Polizei : Newsletter Nr. 127, Februar 2010
 1)   Gewalt durch und gegen Polizeibeamte
 2)   Die präventive Wirkung von Eheschließungen
 3)   Polizeiliche Zusammenarbeit zwischen der EU und der Türkei
 4)   Auswirkungen der Urteile des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte
 5)   Kann Gewalt in den Medien gewalttätiges Verhalten verhindern?
 6)   Jugendliche als Täter sexueller Gewalt
 7)   SIGNAL-Interventionsprojekt gegen Gewalt an Frauen
 8)   Warum soziale Unterschiede krank machen
 9)   Zahlenmaterial zur Todesstrafe in den USA
10)  10. Gewaltprävention in Schulen: Evaluation des Projekts „Ohne Gewalt stark“
11)  Handys hinter Gittern
12)  Vergleichende Darstellung verschiedener policing-Ansätze
13)  Berichte über Presserechtsverfahren
14)  Opferbefragungen im europäischen Vergleich
15)  Jahrestagung der International Society for Criminology 2011
16)  Buchbesprechungen
 
1) Gewalt durch und gegen Polizeibeamte
Als einen dialogischen Prozess und eine Eskalationsspirale versteht Amnesty Inter-national sowohl Gewalt „durch“ als auch „gegen“ Polizeibeamte. Im Gegensatz zu Untersuchungen von Gewalthandlungen gegenüber der Polizei existieren ausführliche empirische Untersuchungen des umgekehrten Phänomens bislang nicht. Auf Widerspruch stieß zuletzt der Fragebogen einer geplanten Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) zur Gewalt im polizeilichen Kontext. Dort wurde etwa nach persönlichen Gewalterfahrungen der Polizeibeamten im Kindesalter gefragt, ein Umstand, der nach psychologischen Erkenntnissen einen Prädiktor für eigenes gewalttätiges Verhalten im Erwachsenenalter darstellen kann. Politik und Gewerkschaft stellten sich gegen eine derartige „Persönlichkeitsausforschung“ (NRW-Innenminister Wolf), die „schwere Ansehensschädigungen der Polizei“ (DPolG) hervorrufen könne. Das KFN lenkte ein, die Befragung wird nun nicht darauf eingehen, wie hoch der polizeiliche Anteil an gewalttätigen Auseinandersetzungen ausfällt, obwohl Körperverletzungsdelikte durch Polizeibeamte immer wieder für Aufmerksamkeit in den Medien sorgen. Der Spiegel etwa berichtet über exzessive Gewaltanwendung gegen einen Betrunkenen, die zu einer Querschnitslähmung führte, die taz schreibt über die rechtswidrige Gewaltanwendung gegenüber einem Jugendlichen während einer Streifenfahrt. Quellen: Sektionsgruppe Polizei bei Amnesty International (Dank an MH); Gewalt gegen Polizei nimmt zu, FAZ vom 24.11.2009; http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,627366,00.html und http://www.taz.de/nc/regional/nord/nord-aktuell/artikel/1/junge-polizistin-packt-aus
 
 
2) Die präventive Wirkung von Eheschließungen
Anhand von Daten aus der Cambridger Längsschnittuntersuchung (Geburtskohorte 1953) wurde die These von einer protektiven Wirkung der Ehe auf Männer überprüft. Dazu wurde die Anzahl der Taten, die ein verheirateter Mann vor und nach der Eheschließung begangen hat, mit der entsprechenden Anzahl Taten eines ledigen Mannes verglichen. Um den Einfluss anderer Faktoren auszuschließen, wurden zuvor die im Alter von 8 bis 10 Jahren vorhandenen Risikofaktoren miteinander abgeglichen. Im Ergebnis konnte festgestellt werden, dass Männer, die im frühen oder mittleren Alter (18-21 oder 22-24 Jahre) geheiratet haben, nach der Eheschließung seltener verurteilt wurden. Eine Heirat im Alter von 25 Jahren oder später wirkte sich hingegen nicht aus. Der gleiche Befund konnte festgestellt werden, wenn die im Alter von 18 Jahren vorhandenen Risikofaktoren als Kontrollvariablen berücksichtigt wurden. Quelle: Theobald, Delphine/ Farrington, David (2009), Effects of getting married on offending: Results from a prospective longitudinal survey of males, in: European Journal of Criminology 6 (6), 496-516, http://euc.sagepub.com/cgi/content/abstract/6/6/496.
 
