Der Einfluss von Polizeigewerkschaften
 8)   Studie über den Zusammenhang von lokalen Faktoren und dem Ausmaß an Tötungsdelikten
 9)   Evaluation des schottischen Projekts „Bürger in Uniform“
10)  Analyse von Deliktsähnlichkeiten anhand der Freiburger Kohortenstudie
11)  Wirkung äußerer und innerer Faktoren auf die Rückfallwahrscheinlichkeit
12)   Strafverfolgung wirkt – höhere Strafen nicht
13)  Der Einfluss medialer Gewalt auf kriminelles Verhalten
14)  Informationsseiten für Senioren
15)  Buchbesprechung
 
1) Schweigegelübde und Hinweisgeber innerhalb der Polizei
Die verbreitete Ansicht, dass innerhalb der Polizei eine Art Schweigegelübde hin-sichtlich des Fehlverhaltens von Kollegen gelte, konnte in einer aktuellen Untersu-chung nicht bestätigt werden. Ausgangspunkt war dabei die Frage, welche Faktoren Einfluss darauf haben, ob sich jemand als Hinweisgeber betätigt. Positiven Einfluss haben demnach Richtlinien, die Berichte über Fehlverhalten vorschreiben. Auch der Vorgesetzenstatus (sowohl in der Person des Hinweisgebers als auch in der des “Verpfiffenen”) sorgt dafür, dass Hinweise gegeben werden. Quelle: Rothwell, G.R., Baldwin, J.N. (2007), Whistle-blowing and the code of silence in police agencies: policy and structural predictors, in: Crime & Delinquence, 53 (4), 605-632. http://cad.sagepub.com/cgi/content/abstract/53/4/605
 
 
2) Berufliche Akzeptanz und Selbstwahrnehmung weiblicher Polizeibeamter
Mittels qualitativer Interviews sind US-Forscher der Frage nachgegangen, inwiefern Polizistinnen in Ihrem Berufsalltag auf mangelnde Akzeptanz stoßen. Die Befragten (N=24) sind zu Beginn ihrer Tätigkeit auf sexuelle Belästigungen, Diskriminierungen und Respektlosigkeiten durch männliche Kolleginnen gestoßen. Die Studie zeigt, wie Polizistinnen mit derartigen Widerständen umgehen und schließlich Akzeptanz und Integration im Berufsalltag erfahren. Ein weiterer Aufsatz widmet sich unter dem Titel “POLICEwomen or PoliceWOMEN“ dem Thema „Geschlechterfragen und weibliche Polizeibeamte“. Im Vordergrund steht die Frage, ob und wie Frauen genderbezogene Polizeiarbeit leisten. Quellen: Rabe-Hemp, Cara (2008), Survival in an "All Boys Club": Policewomen and Their Fight for Acceptance, in: Policing: An International Journal of Police Strategies & Management 2008, 31 (2), 251-270 http://www.ncjrs.gov/App/Publications/abstract.aspx?ID=245458; Rabe-Hemp, Cara E., POLICEwomen or PoliceWOMEN. Doing Gender and Police Work, in: Feminist Criminology 4 (2) 2009, 114-129. http://fcx.sagepub.com/cgi/content/abstract/4/2/114
 
 
3) Forschungsübersicht zum Thema „Amokläufe“
Das Deutsche Forum für Kriminalprävention hat eine Übersicht über Forschungsar-beiten zum Thema Amoklauf erstellt: http://www.kriminalpraevention.de/index.php?option=com_content&task=view&id=157&Itemid=91 Der Politologe Bernhard Blanke hat einen Beitrag zum „Amoklauf“ in Winnenden in der Zeitschrift „Gesellschaft, Wirtschaft, Politik“ verfasst. Der Aufsatz kann als Vorab-Druck unter andreas.ruch@rub.de angefordert werden.
 
 
4) Gesellschaftliche Entwicklungen und organisierte Kriminalität
Ein englischsprachiges Dossier der niederländischen Polizeiakademie beschreibt die Auswirkungen gesellschaftlicher Entwicklungen auf die organisierte Kriminalität. Konkret wird untersucht, wie sich die Gesellschaft in sozialer, wirtschaftlicher, politischer, technologischer, ökologischer und demographischer Hinsicht voraussichtlich entwickeln wird und welche Auswirkungen dies auf den Bereich der OK hat. Das Dokument kann über die Website der Police Futurists (http://www.policefuturists.org), einem Zusammenschluss internationaler Polizeipraktiker und -forscher, bezogen werden: http://www.policefuturists.org/pdf/SocietalTrendsandCrime-relevantFactors.pdf.
 