 
3) Polizeiliche Zusammenarbeit zwischen der EU und der Türkei
Am Beispiel Terrorismusbekämpfung stellt eine an der Universität Duisburg-Essen veröffentlichte Dissertation die polizeiliche Zusammenarbeit zwischen der EU und der Türkei dar. Der Autor geht zunächst ausführlich auf die Politik der Inneren Sicherheit in der EU und in der Türkei ein. Dabei wird deutlich, wie sich institutionelle Probleme und verschiedene Querschnittsthemen (z.B. die Kurdenfrage oder Korruption) auf die Innere Sicherheit der Türkei auswirken. Im Anschluss daran werden Hinweise gegeben, wie die Zusammenarbeit der EU und der Türkei vor dem Hintergrund der Europäisierung der Terrorismusbekämpfung verbessert werden kann. Quelle: Pehlivan, Emrah (2009), Verbesserung der polizeilichen Zusammenarbeit zwischen EU und Türkei durch Europäisierung der inneren Sicherheit: Eine Untersuchung am Beispiel der Terrorismusbekämpfung, Diss. Duisburg 2009. Volltext unter: http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DocumentServlet?id=20443
 
 
4) Auswirkungen der Urteile des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte
Das durch die EU geförderte Menschenrechtsprojekt JURISTRAS beschäftigt sich mit dem Einfluss der Urteile des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) auf Politik und Gesetzgebung. Ein aktueller Bericht wertet die Urteile des EGMR gegen Deutschland aus und gibt Antworten auf die Frage, welche Auswirkungen die Entscheidungen haben. Der Bericht steht als Volltext online zur Verfügung: http://www.juristras.eliamep.gr/wp-content/uploads/2008/09/germany.pdf
 
 
5) Kann Gewalt in den Medien gewalttätiges Verhalten verhindern?
Erfolgreiche Filme mit gewalttätigen Inhalten können offenbar zu einem unmittelbaren Gewaltrückgang unter den Zuschauern führen. Für eine Studie wurden “Block-buster”-Filme von 1995 bis 2004 ausgewertet. An Tagen mit einem hohen Besucherandrang konnte dabei ein signifikanter Rückgang an Gewaltkriminalität beobachtet werden. Dafür sorgte zunächst der abendliche Kinobesuch selbst. Eine Millionen zusätzliche Besucher führten zwischen 18 und 24 Uhr zu 1,1 bis 1,3 % weniger Gewaltdelikten. Interessanter ist der Effekt nach Filmende: Zwischen 24 Uhr und 6 Uhr des Folgetages wurde nämlich ein noch größerer Gewaltrückgang gemessen. Der Effekt tritt jedoch nur kurzfristig auf. Drei Wochen nach einem Besucheransturm konnte kein Zusammenhang mehr festgestellt werden. Quelle: Dahl, G., Vigna, S.D. (2008), Does Movie Violence Increase Crime? NBER Working Paper No. 13718, Cambridge, MA: National Bureau of Economic Research, 57 S. http://elsa.berkeley.edu/~sdellavi/wp/moviescrime07-12-20.pdf
 
 
6) Jugendliche als Täter sexueller Gewalt
Ein Dokument des U.S. Departement of Justice präsentiert Informationen über Jugendliche als Täter sexueller Gewalt. Demnach sind Jugendliche für ein Viertel (25,8 %) aller Sexualstraftaten und für 35,6 % der Sexualstraftaten gegenüber Jugendlichen verantwortlich. Ihren bedrohlichen Charakter verlieren die rein quantitativen Daten bei genauerem Hinsehen: Als Sexualstraftaten wird auch das Vorzeigen pornographischer Abbildungen, das „Begrapschen“ von Mitschülern oder das Berühren von Kindern über der Kleidung gewertet, so dass bei einigen Verhaltensweisen der Sexualitätsbezug fraglich ist oder bloße Neugier anzunehmen ist. Klinische Studien zeigen zudem, dass die Taten überwiegend episodenhaft sind und mithin kein Unterschied zur allgemeinen Jugendkriminalität besteht. Die hohen Werte sind im Übrigen kein singuläres US-Phänomen. Auch in Deutschland ist die Tatverdächtigenbelastungszahl (TVBZ) für sexuellen Missbrauch von Kindern bei Jugendlichen mit 70 Tatverdächtigen pro 100.000 Einwohner am höchsten (TVBZ Vollerwachsene: 20, jeweils 2002). Kinder und Jugendliche stellen hierzulande insgesamt 12,6 % aller Sexualstraftäter und verüben 25,2 % der Missbrauchsdelikte gegenüber Kindern. Zu vermuten ist dabei, dass das Dunkelfeld in Deutschland größer ist als in den USA, da von einem sehr zurückhaltenden Anzeigeverhalten auszugehen ist, falls es beispielsweise zwischen einer 14-jährigen und ihrem 13-jährigen Freund zu sexuellen Handlungen (§ 176 I StGB) kommt. Quelle: Juveniles Who Commit Sex Offenses Against Minors, hrsg. vom U.S. Departement of Justice 2009, http://www.ojjdp.ncjrs.gov/publications/PubAbstract.asp?pubi=249770; Zahlen Deutschland: PKS 2008 und Heiliger, Anita u.a. (2005), Gewalthandlungen und Gewaltbetroffenheit von Frauen und Männern, S. 601.
 
 
7) SIGNAL-Interventionsprojekt gegen Gewalt an Frauen
Ziel des SIGNAL-Projekts ist es, die gesundheitliche Versorgung von Frauen mit Gewalterfahrungen durch Ärzte und Pflegepersonal zu verbessern. Die im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend durchgeführte Begleituntersuchung hat gezeigt, dass das Projekt durch klar umschriebene Handlungsmöglichkeiten vom ärztlichen und pflegerischen Personal als umsetzbar und integrierbar beschrieben wurde. Das Programm stellt auch den bestehenden Versorgungsbedarf von Frauen heraus. Durch eine Befragung unter Patientinnen wurde herausgefunden, dass diese sich – anders als das Personal vermutete – eine stärkere Betonung der Gewaltthematik innerhalb der Gesundheitsversorgung wünschen. Weitere Informationen über das Projekt sind auf einer entsprechenden Website erhältlich: http://www.signal-intervention.de/ Die Ergebnisse der Begleitforschung finden sich unter: http://www.bmfsfj.de/bmfsfj/generator/BMFSFJ/Service/Publikationen/publikationen,did=18204.html
 
 
8) Warum soziale Unterschiede krank machen
Die Website http://www.equalitytrust.org.uk/why zeigt auf, warum soziale Ungleichheit krank macht, und zwar sowohl die wohlhabenden als auch die armen Teile der Bevölkerung. Nicht nur der ärmere Teil der Bevölkerung, sondern auch wohlhabende Bürger sind demnach von sozialen Unterschieden in Form von Gewalt oder gesundheitlichen Problemen betroffen.
 
 
9) Zahlenmaterial zur Todesstrafe in den USA
Das U.S. Departement of Justice stellt auf seiner Website tabellarische Informationen zur Todesstrafenpolitik bereit. Deutlich wird unter anderem, dass die Population der zum Tode verurteilten Insassen stetig zunimmt. So wurden zwischen 2001 und 2008 jährlich über 100 Personen zum Tode verurteilt, während im selben Zeitraum in lediglich 37 (2008) bis 71 (2002) Fällen das Urteil tatsächlich vollstreckt wurde. Insgesamt gab es Ende 2008 3.207 Todesstrafeninsassen. Das vollständige Dokument steht als Volltext zur Verfügung: http://bjs.ojp.usdoj.gov/index.cfm?ty=pbdetail&iid=1757
 
 
10) 10. Gewaltprävention in Schulen: Evaluation des Projekts „Ohne Gewalt stark“
Rund 4.000 Bochumer Schülerinnen und Schüler wurden im Jahr 2003 zu ihrer Erfahrung mit Kriminalität und Gewalt in der Schule, auf dem Schulweg und in der Freizeit befragt. Gleichzeitig wurde die Wirksamkeit eines Gewaltpräventionsprogramms der Bochumer Polizei überprüft. Die Ergebnisse zeigen, dass die Schulzugehörigkeit, das Geschlecht sowie der Migrationshintergrund eine wichtige Rolle bei der Viktimisierung und bei dem Täterwerden spielen. Deutlich wird auch, dass Gewalt in der Schule nur im Verbund von Schule, Polizei, Eltern und Sozialarbeit reduziert werden kann. Vor allem die präventive Arbeit der Polizei wirkt sich dabei positiv aus. Quelle: Feltes, Thomas/ Goldberg, Brigitta (2009), Gewalt und Gewaltprävention in Schulen, 90 S., 15.- Euro, Felix-Verlag, Holzkirchen, www.felix-verlag.de . Bestellungen auch per email direkt an kontakt@felix-verlag.de. Mit dem Hinweis „Polizei-Newsletter“ erfolgt portofreie Lieferung auf Rechnung.
 