 
5) Jugendstrafvollzug aus Sicht der Inhaftierten
Eine australische Studie untersucht den Alltag im Jugendstrafvollzug und die Ansichten der dort Inhaftierten. Die Ergebnisse zeugen von einer Subkultur, die durch gegenseitige Tyrannei, Drogenmissbrauch und Oppositionshaltung gegenüber Sozialarbeitern geprägt ist. Durch den Freiheitsentzug entstehe unter den Jugendlichen ein Gefühl des Verlustes, das durchaus eine Voraussetzung für einen positiven Wandel der Jugendlichen bilden könne. Dass die notwendigen Fähigkeiten, diesen Wandel zu vollziehen und durchzuhalten, nicht vermittelt werden, ist nach Ansicht der Forscher für die hohe Rückfallrate jugendlicher Straftäter mitverantwortlich. Quelle: Ashkar, P.J., Kenny, D.T. (2008), Views from the inside: Young offenders’ subjective experiences of incarceration, in: International Journal of Offender Therapy and Comparative Criminology, 52 (5), 584-597. http://ijo.sagepub.com/cgi/content/abstract/52/5/584
 
 
6) Wann ist ein Urteil in der öffentlichen Wahrnehmung gerecht?
Australische Forscher haben die öffentliche Meinung über Urteilssprüche in Strafprozessen untersucht. Sie fanden heraus, dass die Bevölkerung meist nur sehr ungenaue Vorstellungen von dem strafrechtlichen Sanktionensystem hat. Dies kann erklären, warum Urteile gemeinhin als zu milde gelten. Gibt man den befragten Bürgern nämlich mehr Informationen über den Täter sowie die Tatumstände, wird die konkret verhängte Strafe als angemessen beurteilt. Quelle: Sentencing Advisory Council (Hrsg.) (2008), Myths and Misconceptions: Public Opinion versus Public Judgment about Sentencing, online verfügbar unter: http://www.sentencingcouncil.vic.gov.au/wps/wcm/connect/Sentencing+Council/Home/SENTENCING+-+Myths+and+Misconceptions+Public+Opinion+versus+Public+Judgment+about+Sentencing
 
 
7) Polizei-Reform von unten: Der Einfluss von Polizeigewerkschaften
Eine Sonderausgabe der internationalen Zeitschrift über „Police Practice & Resarch“ widmet sich dem Thema „Police Reform From the Bottom-Up: Police Unions and Their Influence“. Eine Übersicht über die im Heft enthaltenen Aufsätze (leider ohne abstracts) sowie über die zusätzliche Buchbesprechung findet sich unter: http://www.informaworld.com/smpp/title~content=g793006673~db=all
 
 
8) Studie über den Zusammenhang von lokalen Faktoren und dem Ausmaß an Tötungsdelikten
Niederländische Forscher sind der Frage nachgegangen, wie sich lokale Faktoren auf das Risiko auswirken, Opfer eines Tötungsdelikts zu werden. Konkret wurde der Zusammenhang zwischen sozioökonomischen Faktoren, sozialem Zusammenhalt und Vertrauen in die Polizeiarbeit auf der einen Seite sowie Daten über Tötungsdelikte auf der anderen Seite untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass fehlender sozialer Zusammenhalt in der Nachbarschaft sowie sozioökonomische Benachteiligung das Viktimisierungsrisiko erhöhen. Die Höhe des Vertrauens in die Polizei beeinflusst das Risiko, einem Tötungsdelikt zum Opfer zu fallen, hingegen nicht. Der Forschungsbericht wird abgerundet durch Vorschläge für zukünftige praktische und theoretische Arbeiten. Quelle: Nieuwbeerta, P., McCalll, P.L., Elffers, H. u.a. (2008), Neighborhood Characteristics and Individual Homicide Risks: Effects of Social Cohesion, Confidence in the Police, and Socioeconomic Disadvantage, in: Homicide Studies, 12 (1), 90-116. http://hsx.sagepub.com/cgi/content/abstract/12/1/90
 
 
9) Evaluation des schottischen Projekts „Bürger in Uniform“
Ob “Bürger in Uniformen” tatsächlich dazu beitragen, als Ordnungshüter das Sicherheitsgefühl der Bevölkerung zu stärken, wird in einem schottischen Evaluationsprogramm untersucht. Der Bericht enthält darüber hinaus verschiedene “Good Practice”-Beispiele. http://www.scotland.gov.uk/Resource/Doc/171569/0047961.pdf
 