 
11) Handys hinter Gittern
Im ersten Halbjahr 2008 wurden in Kaliforniens Gefängnissen insgesamt 1.331 Mobiltelefone sichergestellt, wobei von einer wesentlich größeren Zahl nicht entdeckter Telefone auszugehen ist. In einem Dokument des U.S. Department of Justice werden Strategien vorgestellt, wie gegen Handys im Vollzug vorgegangen werden kann. Der Betrieb von Störsendern ist im US-Bundesstaat gesetzlich nicht ohne weiteres zugelassen, so dass auf Möglichkeiten zum Aufspüren von Mobiltelefonen zurück gegriffen werden muss. Diese sind ihrerseits nicht unproblematisch in der Anwendung, da sie entweder nur gerade verwendete Telefone auffinden oder nur auf sehr geringe Distanz funktionieren und zudem durch speziell geschultes Personal verwendet werden müssen. Hinzu kommen hohe Kosten im fünfstelligen Bereich. Die Kostenfrage stellt sich auch bei einem weiteren Ansatz, nämlich dem Einsatz von Spürhunden, der in einigen JVAs geprobt wird. Weitere Informationen im pdf-Dokument: http://www.ncjrs.gov/pdffiles1/nij/227539.pdf
 
 
12) Vergleichende Darstellung verschiedener policing-Ansätze
Das Buch “Police Innovation: Contrasting Perspectives” stellt die wichtigsten policing-Formen der letzten drei Jahrzehnte dar. Dabei wird der Einfluss folgender Ansätze diskutiert und kritisch betrachtet: das gemeindebasierte “community policing”, der Broken-Windows-Ansatz, problemorientierte Polizeiarbeit (“problem-oriented policing” sowie der ähnliche Ansatz des “pulling levers policing”), das an der räumlichen Verteilung von Kriminalität ansetzende “hot spots policing”, das New Yorker Compstat-Projekt sowie der theoretisch-wissenschaftliche Ansatz des evidence-based policing. Quelle: Weisburd, D./ Braga, A.A. (2006), Police Innovation: Contrasting Perspectives, Cambridge (UK) 2006, Cambridge University Press, 367 S.
 
 
13) Berichte über Presserechtsverfahren
Auf der Website http://www.buskeismus.de finden sich Berichte über Presserechtsverfahren vor dem Landgericht Hamburg, welches für seine klägerfreundlichen Urteile im Presserecht bekannt ist und deshalb oft gewählter Gerichtsstand bei entsprechenden Verfahren ist. Der Autor bezeichnet sich als „Pseudoöffentlichkeit“, da er oft der einzige ist, der über Verfahren berichtet – sehr zum Missfallen der Prozessbeteiligten, die dies durch einstweilige Verfügungen zu unterbinden versuchen. Die Website zeichnet sich durch die umfassende und detaillierte Berichterstattung aus. Dieser positive Eindruck wird durch die zum Teil sehr subjektiv gefärbte Darstellung des Betreibers leider etwas getrübt.
 
 
14) Opferbefragungen im europäischen Vergleich
Opferbefragungen sind ein häufiges Mittel zur Messung und Beschreibung von Kriminalität. Die dabei verwendeten unterschiedlichen methodischen Ansätze wurden untersucht und in Buchform veröffentlicht: Victimisation and Insecurity in Europe, hrsg. von Renée Zaubermann, 170 S., Brüssel, VUB-Press 2008.
 
 
15) Jahrestagung der International Society for Criminology 2011
Die 16. Jahrestagung der International Society for Criminology findet vom 05. bis 11. August 2011 in Kobe (Japan) statt. Die Tagung trägt das Motto "Global Socio-Economic Crisis and Crime Control Policies: Regional and National Comparison" statt. Weitere Informationen unter: http://wcon2011.com/.
 
 
16) Buchbesprechungen
Auf der Website des Polizei-Newsletter sind folgende neue Buchbesprechungen zu finden: del Barrio Romero, F.: Police Science Perspectives: Towards a European Approach, Frankfurt a.M. 2009, rezensiert von Thomas Feltes; Triffterer, Otto: Commentary on the Rome Statute of the International Criminal Court, München 2008, rezensiert von Uwe Ewald. Unter dem Titel „Vertrauen in die Polizei – Zufriedenheit mit der Polizei“ hat Thomas Feltes eine Sammelbesprechung mehrerer Aufsätze der Zeitschrift „Policing“ verfasst, die ebenfalls unter http://polizei-newsletter.de/books_german.php zu erreichen ist.