 
10) Analyse von Deliktsähnlichkeiten anhand der Freiburger Kohortenstudie
Ziel des Projektes ist es, Ähnlichkeiten und Muster von Delikten anhand der Daten der Freiburger Kohortenstudie zu bestimmen. Dafür wird untersucht, welche Kombi-nationen von Delikten innerhalb von kriminellen Karrieren besonders häufig (bzw. selten) auftreten. Zum Einen wird Spezialisierung innerhalb einzelner Deliktskategorien untersucht, zum Anderen wird der Zusammenhang verschiedener Deliktskategorien mit dem Ziel erforscht, typische Deliktsmuster zu bestimmen, in-nerhalb derer es auch zu Spezialisierungen kommt. Dabei konnte festgestellt wer-den, dass innerhalb aller Deliktskategorien Tendenzen zur Spezialisierung vorhan-den sind, insbesondere bei Betrug, BtM-Delikten und Sexualdelikten. Quelle: Tetal, Carina (2008), Analyse von Deliktsähnlichkeiten auf der Basis von Individualdaten der Freiburger Kohortenstudie, 276 Seiten, Berlin 2008.
 
 
11) Wirkung äußerer und innerer Faktoren auf die Rückfallwahrscheinlichkeit
Wann und zu welchem Zeitpunkt eine kriminelle Karriere durchbrochen wird, ist von verschiedenen äußeren und inneren Faktoren abhängig. Wissenschaftler haben die kriminelle Entwicklung von 130 männlichen Strafgefangenen in den 1990er Jahren sowie zehn Jahre später betrachtet. Dabei konnte herausgefunden werden, dass sich sowohl individuelle Faktoren vor der Haftzeit als auch soziale Bedingungen nach der Haftentlassung auf die Rückfallwahrscheinlichkeit auswirken. Quelle: LeBel, Thomas P., Burnett, Ros, Shadd, Maruna u.a. (2008), The „Chicken and Egg“ of Subjective and Social Factors in Desistance from Crime, in: European Journal of Criminology 2008, 5 (2), 131-159. http://euc.sagepub.com/cgi/content/abstract/5/2/131
 
 
12) Strafverfolgung wirkt – höhere Strafen nicht
Eine aktuelle Studie untersucht den Zusammenhang zwischen Strafverfolgung und Kriminalitätsentwicklung Demnach wirkt Strafverfolgung mit anschließender Verurteilung kriminalitätsreduzierend. Unbegründet ist jedoch die Forderung nach härteren Strafen. Kein Zusammenhang konnte nämlich zwischen Art der Verurteilung oder Länge der Freiheitsstrafe festgestellt werden. Mehr Informationen unter: http://www.diw.de/deutsch/presse/pressemitteilungen/aktuell/27278.html?pcode=96110&language=deutsch und http://ftp.iza.org/dp3710.pdf
 
 
13) Der Einfluss medialer Gewalt auf kriminelles Verhalten
Zahlreiche Studien untersuchen den Zusammenhang zwischen dem Konsum von Gewalt in den Medien und eigenem gewalttätigem Verhalten. Die vorliegende Me-taanalyse beschäftigt sich mit den Ergebnissen der methodisch meist sehr verschie-denen Untersuchungen. Die betrachteten Studien ergeben keinen positiven Zusammenhang zwischen medialer Gewalt und eigenem gewalttätigem Verhalten. Quelle: Savage, J., Yancey, C. (2008), The Effects of Media Violence Exposure on Criminal Aggression, in: Criminal Justice and Behavior, 35 (6), 772-791, http://cjb.sagepub.com/cgi/content/abstract/35/6/772
 
 
14) Informationsseiten für Senioren
In Zusammenarbeit mit dem Fortbildungsinstitut der Bayerischen Polizei konnte das Informationsangebot für ältere Mitmenschen mit der Neugestaltung der "Informati-onsseiten für Senioren" im Internetauftritt der Bayerischen Polizei erweitert werden. Sie gliedern sich thematisch in die fünf Bereiche „Sichern Sie Ihr Hab und Gut“, „Verkehr“, „Gewalt“, „Internet & Telefon“ und „Kampagnen – Tipps & Infos“ und sind zu finden unter http://www.polizei.bayern.de/schuetzenvorbeugen/senioren/index.html
 
 
15) Buchbesprechung
Frank Dieter Stolt hat das Buch Todesermittlung. Befundaufnahme &Spurensicherung: Ein praktischer Leitfaden für Polizei, Juristen und Ärzte. Mit einem Beitrag von Alexander König von Martin Grassberger und Harald Schmid re-zensiert. Die Buchbesprechung kann unter http://polizei-newsletter.de/books_german.php abgerufen werden.